Die Sache mit Gaza

Aussichten

Nun also, Ende Mai, versucht Jahya Sinwar der Gaza-Bevölkerung zu erklären, dass alles besser werden wird, wirbt der Islamische Dschihad um Unterstützung, sucht man in Israel nach Optionen.

Am Tag zuvor hatten mehrere Minister, darunter auch Justizministerin Ajelet Schaket, eine Bodenoffensive gefordert, um die Hamas zu stürzen; abgeblockt wurden sie durch Transportminister Katz und die Militärführung, die mahnten, es gebe keine Möglichkeit, Gaza auch nur kurzfristig zu kontrollieren, aber auch durch Regierungschef Benjamin Netanjahu, in dessen Team man eine Kettenreaktion befürchtet.

Der Iran könnte die Unterstützung für die Hamas ausweiten und Saudi-Arabien, an das man sich gerade annähert, auf Distanz gehen. Aber vor allem verwahrt sich Ägypten gegen solche Weiterungen: Denn das dortige Militär führt auf der Sinai-Halbinsel weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit einen Krieg gegen islamistische Gruppierungen; sollte Israel eine Bodenoffensive starten, könnten, so die Befürchtung in Kairo, die diversen Kampfgruppen in Gaza auf den Sinai ausweichen und die Lage dort noch viel schwieriger machen.

Vor allem aber ist man sich bewusst, dass eine Schwächung der Hamas keinesfalls im Umkehrschluss die Rückkehr der Ramallah-Regierung an die Gaza-Macht bedeutet. Denn vor allem der Islamische Dschihad, kleiner, radikaler, unberechenbarer, ringt um Einfluss, während sich im Laufe der Zeit eine Vielzahl von kleinen und kleinsten Milizen gebildet hat.

Dass die Hamas es schaffte, innerhalb kürzester Zeit die Waffen zum Schweigen zu bringen, wurde sowohl in Israel, als auch in Gaza als positives Zeichen gewertet: "Wir haben die vollständige Kontrolle", erklärte Sinwar in seiner Fernsehansprache. Und israelische Kommentatoren wiesen darauf hin, dass es zum Ende des Gazakrieges 2014 allein gut zwei Tage dauerte, bis das Raketenfeuer vollständig beendet wurde.

Dass dies nun schneller geht, dürfte auch an den veränderten Machtstrukturen innerhalb der Hamas liegen: Die Organisation besteht im Grunde aus drei "Abteilungen": dem Politbüro, der Gaza-Regierung und den Kassam-Brigaden. 2014 waren die meisten Mitglieder des Politbüros im Ausland, bestanden auf die Einhaltung der Hamas-Charter und lehnten jeglichen Dialog mit Israel ab.

Die Kassam-Brigaden schlossen sich dieser Linie an, und weil die Gaza-Regierung bei der Regelung des Alltags immer wieder Kompromisse eingehen musste, standen Politbüro und Kassam-Brigaden oft im Streit mit der Regierung; mehrmals rief das Politbüro die Regierung offen zur Ordnung, schossen die Kassam-Brigaden demonstrativ Raketen ab, nachdem sich die Gaza-Regierung entweder mit Israel oder der Ramallah-Regierung in irgendeiner Frage geeinigt hatte.

Doch vor einiger Zeit ist nur der einstige Gaza-Chef Ismail Hanijeh an die Spitze des Politbüros aufgerückt, während sein Nachfolger Jahya Sinwar aus den Reihen der Kassam-Brigaden stammt und als extremer Falke gilt.

In Israel wurde diese Entwicklung damals mit Sorge beobachtet; man befürchtete mehr Raketenangriffe und eine schärfere Rhetorik. Doch tatsächlich sei die Hamas berechenbarer geworden, und gehe öfter und effektiver gegen militante Gruppen in Gaza vor, sagt Joaw Galant, Bauminister und einstiger Chef das Südkommandos der israelischen Armee: "Das ist zunächst einmal eine nützliche Entwicklung, auch wenn damit auch nicht alles auf einen Schlag besser wird." (Oliver Eberhardt)