Die Sexroboter kommen

Die Frage ist nur, wie und wann

Die Sexroboter kommen. Die Frage ist nur, wie sie kommen. Laut oder leise? Mit vorgetäuschten Gefühlen oder mit ermahnenden Hinweisen? Als menschenähnliche oder als funktionsorientierte Maschinen? Als Unterhaltungs- und Behandlungsmittel für die Allgemeinheit oder als Nischenprodukt für Einzelpersonen? Und die Frage ist, wann sie kommen. Sie sind bereits jetzt ein gewisses Phänomen. Aber werden sie, wie Sexspielzeug, zum allgemeinen Trend? Im vorliegenden Beitrag werden Ausführungen und Ansätze vorgestellt, vor allem aber moralphilosophische Fragen gestellt, um Entwicklungs- und Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

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Ethiker haben, so meldeten es Medien im Herbst 2015, eine Kampagne gegen Sexroboter gestartet, um deren Entwicklung verbieten zu lassen. Sie sind der Meinung, dass menschliche Beziehungen beeinträchtigt und Frauen und Kinder zu Sexobjekten herabgewürdigt werden.

Im Moment, könnte man einwenden, existieren nur wenige Sexroboter. Eine Robophilia ist kein Massenphänomen. Dafür ist Sexspielzeug verbreitet, wobei häufig Männer reduziert werden, wenn man an Dildos und Vibratoren denkt. Ob menschliche Beziehungen beschädigt werden, wie immer die Beziehungen zwischen uns und den nichtmenschlichen Akteuren gestaltet sind, sollte nicht zuletzt vom Einsatz abhängen, von der Häufigkeit und der Heftigkeit. Man darf vermuten, dass jemand, der ausschließlich mit einem Sexroboter zugange sein will, nicht erst durch diesen zu einem Verhalten gefunden hat, das auf breites Unverständnis stößt.

Auf Robotersex und Sexroboter bin ich mehrmals eingegangen, im Wirtschaftslexikon von Gabler, in meinem Buch "300 Keywords Informationsethik", das bei Springer erschienen ist, und in dem einen oder anderen kleineren oder größeren Text. Man sieht daran, dass man das Thema aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen Kontexten betrachten kann und man Beiträge dazu selbst dort findet, wo man es nicht vermutet. Im Folgenden bediene ich mich diverser Quellen und füge aktuelle Hinweise hinzu.

Robotersex, Sex mit und zwischen Robotern, ist ein Sujet von Science-Fiction-Büchern und -Filmen und (dort teilweise mit Hilfe von Avataren visualisiert) von Computerspielen. Zuletzt haben die Serie "Real Humans" und Filme wie "Her" (2013) und "Ex Machina" (2015) die Phantasie beflügelt, mit ihren im Fiktionalen materiellen und virtuellen Geschöpfen. Im Nichtfiktionalen fällt die Idee auf fruchtbaren Boden. So wird Robotersex im Gesundheitsbereich in Betracht gezogen, etwa als Möglichkeit der Erleichterung für Behinderte und Betagte - was kritisch betrachtet werden kann und muss - sowie zur Unterstützung von Therapien.

In den Medien wird begeistert über Robotersex berichtet, in der Wissenschaft eifrig über ihn diskutiert. Auch Politik und Verwaltung beziehen Position, nicht durchweg in konstruktiver Weise. Eine Konferenz, die für November 2015 in Malaysia geplant war, musste auf Verlangen der Behörden abgesagt werden. Nun soll sie - wieder mit dem Titel "Love and Sex with Robots" wie 2014 auf Madeira - vom 19. bis 20. Dezember 2016 in London stattfinden.

Sexroboter sind je nach Geldbeutel und Geschmack als handliches Spielzeug oder in Lebensgröße erhältlich. Sie helfen bei der Befriedigung, indem sie Menschen stimulieren und penetrieren oder sich penetrieren lassen. Manche haben mehr oder weniger erregende Stimmen und nehmen mehr oder weniger erregende Worte in den Mund, wie dieser auch gestaltet sein mag, und man darf nicht vergessen, dass in Chats verbale Erotik beliebt und die Nachfrage nach Telefonsex ungebrochen ist. Auch die sexuellen Interaktionen auf Second Life und in aktuellen Anwendungen der Virtuellen Realität können zum Vergleich herangezogen werden.

Vorteile von Sexrobotern sind ständige Verfügbarkeit, relativ gute Hygiene bei richtiger Verwendung und Entlastung von Sexarbeiterinnen und -arbeitern. Nachteile sind die eingeschränkte Bandbreite bei der Befriedigung und die geringe Akzeptanz in der Bevölkerung.

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Fuckzilla, ein Höhepunkt der Ars Elektronica 2007, verfügt über ein ganzes Arsenal an Spielzeugen und Hilfsmitteln, vom Dildo bis zur Kettensäge, an der Zungen befestigt sind. Das Ganze wirkt eher wie ein randseitiges Kunstprojekt, was auch zur Veranstaltung passt, weniger wie ein ernstzunehmender Liebespartner. Roxxxy ist ein Fembot (im weitesten Sinne des Wortes), der nach Angaben des Unternehmens zuhören und sprechen sowie auf Berührungen reagieren kann. Man kann unter verschiedenen Persönlichkeiten auswählen, von "Wild Wendy" bis "Frigid Farrah". Das männliche Pendant ist Rocky. Beide kann man über die Website des Anbieters ordern. Anbieter wie Abyss Creations und Doll Sweet versuchen sich an lebensechten Liebespuppen, deren Haut und Fleisch haptisch überzeugen sollen.

In der Gebrauchsanweisung eines niedlichen humanoiden Roboters namens Pepper heißt es, Benutzer dürften keine sexuellen Handlungen an ihm vornehmen. Andernfalls drohten Strafen, wie Neues Deutschland berichtete; es werde allerdings nicht erwähnt, um welche genau es sich handelt, ebenso wenig wie geklärt werde, wie der Hersteller sexuelle Handlungen mit dem Roboter aufdecken will.

Das Beispiel verdeutlicht, dass es keinen Sexroboter braucht, um Sex mit einem Roboter zu haben. Jeder zweite Serviceroboter dürfte für solche Zwecke interessant sein, und jeder dritte Industrieroboter. Die SoftBank Mobile Corp. - die zusammen mit Aldebaran Robotics SAS aus Frankreich den Roboter entwickelt hatte - ging laut Zeitung mit ihrer Warnung noch weiter und über den Körper hinaus. Es seien Manipulationen der Software verboten, mit denen Pepper eine erotische Stimme verliehen werden könnte.

In einem Buch mit dem Titel "Machine Medical Ethics", erschienen bei Springer im Jahre 2015, habe ich - in meinem Beitrag "Surgical, Therapeutic, Nursing and Sex Robots in Machine and Information Ethics" - ethische Fragen mit Blick auf Sexroboter formuliert, die ich hier, nach kurzen Erklärungen zur Maschinenethik und zu den Bereichsethiken, die sich in Varianten in verschiedenen Publikationen finden, wiederholen und ergänzen möchte.

Die Informationsethik hat die Moral (in) der Informationsgesellschaft zum Gegenstand. Sie untersucht, wie wir uns, Informations- und Kommunikationstechnologien und digitale Medien anbietend und nutzend, in moralischer Hinsicht verhalten bzw. verhalten sollen. Die Technikethik bezieht sich auf moralische Fragen des Technik- und Technologieeinsatzes. Es kann um die Technik von Fahrzeugen oder Waffen ebenso gehen wie um die Nanotechnologie. Die Übergänge zur Informationsethik sind heute fließend.

Die Medizinethik untersucht das moralische Denken und Verhalten in Bezug auf die Behandlung menschlicher Krankheit und die Förderung menschlicher Gesundheit und fragt nach dem moralisch Gewünschten und Gesollten im Umgang mit menschlicher Krankheit und Gesundheit. Die Wirtschaftsethik beschäftigt sich mit der Moral in der Wirtschaft und der Wirtschaft. Dabei ist der Mensch im Blick, der ökonomische Interessen hat, der produziert, handelt, führt und ausführt sowie konsumiert, und das Unternehmen, das Verantwortung gegenüber Mitarbeitern, Kunden und Umwelt trägt. Die genannten Bereichsethiken gehören zur Menschenethik.

Die Maschinenethik hat die Moral von Maschinen zum Gegenstand, vor allem von (teil-)autonomen Systemen wie Agenten, bestimmten Robotern, bestimmten Drohnen und selbstständig fahrenden Autos. Sie kann innerhalb von Informations- und Technikethik eingeordnet oder als Pendant zur Menschenethik angesehen werden.

Zunächst stelle ich allgemeine maschinenethische Fragen, welche die Moral des Sexroboters und die Art seiner Entscheidungen betreffen:

  • Soll der Sexroboter über moralische Fähigkeiten verfügen, und wenn ja, über welche?
  • Soll er nur vorgegebenen Regeln gehorchen (Pflichtethik) oder auch die Folgen seines Handelns (Folgenethik) abschätzen und seine Entscheidungen abwägen können?
  • Kommen weitere normative Modelle in Frage, etwa die Tugendethik oder die Vertragstheorie?
  • Wie hoch soll der Grad der Autonomie sein?

Weiter können speziellere Fragen aus der Perspektive der Maschinenethik aufgeworfen werden, wobei Robotik, Informatik und Künstliche Intelligenz - die an der Maschinenethik beteiligt bzw. mit ihr verwandt sind - einbezogen werden können:

  • Soll der Roboter selbst aktiv werden und die Partnerin bzw. den Partner zum Sex bewegen?
  • Soll er sich unter bestimmten Voraussetzungen weigern können, einen Akt zu vollziehen?
  • Soll der Sexroboter Gefühle bzw. einen Orgasmus vortäuschen?
  • Soll er gegenüber Partnerinnen und Partnern betonen, dass er nur eine Maschine ist?
  • Soll er Partnerinnen und Partner mithilfe eines V-Effekts aus der Illusionierung reißen, vor, während oder nach einer sexuellen Handlung?
  • Sollte die Gestaltung bzw. Umsetzung moralischen Kriterien genügen, etwa ein kindlicher Sexroboter verpönt sein?
  • Sollten ganz neuartige Möglichkeiten zur Stimulation und Anregung vorhanden oder die natürlichen Gegebenheiten das Vorbild sein?

Weitere Herausforderungen ergeben sich aus der Perspektive der Bereichsethiken, aus Informations-, Technik-, Medizin- und Wirtschaftsethik sowie aus der Sexualethik heraus:

  • Wie verfährt man mit Daten, die der Roboter sammelt und auswertet, um die Bedürfnisse der Partner noch besser zu befriedigen?
  • Wer haftet bei Verletzungen und Ansteckungen, die durch den Gebrauch der Maschinen verursacht werden?
  • Wie geht man mit Verunsicherung und Scham um, die durch den Roboter hervorgerufen werden?
  • Ist der Roboter ein Ersatz oder eine Ergänzung menschlicher Liebespartner?
  • Ist Robotersex ein Zeichen der Verrohung und verstärkt er den Eindruck, ein Sexualpartner müsse immer verfügbar sein?
  • Ist er ein Zeichen der Zivilisierung und fördert er die Vorstellung, ein Sexualpartner müsse nicht immer verfügbar sein?
  • Ist der Sexroboter eine Entlastung oder Belastung für Sexarbeiterinnen und -arbeiter?
  • Sollte man die Roboter überall kaufen können, etwa in Supermärkten und in Warenhäusern?
  • Sollte man sie überall nutzen können, zumindest dort, wo man üblicherweise sexuell aktiv ist?
  • Sollten Kinder und Jugendliche Zugang zu ihnen haben, und wenn ja, ab welchem Alter und unter welchen Umständen?

Bestimmte bereichsethische und rechtliche Fragen befinden sich in unmittelbarer Nähe. Es handelt sich insgesamt um ein sensibles Gebiet. Es könnten sich diejenigen zurückgesetzt fühlen, die durch einen Roboter substituiert werden, und diejenigen, die mit dem Roboter verkehren müssen, weil sie keine Wahl haben, aber auch diejenigen, die sich keinen leisten können. Sex mit Robotern wird für die einen auf der gleichen Stufe stehen wie Sex mit Tieren, die übrigens durch die "sex machines" entlastet werden, für die anderen eine lustvolle Bereicherung und ein langfristiger Beitrag zur Gesundheit sein.

Die für mich noch abstrakte Gruppe der Ethiker, die gegen Sexroboter vorgegangen ist, wurde für mich im März 2016 konkret. Ich war an der Stanford University, auf einem Symposium zur Maschinenethik. Ron Arkin vom Georgia Tech war anwesend, Benjamin Kuipers von der University of Michigan - und Peter Asaro aus New York, Luís Moniz Pereira aus Lissabon, Georgi Stojanov aus Paris. Pereira stellte eine Computersimulation vor, in der eine Prinzessin von einem Roboter gerettet wird, dessen Verhalten man beeinflussen kann und der einmal mehr, einmal weniger Opfer und Umwege in Kauf nimmt. In meinem Vortrag ging es nicht um Prinzessinnen, sondern um Frösche, die das Roboterauto nicht überfahren soll, und um Igel und Rehe.

An einem der drei Tage wurde uns Kathleen Richardson, Roboterethikerin an der De Montfort University in Leicester, per Videokonferenz zugeschaltet. Sie und Erik Billing, eigentlich gar kein Ethiker, sondern ein Informatiker von der University of Skövde in Schweden, hatten die "Campaign Against Sex Robots" ins Leben gerufen. Richardson trug mit sorgenvoller Miene ihre moralischen Bedenken in Bezug auf die mechanischen Liebesdienerinnen und -diener vor. Arkin fragte sie, wo die wissenschaftlichen Grundlagen dafür seien.

Die Moralphilosophie ist bekanntlich eine Disziplin, die strenge Methoden hat, sowohl eher harte als auch eher weiche, und man kann sich logisch, diskursiv, dialektisch, analogisch und transzendental ans Werk machen. Allgemeine ethische Begründungen blieben aber im Laufe der Session aus, und auch empirische Befunde kamen nicht ans Tageslicht. Später erzählte ein Mitarbeiter von Aldebaran Robotics SAS via Skype von Nao und Co. Sein ständiges Lachen in Paris führte zu einer gelösten Stimmung in Stanford, ohne dass von einer Seite das Poppen mit Pepper angesprochen wurde.

Der Aufruf gegen Kampfroboter, der dem Aufruf gegen Sexroboter vorangegangen war, erscheint mir sinnvoll, genauso wie eine Ächtung jener Maschinen. Im Falle der Maschinen, die uns verwöhnen und beglücken sollen, sind ethische und rechtliche Fragen zu diskutieren. Man kann Einschränkungen in Bezug auf die Entscheidungsfreiheit und das Erscheinungsbild der Sexroboter vorschlagen; man kann aber auch argumentieren, dass im geschützten Raum jede Phantasie ausgelebt werden darf, wenn niemand dabei Schaden erleidet. Letztlich dürfte nichts gegen eine gewisse Auswahl an Möglichkeiten sprechen, und jeder bzw. jede sollte für sich klären, ob ein Sexroboter richtig und gut für ihn oder sie ist.

  • Bendel, Oliver. Annotated Decision Trees for Simple Moral Machines. In: The 2016 AAAI Spring Symposium Series. AAAI Press, Palo Alto 2016. S. 195 - 201.
  • Bendel, Oliver. Sexroboter. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Springer Gabler, Wiesbaden 2015.
  • Bendel, Oliver. Surgical, Therapeutic, Nursing and Sex Robots in Machine and Information Ethics. In: van Rysewyk, Simon Peter; Pontier, Matthijs (Hrsg.). Machine Medical Ethics. Series: Intelligent Systems, Control and Automation: Science and Engineering. Springer, Berlin, New York 2015. S. 17 - 32.
  • Bendel, Oliver. Wirtschaftliche und technische Implikationen der Maschinenethik. In: Die Betriebswirtschaft, 4/2014. S. 237 - 248.
  • Bendel, Oliver. Maschinenethik. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Springer Gabler, Wiesbaden 2012.
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