"Die Saudis bewegen sich auf dünnem Eis"

Grafik: TP

Ex-CIA-Agent Robert Baer zur Krise um Katar

Im Interview mit Ramon Schack erläutert Robert Baer (ein prominenter ehemaliger Mitarbeiter des US-Nachrichtendienstes CIA, dessen Aufgabe die Infiltrierung von Hisbollah und al-Qaida war) die aktuellen Entwicklungen am Persischen Golf aus einem ganz besonderen Blickwinkel.

Robert Baer - die Saudis und ihre Verbündeten haben die Region um den Persischen Golf in eine neue Krise gestürzt, die am 5. Juni mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Katar begann. Flankiert wurde dieser Coup von der Ausweisung aller Staatsangehörigen Katars. Sie sollten gezwungen werden, das Land innerhalb von zwei Wochen zu verlassen. Zugleich wurden die Bürger der vier Staaten von ihren Regierungen aufgefordert, Katar zu verlassen. Steht dieser diplomatische Eklat mit dem Besuch Donald Trumps in Saudi-Arabien in Verbindung? Erkennen Sie da einen Zusammenhang?
Robert Baer: Natürlich, die zeitliche Nähe der Provokationen gegen Katar ist eindeutig mit dem Besuch Trumps am vorletzten Maiwochenende in Riad in Verbindung zu bringen. Bei dem sogenannten Gipfeltreffen am 21. Mai in der saudischen Hauptstadt, bei dem mit Ausnahme Irans alle 56 Mitgliedstaaten der OIC vertreten waren, durfte Trump ja eine zündelnde Rede halten, die er mit den Worten abschloss: "Keine Diskussion über das Auslöschen dieser Gefahr wäre vollständig, wenn man nicht die Regierung erwähnt, die den Terroristen sichere Zuflucht, finanziellen Rückhalt und das gesellschaftliche Ansehen gibt, das sie zum Rekrutieren brauchen. Es ist ein Regime, das für soviel Instabilität in dieser Region verantwortlich ist. Ich spreche selbstverständlich vom Iran. (...) Bis das iranische Regimes bereit ist, Partner für den Frieden zu werden, müssen alle Nationen, die ein Gewissen haben, zusammenwirken, um Iran zu isolieren, es an der Finanzierung des Terrorismus zu hindern, und zu beten, dass das iranische Volk eines Tages die gerechte Regierung hat, die es verdient." Die Saudis trauen sich natürlich nicht an Iran heran, deshalb kommt zunächst einmal Katar ins Visier.
Nur einen Tag nach dem Beginn der saudischen Aktion gegen Katar twitterte der US-Präsident: "Es ist so schön zu sehen, dass sich der Besuch in Saudi-Arabien mit dem König und 50 Ländern bereits auszahlt. Sie sagten, sie würden eine harte Linie gegen das Finanzieren von Terrorismus einschlagen, und alles wies auf Katar hin. Vielleicht wird das der Anfang vom Ende des Schreckens des Terrorismus!"
Was wieder einmal bestätigt, wie wenig Trump von der Thematik versteht, denn die USA haben in Katar eine große Militärbasis, weshalb der Außenminister wieder einmal um Schadensbegrenzung bemüht war. Der militärstrategische Wert Katars für die USA ist doch nicht zu leugnen. Dort befindet sich der größte Stützpunkt der USA in der Region. Für die Luftangriffe gegen Ziele in Afghanistan, in Syrien und im Irak spielt er eine zentrale Rolle. 11.000 US-Soldaten sind dort stationiert, die Kosten für den Bau hat Katar alleine getragen. Katar sieht diesen Stützpunkt als Existenzsicherung gegen mögliche Gelüste der Saudis.
Ein wichtiger historischer Faktor ist außerdem, dass die USA damals Katars Angebot gern annahmen, weil sie von den Saudis gedrängt wurden, ihre umfangreichen Militäranlagen aus deren Land abzuziehen. Die Saudis reagierten damit auf die starke innenpolitische Kritik an ihrer engen Zusammenarbeit mit den USA. Das zeigt doch auch, was für einen unsicheren Alliierten sich Washington dort züchtet.
Sie selbst haben in den vergangenen Jahren immer wieder die Nahost-Politik der Präsidenten Bush und Obama kritisiert, speziell deren Iran-Politik. Weshalb wiederholt Trump diese Fehler, obwohl er im Wahlkampf ja einen Neuanfang versprach, auch in diesem Politik-Bereich?
Robert Baer: Weil er - wie gesagt - keine Ahnung hat. Wenn er von Terrorpaten faselt, dann soll er sich bitte einmal genauer seine saudischen Freunde anschauen, die mit Waffen überschwemmt werden. Mit dieser Politik werden die Sicherheitsinteressen der USA und Ihrer Bürger massiv verletzt, von der Sicherheit der Menschen in der Region ganz zu schweigen.
In Ihrem Buch "The Devil We Know - Dealing With the New Iranian Superpower" bezeichnen Sie Iran als zukünftige Supermacht.
Robert Baer: Ja, und im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten ist der Iran geradezu eine Insel der Stabilität in dieser unruhigen Region. Es ist eine Nation mit gewaltigem Potenzial, das bisher aber nicht ausgeschöpft wird. Mit natürlichen Grenzen, einem stabilen Staatsaufbau und einer starken Armee.
Der Iran leistet einen großen Beitrag bei der Bekämpfung von ISIS - einer Organisation, die sich ja aus saudischen Quellen speiste. Saudi-Arabien und Pakistan sind keine zuverlässigen Partner. Die USA benötigen Verbündete mit Durchsetzungskraft - nicht irgendwelche Stämme, die sich langfristig kaum an der Macht halten dürften. Die sogenannten moderaten Staaten, allen voran Saudi-Arabien, werden massiv aufgerüstet und die Welt immer instabiler. Langfristig handelt es sich hierbei um eine Fehlkalkulation. Die USA und Iran haben einen gemeinsamen Feind - die sunnitischen Extremisten um ISIS.
Iran und die Türkei sind Katar zur Seite gesprungen …
Robert Baer: Richtig. Die Beziehungen Katars zur Türkei sind schon seit Langem auf sehr hohem Niveau. Mit dem Beginn des sogenannten" arabischen Frühlings" wurden sie noch enger, denn beide Staaten unterstützen die Muslimbruderschaft, deren nationale Ableger die ersten demokratischen Wahlen in Tunesien und in Ägypten gewannen. Drei Jahre später wurde die Einrichtung eines türkischen Militärstützpunkts in Katar vereinbart. Einigen Berichten zufolge soll dieser, wenn er voll ausgebaut ist, bis zu 1.000, nach anderen Meldungen sogar 3.000 türkische Soldaten beherbergen können. Derzeit befinden sich dort einschließlich eines kleinen Kontingents, das in der vorigen Woche eintraf, rund 110 Mann. Das wäre im Fall eines Angriffs selbstverständlich irrelevant, stellt für die Saudis aber eine Warnung dar, sich nicht mit der Türkei anzulegen.
Und die Beziehungen Katars zu Iran?
Robert Baer: "Die waren bis vor Kurzem weniger gut. Allerdings hat Katar nie zu einem antischiitischen Kreuzzug aufgerufen, wie es Saudi-Arabien tut. Hintergrund ist hier auch sicherlich, dass der Iran und Katar sich das größte Erdgasfeld der Welt teilen und schon deshalb um Kooperation nicht herumkommen.
Was halten Sie von der These, als Ergebnis der Sanktionen und Drohungen der Anti-Katar-Koalition zu konstatieren, dass die Positionen der beiden nichtarabischen Staaten Türkei und Iran in der Region gestärkt wurden und dass sich deren direkte Einflussmöglichkeiten verbessert haben?
Robert Baer:: Diese These halte ich für stichhaltig. Die Saudis sind doch schon im jemenitischen Sumpf versunken, geraten an ihrer Südgrenze in einen verlustreichen Stellungskrieg und schaffen sich durch das Katar-Abenteuer eine neue Krise an der Westgrenze. Von den innenpolitischen Krisen im eigenen Land mal ganz zu schweigen. Außerdem ist durch das harte Vorgehen die weitere Existenz des Golfkooperationsrat GCC in Frage gestellt. Eine Reduzierung des Staatenbundes auf Saudi-Arabien, die Emirate und Bahrain wäre ein Problem für Riad.
Das absehbare Scheitern des Kräftemessens mit Katar würde die Konflikte zwischen Riad und Abu Dhabi verschärfen. Die Saudis bewegen sich auf dünnem Eis. Wenn das Königshaus kippt, wer gelangt dann an die westlichen Waffen? Bestimmt nicht irgendwelche prowestlichen Demokraten …
Unterliegt der Handel der amerikanischen Waffenfabrikanten mit Saudi-Arabien eigenen Regeln, die sich von dem mit anderen Ländern unterscheidet?
Robert Baer: Ja, beim Waffendeal mit den Saudis gibt es eigene Regeln. Es ist ein geschäftlicher Teilbereich für sich. Wir, die Amerikaner, kaufen Öl von den Saudis, raffinieren es und füllen es in die Tanks unserer PKWs - und ein kleiner Prozentsatz von dem, was wir für dieses Öl bezahlt haben, geht an Terroristen und wird von diesen genutzt, Anschläge gegen US-amerikanische Institutionen in den Staaten oder weltweit auszuüben.
Das hört sich verrückt an!
Robert Baer: Wenn man das alles begriffen hat, dann ist man bei dem wahnsinnigen Stand der westlichen Beziehungen zu Saudi-Arabien angelangt.
Lassen Sie uns bitte noch einmal über die CIA sprechen, über den sogenannten "Schwarzen Prinzen"?
Robert Baer: "Der "schwarze Prinz", auch als "Ajatollah Mike" bekannt, der berüchtigte Michael D'Andrea, der heute einen starken Einfluss hat.
Was hat "Ayatollah Mike" für eine Funktion beim CIA - und sind Sie ihm einmal persönlich begegnet?
Robert Baer: Ich bin ihm nie persönlich begegnet, jeder im Umfeld des CIA weiß aber, was es mit ihm auf sich hat. Michael D'Andrea leitete das CIA Counterterrorism Center zwischen 2006 und 2015. Er entwickelte Strategien zur Liquidierung von Terroristen und zur Tötung von Verdächtigen durch Drohnen, speziell in Afghanistan, Pakistan und Jemen. Die CIA hat seine Identität niemals bestätigt, er wurde aber in einem Zeitungsbericht 2015 in der New York Times genannt.
Was bedeutet der Einfluss dieses Mannes auf die Iran-Politik Washingtons?
Robert Baer: Das was wir gerade erleben - eine Konfrontation!
Halten Sie einen Krieg mit Iran für eine mögliche Folge?
Robert Baer: Als Option liegt ein Krieg mit Teheran zur Zeit auf dem Tisch - im Umfeld des Präsidenten. Ich gehe aber davon aus, dass während der Amtszeit von Trump ein ganz anderes Szenario denkbar wäre.
Welches?
Robert Baer: Wie schon vorher angedeutet, gehe ich von ernsten innenpolitischen Problemen in Saudi-Arabien aus. Wenn das Haus Saud durch einem salafistischen Putsch gestürzt wird, dann müssten amerikanische Truppen gegen die amerikanischen Waffen ankämpfen, die ihnen Trump und seine Vorgänger geliefert haben. Und gegen alle jene Piloten und Infanterieoffiziere, die vom US-Militär ausgebildet wurden. Aber zum Glück haben die USA ja eine Militärbasis in Katar.
Wobei sich Präsident Trump ja auf die Seite der Saudis geschlagen hat, gegen Katar. Trotz der dortigen US-Militärbasis.
Robert Baer: Richtig - und ich wiederhole das, was ich zu Beginn des Gespräches sagte: Donald Trump hat keine Ahnung von der Region im Speziellen, noch von Geopolitik im Allgemeinen.
Vielen Dank, Robert Baer.
Anzeige