"Die Suppe neu kochen"

Interview mit dem Sozialwissenschaftler Horst Müller über Krebsökonomie, Computersozialismus, Hugo Chavez, Public Private Partnership und Heidegger

Horst Müller ist Redakteur des Portals praxisphilosophie.de. Er hat zahlreiche Artikel zu philosophischen und politisch-ökonomischen Themen veröffentlicht und 2005 mit der Herausgabe der Reihe "Studien zur Philosophie und Wissenschaft gesellschaftlicher Praxis" begonnen, von der nunmehr der zweite Sammelband vorliegt.

Herr Müller, können Sie kurz umreißen, worum es sich bei der “Praxisphilosophie“ handelt, in welcher Tradition diese Art von Philosophie steht, welche Vertreter oder Quellen es gibt?
Horst Müller: Die Philosophie der Praxis ist eine große europäische Denkströmung, die ihre Namensgebung dem italienischen Sozialphilosophen Antonio Labriola verdankt. Sie fußt auf der Entdeckung, dass sich im Marxschen Denken eine geistesgeschichtlich völlig neue Konzeption der menschlichen Wirklichkeit und Wissenschaftlichkeit ausspricht. Um das, was Marx in den Feuerbachthesen nur angedeutet hat, haben die daran anknüpfenden Protagonisten des Ansatzes grundlagentheoretisch gerungen. Jeder hat in seiner historischen Situation auf seine Weise ein entsprechendes „Begreifen der Praxis“ versucht. Der Bogen spannt sich, um nur die allerwichtigsten zu nennen, von Labriola weiter über den Parteiintellektuellen Antonio Gramsci, schließt Herbert Marcuse in seinen Schaffensperioden vor dem zweiten Weltkrieg und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie Ernst Bloch ein: Dessen tiefschürfende Interpretation der Feuerbachthesen bildet einen Angelpunkt innerhalb seines Hauptwerks „Das Prinzip Hoffung“ und für das geforderte Denken der „Konkreten Utopie“.
Abgesehen von diesen herausgehobenen Gestalten gibt es Einzeldenker in verschiedenen europäischen Ländern, ich verweise dazu noch auf den Tschechen Karel Kosik und Jean-Paul Sartre im Westen. Der bedeutendste Vertreter in jüngerer Zeit war wohl der französische Soziologe und Bloch-Preisträger Pierre Bourdieu, dessen „Theorie der Praxis“ sich nicht zuletzt durch entschiedene Kritik, das heißt durch „Widerstand gegen die neoliberale Invasion“ artikulierte. Bourdieu forderte zugleich, den „kollektiven Entwurf einer sozialen Utopie“ neu anzugehen.
Was ist das von Ihnen angesprochene Neue? Inwiefern unterscheidet sich der praxisphilosophische von anderen praktischen und theoretischen Modellen der Welterfassung?
Horst Müller: Das Praxiskonzept vereint Materialismus, Dialektik und Utopistik. Der Ausgang von der menschlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit als „Praxis“, Praxis als sozusagen dechiffrierte Seinsbestimmtheit, im Sinne widersprüchlicher gesellschaftlicher Praxis, ermöglicht eine entscheidend vertiefte und prospektiv erweiterte Analytik und entsprechende Orientierung in der konkreten gesellschaftlichen Situation.
Dieser Typ eines „eingreifenden Begreifens“ stellt beispielsweise einen Frontalangriff gegen jeglichen Objektivismus oder Positivismus dar, es wendet sich gegen Ideologeme des Alltagsverstandes, gegen den Wirklichkeitsverschnitt des Pragmatismus und den Opportunismus gängiger Wissenschaftlichkeit, gegen medial reproduzierte, pseudokonkrete Wirklichkeitsinterpretationen. Es enthüllt den Utopiemangel nur mehr „kritischer“ Gesellschaftstheorie ebenso wie pseudodialektische Marxismen als vulgär oder dogmatisierend.
Alles Denken trägt demnach einen Index von „Praxis“, es gibt keine Stellung des Wissenschaftlers außerhalb. Und eine der vornehmsten Aufgaben der Theorie besteht in der menschlich-gesellschaftlichen, praktisch-historischen Selbsterfassung aus dem Woher und zugleich und wesentlich auch in der Selbstbestimmung eines Wohin, also nächstens in der „utopistischen“ Evaluierung einer gesellschaftlich konkreten Transformationsperspektive.
Eine „Konkrete Praxisphilosophie“ in diesem Sinne ist der entschiedenste Antagonist jener eindimensionalen Zurichtung des Geistigen und der Zerstörung von Vernunft , die gegenwärtig auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen Bereichen in die Offensive gebracht wurde.
Warum ist ihrer Meinung nach die Praxisphilosophie geeignet, die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung zu erklären?
Horst Müller: Sie entspricht im tiefsten Sinne der Eigenart der modernen Gesellschaften als Übergangsgesellschaften und dem Charakter der eröffneten neuen historischen Zeit als einer Übergangsepoche: Ein Gedanke, zu dem vor allem der Weltsystemtheoretiker Immanuel Wallerstein in seiner "Utopistik" Inspirierendes vorgetragen hat: In solchem Übergang ist das Alte und das Neue gleichzeitig aktiv und im Ringen der verfallenden und zugleich andrängender, möglicher besserer Zukunftsgestalten der gesellschaftlichen Praxis muss die Theorie ihre Erschließungs- und Perspektivierungskraft erweisen. Mit positivistischen, verabsolutierenden, eindimensionalen, kurz: undialektischen Denkmodi, ohne die Zurüstung praxistheoretischer Kategorien wie Latenz, Novum usw. ist das nicht möglich.
Ich sehe auch keine andere Position der Gesellschaftswissenschaft, die uns in die Lage versetzte, die volle „Dialektik der Praxis“ des eröffneten 21. Jahrhunderts, also das reale Tendenzgeflecht der neoliberalen Globalisierung und deren wahren Entfremdungscharakter sowie gleichzeitig die reale Möglichkeit, die Gestaltelemente des sich entwickelnden Anderen und dessen latente Potentiale zu begreifen. Hier liegen die Frontprobleme und damit exakte Arbeitsaufgaben, die in der Unruhe der aufbrechenden Erkenntnis „Eine andere Welt ist möglich“ mit aufscheinen.
Die Idee, dass eine andere Welt möglich ist, hat gegenwärtig Konjunktur. Aber als implizites Motiv früherer sozialer und politischer Bewegungen ist sie nicht neu. Und die vormaligen Versuche, eine sozialistische Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen, sind grandios gescheitert. Auf eine konkrete Utopie, eine wahrhafte Alternative können die protestierenden Menschen auch heute nicht verweisen...
Horst Müller: Eben daher ist die Erforschung der historischen Umstände, Gründe und Hintergründe des Zusammenbruchs traditioneller Linkskräfte und Gesellschaftsexperimente im Lichte neu zu entdeckender Tendenzen, Latenzen und konkret-utopischer Perspektiven eine Aufgabe konkreter Praxisphilosophie. Es geht dabei durchaus auch um schonungslose Selbstkritik und eine Re-Formierung linker Identität für unsere Zeit.
Letztere analytische Kategorien entstammen übrigens der Blochschen Praxisphilosophie. Sie werden jetzt aus dem zivilisatorischen Prozess selbst angefordert und müssen umgekehrt ihre Erschließungskraft darin beweisen. Nimmt man sie ernst, so führt das meiner Ansicht nach zunächst zu der Einsicht, dass eine systemisch und historisch wirklich neue Produktionsweise und Gesellschaftsform in der Kampf- und Wunschgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht realisiert wurde. Und wir kommen zu der äußerst unbequemen Erkenntnis, dass eine nicht unwesentliche Mitverantwortung dafür bei jener Strömung des traditionellen Marxismusdenkens und der politischen Ökonomie liegt, die sich der praxistheoretischen Methodologie des Überschreitens und überhaupt der konkret-utopischen Idee gegenüber verschlossen hat.
Nach meiner Auffassung setzt insbesondere die längst geforderte Überschreitung der „Kritik“ durch eine fundierte „Utopistik“ der politischen Ökonomie voraus, dass die wissenschaftsmethodischen, auch ökonomietheoretischen Konsequenzen des „Praxiskonzepts“ neu durchdacht werden. Stattdessen wurde in nicht enden wollenden exegetischen Exerzitien eine Wert-, Kapital- und Krisentheorie, also ein in der Substanz negatorisches Denken kultiviert.
Im Resultat verfügen die neuen sozialen und politischen Bewegungen, die Sozialforen, die Globalisierungskritiker und Linksorganisationen gut 150 Jahre nach Marx zwar über ein ganzes Arsenal von Einwänden und Anklagen, aber über keine konkrete wirtschaftspolitische Alternative und über kein im praxis- und transformationstheoretischen Sinne ausreichend konkretes Projekt einer höheren Zivilisation. „Sozialismus“ bezeichnet daher heute zwar eine Ziellinie der Geschichtlichkeit, aber de facto eben keinen konkreten Entwurf, der eine gesellschaftliche Mehrheit überzeugen könnte. Um ein Bild zu gebrauchen: Was im Topf war, ist sozusagen angebrannt und man muss die Suppe neu kochen.
In dem Artikel über “Alternativkonzepte der politischen Ökonomie“, ihrem jüngsten Beitrag im Sammelband "Die Übergangsgesellschaft des 21. Jahrhunderts", kritisieren Sie eingehend das Buch “Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ des in Mexiko lehrenden Sozialwissenschaftlers und Beraters von Hugo Chavez, Heinz Dietrich. Dabei entwickeln Sie ihr eigenes philosophisch-ökonomisches Konzept. Können Sie die Positionen von Dieterich wie auch ihre Kritik und positiven Folgerungen daraus schildern?
Horst Müller: In gebotener Kürze: Heinz Dieterich hat erstens ein sehr konventionelles Verständnis von „Dialektik“ und „wissenschaftlichem Sozialismus“, welches den wissenschaftlich-methodischen Erfordernissen einer höher entwickelten Praxisanalytik nicht entspricht. Das konzentriert sich etwa in der entsetzlichen und im weiteren folgenreichen Aussage, dass wissenschaftlicher Sozialismus „die quintessenzielle kybernetische Wissenschaftstheorie“ sei.
Seine scharfe Kritik konstitutiver Grundelemente der bestehenden Gesellschaftsform, also der bürgerlichen, nur „formal-repräsentativen“ Demokratie, der kapitalistischen oder „chrematistischen“ Ökonomik, des idiotischen Konsumismus und der modernen Medienmächte rüttelt an den Grundfesten, scheut auch polemische Zuspitzungen nicht. Aber die gesellschaftliche Praxis wird in dieser Weise definitiv eindimensional reflektiert und negiert, Adorno lässt grüßen.
Dagegen werden dann abstrakt konstruierte Gegenbilder als vermeintlich konkrete Alternative ins Feld geführt. Dieterich orientiert auf eine radikaldemokratische, „partizipative“ Demokratie und auf eine „sozialistische“ Ökonomik, wobei ins Zentrum die „äquivalenzökonomische“ Idee der sogenannten schottischen Schule rückt. Es heißt, diese könne erst heutzutage dank der modernen Informationstechnik in einer arbeitszeitwertbasierten und basisdemokratisch kontrollierten Planwirtschaft verwirklicht werden.
Dieses Konstrukt ist aber theoretisch inkompatibel mit Marx’ Werttheorie und ich sehe im „Computersozialismus“ von Cockshott und Cottrell insgesamt eher einen Nachhall der Computereuphorie der Vergangenheit als ein tragfähiges Modell für die Zukunft.
In der logischen Konsequenz des Entwurfs von Heinz Dieterich liegt schließlich die Affirmation der traditionellen Geschichtsprozessordnung von Krise, Revolution und Neuaufbau, welche eben keine der Übergangs-Situation gemäße Transformations-Perspektive eröffnet. Was vormals revolutionäre Klasse hieß, wird von ihm durch eine „Gemeinschaft der Opfer“ substituiert. Damit meine ich keineswegs, dass es Revolutionen nicht mehr geben könnte. Aber eine Revolution ohne konkrete Transformationsperspektive wäre eben das, was Marx als bloße Revolte bezeichnet hat.
Die mögliche Lösung des von Dieterich ganz richtig als fundamental, als existenziell aufgefassten Problems der noch-nicht erkannten Alternativökonomie liegt meines Erachtens in einer reproduktions- und transformationstheoretisch fundierten Analytik des Formwechsels der sozial-ökonomischen Praxis, welche die Marxsche, industriekapitalistisch verengte Modellierung definitiv überschreitet. Mit einer solchen Problemexposition, die sich zugleich der vorherrschenden neoklassisch-neoliberalen Wirtschaftstheorie entgegenstellt, versuche ich zu zeigen, dass die Potentiale und Formen einer ökonomisch-zivilisatorisch höher stehenden Gesellschaft bereits als „Latenz“ „im Schoße“ des Bestehenden existieren und im Zuge eines historischen Transformationsprozesses freigesetzt werden können.
Auf dem ersten Blick sitzt doch das kapitalistische Weltsystem fester im Sattel als jemals zuvor, wo sehen Sie es zerbröckeln?
Horst Müller: Wenn der Teufel hoch zu Ross daherkommt, muss man trotzdem versuchen ihn herunterholen, oder man gerät mit Sicherheit unter die Hufe.
Wir wissen, dass die Dominanz der Krebsökonomie Millionen Opfer fordert und die Welt und unsere Zukunft in täglichen, sei es infinitesimal kleinen oder auch immer wieder größeren Portionen ruiniert. Marx bemerkte ganz richtig, dass das Kapital die gesellschaftlichen Produktivkräfte unablässig revolutioniert, aber nur, indem es zugleich die Springquellen des wahren Reichtums unterminiert. Es peitscht die Zivilisation und untergräbt zugleich die „Erde und den Arbeiter“, das heißt die naturhaften Existenzgrundlagen und letztlich die eigentlich menschliche Kompetenz für eine künftige, mit höherem Bewusstsein ausgestaltete, endlich befriedete gesellschaftliche Selbsterzeugung.
Die unhintergehbar anschließende, gesellschaftswissenschaftlich selbstverständliche und heute prioritäre Frage nach dem anhängigen Formwechsel eines Systems, das etliche hundert Jahre alt ist und seine prekären und hochproblematischen Seiten zunehmend hervorkehrt, konnte Marx in seiner Zeit gar nicht beantworten. Aber uns ist sie aufgegeben. Ich zitiere an dieser Stelle gerne aus der genannten „Utopistik“ von Immanuel Wallerstrein: „Das System ist am Ende, die Frage ist: Was kommt danach?“
Wo sehen Sie innerhalb der bisweilen für die Lohnabhängigen äußerst ungünstigen Entwicklung von Demokratie, Wirtschaft, Medien und gesellschaftlichem Bewusstsein positive Ansatzpunkte für ihre Transformationshebel-Theorie ausmachen?
Horst Müller: Dazu liegen nun einige neue Thesen oder Konzepte vor, die einen prototheoretischen Forschungsansatz bedeuten und die ich zur Diskussion stelle: Kein Mensch kann die aufgeworfenen Probleme in Alleingang lösen. Ebenso wäre es eine grobe Selbsttäuschung, würde man einfach auf die Verarbeitung von Erfahrungen einer fortgehenden Praxis setzen: Auch theoretische Arbeit ist als solche Praxis.
Daraus ein erstes Resultat: Marx konnte das ihm stets vor Augen stehende Problem der Alternative gar nicht lösen, weil sein Denkmodell mit den berühmten zwei Reproduktionsabteilungen auf einer „Totalisierung“ der industriewirtschaftlichen Praxis beruhte. Der reale historische Ausgangspunkt einer Transformationsbewegung kann aber nur in einer darüber hinausgehenden Modellierung der reiferen Grundgestalt der kapitalistischen politischen Ökonomie gefunden werden, wie sie sich nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt hat.
Es handelt sich um eine dreistellige Figuration von industrieller Warenproduktion, ökonomisch funktioneller Sozialstaatlichkeit und den von mir zu einer neuen Reproduktionsabteilung zusammengefassten so genannten „sozialwirtschaftlichen Diensten“. Die Folgewirkungen dieser neuartigen Grundthese sind nicht eben gering: Demnach ist die gängige Interpretation des Sozialstaats nur als geschichtlich vorübergehendes Zugeständnis der Kapitalmacht grundsätzlich unzureichend. Wenn dem so ist, waren beispielsweise auch die Versuche zur Instituierung einer sozialistischen Ökonomie, die primär auf die Planbarkeit der industriellen Warenproduktion abstellten, im Kern falsch orientiert und scheiterten nicht zuletzt deshalb, also jedenfalls nicht etwa wegen fehlender Informations- und Kommunikationstechnik.
Oder es müssen manche Schlussfolgerungen der Kapitaltheoretiker neu überdacht werden, soweit sie den Ereigniszusammenhang in unserer Zeit der „neoliberalen Globalisierung“ im Rückgriff auf Konzeptualisierungen und Tendenzaussagen analysieren, die der Marxschen Analyse des „Kapitals im Allgemeinen“ entstammen.
Wie sehr müssten Staat und Ökonomie verändert werden um ihr Konzept verwirklichen zu können und wie müsste der Weg dorthin aussehen (es geht ja nicht nur um die Hebung des Lebensstandards, sondern um die Zurückdrängung der sich immer totalitärer gebärdenden Ökonomie)?
Horst Müller: Die traditionelle Kapital- und Krisentheorie konzeptualisiert den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit oder auch zunehmend den Widerspruch zwischen der Verwertungsökonomie und den Naturgrundlagen, macht letztlich auch auf die Krisen als Ausdruck einer Selbstwidersprüchlichkeit der kapitalökonomischen Praxis aufmerksam. Aber sie bezeichnet damit nicht den entscheidenden Widerspruch zwischen dem alten Reproduktionsmodus und einem bereits werdenden neuen Produktivkraftensemble, aus dem eine zivilisatorisch höher stehende, andere Reproduktionsform erwachsen kann.
Eine andere These könnte diese Spur entdecken helfen: Was Marx noch als, in kapitalwirtschaftlicher Perspektive, „unproduktive Arbeit“ bezeichnete, hat sich in der reiferen Gestalt dieser Ökonomik als sozusagen zweite Hälfte der Wirtschaft entfaltet, also zu einem gewaltigen Fundus staatlich vermittelter sozial-infrastruktureller Produktionen oder „sozialwirtschaftlicher Dienste“ gemausert.
Innerhalb dieser realen Konstellation rangiert die wirtschaftsgeschichtlich neu erwachsene Abteilung aber aus der Praxisperspektive der industriellen Warenproduktion als Unkostenfaktor, als Ballast oder Luxus. Daher das Geschrei über eine zu hohe Belastung des „Faktors“ Arbeit durch Sozialabgaben oder die angebliche Verschwendung des Staates.
Der hier markierte Riss im System der gesellschaftlichen Arbeit bezeichnet eine aktuelle Frontlinie im Innern: Die Kapitalwirte suchen eine Ausflucht aus der chronischen Überakkumulations- und Wachstumsklemme im Innern darin, die kapitalwirtschaftliche Form auch den sozialwirtschaftlichen Diensten aufzuherrschen.
Der Kampf gegen diese Entstellung oder Amputation des Gemeinwesens, die sich etwa leger als Privat Public Partnership ausgibt, sowie das Ziel dieses Kampfes, die Produktion der allgemeinen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens ihrem Charakter gemäß wesentlich durch einen - anders als bisher zu organisierenden - sozial-staatlichen Werttransfer zu unterhalten und öffentlich-gemeinnützig zu instituieren, könnte demgegenüber wesentlich zu einer real möglichen Umorganisation und Umstimmung der ganzen Reproduktionsordnung mitsamt des ihr inhärenten ökonomischen Kalküls beitragen.
Es würde an dieser Stelle entschieden zu weit führen, den Konsequenzen einer „Emanzipation“ und volkswirtschaftlich äquivalenten „Inwertsetzung“ der sozialwirtschaftlichen Dienste hinsichtlich der betriebs- und volkswirtschaftlichen Wirtschaftsrechnung, der Eigentumsordnung, einer neuen demokratischen Wirtschaftsverfassung weiter nachzugehen, oder auch noch Fragen des inter- und transnationalen Wirtschaftslebens und das ganze Problemgeflecht der Globalisierung anzusprechen.
Zu den Kernfragen liegt eine eingehendere Untersuchung unter dem Titel "Sozialwirtschaft als Systemalternative" vor. Ich beschränke mich hier auf die Bekräftigung der Leitthese, dass eine zivilisatorisch höher stehende Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung als politökonomisch bisher noch nicht zureichend erkannte reale Latenz im Bestehenden existiert und kein fernes Utopia darstellt, das sich definitiv erst nach der Lösung einer sogenannten Machtfrage in ein konkretes Projekt verwandeln könnte.
Eine Praxis der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation ist möglich, die nichts mit Sir Poppers piecemeal social engineering zu tun hat und über die oft vorgeschlagene linkskeynesianische Wende der Wirtschaftspolitik wesentlich hinausgeht.
Nach gut 20 Jahren entmutigender und desorientierender Zusammenbruchs- und Überwältigungs-Erfahrung, die das Jahr 1989 signalisiert, würde die konkretere Fassbarkeit dieser Perspektive bereits selbst ungeahnte Potentiale freisetzen.
Ob und wie eine neue Formierung gesellschaftlicher Kräfte diese Zukunftsperspektive gegen die momentane praktisch-ideologische Übermacht einer zunehmend regressiven und destruktiven Sozialformierung zur Geltung bringen kann und wohin der global gesehen multipolare, historisch offene Prozess letztendlich verläuft, ist eine andere Frage. Rosa Luxemburgs Wort „Sozialismus oder Barbarei“ sollte diesbezüglich nachdenklich machen.
Heidegger hat in einem Fernseh-Interview 1969 die berühmte elfte Feuerbachthese von Karl Marx, kritisch kommentiert, möchten Sie am Ende des Interviews Ihrerseits die Ausführung Heideggers einer logischen Untersuchung unterziehen?
Horst Müller: Heidegger kritisiert die These: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt darauf an, sie zu verändern“. Das Argument lautet, dass die Forderung nach einer praktischen Veränderung unserer Wirklichkeit bereits eine Weltinterpretation, mithin eben Philosophie im höchsten Sinne des Wortes impliziert oder auch in der tätigen Verwirklichung des Geforderten eigentlich eine solche voraussetzt. Heidegger hat damit völlig recht!
Allerdings verkennt er, dass sich Marx hier, im von ihnen eingangs erwähnten Sinne, nicht schlechthin gegen philosophische Reflexion wendet. Die Philosophie der Praxis ist eben die entscheidende Implizität des gesamten Marxschen Denkens und seines Werkschaffens. Ihre Weiterbildung als emanzipierte Weltsicht, die Ausformung und das erneute Konkretwerden des darin angelegten Paradigmas einer modernen Wissenschaft gesellschaftlicher Praxis begreife ich als ein situativ und historisch anhängiges Projekt.
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