Die Technik, etwas unsichtbar zu machen

Ein japanischer Forscher hat eine Möglichkeit entwickelt, wie man prinzipiell Körper für Beobachter un- oder durchsichtbar erscheinen lassen kann

Ein Traum war es schon immer, durch irgendein Mittel durchsichtig zu werden und so nicht mehr gesehen werden zu können. Brauchte man früher dazu etwa eine Tarnkappe, so ist heute wirkliche Technik angesagt. James Bond hat sie schon längst. In Die Another Day konnte er seinen Wagen durchsichtig machen. Aber das ist ein Film gewesen. Der japanische Forscher Susumu Tachi, der Informatik und Physik an der Universität Tokio lehrt, hat schon mal einen aufwändigen, scheinbar durchsichtigen Umhang hergestellt, aber er stellt sich weitaus Größeres vor.

Ein bisschen - oder ein wenig mehr - absurd ist das Vorhaben des Japaners erst einmal schon. Der Wissenschaftler will nämlich, dass die Wände eines fensterlosen Zimmers für denjenigen, der sich in ihm befindet, durchsichtig erscheinen. In dem BBC-Artikel, in dem er dieses Nahziel einer großen Vision der Durchsichtigkeit und Unsichtbarkeit - je nach Standpunkt - äußert, wird allerdings kein Grund dafür genannt, warum gerade ein fensterloses Zimmer einen scheinbaren Blick nach außen erhalten soll.

Die Idee von Tachi ist relativ einfach. Man kann etwas verschwinden lassen, in dem man einfach das Bild dessen, was ein Körper normalerweise verdeckt, auf seine Oberfläche projiziert. Und das geht im Prinzip auch ganz einfach, indem das Bild von einer Videokamera hinter dem Körper gemacht wird, vorne projiziert wird, und das vordere Bild hinten. Da Körper dreidimensional sind, müssten freilich zahlreiche Kameras jede mögliche Perspektive in höchstmöglicher Auflösung abdecken, um die Illusion perfekt zu machen, so dass von jeder Perspektive der entsprechende Hintergrund hinter dem unsichtbaren Körper gesehen wird. Aber zum Vorführen der prinzipiellen Möglichkeit reichen erst einmal auch zwei Seiten eines Umhangs oder eines Balls für einen unbeweglichen Beobachter.

Tachi hat dafür ein spezielles Material entwickelt, das aufgrund von vielen winzigen Fäden, die Licht nur jeweils aus einer Richtung reflektieren, geeignet ist, dreidimensionale Bilder zu zeigen. Retro-Reflektum nennt Tachi das Material, in das jeder Körper gehüllt werden muss, der durchsichtig werden soll. Es ist der Monitor für die retro-reflektive Projektionstechnologie.(RPT), die das von einer Videokamera aufgenommene und von einem Computer prozessierte Bild über einen Halbspiegel, durch den auch der Beobachter schaut, auf den "Monitor" projiziert (bei einem Halbspiegel ist die eine Seite durchsichtig und die andere verspiegelt).

Das ist alles ein wenig mühsam, eher Jahrmarktstechnik und erinnert etwa an Platons mühsamen Versuch, das Leben in einer Totalillusion mit den zu seiner Zeit denkbaren Mitteln, in seinem Höhlengleichnis anschaulich zu machen. Was für ein bewegliches Objekt also reichlich schwierig wäre, weswegen die Anwendung für kriminelle, terroristische oder militärische Zwecke noch in weiter Ferne ist, wäre für ein unbewegliches Objekt wie eine Wand (oder auch für einen Beobachter an einem fixen Ort wie einem Fahrer an einem Steuer) allerdings tatsächlich realistischer zu verwirklichen.

Tachis Nahziel also ist, die fensterlose Wand für einen Beobachter in einem Raum durchsichtig zu machen, so dass er sieht, was sich vor ihm abspielt, ohne dass er das Gefühl hat, er sieht nur in einen Bildschirm. Für wen aber soll dies interessant sein? Für einen Bunkerbewohner, der kontrolliert, was vor dem Bunker, in welcher Entfernung dies auch immer sein mag, gerade geschieht? Vor einen Gefangenen, dem der Eindruck verschafft werden soll, er sei eigentlich nicht eingesperrt? Für einen Bewohner eines neuen sozialen Wohnungsbaus, der so verdichtet ist, dass die klimatisierten Zimmer keine Fenster mehr besitzen? Warum aber soll der Insasse gerade nur das sehen, was sich außerhalb abspielt: Er könnte sich doch in seine durchsichtige Projektionszelle alle möglichen Außenszenen einspielen und so in eine virtuelle Realität jenseits aller Ortgebundenheit entschweben?

Tachi beschäftigt sich denn auch mit Telepräsenz und mit der Verschmelzung von virtuellen und realen Räumen. Das Gefängnis visuell zum Verschwinden zu bringen, mag attraktiv sein, zumal Telepräsenz ja auch die Erweiterung auf andere Sinne ermöglichen würde. Doch für "normale" Zwecke die Wände durchsichtig zu machen, scheint eine absurde "zivile" Anwendung einer Technik zu sein, die doch eher anderen Zwecken dienen könnte, falls sie jemals soweit realisieren lässt. Auch Tachis Vorschlag, dass damit die Piloten sehen könnten, was bei der Landung unterhalb des Flugzeugs sich befindet, ist ebenso seltsam wie der, dass ein Autofahrer einen Panoramablick erhalten könnte, wenn die Karosserie verschwindet. Mehr Sinn dürfte es schon machen, ein Fahrzeug oder auch einen Menschen "unsichtbar" zu machen, um sich beispielsweise heimlich irgendwo einzuschleichen oder einen in Position gebrachten Panzer bzw. ein Geschütz vor Blicken zu verbergen. Hier ließen sich in der Tat viele Anwendungen vorstellen. Verwunderlich wäre es also nicht, wenn sich Militärs sehr für diese Technik des Verbergens interessieren sollen. (Florian Rötzer)

Anzeige