Die Rückkehr der Raketenwürmer

Vermeintlich von Ratten vernichtete Spezies hat fast 90 Jahre auf einem nackten Felsen überlebt

Lord Howe Island ist ein subtropische Insel mitten im Ozean, die höchstens Funkamateuren durch gelegentliche Expeditionen bekannt ist, während denen dann die Chance besteht, mit diesem abgelegenen Fleckchen eine besonders rare Funkverbindung aufzubauen. Der Besuch durch Touristen ist auf 400 im Jahr beschränkt. Allerdings hat die Insel durch ihre Abgelegenheit eine eigene Fauna, die jedoch durch einen Schiffbruch mit nachfolgendem Rattenbefall vor fast 90 Jahren schwer geschädigt wurde. Eine längst für ausgestorben gehaltene Art wurde jedoch auf einer kleinen Nachbarinsel wieder entdeckt und könnte nun wieder angesiedelt werden.

Man kennt sie eigentlich nur aus Science-Fiction-B-Movies der 50er-Jahre: Monsterinsekten, gigantische Ameisen, Riesenwürmer, entstanden durch Atomversuche, die die Menschheit bedrohen. Diese Viecher sind natürlich reine Fiktion, doch ungewöhnlich große Insekten hat es auf der Erde tatsächlich gegeben. Genauer gesagt handelt es sich um flügellose Stockinsekten, auch Phasmiden genannt, die auf Lord Howe Island, einer Vulkaninsel 780 km nordöstlich von Sydney und 600 km vor der australischen Küste, mitten im Ozean beheimatet waren und deshalb Lord Howe Island Phasmid (Dryococelus australis) genannt werden. Auf dieser Insel waren sie vor Angreifern sicher und konnten – ungewöhnlich für die Entwicklung des Lebens auf Inseln, das eher zu kleineren Spezies tendiert (Zwergdino aus Norddeutschland, Streit bei den Hobbits) – besonders groß werden.

Beinah den Ratten zum Opfer gefallen: Lord Howe Island Phasmid (Bild: Peter Galaxy, Melboune Museum)

Dieses Insekt war im Vergleich so riesig, dass die Inselbewohner es „Landhummer“ (deutsch auch Baumhummer) nannten: die Weibchen wurden bis zu 15 cm lang, die Körper dick wie ein Finger und die Beine lang und mit Haken bewert. Sie konnten zwar nicht fliegen, doch sehr schnell laufen, und waren so zahlreich, dass sie als Fischköder verwendet wurden.

Am 14. Juni 1918 hatte dieser paradiesische Zustand allerdings ein Ende: das Versorgungsschiff Makambo lief auf einen unter der Wasseroberfläche verborgenen Felsen auf. Mannschaft und Ladung konnten auf die Insel gerettet werden – doch leider taten dies auch die Schiffsratten, die sich sofort heftig vermehrten und etlichen der nur auf Lord Howe Island zu findenden Tiere den Garaus machen, darunter eben auch dem Lord Howe Island Phasmid, das in den 20er-Jahren zuletzt gesehen wurde und nach 1930 schließlich als ausgestorben aufgegeben wurde.

1964 entdeckte ein Felsenkletterer jedoch ein totes Phasmid – nicht auf Lord Howe Island, aber auf Balls Pyramid, einer kleinen Felseninsel etwas über 20 km südöstlich von Lord Howe Island. Ein anderer Kletterer entdeckte 1969 zwei weitere tote Rieseninsekten. Hatten die Tiere etwa auf diesem kleinen, steilen Felsen überlebt? Das erschien unwahrscheinlich, da die Insekten warme, feuchte Wälder mit hohen Banyan-Bäumen brauchten, um sich in diesen zu verstecken. Balls Pyramid ist dagegen ein 550 m hoher steiler Felsen, isoliert im Ozean, dem Wind ausgesetzt und ohne eigene Wasserversorgung, mit minimaler Vegetation und ohne richtige Bäume. Dass man dort keine lebenden Exemplare der Rieseninsekten fand, wunderte insofern niemand.

Einsames subtropisches Inselparadies Lord Howe Island, mit den Bergen Lidgbird and Gower (Bild: Wikipedia, David Morgan-Mar)

Erst im Februar 2001 landeten vier Forscher auf Balls Pyramid, die in einer abenteuerlichen nächtlichen Klettererei (die Insekten sind nachtaktiv und verkriechen sich tagsüber) schließlich doch lebende Exemplare der Insekten entdeckten. Wie die Insekten es überhaupt auf den Felsen geschafft hatten, ist schon erstaunlich – vielleicht auf Treibholz, vielleicht waren sie auch von Fischern als Köder mitgebracht worden. Auch tote Insekten konnten ja noch fortpflanzungsfähige Eier enthalten.

Im März 2002 konnten im einzigen halbwegs feuchten Areal auf der Insel, dass gerade einmal 6 x 30 Meter groß war, insgesamt 24 der Insekten entdeckt werden. Doch wenn dieses Fleckchen Erde mit einem Mini-Teebaum darin abrutschen sollte, wäre es vorbei gewesen mit den Baumhummern – also wollte man sie in Gefangenschaft züchten, um sie später wieder auf ihrer eigentlichen Heimatinsel Lord Howe Island aussetzen zu können.

Nicholas Carlile vom NSW Department of Environment and Conservation studiert die erwachsene Phasmid-Dame "Eve", die in den neun Monaten vor dem Foto über 120 Eier gelegt hatte (Bild: Patrick Honan, NSW)

Zwei Jahre später wurde genehmigt, je ein Pärchen der Insekten zu einem Forscher nach Sidney und in den Zoo von Melbourne zu verfrachten. Doch es war sehr schwer, die Insekten aufzuziehen und am Leben zu erhalten – schließlich gab es kein Vorbild für ihren natürlichen Lebensstil, woran sich die Forscher halten konnten. Das Weibchen in Melbourne musste künstlich ernährt werden, um zu überleben, das Pärchen in Sydney überlebte nicht. Und auch die beiden Insekten in Melbourne starben, bevor ihre Eier schlüpften – was aber glücklicherweise bald darauf geschah. Mit der Zeit konnten die Forscher dann lernen, was die Überlebenschancen der Tiere verbesserte. Heute existieren zehn erwachsene und 40 Jungtiere sowie 1000 Eier im Zoo von Melbourne – mehr, als heute noch auf ihrem Reservat auf Balls Pyramid zu finden sind.

Nun wäre es eigentlich Zeit, die Tiere wieder auf ihrer Heimatinsel anzusiedeln, doch dazu sind zuerst die Ratten zu beseitigen, was wieder einmal schwieriger ist als anderswo, weil das Rattengift auch andere seltene, nur auf Lord Howard Island lebende und vom Aussterben bedrohte Tiere gefährdet wie die Lord Howard Island Woodhen (Gallirallus sylvestris). Es wäre also notwendig, erst alle gefährdeten Tiere auf der Insel einzusammeln und in Sicherheit zu bringen, bevor das Rattengift ausgelegt werden kann. "Es dürfte nur sechs Wochen brauchen, die Ratten zu beseitigen, doch dazu sind fünf Jahre Vorbereitung erforderlich", schätzt einer der Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des New Scientist. (Wolf-Dieter Roth)

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