Die Spekulanten ziehen sich zurück...

.. zumindest bis die Preise wieder steigen: Deutsche Finanzinstitute steigen aus dem Markt für Lebensmittelspekulation aus. Unklar ist, ob das am öffentlichen Druck liegt oder an der Preisentwicklung

Eine kürzlich von der Nichtregierungsorganisation (NGO) Oxfam vorgelegte Studie mit dem Titel: "Mit Essen spielt man nicht. Die deutsche Finanzbranche und das Geschäft mit dem Hunger" bringt es deutlich auf den Punkt. " Deutsche Finanzinstitute gehören zu den weltweit führenden Rohstoffspekulanten. […] Ihr Handeln ist zutiefst unethisch." Nun ist dieser Vorwurf weder neu noch aus der Luft gegriffen. Neu ist vielmehr die Reaktion vieler Spekulanten darauf.

Sowohl die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) als auch die Deka-Bank ziehen sich öffentlichkeitswirksam aus dem anrüchigen Geschäft mit dem Hunger in der Welt zurück. Auch die Commerzbank ließ Ende vergangenen Jahres verlauten, sie werde keine weiteren Finanzderivate auf die wichtigsten Grundnahrungsmittel emittieren. Allein die Deutsche Bank und die Allianz zeigen sich bislang nur mäßig beeindruckt durch die Vorwürfe von Oxfam und Foodwatch.

Dabei sind laut der genannten Studie gerade diese beiden Unternehmen die größten deutschen Investoren in diesem Bereich. So schätzt Oxfam, dass das Anlagevermögen in Agrarrohstoffe der Allianz-Investmenttochter Pimco 2011 bei etwa 6.2 Mrd. € lag. Das Anlagevermögen der Deutschen Bank lag in diesem Bereich bei geschätzten 4.5 Mrd. €. Beide Unternehmen hätten ihre Investitionen in den Jahren zwischen 2008 und 2011 mehr als vervierfacht. Zum Vergleich: Die sich nun aus diesem Markt zurückziehende LBBW kam 2011 auf nur 196 Mio. € Investitionskapital. Damit hielten allein die Allianz und die Deutsche Bank einen Anteil von 14 Prozent am globalen Markt.

Die Allianz selbst weist alle Vorwürfe zurück. So halte der Konzern weniger als ein Prozent seiner Anlagen in Nahrungsmittelderivaten und spekuliere darüber hinaus ja auch auf fallende Preise. Ein Argument, das nur auf den ersten Blick verfangen kann. Denn allein am Chicago Board of Trade (CBOT), der größten Agrarrohstoffbörse der Welt, hat sich das Volumen der Terminkontrakte in den Jahren zwischen 1986 und 2011 von 70.000 auf 700.000 verzehnfacht.

Diese Terminkontrakte stellen die Grundlage für die eingegangenen Wetten auf sinkende Preise dar. Dabei verkauft ein Spekulant, beispielsweise die Allianz, einem Händler zu einem bestimmten Datum eine bestimmte Menge an Weizen. Im Terminkontrakt wird festgelegt, wann der Weizen zu welchem Preis geliefert werden muss. Liegt der Preis für Weizen am Liefertermin niedriger, als im abgeschlossenen Terminkontrakt vereinbart ist, gewinnt der Verkäufer dieser Wette, da er nun den Weizen zu einem günstigen Preis einkaufen und, aufgrund des Terminkontraktes, teurer weiterverkaufen kann.

Liegt der Weizenpreis darüber verliert er seine Wette, weil er teuren Weizen deutlich billiger weiterverkaufen muss. Unabhängig davon also, ob ein Investor oder Spekulant auf sinkende oder steigende Preise wettet. Es gibt immer gleich viele Wetten auf die eine oder andere Preisentwicklung. Wer also auf sinkende Preise wettet, sorgt automatisch auch für eine Wette auf steigende Preise. Das Ergebnis solcher Wetten, unabhängig, ob nun auf sinkende oder auf steigende Preise gesetzt wird, ist jeweils das gleiche. Spekulative Wetten verzerren die betroffenen Märkte und sorgen für extrem volatile Preise, die sich letztendlich auch in steigenden Kosten der Endverbraucher niederschlagen.

Auch die Deutsche Bank wehrt sich gegen die Vorwürfe von Oxfam und Foodwatch. In einem Bericht der Bank vom März diesen Jahres heißt es: "Mit Besorgnis verfolgt auch die Deutsche Bank, dass immer wieder Menschen unter Nahrungsmittelknappheit leiden müssen."

Allerdings bestehe auch ein Streit unter den Experten, ob eine Spekulation auf Nahrungsmittel wirklich ursächlich für eine Preissteigerung sei. "Unsere Analyse zeigt, dass die steigenden Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe vor allem Folge einer steigenden Nachfrage sind, mit der das Angebot nicht Schritt halten kann." Grundsätzlich verteidige die Deutsche Bank den Handel mit Agrarrohstoffderivaten. Er ermögliche die Absicherung der Preise und reduziere damit die Preisschwankungen.

Für Oxfam und Foodwatch ist damit ein wesentlicher Punkt ihrer Initiative nicht erreicht. Denn zumindest die beiden größten deutschen Investoren im Agrarrohstoffsektor werden sich auch weiterhin an hochspekulativen Wetten auf Weizen, Sojabohnen oder Reis beteiligen. Und auch bei den anderen, nun "geläuterten" Spekulanten, wie der LBBW oder der Deka-Bank könnten über ihre moralischen Bedenken hinausgehende Überlegungen zu der Ausstiegsentscheidung beigetragen haben.

Denn die Preise für Lebensmittel gehen derzeit bergab. So kostet Weizen heute ein Drittel weniger, als vergangenes Jahr. Auch Kakao hat dieses Jahr wieder den Preis von 2008 erreicht. Die Entwicklung der Deka-Fonds, die im Lebensmittelbereich engagiert sind, sind dementsprechend - sie stehen heute schlechter da, als noch vor fünf Jahren.

Für die Initiative von Oxfam und Foodwatch heißt das möglicherweise: Sollten die Preise auf den Agrarmärkten wieder anziehen, ist es durchaus vorstellbar, dass die Finanzunternehmen, die sich derzeit so puplikumswirksam aus diesem anrüchigen Segment der Spekulation zurückziehen, dann erneut einsteigen. So sehr der Ausstieg der LBBW, der Deka-Bank oder der Commerzbank auch zu begrüßen ist, ob es ein wirklicher Ausstieg aus dem Geschäft mit dem Hunger der Dritten Welt ist oder nur ein zeitlich befristeter, wird sich erst noch zeigen müssen.

Denn eines ist bereits heute klar: Die Rohstoffbörsen sind und werden auch in der Zukunft ein Marktsegment bleiben, in dem innerhalb kürzester Zeit riesige Gewinne erzielt werden können. Es bleibt also abzuwarten, ob der Ausstieg von Dauer sein wird. (Ralf Heß)

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