Die Spaniermacher

Spanien will wegen seiner geringen Geburtenrate eine Million Nachkommen spanischer Emigranten ins Land locken

Das vergreisende Spanien sucht berichtet, bilden sich derzeit lange Schlangen vor den spanischen Konsulaten und Botschaften. Hintergrund ist eine Gesetzesänderung, die vielen die Möglichkeit zum Erwerb der spanischen Staatsangehörigkeit eröffnet. Erstmals wird auch denjenigen diese Möglichkeit eröffnet, die vor dem Militärputsch 1936 geflohen sind. Sie waren bei der Reform 1997 noch explizit ausgeschlossen worden.

Seit am 9. Januar ein neues Zivilrecht in Spanien in Kraft getreten ist, bilden sich vor den Vertretungen des Landes lange Schlangen. Vor allem in Ländern Lateinamerikas, besonders im krisengeschüttelten Argentinien, aber auch in Brasilien, Kolumbien und Venezuela, versuchen viele Menschen die spanische Staatsangehörigkeit zu bekommen, weil sie Nachkommen spanischer Emigranten sind. Wie die Zeitung El Pais am 9. Januar berichtete, wurden die Vertretungen des Landes um 45 Mitarbeiter verstärkt, um dem Ansturm gerecht werden zu können.

Das neue Zivilrecht, am 8. Oktober des vergangenen Jahres verabschiedet, öffnet die Tür für etwa eine Million Menschen, so schätzt die spanische Regierung. Es bietet denen die spanische Staatsangehörigkeit an, deren Eltern noch selbst in Spanien geboren wurden. Selbst Enkel können, allerdings mit Einschränkungen, wieder Spanier werden, müssen aber zuvor ein Jahr in Spanien gelebt haben. Je nach Handhabung muss deshalb mit mehreren Millionen neuen Spaniern gerechnet werden, schrieb auch das Außenministerium auf Anfrage der sozialistischen Opposition, denn "Spanien hat eine lange Tradition der Auswanderung".

Dabei kommt das Wort Exilanten nicht aus der Feder des Außenministeriums. Doch gerade unter den angesprochenen "Auswanderern" befinden sich viele Nachkommen derer, die vor dem Militärputsch 1936 geflohen sind. Die Erben des Franco-Regimes, die sich nach dem Ende der Diktatur in der regierenden Volkspartei (PP) gesammelt haben, hatten diese Gruppe noch bei der Reform des Zivilrechts 1997 explizit ausgeschlossen. Doch erst die Praxis wird zeigen, ob die Konservativen wirklich einen schwachen Schritt zur Aussöhnung gehen. Bisher weigert sich die PP von Ministerpräsident Jose Maria Aznar noch standhaft, den Putsch Francos zu verurteilen. Möglich ist durch das Gesetz nämlich auch, die Nachkommen der geflüchteten Republikaner auf bürokratischer Ebene noch stärker zu diskriminieren. Denn offiziell werden nun alle, die nicht die Staatsangehörigkeit haben, als "Ausländer" nach dem restriktiven Ausländergesetz angesehen.

Jedenfalls ist klar, dass Spanien, mit einer extrem niedrigen Geburtenrate, nun auf diesem Weg versucht die dringend notwendige Einwanderung nach ethnischen und rassistischen Kriterien zu lenken. Denn mit dem Angebot geht die verschärfte Ausweisung von anderen Einwanderern einher. So werden erneut die ohnehin harten Gesetze verschärft. So wurde nun sogar einem Einwanderer aus Marokko eine Arbeitserlaubnis verweigert, obwohl er seit 28 Jahren in Spanien lebt. Im April soll auch ein Visumzwang für Ecuadorianer eingeführt werden, entschied der zuständige Ausschuss des Europaparlaments am Dienstag auf Druck Spaniens. Nach Marokkanern stellen sie die zweitgrößte Gruppe von Einwanderern in Spanien dar und können bisher als Touristen einreisen.

Nur Einwanderer, die in der spanischen Armee dienen wollen, sollen einfach ins Land kommen oder bleiben dürfen. Nach dem Militärdienst in der neuen Berufarmee, für die sich kaum Spanier melden, winkt auch ohne spanische Eltern dann die Staatsangehörigkeit. (Ralf Streck)

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