"Die Situation im Gaza-Streifen könnte gegenwärtig nicht schlimmer sein"

Ruinen in Beit Hanoun, August 2014. Bild: B'Tselem/CC-BY-SA-4.0

Der jüdisch-amerikanische Journalist und Autor Max Blumenthal, der die Zerstörung in Gaza hautnah erlebte, über den Krieg und die Situation der Palästinenser

Vor rund einem Jahr fand der letzten große israelische Angriff auf den Gaza-Streifen statt. Wiederaufgebaut wurde seitdem nichts. Zum gleichen Zeitpunkt droht die Situation im Westjordanland sowie in Ostjerusalem ein weiteres Mal zu eskalieren. Und auch der nächste Angriff auf Gaza steht bevor. Der jüdisch-amerikanische Journalist und Autor Max Blumenthal erlebte die Zerstörung in Gaza hautnah. Blumenthal, Sohn des ehemaligen Clinton-Beraters Sidney Blumenthal, beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit den Ereignissen im Nahen Osten und ist für seine kritische Haltung gegenüber der israelischen Politik bekannt. Vor Kurzem veröffentlichte er sein Buch "The 51 Day War", in dem er seine Erlebnisse schildert und ein deprimierendes Bild von der Realität vor Ort zeichnete.

Laut der offiziellen Version dauerte der letzte Krieg im Gaza-Streifen im Sommer 2014 fünfzig Tage. Warum heißt Ihr Buch "Der 51-tägige Krieg"?
Max Blumenthal: Der letzte israelische Angriff auf den Gaza-Streifen begann de facto am 7. Juli 2014. Dabei wurden Einrichtungen der Hamas angegriffen und mehrere ihrer Militärs getötet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Hamas keine Raketenangriffe auf Israel genehmigt. Demnach begann der Krieg mit jenem Tag, an dem Israel den Waffenstillstand, der seit 2012 in Kraft war, brach. Deshalb fand der Krieg insgesamt einundfünfzig Tage statt.
Was waren die prägendsten Dinge, die Sie im Gaza-Streifen erlebt haben?
Max Blumenthal: Ich befand mich im Gaza-Streifen während eines fünftägigen Waffenstillstandes, der während der finalen Phase des Krieges erklärt wurde. Dadurch konnte ich intensive Interviews mit jenen Menschen führen, welche die schlimmsten Zerstörungen überlebt hatten.
Ich wurde sehr respektvoll behandelt und erlebte eine wundervolle Gastfreundschaft von Menschen, deren Häuser nahezu komplett oder vollständig zerstört waren und deren Freunde und Verwandte vor ihren Augen getötet wurden. Diese Erfahrungen stimmten mich zum gleichen Zeitpunkt sowohl traurig als auch glücklich und hoffnungsvoll. Als die israelischen Bombardements fortgesetzt wurden, hatte ich das sehr intensive Gefühl, dass ich im nächsten Augenblick via Knopfdruck von einer Drohne getötet werden könnte. Das war ein fürchterliches Gefühl.
Laut dem UN-Bericht, der einige Monate später veröffentlicht wurde, sind beide Seiten - sowohl die Hamas als auch das israelische Militär - für Kriegsverbrechen verantwortlich und haben gegen Internationales Recht verstoßen. Teilen Sie diese Meinung und stimmt es mit dem überein, was Sie und andere vor Ort erlebt haben?
Max Blumenthal: Sowohl der UN-Bericht als auch die Berichte von Amnesty International und Human Rights Watch basieren nicht auf die Prämisse, dass die Palästinenser sich gegen eine Besatzung wehren. Dieser Besatzungsstatus, den Israel weiterhin illegal fortführt, gewährt den Palästinensern unter Internationalem Recht gewisse Verteidigungsrechte. Abgesehen davon beachten weder die UN noch die etablierten Menschenrechtsorganisationen die Tatsache, dass die palästinensischen Gruppierungen im Gaza-Streifen mit rudimentären, eigenhändig gebauten Waffen vorgehen, mit denen auf militärische Einrichtungen Israels gar nicht gezielt werden kann.
Wer beide Seiten gleichermaßen für Kriegsverbrechen verantwortlich macht, konstruiert ein falsches Bild der Realität, von dem hauptsächlich die israelische Seite profitiert. Die Fakten sprechen jedoch für sich: Während des 51-tägigen Krieges wurden 75 israelische Staatsbürger von Palästinensern getötet, 68 von ihnen waren Soldaten, die im Gaza-Streifen einmarschiert sind. Währenddessen wurden 2.200 Palästinenser getötet, die absolute Mehrheit davon waren unbewaffnete Zivilisten einschließlich 551 Kinder.
Die Zerstörung des Gaza-Streifens war kaum zu beschreiben. Wie ist die gegenwärtige Lage vor Ort? Fanden irgendwelche Wiederaufbauarbeiten statt?
Max Blumenthal: 18.000 Häuser wurden vollständig zerstört, 100.000 Menschen wurden obdachlos gemacht und was auch immer es noch zu wirtschaften gab, wurde vernichtet. Jeglicher Wiederaufbau, der stattgefunden hat, ist sehr minimal und fasst kaum das gesamte Ausmaß dieser humanitären Katastrophe auf.
Der Direktor von ANERA, einer führenden Hilfsorganisation, sagte mir, dass die Israelis eine Schuhspende, die für kleine Kinder gedacht war, überprüfen wollten, weil man befürchtete, die Schuhe könnten für militärische Zwecke missbraucht werden. Die israelische Seite macht alles, was in ihrer Macht steht, um Hilfsgüter zu beschlagnahmen oder einen Wiederaufbau zu verhindern. Auch Ägypten hat seinen Beitrag dazu geleistet, indem es jene Tunnel, die für den Import von Hilfsgütern benutzt wurden, geflutet hat.
Die Situation im Gaza-Streifen könnte gegenwärtig nicht schlimmer sein. Dies erkennt man unter anderem an der Erhöhung der Selbstmordrate. Immer mehr Kinder und Jugendliche nehmen sich das Leben. Dies ist ein deutliches Zeichen, wie sehr die Gesellschaft von außen zerstört wird.
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