Die Superalten werden immer mehr

Nach Ansicht von Wissenschaftlern kann die Hälfte der jetzt in den reichen Ländern Geborenen damit rechnen, 100 Jahre und älter zu werden

Viel Geld wird in die Anti-Ageing-Forschung gesteckt, schließlich ist es der Traum vieler Menschen schon immer gewesen, in einen Jungbrunnen zu steigen oder auf andere Weise das Altern, die Krankheiten und den Tod auszutricksen, um lange zu leben. Die Religion hat das ewige Leben als Ziel vorgegeben und die Endlichkeit zu einem Makel gemacht, Techno-Utopisten wie Extropianer oder Posthumanisten lassen sich mitunter schon mal einfrieren, wenn sie gestorben sind, um darauf zu hoffen, später wieder aufgetaut zu werden. Andere träumen davon, ihre Persönlichkeit von der biologischen Festplatte des Gehirns auf eine langlebige Festplatte hochzuladen, eher biologisch Fixierte setzen auf Ersatzorgane, Prothesen oder Gentherapie.

Das Alter mit seinen Krankheiten und mit seinem körperlichen Zerfall, der in den Tod mündet, gilt nicht mehr als Schicksal, sondern nur noch als biologisches, evolutionsbedingtes Faktum, das sich prinzipiell verändern lassen kann. Gleichwohl ist heute noch weitgehend ein Leben in Wohlstand in einer medizinisch gut versorgten Gesellschaft der beste Garant dafür, alt zu werden (In reichen Ländern lebt man länger und gesünder, Wer arm ist, stirbt früher). Im letzten Jahrhundert stieg die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in den reichen Industrieländern um 30 Jahre! Die Wahrscheinlichkeit, älter als 80 Jahre zu werden, hat sich seit 1950 verdoppelt. Jetzt können bereits 37 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer damit rechnen. Und seit 1840, seit der industriellen Revolution scheint der viel gepriesene Fortschritt zu einem kontinuierlichen Älterwerden geführt zu haben.

Wenn die Lebenserwartung weiter wie in den letzten 200 Jahren steigt (Die Weltbevölkerung altert in rasantem Tempo), werden die meisten Kinder, die ab dem Jahr 2000 geboren werden, 100 Jahre und älter werden, prophezeien Wissenschaftler aus Deutschland und Dänemark in einem Beitrag der in der Zeitschrift Lancet erschienen ist. Trotz unterschiedlicher Entwicklungen in den reichen Ländern, würde die Lebenserwartung aufgrund geringer Fruchtbarkeit, geringer Einwanderung und längerer Lebensdauer steigen.

Zwar gibt es Vermutungen, dass die Menschen mit steigendem Alter auch kränker werden oder unsere Körper sowieso genetisch nicht auf ein hohes Alter angelegt seien, nach einer Studie sollen die Menschen ab 27 Jahren geistig altern, andere Überlegungen gehen dahin, dass möglicherweise die Epidemie der Fettleibigkeit dem Trend zum Älterwerden ein Ende setzen könnte oder dass wir überhaupt schon den Gipfel der durchschnittlichen Lebenserwartung erreicht haben.

Nach den dänischen und deutschen Wissenschaftlern spricht aber angeblich nichts dagegen, dass die Menschen älter, aber deswegen nicht kränker werden. Die kränkeren Menschen sterben einfach früher. Wer überlebt und die 80 Jahre überschreitet, ist schlicht robuster. Nach einer dänischen Studie können 30-40 Prozent der 90-100-Jährigen noch selbständig leben. Nach einer US-Studie brauchen noch 40 Prozent der Menschen im Alter zwischen 110 und 119 Jahren wenig Unterstützung oder sind auf Hilfe gar nicht angewiesen.

Wäre dies so, müsste sich natürlich Gravierendes verändern, denn die Menschen würden dann sehr viel länger leben als arbeiten. Wäre also die Rente mit 80 eine Vision? Und würden dann diejenigen, die dann noch bestimmten Arbeiten nachgehen können, dies tatsächlich ohne Einbußen machen? Wäre überhaupt so viel Arbeit vorhanden, dass alle Generationen beschäftigt sein können? Und werden die Superalten noch genug Geld haben, um ihr Leben wirklich genießen zu können (Zunehmende Altersarmut). Aber mal abgesehen von den sozialen Sicherungssystemen bei einer vergreisenden Gesellschaft, deren "Standbein", die junge Generation, immer dünner, und deren Kopf immer mehr anschwillt, wäre doch wohl auch die Vorstellung abschreckend, dass Kinder immer länger brauchen, bis sie einmal wirklich die Erwachsenen sind, weil ihre Eltern leben, bis sie selbst 60,70 oder 80 sind?

Und bleiben die Alten tatsächlich geistig und lebenspraktisch flexibel? Demokratien müssten eigentlich schon jetzt damit beginnen, die Stimmen der Jüngeren höher zu bewerten und die der Alten abzuwerten? Sonst wird einmal die geballte Kraft der über 60-Jährigen, die schon jetzt die politischen Weichen stellen und die "Volksparteien" wählen, das Schicksal der Gesellschaft bestimmen. Zudem würde die Kluft zwischen Arm und Reich noch ergänzt werden durch die Kluft der Lang- und Kurzlebigen, die viel Geld bräuchten, um sich ein längeres Leben zu erkaufen.

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