Die "Syrisch-Demokratischen Streitkräfte" sind bislang ein Papiertiger

Der erste Einsatz der Syrisch-Demokratischen Streitkräfte wird von der YPG angekündigt. Bild: YPG

Das Pentagon setzt auf die kurdischen YPG-Kämpfer und eine mit ihnen verbundene arabische Allianz, um den russischen Einfluss zurückzudrängen

Das Pentagon verstrickt sich seit Beginn der russischen Interventionen in den Syrien-Konflikt immer weiter in Strategien, die zum Scheitern verdammt zu sein scheinen. Während die eigenen Luftangriffe auf Stellungen des Islamischen Staats diesen in Syrien nicht groß geschwächt haben, ist der Versuch, eine Bodentruppe mit "gemäßigten" Kämpfern aufzubauen, kläglich gescheitert. Die wenigen Männer, die überhaupt eine Ausbildung hinter sich brachten und mit amerikanischer Ausrüstung nach Syrien geschickt wurden, tauchten dort ab oder schlossen sich anderen Gruppen, darunter auch islamistischen wie al-Nusra an.

Nachdem der russische Präsident Putin immer wieder erklärte, dass der Kampf gegen die islamistischen Terroristen nur in der Zusammenarbeit mit dem syrischen Regime und dessen Bodentruppen erfolgreich - und dazu völkerrechtlich legal - sein würde, suchte man die Schlappe auszuwetzen und als Bodentruppen die syrischen Kurden einzusetzen, die man bereits in Kobane unterstützt hatte. Das war der Anlass für die Türkei, auch die YPG als Terrorgruppe zu erklären, die bekämpft werden müsse. Am 24. Oktober erfolgten die ersten Angriffe, die YPG berichten, dass auch am Montag wieder YPG-Stellungen bei Kobane angegriffen worden seien.

Damit riskiert man, wie das die türkische Regierung auch deutlich zum Ausdruck brachte, einen Konflikt mit der Türkei. Aber das wurde auch deswegen hintangesetzt, weil die russische Regierung ebenfalls Kontakte mit den Kurden aufnahm, die in Moskau ein Regionalbüro eröffneten und sich womöglich stärker den Russen zuwendeten, was auch bei nordirakischen Kurden, langjährige Verbündete der USA, fatal wäre. Russland hat mit den Kurden weniger Schwierigkeiten, die seit den Unruhen im Land mit Assad eine Art Stillhalteabkommen praktizieren. Für die Amerikaner, die auf einen Regime Change aus sind, der von Russland entschieden abgelehnt wird, ist das ein politisches Problem, auch wenn man selbst mit den Luftangriffen nicht Assad-Verbände angegriffen hat.

Emblem der Syrisch-Demokratischen Streitkräfte.

Das Pentagon meldete also flugs, man habe jetzt eine alternative Bodentruppe aus der kurdischen YPG/YPJ - mit etwa 40.000 Kämpfern (YPG) und Kämpferinnen (YPJ) - und einigen arabischen Stämmen, Turkmenen, Christen und Beduinen mit etwa 5000 Kämpfern. Es gab auch gleich einen Namen dafür, die Syrisch-Demokratischen Streitkräfte, die den IS mit Unterstützung der amerikanischen Bombardements angreifen und am besten gegen Raqqa vorrücken und die syrische Hauptstadt des IS einnehmen sollten (Proxy-Krieg in Syrien?). Schnell wurden auch 50 Tonnen Munition zur Unterstützung abgeworfen, unklar blieb, wer sie erhalten hat, die arabischen Mitglieder der flüchtig geschmiedeten Allianz offenbar nicht (Wer hat die vom Pentagon in Syrien abgeworfenen 50 Tonnen Munition erhalten?).

Die New York Times will nun mit Gesprächen und Besuchen in Nordsyrien festgestellt haben, was von Anfang so klang: Die Syrisch-Demokratischen Kräfte sind ein Papiertiger, was an die merkwürdige al-Qaida-Gruppe Korrhasan erinnert, die dafür herhalten musste, dass die mehr als ein Jahrzehnt alten Kriegsbewilligungen des US-Kongresses für Bush als Legitimation für die Syrienintervention konnten, ohne erneut den Kongress befragen zu müssen. Zu wollte man damit belegen, dass man nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen andere islamistische Gruppen kämpft, obgleich etwa die al-Qaida al-Nusra verschont blieb und jetzt von russischen Fliegern angegriffen wird.

Die Syrisch-Demokratischen Kräfte bestehen praktisch nur aus den Kurden, der Rest dient hier zur Legitimation einer angeblich die Fraktionen und Ethnien übergreifenden Gruppe. Das wird die türkische Regierung nicht beruhigen, die auch nach der Wahl nicht gegen den IS vorgeht, sondern erneut angebliche Stellungen der PKK im Nordirak und im Südosten der Türkei angreift sowie dort auch wieder eine Ausgangssperre verhängt hat.

Neben der Türkei, die einen autonomen Kurdenstaat an den Grenzen verhindern will, sind die Kurden vermutlich im Sinne der USA keine verlässlichen Partner, sondern verfolgen vor allem das Interesse, ihre Gebiete zu sichern und auszudehnen und die Lücke zwischen Rojava und Efrin an der türkischen Grenze zu schließen. Den IS aus Raqqa zu vertreiben, ist dagegen im Unterschied zu den USA kein primäres Interesse. Die YPG stellen die von ihnen dominierten Syrisch-Demokratischen Kräfte als Sammlungsbewegung dar, die alle militärischen Kräfte "im revolutionären Kampf" vereinen und Syrien vom Terrorismus befreien soll. Das kurdische Kommando kündigte am 31. Oktober die ersten militärischen Einsätze an, um den IS aus Hasakah zu vertreiben. Dabei wurde den Syrern erklärt, dass "die Syrisch-Demokratischen Streitkräfte eure nationale Streitkraft" seien, die unterstützt werden sollen, um eine freie Gesellschaft aufzubauen.

Nach der New York Times sind die übrigen Gruppen klein, schlecht ausgerüstet und schlecht organisiert. So soll ein Kommandeur einer arabischen Gruppe gesagt haben, dass die kurdischen Kommandeure einfach einen Befehl geben können, während er nur Empfehlungen aussprechen könne. Überdies misstrauen sie den Kurden angeblich wegen ihrer Verbindung zur PKK, aber auch deswegen, weil sie wie der IS auch kurdische Kämpfer aus dem Ausland, aus dem Irak, aus Iran und der Türkei ins Land holen. Und innerhalb der Untergruppe der "Syrisch-Arabischen Koalition", eine Erfindung der Amerikaner, wie ein Pentagon-Mitarbeiter einräumte, gibt es auch Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppen.

Die 5.000 Kämpfer sind auch alles andere als bereit dazu, gegen den Islamischen Staat vorzurücken. So sagt Scheich Hmeidi Daham al-Jarba von den Sanadeed-Kämpfern: " Für uns ist es wichtig, unser Gebiet und die Sicherheit unserer Kinder, Frauen und Häuser zu schützen. Wir haben die Kurden auf der einen Seite und den Islamischen Staat auf der andere, für wen sollten wir uns entscheiden?" (Florian Rötzer)