Die "Soldaten Odins" und das Sicherheitsgefühl der Esten

Die Bürgerwehr versteht sich als "Präventivmaßnahme", selbst der Konflikt mit Russland spielt eine Rolle

Die "Soldaten Odins" patrouillieren nun auch in Estlands Straßen - Männer in schwarzen Jacken mit Wikinger-Symbol auf dem Rücken stapfen seit Freitag durch die verschneiten Gassen der Hauptstadt Tallin. Die Idee für eine Bürgerwehr, die unter dem germanischen Schutzpatron Wohngegenden vor möglichen Übergriffen von Asylsuchenden schützen soll, wurde im Dezember in Finnland gegründet und fand Nachahmer in mehreren nordeuropäischen Ländern.

In Estland treten die "Soldiers of Odin", wie sie länderübergreifend auf Englisch heißen, besonders martialisch auf: "Wir gehen bis zum Letzten", so die Ankündigung der Anführer Indrek Olm und Danel Puuder gegenüber dem estnischen Fernsehsender Kanal 2. Auch Mitglieder der Freiwilligenarmee seien darunter.

Flüchtlinge sind für sie "Parasiten", die auf Kosten der Steuerzahler leben. In der vergangenen Woche hat sich die Gruppe zum ersten Mal getroffen, auch ehemalige Straftäter würden nach eigenen Angaben aufgenommen werden. Dabei hat sich das Land mit gerade mal etwas mehr als einer Million Einwohner innerhalb der EU-Vereinbarung nur auf die Aufnahme von 550 Flüchtlingen festlegen lassen, die nun in Estland eintreffen.

Die "Soldiers of Odin" verteidigen ihre Patrouille als "Präventivmaßnahmen". Doch die Ängste vor allem vor Muslimen in dem kleinen baltischen Land scheinen akut zu sein. Im vergangenen Jahr brannte schon in dem Dorf Vao das einzige Flüchtlingsheim des Landes. Sozialminister Margus Tsahkna hat nach Berichten der Zeitung Postimees große Schwierigkeiten, in den Kommunen Unterkünfte zu finden.

Die Esten, lange von Fremdherrschaft bestimmt, haben nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion hohe Integrationsforderungen an die russische Minderheit gerichtet und stellen die nationale Identität in den Vordergrund. Das Aufkommen von Odins Soldaten, obwohl bislang nur mit 70 Mitgliedern auf der Straße, aber mit mehreren tausend Facebook-Freunden und vielen Anhängern in den Kommentarspalten der Zeitungen wird darum auch innerhalb der Regierung breit diskutiert.

"Solche eigenmächtig agierenden Banden erhöhen nicht das Sicherheitsgefühl der Esten, sondern erreichen das Gegenteil", erklärt der konservative Ministerpräsident Taavi Roeivas, der sich zudem um Touristen und ausländische Studenten sorgt. Auch im Verteidigungsministerium ist man nicht begeistert

In der Küstenstadt Tønsberg patrouillierte die selbsternannte Bürgerwehr am vergangenen Wochenende zum ersten Mal durch eine norwegische Stadt, einige der 14 Mitglieder sollen einen rechtsradikalen Hintergrund haben, so die Zeitung "Tønsbergs Blad". Die Bürgerwehr stieß nach Medienberichten vor allem auf ablehnende Reaktionen so die Medien. Viele der finnischen Odin-Anhänger, die bereits in mehreren Städten präsent sind, sollen Wurzeln in nationalistischen Gruppen haben. Mitglieder der Organisation streiten dies ab.

Der Ton gegenüber Flüchtlingen ist in Finnland rauer geworden. Das Land plant 20.000 von 32.000 Asylsuchenden abschieben zu wollen. Zudem ist die einwanderungsskeptische Partei "Die Finnen" an der Regierung beteiligt, einige Parlamentsmitglieder rufen bereits zu Bürgerwehren im ganzen Land auf. H

Estlands konservativ-liberale Regierung ist in dieser Frage um moderatere Töne bemüht. Um eine Auseinandersetzung kommt sie aber nicht herum - zum Unabhängigkeitstag am 24. Februar wollen die Soldaten Odins eine Parade abhalten.

Angeblich sind bei den Patrouillen auch russischstämmige Esten beteiligt, durch den gemeinsamen Feind könne man so die Teilung des Landes besser überwinden.

Die liberale Zeitung "Eesti Pävaleht" sieht jedoch gerade in einer Verbindung mit Russland eine Gefahr ganz anderer Art. Die neue Bürgerwehr sei eine "Büchse der Pandora". "Wenn wir diese Odinsoldaten-Patrouillen erlauben, wie könnten wir dann verhindern, dass der Nachbar hier eine Fünfte Kolonne bildet? Aus der Bürgerwehr könnten auf einmal "grüne Männchen" werden. Damit wird auf einen möglichen Einmarsch Russlands ähnlich wie auf der Krim oder in der Ostukraine angespielt.

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