Die Strafe des Marktes

Weil Geld eigentlich nur einen Kredit darstellt, kann es auch bei massivster Anhäufung kein Reichtum sein

Die Rezepte zur Heilung der Finanzkrise ähnelten verblüffend denen, die der Auslöser der Krise waren, nämlich zu viel Geld zu viel zu niedrigen Zinsen. Schon Rosa Luxemburg schrieb: "So ist der Kredit, weit entfernt, ein Mittel zur Beseitigung oder auch nur zur Linderung der Krisen zu sein, ganz im Gegenteil ein besonderer mächtiger Faktor der Krisenbildung."

Das heutige Finanzsystem liegt in Trümmern, wobei sich die Verantwortlichen wie Drogendealer verhielten, die dem System den letzten Schuss verpassen wollen. Schon 2001 hätte man den Zins-Leitsatz von damals 6,25 Prozent nicht bis auf ein Prozent bis 2004 senken dürfen. Die niedrigen Zinsen brachten die Spekulationsmaschine am amerikanischen Immobilienmarkt erst so richtig ins Rollen.

Was schlimmer ist, unkontrollierte Akteure oder kontrollierende Biedermänner, liegt auf der Hand. Man sollte aufhören, die Selbstheilungskräfte des Marktes hinsichtlich von Blasen zu unterschätzen. Zwar waren frühere Exzesse immer sehr schmerzhaft, aber der Markt hat es, wenn man ihn sich selbst überlässt, immer geschafft, sich zu bereinigen. Was er nicht kann, ist kriminelle Machenschaften von Banken zu erkennen. Diese müssen frühzeitig erkannt und durch Regulierung verhindert werden.

Ben Bernanke musste während der Kreditkrise lernen, dass er trotz seiner vollmundigen Ankündigungen bisher keinen nachhaltigen Aufschwung erzeugen konnte. Selbst wenn er die Zinsen auf minus 5 % gesetzt und damit Geld verschenkt hätte, wäre ihm dies nicht gelungen, da sich jedes System, das völlig außer Kontrolle geraten ist, erst wieder durch deflationäre Marktbereinigungen in einen neuen Gleichgewichtszustand bringen kann.

Die US-Notenbank hat Geld zu lange zu billig angeboten. Jetzt ist durch die Schieflage von großen Industrienationen wie den USA, Spanien oder Italien das moderne Finanzsystem an einem Wendepunkt angelangt, bei dem es darauf ankommt, dass man sich wieder auf den Ursprung von Werten besinnt. Banker haben ein permanentes Angst-Syndrom, weil sie keine Werte schaffen, sondern stets Werte vernichten. Deshalb müssen sie sich immer bei ihren Kunden maximal rückversichern, was dazu führt, dass diese ihre Lebensversicherungen oder Häuser als Sicherheiten geben müssen. Banken verstehen nicht, dass, wenn Geld nur um seiner selbst willen angehäuft wird, diese Anhäufung im Laufe der Zeit immer abstrusere Formen annimmt, wie die künstliche Vermehrung von Geld durch Derivate belegt.

Ein hoher Geldumlauf ist nicht mit Wohlstand gleichzusetzen

Menschen wollen in schlechten Jahren leihen, weil sie es dort am dringendsten brauchen, und es in guten Jahren zurückbezahlen. Banken arbeiten jedoch nicht nach diesem Prinzip, sondern kündigen Kredite dann, wenn sie die Menschen am dringendsten brauchen, während diese, wenn die Wirtschaft boomt, geradezu arglos und ohne Kontrolle des Risikos verteilt werden.

Wenn eine Gesellschaft zu viel Bedeutung auf Geld legt, wie es heute vor allem die amerikanische tut, werden die Reichen zwangsläufig immer reicher und die Armen immer ärmer. Wenn eine Zentralbank heute die Geldmenge unkontrolliert steigert, dann steigert sie auch die Anzahl der Schuldner in unkontrollierter Weise. Je mehr Geld im Umlauf ist, das gehortet werden kann und nichts mehr mit den Grundbedürfnissen der Allgemeinheit zu tun hat, desto ausufernder sind die Exzesse extremer Finanzkrisen. Da Geld eigentlich nur einen Kredit darstellt, kann es auch bei massivster Anhäufung kein Reichtum sein, denn stürzt das Kreditsystem in sich zusammen, haben die Gläubiger nichts mehr von ihren wertlosen Papierscheinen.

Ein hoher Geldumlauf ist nicht mit Wohlstand gleichzusetzen. Ein Volk der Bankrotteure wie die Amerikaner mögen sich zwar jahrelang reich gerechnet haben, aber diese Milchmädchenrechnung ist eben nur so lange gültig, bis der Tag der Abrechnung kommt.

Bankmanager vertreten heute die völlig irrige Vorstellung, dass viel Geld gleich viel Wohlstand bedeutet. Doch wenn das Geld sich an den falschen Stellen akkumuliert und immer weniger in Innovationen und die Erneuerung der Gesellschaft führt, rächt sich der Markt und wir sind mitten in einer Schuldenkrise angekommen. Die heraufziehende Deflation (wie bei den Hauspreisen sichtbar) ist somit nichts anderes als die Strafe des Marktes für zu preiswertes Geld. Dass hier auch die Politik völlig versagt hat, liegt auf der Hand, da bisher nichts Entscheidendes, wie z.B. das Verbot des Eigenhandels, getan wurde, um die maßlose Profitsucht der Banken einzuschränken. (Artur P. Schmidt)

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