Die Schizophrenie und die Einfachheit

Überlegungen zur Attraktivität quantifizierender Weltwertungen. Die Entartung des Galileischen Imperativs Teil 3

Das gegenwärtig globale zu beobachtende Phänomen zunehmender Quantifizierung und Bewertung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebensaspekten hat verschiedene Ursachen, die Mitte der 1980er Jahre kulminierten: Die Abneigung gegen Ideologien, der Glaube an weitgehende Berechenbarkeit, die Illusion freier Entscheidungen und die Lust an der Macht, die Lebenswege anderer Menschen verbiegen kann.

Deutsche TV-Comedies können klasse sein:

Eine Frau sollte gut kochen können. Eine Frau sollte eine Granate im Bett sein. Eine Frau sollte gut verdienen. Die drei dürfen sich nur nie begegnen!

Würde der letzte Satz fehlen, hätten wir eine ganz und gar ernst gemeinte Kontaktanzeige vor uns, wie sie alltäglich zu finden ist, beispielsweise neulich in der ZEIT:

Lebenserfahrene 29-jährige sucht abenteuerlustigen Realisten mit Träumen zum Reisen und Leben"

Gewiss wurde der Text nach sorgfältigem Grübeln niedergeschrieben und mit viel ernsthafter Hoffnung aufgegeben. Doch leider kann es das Wesen, nach dem gefahndet wird, nicht geben. Wovon sollte ein Realist auch schon träumen? Ganz bestimmt nicht von Abenteuern. Gerade eine Lebenserfahrene müsste das wissen. Nur weil wir im "wirklichen Leben" das Unmögliche für erfüllbar halten, erscheint uns die im Kern realistische Comedy als lustig, in der nicht versucht wird, unterschiedlichste Charaktereigenschaften in einer Person zu vereinen. Wir sind alle nicht unerheblich schizophren. "Den baren Unsinn zu glauben, bleibt dem Menschen vorbehalten", urteilte schon der Verhaltensforscher Konrad Lorenz.

Mathematische Optimierungen, wie sie beispielsweise zum Aufgabengebiet von Gunter Dueck (s. Die Entartung des Galileischen Imperativs) bei der IBM gehören, ergeben für reale Gesamtsysteme völlig andere Ergebnisse, als unsere alltägliche "alles-und-jetzt"-Strategie. Ein reales, hinreichend komplexes System ist nicht dadurch optimierbar, dass die einzelnen Komponenten maximiert werden. Diese Primitivstrategie ist gerade in Unternehmen, beispielsweise bei Produktionsabläufen, sogar ausgesprochen kontraproduktiv.

Unsere Alltagsstrategie lässt sich verstehen: Viele, wenn nicht sogar die meisten Menschen, hassen es, sich entscheiden zu müssen. Gemeint sind hier nicht die vielen kleinen, mehr oder weniger unbewussten Entscheidungen, von denen jeder am Tag hunderte zu fällen hat. Die Rede ist von den bewussten Entscheidungen, die durch ein JA aus einer Möglichkeit etwas Konkretes machen und dadurch gleichzeitig für viele andere Möglichkeiten den Tod bedeuten. Diese vielen, ausgeschlossenen Optionen verursachen sogenannte Opportunitätskosten, die schwer wiegen können, je nachdem, wie jemand sie für sich bewertet.

Diese subjektiven Kosten wollen wir minimieren, am besten sogar ganz vermeiden. Wir wollen also zunächst einmal alles, auch wenn dies in den allermeisten Fällen grundsätzlich nicht möglich ist. Am stärksten betroffen vom Entscheidungsstress sind laut dem amerikanischen Psychologen Barry Schwartz1 ausgerechnet diejenigen, die dazu tendieren, bewusst zwischen Alternativen auszuwählen um ihren eigenen Nutzen zu maximieren. Aber infolge zunehmenden Quantifizierens und Bewertens steigen die Opportunitätskosten immer weiter an: Der Entscheidungsstress nimmt für fast alle zu.

Wieso wird diese Entwicklung normalerweise nicht als negativ bewertet, sondern mit positiv klingenden Schlagworten belegt wie "zunehmende Individualisierung" oder "steigende Eigenverantwortung"? Vier Hauptströmungen sind meiner Ansicht nach dafür verantwortlich. Sie trafen zufällig in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre aufeinander und konnten sich so gegenseitig verstärkten, Widerspruch im Keime erstickend: Die Abneigung gegen Ideologien, der Glaube an weitgehende Berechenbarkeit, die Illusion von freien, bewussten Entscheidungen und nicht zuletzt die von uns domestizierten Zivilisationsmenschen gerne übersehene Lust an der Macht.

Ende der 1980er Jahre kollabiert der Eiserne Vorhang, die letzte große Teilung zwischen Ost und West, deren erste der Zerfall des Römischen Reich gewesen war. In den dazwischen liegenden Jahrhunderten wurden zahlreiche Ideologien entworfen, Schreckensherrschaften im Namen des Guten ausgeübt, Glaubenskriege gefochten, Revolutionen fraßen ihre eigenen Kinder. Die Autoren des "Schwarzbuch des Kommunismus" schätzen allein die Opfer der Utopie von der klassenlosen Gesellschaft auf mehr als 80 Millionen Tote. Der Niedergang der Sowjetunion wurde vor allem wirtschaftlich und anti-ideologisch verstanden. Ideologische Heilsversprechungen hatten in den Industrienationen endlich ihre Anziehungskraft verloren.

Die Kräfte des Marktes und die einer freien Gesellschaft gewannen die Oberhand. Deren Regeln werden meist als quasi naturgesetzlich gegeben beschrieben, die ähnlich wie evolutionäre Konkurrenzprinzipien funktionieren (vgl. "Wir wollen nie mehr um einen Arbeitsplatz betteln!"). Ideologien durften nicht hinterfragt werden, weil sonst KZ oder Guillotine drohten. Die evolutiv-marktwirtschaftlichen Regeln können von vernünftigen Menschen nicht infrage gestellt werden, weil sie den Status universeller, nicht-ideologischer Naturgesetze besitzen.

Die Angst des Einzelnen vor Sozialabstieg, permanenter Bewertung, Entscheidungszwang und Minderwertigkeit durch Nicht-Erster-Werden-Können sind angeblich antreibender, notwendiger Bestandteil der neuen Nicht-Ideologie. Die Angst kann somit nur erlebt, nicht systemisch hinterfragt werden. In diesem Sinne ist der Protest gegen Hartz IV völlig sinnlos, weil unvernünftig. Genau nach diesem Schema verteidigen sich derzeitig Regierung und Opposition.

Mitte der 80er Jahre bahnte sich der Computer mit Macht und in Windeseile seinen Weg von den behüteten, klimatisierten Rechenzentren bis in den Alltag. Der ideale Resonanzboden für die zu dieser Zeit aufkommenden Publikationen über "die Chaostheorie", die mit einem für wissenschaftliche Themen ungewöhnlichem PR-Aufwand beworben wurden. Zwar hat es ein geschlossenes Gebiet "Chaostheorie" nie gegeben, aber viele Publikationen beinhalteten unterschiedlichste Themen in einem Buch. So wie der 1986 publizierte, einflussreiche Klassiker "The Beauty of Fractals" von H.-O. Peitgen und P.H. Richter. Von rein mathematischen Konstrukten wie der Mandelbrotmenge, über die Simulation theoretischer Wachstumsprozesse, bis zu physikalischen Systemen wie dem Doppelpendel wurden immer wieder unterschiedlichste Phänomene in einem Atemzug genannt. So wurde für die Öffentlichkeit ein "Paradigmenwechsels" herbeigeredet, der alle möglichen Aspekte des Lebens numerisch erfassbar machen sollte, von schwankenden Börsenkursen bis zu Herzrhythmusstörungen.

"Das Chaos" sei zwar prinzipiell nicht beliebig voraus berechenbar. Aber die in aufwändigen Ausstellungen präsentierten bunten Computer-Prints hämmerten dem Publikum das genaue Gegenteil ein: "Seht her! Auch das Unberechenbare ist jetzt mit unseren Denkmaschinen berechenbar geworden! Es ist sogar in die hohen Sphären der Kunst aufgestiegen." Angewandte Schizophrenie.

Bis heute halten sich gerade im Kunstkontext abenteuerliche Behauptungen über die Chaostheorie als lebendige Überwindung der starren, langweiligen, linearen Physik Newtonscher Prägung. Auch der Trendforscher Matthias Horx vertritt solche Ansichten. Dass gerade die klassische Physik Newtons alles andere als linear ist und gerade ihre nichtlinearen Differentialgleichungen zum Kern chaostheoretischer Untersuchungen gehören, so wie das Doppelpendel, wird nicht zur Kenntnis genommen. Wahrscheinlich einfach deshalb nicht, weil es genauso wenig verstanden wird wie die keinen Fortschritt garantierenden Mechanismen der Evolution, auf die man sich ja auch dauernd beruft (vgl. "Wir wollen nie mehr um einen Arbeitsplatz betteln!").

Neurologen gehen zunehmend davon aus, dass der freie Wille des Menschen eine Illusion ist, die aus evolutionärem Pragmatismus entstanden ist. Als sich bei den Hominiden allmählich der Verstand herausbildete, lernten sie die Zeichen ihrer Umgebung zu deuten. Spurenlesen, Jahreszeiten vorhersagen, Wolkenformationen deuten. Sich selbst als frei agierendes Subjekt zu verstehen, machte es viel leichter, aufgrund der großen Informationsfülle zu handeln. Ein Selbstverständnis als determiniertes Uhrwerk wäre wenig hilfreich gewesen. Menschen haben außerdem ein ausgeprägtes Talent darin, ihre Biografie im nachhinein als Erfolgsstory zu verkaufen. "Würde ich noch einmal geboren, so lebte ich mein Leben wieder genau so, wie ich es getan habe." Ein gewisses Maß an Selbstbetrug ist für unser psychisches Wohlbefinden unerlässlich. Zu viel "erkenne dich selbst" macht nur depressiv.

Menschen tendieren zu der Annahme, die Welt würde gut, wenn alle anderen Menschen so wären wie sie selbst. "Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein!" Erfolgreiche, die sich als besonders selbstbestimmt erfahren, verfügen zudem über allerlei kommunikative Möglichkeiten ihre Vorstellung vom Vorzugsmenschen zu promovieren. Alles wird gut, wenn jeder zum Unternehmer wird (Ich-AG). Auch Menschen, die selbst keine Unternehmer sind, die sich jedoch als höherwertig empfinden, übernehmen diese Sichtweise. So sind ausgerechnet Beamte von den Hartz-IV-Reformen besonders angetan. Zudem entscheiden wohlhabende Menschen oft überhaupt nicht wirklich. "Ich entscheide mich einfach immer für das Beste!" Ihnen ist gar nicht mehr vermittelbar, wie qualvoll echte Entscheidungen sein können.

Ultimative Macht ist die Fähigkeit eines Menschen, die Lebenswege anderer gegen deren erklärten Willen verbiegen zu können. Dieser Lust kann heute wieder ungeniert gefrönt werden, dank des unbezweifelten nicht-ideologischen Fundaments numerisch beweisbarer ökonomischer Notwendigkeiten. Mit am deutlichsten drückten das die Verleger und Chefredakteure aus, die an der diesjährigen Tagung "Zukunft der Zeitung und die Zeitung der Zukunft" der Akademie für Politische Bildung in Tutzing teilnahmen. In Zeiten der Krise dominiere das ökonomische Primat, Journalisten müssten "gut und billig sein" und "steigendem Leistungsdruck" ausgesetzt werden. Bis in die individuelle Lebensgestaltung sollen die Journalisten flexible Anpassungsfähigkeit zeigen, denn sie müssten sich von "bürgerlichen Zeitstrukturen" verabschieden (so berichtet im journalist 7/2004). Am besten seien zudem elektronische Maßnahmen zur Leistungsmessung. Wenn etwa die Lesernutzung von Artikeln eines bestimmten Redakteurs schlecht sei, so habe der Redakteur ein Problem.

Hinter der allgegenwärtigen Propaganda, Teamfähigkeit, Projektarbeit und kommunikative Fähigkeiten wären die Schlüsselqualifikationen von heute, verstecken sich Ellenbogenmentalität und Leistungsdruck nicht nur wirkungsvoll. Dank der dem Menschen angeborenen Schizophrenie fällt es kaum jemandem auf, dass wir völlig unvereinbare Qualifikationen von den Menschen fordern und von uns fordern lassen.

Auf Basis der vier beschriebenen Strömungen ist eine Erklärungsskizze möglich, warum wir trotz Qualen im Rausch des Quantifizierungswahns gefangen sind.

Unsere heutige Ideologie scheint keine Ideologie zu sein, sondern auf naturwissenschaftlich-mathematischen Wahrheiten zu fußen. Dass unsere Welt immer komplexer zu werden scheint, gefällt uns, weil das als Synonym für Fortschritt wahrgenommen wird. Unsere schizophrenen Ansprüche scheinen durch messbare Optimierung jedes Anspruchs und durch individuelle Anstrengungen erreichbar zu sein. Scheitern ist nie das Problem des Systems, sondern immer das des Individuums. Ein Unternehmer geht doch nur dann pleite, wenn seine Geschäftsidee nichts wert ist und nicht etwa, weil die Kreditvergabe-Richtlinien gemäß Basel II für sein kleines, florierendes Unternehmen unerfüllbar sind!? Die Verlierer verschwinden einfach mit Minderwertigkeitskomplexen, als Depressive oder als Drop-Outs. Das System ist daher nie gefährdet. Das Primitivverständnis von Marktevolution ist DAS verführerisch einfache Konzept für den Umgang mit einer immer komplizierter werdenden Welt: Garantierte Höherentwicklung, ohne das Detailverständnis der Mechanismen mühselig erarbeiten zu müssen. Der Hang der Menschen zu einfachen Welterklärungen und unsere Sehnsucht danach, alles zu erreichen, gehen so eine wirkungsvolle, rauschhafte Verbindung ein.

Die glücklichsten Menschen leben bekanntlich in Bangladesch. Nicht nur das. Psychologische Studien belegen, dass die Zunahme von Angeboten und Wohlstand in den Industrienationen mit vermindertem Wohlbefinden einhergeht. Darunter leidet mit Sicherheit auch die wirtschaftliche Produktivität. Ein breit gestreutes, wirkliches Verständnis evolutionärer Prinzipien, mathematischer Optimierungsstrategien und psychologischer Bedürfnisse wäre schon ein kleiner Anfang, um auch dem menschlichen Streben nach Glück wieder eine Chance zu geben, nicht nur dem omnipräsenten Messen und Bewerten aller möglichen Indikatoren. (Christian Gapp)

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