Die Risiken netzbasierter Atomwaffensysteme

Darstellung des in Entwicklung befindlichen B-21-Bombers für Atomwaffen. Bild: USAF

Die US-Luftwaffe geht davon aus, dass die neuen Atomwaffen auch eine gewisse "Konnektivität" haben werden

Ebenso wie Russland will auch das Pentagon die Atomwaffen "modernisieren", um das Gleichgewicht des Schreckens aufrechtzuerhalten, auch wenn über China, die USA, Russland, Frankreich und Großbritannien weitere Staaten - Israel, Pakistan, Indien und Nordkorea - in den Besitz von Atomwaffen gekommen sind und die politische Lage weit instabiler ist als während des Kalten Kriegs. Gleichwohl haben Russland und die USA die größten Atomwaffenarsenale und sind schon längst wieder im Rüstungswettlauf verstrickt. Von den USA ist bekannt, dass bei den Atomwaffen teils wirklich alte Technik eingesetzt wird (Koordinierung von US-Atomwaffen mit 8-Zoll-Floppy Discs).

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Die USA müssen nach einer Schätzung des Congressional Budget Office (CBO) aus dem Jahr 2015 für die Jahre 2015-2025 35 Milliarden US-Dollar jährlich für die Wartung und Modernisierung der nuklearen Triade ausgeben, das wären 348 Milliarden US-Dollar. Jetzt fließen jährlich 20 Milliarden US-Dollar in die Atomstreitkräfte, es geht also fast um eine Verdopplung. Das Center for Strategic and Budgetary Assessments kommt auf 700 Milliarden für die nächsten 25 Jahre, andere schätzen die erforderlichen Ausgaben auf eine Billion US-Dollar für die nächsten 30 Jahre. Es ist nicht zu vermuten, dass Trump hier bremsen wird, der angekündigt hat, den Pentagon-Haushalt zu erhöhen und das Atomwaffenarsenal auszubauen (Putin und Trump kündigen Ausbau des Atomwaffenarsenals an ).

In den nächsten 20 Jahren sollen 12 neue U-Boote für Atomraketen, 642 neue Interkontinentalraketen und 80-100 neue B-21-Bomber angeschafft werden. Nach dem noch in Kraft befindlichen START-Abkommen dürfen Russland und die USA jeweils 700 eingesetzte Systeme zum Abschuss von Atomwaffen und 1.550 Atomwaffen besitzen. Wie Werner J.A. Dahm, der Vorsitzende des Air Force Scientific Advisory Board, erklärte, würden sich die neuen Atomwaffen und Atomwaffensysteme deutlich von den herkömmlichen unterscheiden, da sie wie alle anderen Waffensysteme auch "eine gewisse Konnektivität" haben werden, wie Defense News Dahm zitiert.

Konnektivität bedeutet, dass auch die Atomwaffen in das Konzept der netzbasierten Kriegsführung integriert werden, was aber auch bedeutet, dass neue Gefahren entstehen, sie könnten dann etwa möglicherweise auch gehackt und manipuliert werden. Der Board mit 50 Personen, die vom Pentagon ernannt werden, wird dieses Jahr eine Studie mit dem Titel "Nuclear Surety and Certification for Emerging System" erstellen, in der die Sicherheit und möglichen Probleme erörtert werden, die durch die Vernetzung, durch "Cyberkapazität", entstehen können. Bei der US-Luftwaffe geht es um die neuen B-21-Bomber sowie um die Interkontinentalraketen und die LRSO-Raketen (LRSO).

Dahm erklärt, man müsse sicherstellen können, dass ein Gegner nicht die Waffe übernehmen kann und diese genau das macht, was sie soll, wenn man einen Befehl gibt. Es sei schon Jahrzehnte her, dass in den USA neue Atomwaffen entwickelt und produziert wurden. Man habe daher auch schon lange keine neuen Atomwaffensysteme zertifiziert - und die neuen Systeme seien andersartig. Der Bericht soll die Sicherheitsprobleme identifizieren und Vorschläge machen, wie sie zertifiziert werden können.

Das klingt alles noch sehr vage, nach allerersten Schritten in ein neues Terrain. Schon die theoretische Möglichkeit, dass Atomwaffen durch Hackerangriffe gestört oder manipuliert werden können, löst sicherlich bei vielen Menschen Sorge aus. Dazu kommt, dass auch bei Atomwaffensystemen die Autonomie zunehmen wird, was heißt, dass Menschen aus Zeitgründen womöglich nicht mehr in Entscheidungsprozesse eingebunden sind.

2016 erstellte der Board eine Studie über die Reaktion auf "unsichere oder adaptive Bedrohungen in der Elektronischen Kriegsführung". Danach seien mit neuen Software-definierten Architekturen und digitaler Signalprozessierung mit zunehmender Signaldichte und Veränderungen der Wellenlängen in Echtzeit die herkömmlichen Methoden des Sammelns von Daten, der Bewertung der Situation sowie der Entwicklung und des Testens von Gegenmaßnahmen nicht mehr ausreichend zum Schutz. Wird ein Signal erkannt, dann sei dies vielleicht schon Teil einer ablaufenden "kill-chain". Man müsse mit in Echtzeit stattfindenden Maschinenlernen und Entscheidungsalgorithmen Schutz oder Angriff in der Elektronischen Kriegsführung leisten, was "kognitive Elektronische Kriegsführung" genannt wird.

Veröffentlicht wurde nur das Abstract der Studie. Klar aber wird hier, dass die Geschwindigkeit von Gefahrenanalysen und Entscheidungsprozessen auf die Autonomie der Steuerungssysteme von Waffen, möglicherweise auch von Atomwaffen, zuläuft. Die "kognitive Elektronische Kriegsführung" wurde von Dahm unlängst als der "Heilige Gral" bezeichnet, adaptive Lösungen sind nicht mehr ausreichend. Sie könnten ein unbekanntes Gebiet mit unbekannten gegnerischen Waffen betreten, diese erkunden und schnell Gegenmaßnahmen entwickeln. So könnten sie das gegnerische System stimulieren, beobachten, was zurückkommt, automatisch lernen und ein paar neue Waveforms ausprobieren, um schnell eine wirksame Technik zu entwickeln. Die gegnerischen Waffensysteme könnten dann womöglich eben auch Atomwaffen sein. (Florian Rötzer)

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