Die Russen werden angeblich mit subliminaler Werbung bombardiert

Als Gegenmaßnahme hat das Medienministerium ein System zum Aufspüren der verbotenen Botschaften entwickeln lassen

Irgendwie scheinen manche russische Bürger und Politiker von subliminalen, also unbemerkbaren, aber angeblich wirksamen Botschaften geradezu magisch abgezogen zu sein. Nachdem die Propaganda und die Zensur der Medien aus der kommunistischen Zeit verschwunden ist, drohen Manipulationsgefahren durch so schnell aufblitzende Botschaften im Fernsehen, dass sie vom Bewusstsein nicht wahrgenommen werden können. Zwar ist die Wirkung von subliminalen Botschaften, die erstmals in den 50er Jahren während des Kalten Kriegs in den USA für Unruhe bis in die höchsten politische Kreise sorgte, höchst umstritten und vermutlich nicht vorhanden, gleichwohl hat sich Valery Sirazhenko, die für die Presse zuständige Staatssekretärin, das Thema zu eigen gemacht (In Russland gedeiht die Sorge vor subliminaler Werbung).

Schon im Sommer 2000 wurde der im sibirischen Yekaterinburg ansässige Sender Avtorskiye Televisionniye Novosti (ATN) vom Medienminister Michail Seslavinsky dicht gemacht, weil er immer wieder schnell die Botschaft hatte aufblitzen lassen: "Bleib sitzen und schaue nur ATN an." (Subliminale Werbung - die geheime Verführung?) Im Juni dieses Jahres warnte dann Sirazhenko im Verein mit anderen Regierungsmitgliedern, dass weitere Fernsehsender subliminale Botschaften einsetzen würden. Sie forderte die Fernsehgesellschaften auf, diese Aktionen zu unterlassen, und drohte mit Strafen. Überdies kündigte sie an, dass vom staatlichen Gesamtrussischen Forschungsinstitut für Fernsehen und Rundfunk (VNIITR) ein System namens ODSV-1 entwickelt werde, um die Ausstrahlung solcher Botschaften festzustellen.

Mittlerweile wird das System, mit dem alle Fernsehkanäle nach subliminaler Werbung durchsucht werden, gestestet. Ende des Jahres soll es dann in Einsatz kommen. Noch erfasst es nicht nur subliminale Bilder, sondern auch unscharfe Sequenzen oder leere, einfarbige Bilder. Svetlana Nemtsova, Direktorin des Instituts, sagte gegenüber der Moscow Times, dass sie überrascht sei, wie oft subliminale Werbung gesendet werden. So würde MTV sublimale Werbung für ein Deodarant, eine neue Musikzeitschrift oder das neue Album der Gruppe Red Hot Chili Pepper einblenden. In einem anderen Sender soll seltsamerweise in einer Bierwerbung auch für Pepsi geworben werden.

Die Fernsehstationen versichern, dass sie nicht überprüfen könnten, ob in Werbeclips, die sie von Agenturen erhalten, subliminale Werbung verborgen ist. Daher sollen sie nach Ansicht des Ministeriums das Gerät zur Entdeckung von diesen benutzen. Die beschuldigten Werbeagenturen und Firmen hingegen streiten ab, derartige Werbung einzuschleusen. Auch sie sollen in Zukunft ihre Produkte überprüfen.

Und auch wenn nun nicht immer mehr Russen Pepsi trinken sollten, so droht nach Auskunft des Biologen Grant Demirchoglyan vom Gesamtrussischen Institut für Körperkultur und Sport, der es ja wissen muss, dass auch Terroristen solche subliminalen Bilder verwenden könnten, um Menschen zu Zombies zu machen. Es sei durchaus auch möglich, suggeriert der russische Wissenschaftler, der möglicherweise an die Memetik denkt, dass man mit "psychotropen" Viren, die in subliminaler Geschwindigkeit auf Computerbildschirmen aufblitzen, die Menschen beeinflussen könne. Zwar müsse ein Zuschauer einen solchen subliminalen Virus wiederholt sehen, um ihn zu einer Reaktion zu zwingen, gleichwohl könne "jede böse Absicht subliminal übertragen werden". Da droht also womöglich eine neue Hexenverfolgung, auch wenn die Hexen, in die der böse Geist einfährt, heute Terroristen und Schläfer heißen. (Florian Rötzer)

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