Die Software-Rebellen

Gleich drei neue Bücher liefern Futter für alle, die tiefer in die Geschichte der Freeware-Bewegung, von Linux und der Open-Source-Gemeinde einsteigen wollen

Das Phänomen Linux und die dahinter liegenden Modelle von freier, im offenen Quellcode vorliegender Software erfahren immer stärkeres Interesse. Nicht selten wird die Open-Source-Gemeinde als wichtigste Kraft im Kampf gegen Microsoft und die Monopolisierung von Wissen allgemein gefeiert, die zugleich ein neues, auf Tausch und Kooperation beruhendes Wirtschaftsmodell begründet. Zwei Bücher rund um die Code-Rebellen liegen nun in deutscher Übersetzung vor: Peter Wayners "Kostenlos und überlegen" konzentriert sich vor allem auf die politischen und wirtschaftlichen Aspekte der Freeware-Revolution, während Glyn Moody sich in "Die Software-Rebellen" auf die Geschichte von Linux versteift. Im Juli erscheint dann mit "Just for Fun" die "Biographie" von Linus Torvalds, die der Kernel-Meister selbst zusammen mit dem Journalisten David Diamond geschrieben hat.

"Ist das nicht eine wunderbare Geschichte: Ein paar Leute beginnen, über das Netz coole Software auszutauschen, und merken bald, dass dabei bessere Software herauskommt als in millionenschweren Unternehmen".

Im Prinzip umreißt Peter Wayner in zwei Sätzen im ersten Kapitel seines Werkes über die Free-Software-Bewegung "Kostenlos und überlegen" (im Original: Free for All) bereits alles, was er auf den restlichen 350 Seiten ausbreitet. Doch die Hintergründe und Anekdoten, mit der der Informatiker und New-York-Times-Autor Wayner seine Story anreichert, sind es wert, tiefer in die von ihm beschriebene Welt des offenen Quellcodes und ihrer politischen Grabenkämpfe einzusteigen.

Was im Frust einiger Programmierer über Knebellizenzen und Geheimhaltungsvereinbarungen rund um immer undurchsichtiger werdende Software begann und im frei verfügbaren Betriebssystem Linux seinen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat, erschreckt heute niemand mehr als Bill Gates und seine bisher die Rechnerwelt beherrschende Firma Microsoft. Das zeigte sich kürzlich erst wieder, als der Microsoft-Manager Craig Mundie Open Source just als Innovationshemmnis abzukanzeln versuchte (Microsoft: Open Source behindert den Fortschritt). Allerdings kam kurz darauf die Medlung, dass Bill Gates Open Source mag

Das Software-Universum, das Wayner auf eine auch für die Eltern der Generation @ verständliche Weise beschreibt, ist ein geteiltes Terrain. Auf der einen Seite die Konzerne mit ihren Armeen von Anwälten, Lobbyisten und Verkäufern mit Geld für Patente und Gerichtsverfahren. Diese Menschen im Anzug führen nur selten Gutes im Schilde. Auf der anderen Seite findet sich, so Wayner "eine Horde von Typen, die einfach gerne mit Computern herumspielen und alles daran setzen werden, es diesen Krawattenträgern zu zeigen." Das sind Individualisten in T-Shirts und Jeans, technische Zauberer - zum Teil tatsächlich mit den vom Klischee verlangten langen Haaren und dunklen Rauschebärten. Sie lassen sich die Gängelung durch Unternehmen nicht mehr gefallen und streben ganz im Sinne der amerikanischen Gründerväter oder der Wikinger nach Freiheit.

Normalerweise ändert der Stellungskrieg zwischen beiden Lagern an der etablierten Ordnung nur wenig. Doch im Bereich der Bits und Programmzeilen gelten die Regeln der materiellen Welt nicht. "Software ist etwas anderes als Autos oder Hamburger", macht Wayner klar. Ist der Quellcode einmal geschrieben, kostet es kaum noch etwas, ihn zu kopieren und zu verteilen. Das macht es für die Bastler wesentlich einfacher, "weltweit Wirkung zu zeitigen". Denn wenn die Freaks "zufällig das Glück haben, etwas besseres als Microsoft zu erfinden, kann die übrige Welt ihre Erfindung nahezu gratis mitbenutzen". Das macht die Code-Rebellen zu einer "ernstzunehmenden Bedrohung" für traditionelle Software-Konzerne, deren Haupteinnahmequelle im Verkauf von Lizenzen besteht.

Ob ein Einzelner oder eine Million Leute eine Computerdatei lesen, hat kaum Einfluss auf ihre Grenzkosten. Sie gemeinsam zu nutzen ist preiswert, weshalb es Sinn macht, all ihre Vorteile auszunutzen. Wir sind gerade dabei zu lernen, wie man die niedrigen Kosten einer weit verzweigten Kooperation nutzt.

Peter Wayner

Frei verfügbarer Code hat für viele der Software-Rebellen eine politische Botschaft: er wird gerade von den Programmierern in den USA als Akt der freien Meinungsäußerung verstanden. Dass freie Software vor allem eine Sache der Moral ist und es sich dabei nicht immer um eine Frage von kostenlos handelt, vertritt der Gründer der Free Software Foundation, Richard Stallman. Der verkörpert laut Wayner den "Hacker in Reinkultur". Der Begriff Hacker hatte ursprünglich nichts mit dem Einbrechen in Computersysteme zu tun, sondern war ein Ehrentitel für alle, die gern guten Code schrieben und lange vorm Rechner saßen.

Stallman hat Ende der 70er die Anfangszeiten der Computerrevolution miterlebt. Damals war es üblich, Programme samt Quellcode unumschränkt untereinander auszutauschen. Doch als die ersten Firmen 1984 begannen, Software stärker zu kontrollieren und nur noch in maschinenlesbarer Form zu verkaufen, spielte Stallman nicht mit. Er startete, so Wayner, sein "groß angelegtes Projekt zur 'Befreiung' des Quellcodes", das er GNU (steht für: GNU is not Unix) taufte, um sich vom kommerziellen Betriebssystem Unix abzusetzen.

Mit der General Purpose License (GPL) schaffte Stallman das rechtliche Fundament der Freeware-Welt. Damit gelang ihm ein das Copyright zwar erhaltender, aber es letztlich ins Gegenteil ("Copyleft") verkehrender Schachzug, da jeder den darunter gefassten Code verwenden darf - gleichzeitig aber eventuelle Änderungen bei der Weitergabe in das Projekt zurückfließen lassen und seine Verbesserungen ebenfalls unter die GPL stellen muss.

Für Wayner ist die GPL ein überaus wichtiges Vermächtnis, ein geradezu religiöses Werk. Er kommt in Schwärmen, wenn er über die Vorzüge des juristischen Dokuments spricht: Es legt für ihn den Grundstock zu einer "starken, transzendenten Form der Liebe" und sorgt für Verantwortungsgefühl und gegenseitigen Respekt:

"Die Freie Software Bewegung verfügt möglicherweise nicht über die finanziellen Mittel, dafür aber über die nötige Liebe, um Berge zu versetzen."

Doch Wayner verheimlicht nicht, dass Stallman und seine GPL nicht von allen innig geliebt werden. Der Vater der Bewegung, so berichtet er, "war schon immer ein Haarspalter von jesuitischem Format." Denn die GNU-Lizenz legt Programmierern letztlich auch "goldene Handschellen" an, da jeder, der sich bei GNU-Software bedient, bei der Weiterverteilung seine Arbeit auch als Freeware veröffentlichen muss.

Stallman versuchte der Kritik zu begegnen, indem die auch als "Lesser GPL" bezeichnete "Library General Public License" entwickelte - eine Version, die Programmierern erlaubte, kleine Ausschnitte des Codes unter weniger restriktiven Bedingungen zu nutzen. Doch einigen Software-Autoren gehen diese Zugeständnisse nicht weit genug. "Sie laufen weiter Sturm gegen Stallmans Definition von Freiheit und bezeichnen die GPL als faschistisch, weil sie jedem nachfolgenden Programmierer angeblich seine Rechte nimmt. Frei bedeutet für sie auch das Recht zur Geheimhaltung aller vorgenommenen Modifikationen", so Wayner.

Die Gegner der GPL bedienen sich daher lieber der BSD-Lizenz. Die Berkeley Software Distribution (BSD) ist eine Unix-Variante, die von einer Gruppe von Studenten und Professoren an der kalifornischen Berkeley-Universität programmiert wurde und sich nach einem langjährigen Rechtsstreit mit der Telefongesellschaft AT&T, die sich als Hüterin des wahren und reinen Unix fühlte, in zahlreiche Versionen wie NetBSD, OpenBSD oder FreeBSD aufspaltete. BSD erschien zusammen mit einer freien Lizenz, die jedem das Recht auf freie Nutzung einschließlich Firmengründung, Programmmodifikation und Weitervertrieb des gesamten Pakets einräumte. Die einzige Verpflichtung bestand darin, dass der User den Coopyright-Vermerk unbeschädigt lassen und anfangs die Universität im Handbuch und bei Werbemaßnahmen dankend erwähnen musste.

Noch heute, so Wayner, "steht die Debatte 'GNU oder BSD' am Beginn vieler Freeware-Projekte. Freiheit mit Verpflichtungen oder absolute Freiheit ist die Frage. "Die Spannungen zwischen BSD und GNU hatten stets einen ähnlich schwelenden Charakter wie die Abtreibungsdebatte" - bis 1998 in der Community die "Open-Source"-Idee geboren wurde, die beide Lager wieder zusammenführen sollte.

Wie es zur Geburt des neuen Begriffs kam, ist im 1999 erschienenen Buch "Open Sources. Voices from the Open Source Revolution" beschrieben (Die Stimmen der Revolutionäre). Die neue Definition, erläutert Wayner, "vertuschte die Differenzen zwischen BSD und GNU mit den Worten: Die Lizenz muss Modifikationen und Weiterverwendung in anderen Programmen zulassen und deren Vertreib unter den gleichen Bedingungen wie die Lizenz der Originalsoftware erlauben.'"

Wayner lässt keinen Zweifel daran, dass Stallman für ihn der eigentlich Guru der Bewegung ist. Aber natürlich stellt er dem Leser mit Linus Torvalds auch einen anderen Helden des offenen Quellcodes vor, der als Erfinder von Linux für die Medien längst der eigentliche Star ist und mit seinem auf GNU-Software aufbauendem Betriebssystem die Unternehmenswelt erobert hat. Mit Eric Raymond fehlt auch der "Hausphilosoph" der Bewegung nicht. Der versorgte die Szene schließlich mit Mythen wie dem "Linus-Gesetz", demnach im offenen Quellcode Fehler keine Chance haben, da tausend Augen über ihn wachen. Außerdem propagierte er den Begriff "Open Source", um den vermeintlich kommunistischen Beigeschmack von Stallmans "Free Software" zu tilgen und auch konservativen Geschäftsleute auf den Geschmack zu bringen.

Dass die "Hacker" und ihre Offenheit letztlich gegenüber der geschlossenen Scheinwelt der schön verpackten Software siegen werden, ist Wayners eindeutige Prognose, fast schon sein Plädoyer. Konzerne wie IBM, Apple, Sun und Hewlett-Packard sieht er als Mitstreiter, da sie sich dem Joch Microsofts entziehen möchten. Als "folgenreichste Veränderung" der Freeware-Revolution bezeichnet der Branchenkenner denn auch die Verschiebung im Machtgefüge zwischen Hard- und Softwarefirmen.

Der "Krieg" gegen Microsoft werde allerdings "wesentlich mehr Blut und Geld kosten, als man heute erwartet". Vor allem Softwarepatente könnten den Freiheitskämpfern zur Gefahr werden. Doch Linux und andere freie Software ist laut Wayner proprietären Entwicklungen einfach überlegen - und fast kostenlos. Zudem werde der Zugang zum Quellcode immer wichtiger, je komplexer Computer würden und je stärker sich Mensch und Maschine einander annäherten.

Am Ende ist die völlige Freiheit zum Tauschen, Überarbeiten, Erweitern und Verbessern von Quellcode, mit der die Freeware lockt, eben doch eine mächtige Droge.

Peter Wayner

Auch auf die Frage, warum Firmen überhaupt ihren Quellcode und damit letztlich ihr Erfolgsrezept verschenken, weiß Wayner eine Antwort. Softwareprogramme sind für ihn tatsächlich nichts anderes als Rezepte - und die halten Restaurants auch nicht mehr geheim. "Was Küchenchefs früher wie ihren Augapfel hüteten, wird heute zu Werbezwecken an möglichst viele Illustrierten weitergegeben." Diese Form kostenloser Reklame ist, so Wayner, wertvoller als der Verlust durch mögliche Nachkocher. Restaurantbesitzer wie Softwareköche hätten erkannt, dass Ambiente, Service und Qualität wichtiger sind als ausgefallene Rezepte. Software habe sich in einen "spottbilligen Rohstoff" verwandelt, an dem man nur noch durch individuellen Zuschnitt und Serviceleistungen verdienen kann.

Der Gedanke von Freeware und das Prinzip des offenen Quellcode zeigen so laut Wayner sogar "erste Auswirkungen auf die Weltpolitik. ... Jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt Linux, FreeBSD oder OpenBSD auf einem PC installiert werden, fließen ein paar Dollar nicht nach Seattle." Warum auch, fragt sich der kämpferische Autor, "sollte ein Land sein ganzes Geld nach Redmond, Washington, schicken, wenn es genauso gut eine lokale Freeware-Initiative unterstützten kann, die mit einem kostenlosen Betriebssystem arbeitet? Wahrscheinlich ist für jeden Staat außerhalb den USA die Installation eines kostenlosen Betriebssystems eine nachgerade patriotische Geste."

Wayner erzählt den Stoff für die Leinwand bietenden Kampf zweier Welten in Form von 21 Geschichten rund um Konzepte wie "Die Schlacht" oder "T-Shirts", die in sich weitgehend abgeschlossen sind. Das hat den Vorteil, dass der Leser einfach reinspringen kann und trotzdem mitkommt. Dafür sorgt auch Wayners Gabe, komplexe technische Sachverhalte durch anschauliche Vergleiche zu erklären. So lässt Wayner den Leser nicht lange raten, was ein "Kernel" so treibt: Das "ist für den Computer eine Art Kombination von Postzentrale, Kesselhaus, Küche und Bügelzimmer".

Die episodenhafte Ausrichtung kann allerdings auch dazu führen, dass alle, die von Deckel zu Deckel lesen, auf Sachverhalte stoßen, die ihnen im Kapitel davor schon einmal ausführlich erklärt worden sind. Teilweise schlampig: die Übersetzung. Da werden aus "Flame Wars", den über Mailinglisten ausgetragenen Attacken, "Flammenkriege". Und Stallman, der Übervater der Bewegung, wird fast ausschließlich falsch, aber gut deutsch, mit doppeltem "n" geschrieben. Phil Zimmermann, dem Erfinder der auch im offenen Quellcode verfügbaren Verschlüsselungssoftware PGP, streichen die Übersetzer dagegen den Doppelkonsonant am Ende.

Bleibt nur die Frage, warum Wayner sein Buch nicht als "Open Content" unter der GPL ins Netz gestellt hat und überhaupt Geld dafür verlangt. Da er damit schon öfters konfrontiert wurde, finden sich seine Argumente auf einer eigenen Webpage zusammengefasst. Zum einen sei er nicht reich und habe kein Wagniskapital erhalten wie viele Softwareprogrammierer, schreibt er da. Zum anderen sieht er auch wenig Sinn darin, dass jeder Möchtegern-Autor an einem gut recherchierten Buch weiter schreiben oder Fakten verändern kann. Text, so lernen wir, ist eben doch etwas anderes als Code.

Während Linux beziehungsweise Linus bei Wayner letztlich eine Nebenrolle spielen, stehen sie bei zwei anderen Bänden ganz im Vordergrund. Der Londoner Journalist Glyn Moody fokussiert in seinem Buch über die "Software-Rebellen" (im Original: The Rebel Code) klar und detailreich auf die Evolution von Linux. Dazu hat er zahlreiche Emails von der ursprünglichen Entwicklerliste mit großer Passion ausgegraben und in seinem 460 Seiten langen Werk archiviert. Wer schon immer wissen wollte, wann Torvalds welche Funktion dem Kernel hinzufügte, für den ist Moodys Buch eine wahre Fundgrube. Auch die Kontrollkämpfe rund um Linux schildert der Autor sehr genau. Wichtige Figuren der Bewegung wie Alan Cox oder Jon "Maddog" Hall, die Wayners Welt bereichern, fehlen bei Moody allerdings ganz oder führen ein Schattendasein.

"Just for Fun" wiederum bietet eine Ergänzung für alle, die auf die persönlichen Worte des Linux-Meister schwören. Da sich Torvalds selbst als weitgehend unpolitisch bezeichnet, sucht man in seinem Werk tiefere Hintergründe vergeblich. Dafür erklärt der Pinguin-Freund seinen Lesern den Reiz des Programmierens: "Er ergibt sich ganz einfach aus der Tatsache, dass der Computer das tut, was du ihm sagst."

Außerdem erfahren wir in dem im Vergleich mit den anderen beiden Büchern eher dünnen Werk viel über die Jugend des eher zufälligen Revolutionärs sowie über sein Leben im Silicon Valley. Dort scheint die Sonne zwar oft, kostet ein anständiges Haus aber auch mal schnell seine 5 Millionen Dollar, wie Torvalds verwundert feststellt. Der Ko-Autor David Diamond rundet die Insider-Geschichte mit distanzierteren Passagen ab, in denen er beispielsweise über die linksliberale Einstellung Torvalds' Eltern zu berichten weiß.

Peter Wayner (2001): Kostenlos und überlegen. Wie Linux und andere freie Software Microsoft das Fürchten lehren. Stuttgart/München (DVA), 356 Seiten, DM 49,80

Glyn Moody (2001): Die Software-Rebellen. Die Erfolgsstory von Linus Torvalds und Linux. Landsberg am Lech (Verlag Moderne Industrie), 464 Seiten, DM 59

Linus Torvalds und David Diamond: Just for Fun. Wie ein Freak die Computerwelt revolutioniert. München/Wien (Carl Hanser), 240 Seiten, DM 39,80

Kommentare lesen (3 Beiträge)
Anzeige