Die Stadt, der Turm und die Schrift

Entdeckung der Statuette eines "Priesterfürsten" in einem Gefäß. Bild: Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung

Das mesopotamische Uruk schrieb Stadtgeschichte. Was bleibt?

Wo jetztund Städte stehn, wird eine Wiese sein / Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

So malte der Dichter Andreas Gryphius seinen barocken Zeitgenossen die Zukunft aus. Es kann aber auch ganz anders enden als mit einem bukolischen Schäfermotiv. Wir schlendern an warmen Sommertagen über die Fußgängerzone, kühlen im Wasser einer Brunnenanlage unser Füße, balancieren unsere Eiswaffel falsch aus und im Moment ihres Falls kommt uns die Vorstellung, wir sitzen zwischen Geröll und vegetationslosen Sanddünen. Keine Stadt mehr. Die Archäologen der Zukunft entdecken die Reste unseres Eises in der achtzehnten Grabungsschicht.

Die Prophezeiung, dass auch die Stadt, in der wir leben, verschwinden wird, ist keine Spekulation, es ist eine zeitlose Gewissheit. Die Gründung einer Stadt enthält meist schon die Bedingungen ihres Untergangs. Wir können mit den ältesten archäologischen Methoden oder den neuesten Geoinformationssystemen die Ursachen studieren, und doch wird wider unseres besseres Wissen das urbane Untergangsszenario immer wieder neu geschrieben. Eine Ausstellung rückt die Typologie und Topologie einer "Megacity" ins Bild, die vor 5.000 Jahren in ihrer Blüte stand, zur Zeitenwende in Bedeutungslosigkeit versunken war und heute ganz verdeckt ist: Uruk.1

Archaische Tontafel: Abrechnung über Getreideprodukte, ca. 3000 v.Chr. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Kein Garten wie im Alten Testament lag bei den Sumerern am Anfang, sondern eine Stadt. Ihr Gründer war Gilgamesch, der halbe Gott, der unter den Menschen wandelte. Wir wüssten nichts von ihm, wenn die Erzählung nicht aufgeschrieben worden wäre. Wir wüssten nicht seinen Namen, wenn er nicht in der "Königsliste" aufgeführt wäre. Der Name macht die Person, und die Schrift überliefert die Person den Nachkommen.

Aber Gilgamesch wäre nicht der Erste, wenn er nicht selbst die Schrift gegeben hätte, auf irdenen Trägern. Es war die Keilschrift auf Tontäfelchen. Die Mythologie stört sich nicht an Ungereimtheiten des Anfangs, auch nicht die christliche. Im Johannes-Evangelium heißt es ganz unvermittelt: "Im Anfang war das Wort."

Die urbane Welt wurde durch Zeichen und Bilder zusammengehalten

Eine Stadt wie Uruk im Schwemmland von Euphrat und Tigris war aber auch ganz real und musste mit ihren mehr als 40.000 Einwohnern in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. organisiert werden. Güter und Dienstleistungen mussten registriert und gezählt, Tauschakte besiegelt werden. In Ton wurden höchst rationale Verwaltungs- und Rechtsakte festgehalten. Der wachsenden Arbeitsteilung entsprach ein städtebauliches Gesamtkonzept. Paläste, die meist kultische, administrative, wirtschaftliche und wissenschaftliche Funktionen in sich vereinigten, wurden im Zentrum errichtet. Brauerei und Bibliothek lagen möglichst unter einem Dach - für das Geistige. Das Bewässerungssystem wurde ausgeweitet. Massen von Arbeitern waren an den Lehmziegelbauten beschäftigt und wurden mittels Massenproduktion befriedigt. Die Töpferscheibe war erfunden.

Terrakottarelief mit Darstellung von Gilgamesch und Enkidu im Kampf mit Humbaba, 18./16. Jahrhundert v.Chr. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Auf den Notationstäfelchen konnten die Art der Ware und die Menge vermerkt werden. Geschrieben wurde mit kleinen, aus Schilfrohr geschnittenen Griffeln. Mit ihnen setzte man die "Keile". Zur Buchführung wurden aber auch einfache Zählmarken verwendet. Wenn solche "Tokens" bei Geschäftsabschlüssen durch die Oberfläche einer weichen Lehmkugel gedrückt wurden, war möglichem Betrug vorgebeugt.

Die Ausprägung der Keilschrift war mit einem Stadtumbau um 3.300 v. Chr. einhergegangen. Zylindrisch geformte steinerne Rollsiegel ermöglichten dann den Abdruck von Bildbändern. Handwerk und Kunst trafen sich in den Motiven, von denen auf das damalige Wirtschaftsleben, aber auch auf kriegerische und kultische Akte, etwa Weihegaben und Prozessionsabläufe geschlossen werden kann. Die urbane Welt wurde durch Zeichen und Bilder zusammengehalten - eine Antizipation des virtuellen Zeitalters?

Rollsiegel und Abrollung aus Uruk, 4. Jahrtausend vor Christus. Louvre/Paris. Bild: Marie-Lan Nguyen. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Zeichen stehen für etwas anderes, und auch Bilder stehen selten für sich, sind Piktogramme oder erschließen sich erst durch Inschriften. Der Weg zur Schrift, die auf Sprachlaute "abgestimmt" ist, war einer der zunehmenden Abstraktion. Veränderte Kontexte enthoben die Bilder ihrer ursprünglichen Bedeutung. Kopf + Schüssel = Essen. Die Entschlüsselung solcher Art Rebusschreibung versüßte manchem Archäologen die dröge Grabearbeit. Um die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. hatte sich eine sprachanaloge Zeichenanordnung herausgebildet. Die Abstraktion brachte die Sprache in Bewegung und das Epos der Reisen und Händel des Gilgamesch, des ruppigen und schließlich domestizierten Helden, konnte auf- und fortgeschrieben werden. Die Sprache bewegt zum Handeln.