Die Todeswolke, die ganz Europa verseuchte

Vor 20 Jahren explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl

“Atomkraftwerke können nicht explodieren, nur ihr Kern kann durchschmelzen, und dieser größte anzunehmende Unfall (GAU) passiert statistisch nur alle 2 Millionen Jahre.“ Sagte die Atomenergiebranche. Doch die Technik ist nicht so sicher, wie die Kraftwerksbetreiber vorgeben. Atomkraftwerke können sehr wohl explodieren und tatsächlich hätte der GAU in Tschernobyl für Europa noch viel schlimmer ausgehen können, wenn nicht ganze Armeen meist nichtsahnender Helfer ihr Leben gelassen hätten, um den Graphit- und Uranbrand zu stoppen. Ein Themenschwerpunkt auf Arte TV widmet sich mit teils sehr persönlichen Dokumentationen den Folgen des bislang größten zivilen Atomunfalls.

Die Atomexplosion in Tschernobyl hatte sowohl technische wie menschliche Ursachen. Der in der UdSSR verbreitete Reaktortyp RBMK war durch entsprechende Vergrößerung aus militärischen Reaktoren entwickelt worden, die atombombengeeignetes Plutonium produzieren sollten und deshalb mit Graphit statt Wasser als Moderator arbeiteten.

Die radioaktive Wolke, die aus dem explodierten Reaktor 4 in Tschernobyl aufstieg und sich über ganz Europa verteilte (Bild: Arte France)

Zudem hatten die Reaktoren weit weniger Sicherheitssysteme als westliche Systeme, und diese waren für einen Test auch noch großenteils abgeschaltet worden. Außerdem hatte sich eine Blockade durch ein Spaltprodukt, Xenon 135, aufgebaut ("Xenonvergiftung"), weshalb der Reaktor eigentlich sofort abgeschaltet gehört hätte, bis das Xenon 135 durch radioaktiven Zerfall wieder ausreichend abgebaut gewesen wäre. Stattdessen wurde der Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl übermüdet mitten in der Nacht im Rahmen eines technischen Experiments in einen instabilen Zustand gefahren, was schließlich zu einer sogenannten „Leistungsexkursion“ um das 1000-fach innerhalb von Millisekunden führte.

Man kann also zu Recht davon sprechen, dass der Atomreaktor versehentlich in eine Atombombe verwandelt worden war. Lediglich die Tatsache, dass ein Atomkraftwerk weniger kompakt ist als eine Atombombe, nicht extra zur Auslösung einer Explosion implodiert wird und der kritische Punkt nur leicht und nicht massiv überschritten wurde, verhinderte einen Atompilz, der um Größenordnungen über dem einer gewöhnlichen Atombombenexplosion gelegen hätte.

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Auf den ersten Blick schienen die Folgen deshalb harmlos: Ein nur in der näheren Umgebung zu hörender Knall, ein gewöhnlicher Brand. Kein Atompilz. Doch im Gegensatz zu einer Atombombe, bei der ja erst im Moment der Explosion radioaktive Spaltprodukte entstehen und den tödlichen Fallout erzeugen, hat ein Atomkraftwerk, das mit einer Ladung Brennstäbe bereits geraume Zeit läuft, diese Spaltprodukte längst erzeugt. Durch die Explosion, bei der die Betondecke vom Reaktorblock 4 in Tschernobyl flog, und den anschließend folgenden Graphit- und Uranbrand wären diese im Laufe der Monate beim regulären Reaktorbetrieb erzeugten Spaltprodukte ohne menschliches Eingreifen komplett in die Atmosphäre übergegangen und hätten in ganz Europa ein Vielfaches der ohnehin bereits erheblichen radioaktiven Umweltbelastung angerichtet.

Warnschilder im auch heute noch gesperrten Gebiet (Bild: Arte France)

Stattdessen wurde der Brand gelöscht und der zerstörte Reaktor unter einem Sarkophag begraben, was aber die dazu eingesetzten "Liquidatoren", teils aus Unkenntnis, teils weil es in Kauf genommen wurde, mit ihrer Gesundheit bezahlen mussten. Die für Atomeinsätze nicht konstruierte Elektronik technischer Geräte wie ferngesteuerter Roboter und Baumaschinen brach unter der enormen radioaktiven Strahlung in wenigen Minuten zusammen, während die Menschen erst Tage, Wochen, Monate oder Jahre später die Folgen zu spüren bekamen und so in die Todeszone geschickt werden konnten, um dort die notwendigen Arbeiten durchzuführen. Und auch so waren die Folgen für die Umwelt enorm, die in Weißrussland heute sogar teils massiver zu spüren sind als in den ersten Jahren nach dem Unglück , und die Zone von -zig Kilometern um den Reaktor selbst noch auf Jahrhunderte unbewohnbar machen.

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Im April und Mai 1986 wurden in Europa die möglichen Folgen völlig unterschätzt. Mancher empfand sogar klammheimliche Freude, dass beim „bösen Klassenfeind“ etwas in die Luft geflogen war und der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann verkündete, es sei völlig ausgeschlossen, dass die Radioaktivität aus Tschernobyl bis nach Deutschland kommen könne, als die radioaktiven Wolken bereits im Land waren und durch erste Maigewitter über Bayern ausgewaschen wurden. Die Strahlenwerte waren so hoch, dass der Forschungsreaktor Garching sogar automatisch wegen überhöhter Strahlung versperrt wurde.

Auch heute, 20 Jahre später, ist das Ausmaß der Folgen der Explosion und des Brands im Atomkraftwerk Tschernobyl nicht abzusehen. Ein Themenschwerpunkt auf Arte TV rekonstruiert den Weg der radioaktiven Wolke, die über Europa hinweg zog, und diskutiert die unmittelbaren, aber auch die bislang ungeahnten Folgen, die dieses Ereignis für den europäischen Kontinent hatte und bis heute hat. Neben diesem Themenabend zeigt Arte TV außerdem zwei Tage später die Dokumentation "Verstrahlt und vergessen – Tschernobyl und die Folgen"

Der Reaktor von Tschernobyl zwölf Jahre nach dem Unfall (Bild: Arte France)

Zehn Jahre nach dem Unfall wurde eine Karte der radioaktiven Cäsium-137-Niederschläge als Folge des Reaktorunfalls erstellt. Cäsium 137 ist ein Radionuklid mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Die Karte zeigt, dass die am stärksten betroffenen europäischen Länder weit auseinander und weit entfernt von der so genannten Gefahrenzone liegen. Regionen in Norwegen, Österreich, Italien, Griechenland und Frankreich sind ebenso verstrahlt wie weite Gebiete Weißrusslands und der Ukraine, dem Standort des Reaktors. Immer noch ist wenig bekannt über die tatsächlichen Folgen des Unfalls und über die Strahlungsrückstände im menschlichen Organismus, in der Natur und in der Nahrungskette. An vielen Orten werden heute wieder Atomkraftwerke geplant. Da es absolute Gefahrlosigkeit nicht gibt, müssen angesichts der von interessierter Seite eingesetzten Beruhigungsstrategie – Touristikunternehmen organisieren sogar Reisen nach Tschernobyl! – nach wie vor dringende Fragen öffentlich erörtert werden, beispielsweise: Was geschieht mit den veralteten Atomreaktoren? Und können die geplanten Atomkraftwerke wirklich sicherer gebaut werden?

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor Nr. 4 des in der Ukraine gelegenen Atomkraftwerks von Tschernobyl. Als Folge bildete sich eine riesige radioaktive Wolke. Gut zehn Tage brannte der Reaktor, bis das Feuer gelöscht werden konnte. 70 Prozent der radioaktiven Wolke gingen in dem nördlich von Tschernobyl gelegenen Weißrussland nieder. Nachdem die radioaktiven Gase in eine Höhe von 2.000 Metern aufgestiegen waren, bildeten sich drei Teilwolken, die sich über Skandinavien, Mitteleuropa und den Balkanländern in Regenschauern entluden.

Die Opfer von Tschernobyl zwölf Jahre nach dem Reaktorunfall - Krebskrankes Mädchen in der Klinik (Bild: Arte France)

In Norwegen wurden bei den Rentieren, die sich von Flechten ernähren, hohe Cäsiumkonzentrationen festgestellt. Da die dort lebenden Samen in erster Linie Rentierfleisch verzehren, ist diese Bevölkerungsgruppe ebenso stark von Cäsium 137 belastet wie die Menschen, die in unmittelbarer Nähe von Tschernobyl leben. An vielen Orten der atomverseuchten Zonen Weißrusslands warnen noch heute Schilder vor dem Sammeln von Beeren und Pilzen und vor dem Fischen, doch auch im Bayrischen Wald sind Pilze und Wildschweine noch verstrahlt. In der Dokumentation „Tschernobyl und Europa„ nehmen unter anderem Menschen, die sich mit den ökologischen und therapeutischen Folgen von Tschernobyl befassen, sowie Vertreter von Verbänden und Sachverständige der EU kritisch Stellung zum Verhalten europäischer Regierungsstellen angesichts der Katastrophe.

Die Dokumentation ergreift weder Partei für noch gegen die friedliche Nutzung der Atomkraft, sondern versucht eine nüchterne, geradezu "klinische" Bestandsaufnahme der Auswirkungen der Nuklearhavarie. Die Hauptdrehorte folgen dem Weg der radioaktiven Wolken. Sie liegen in Norwegen, Griechenland und Weißrussland, den Ländern, die am stärksten betroffen sind. Der GAU wird zwar in einigen Archivbildern gezeigt, aber der Großteil des Bildmaterials entstand neu. Mit Computeranimationen werden die Katastrophe und die Wege der radioaktiven Wolken zwischen dem 26. April und dem 9. Mai 1986 rekonstruiert.

Die schweizer Dokumentation „Die Atomfalle“ wurde im Jahr 1998 gedreht, also zwölf Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Sie zeigt die damalige Lage der Bevölkerung in Russland, Weißrussland und der Ukraine, die unmittelbar von der Havarie und ihren Folgen betroffen war und bis heute ist. Sie zeigt, wie sich zu diesem Zeitpunkt die Lebensverhältnisse von Millionen von Menschen, die Opfer des radioaktiven Niederschlags wurden oder die nach wie vor in verstrahlten Gegenden und von radioaktiv hoch belasteten Nahrungsmitteln leben, noch täglich verschlechtern. 26 Prozent der Wälder Weißrusslands und mehr als die Hälfte der Wiesen längs der Flüsse Dnjepr, Pripjet und Sosch liegen in der radioaktiv verseuchten Zone. Der Verzehr von in dieser Region gesammelten Beeren und Pilzen, ja bereits ein längerer Aufenthalt können lebensgefährlich sein.

Juni 1986: Ein Liquidator bereitet sich auf seinen Einsatz am hochverstrahlten Reaktor vor (Bild: Westdeutscher Rundfunk / Baum-Film)

Die Zahl der "Liquidatoren", der jungen Soldaten und Feuerwehrmänner aus der gesamten Sowjetunion, die in Tschernobyl im Einsatz waren, werden auf mehrere Zehntausend bis knapp eine Million geschätzt. Tausende von ihnen sind bereits gestorben, Tausende sind krank und viele setzten ihrem Leben selbst ein Ende. Die Internationale Atomenergiebehörde und die Weltgesundheitsorganisation bestätigen keinen systematischen Zusammenhang zwischen der Verstrahlung und den aufgetretenen Krankheiten, doch die Zahl der Opfer steigt, und man hat allen Grund, das Schlimmste für das genetische Erbe zukünftiger Generationen zu fürchten. Die Menschen sind Opfer einer sich lautlos vollziehenden, schleichenden Tragödie.

Drei Millionen Euro würden genügen, um die Organismen der 500 Millionen Einwohner von Radionukliden zu befreien, und einige zusätzliche Investitionen, um den sauren Boden wieder fruchtbar zu machen und zu verhindern, dass das radioaktive Cäsium und Strontium mit dem Grundwasser in die Gemüsegärten und auf das Weideland gelangen.

Filmemacher Christoph Boekel erzählt in seinem Dokumentarfilm von den persönlichen Schicksalen der Menschen, die er bei seiner Arbeit in Russland an einem Film über die Schlachten des II. Weltkriegs kennengelernt hat und die unmittelbar von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl betroffen waren, was er seinerzeit völlig unterschätzte.

Mitino bei Moskau: Das Denkmal für die tödlich verstrahlten Feuerwehrleute, die den Brand des explodierten Reaktors von Tschernobyl löschten (Bild: Westdeutscher Rundfunk / Baum-Film)

Bei dem Versuch, die Katastrophe einzudämmen, sind Feuerwehrleute mehrfach tödlichen Strahlendosen ausgesetzt. Drei Wochen später sind tatsächlich fast alle von ihnen tot. Über das Ausmaß der Strahlenverseuchung dringen nur spärliche Informationen nach außen. Die frühsommerliche Hitze, unzureichende Schutzmaßnahmen und Unkenntnis setzen die Rettungskräfte größten Gefahren aus. Der radioaktive Fallout macht die direkte und weitere Umgebung Tschernobyls zur unbewohnbaren Zone. Ein gewaltiges, unbekanntes Gemenge radioaktiver Stoffe startet einen Angriff auf Menschen, Tiere und die Natur.

Tschernobyl, das ist der Krieg des 20. Jahrhunderts

Wladimir Gubarew

Filmemacher Christoph Boekel hat lange Jahre in Russland gelebt und Menschen kennengelernt, die Opfer der Atomkatastrophe wurden. Sein Dokumentarfilm zeichnet Schicksale nach, die auch seine eigene Familie betreffen, und lässt Augenzeugen zu Wort kommen, deren Leben durch die Katastrophe von Tschernobyl tief greifend verändert wurde.

Tonmeister Mischa Gapejew (re.) 1986 bei den Dreharbeiten zu dem Film "Die Glocke von Tschernobyl" vor der einbetonierten, hochstrahlenden Reaktorruine (Bild: Westdeutscher Rundfunk / Baum-Film)

Der junge Künstler Dmitrij Gutin war in den letzten Tagen seines Militärdienstes zum Bau einer Eisenbahnlinie in der hoch verstrahlten Zone um den explodierten Reaktor abkommandiert. Er starb nach langen Leidensjahren kurz vor seinem 40. Geburtstag. Wladimir Gubarew war Chefredakteur des Wissenschaftsteils der "Prawda", dem Zentralorgan der KPdSU. Als privilegierter Journalist durfte er kurz nach der Havarie in die "Zone" reisen und seine Beobachtungen veröffentlichen. Er hatte schon Erfahrung - durch seine Nähe zu den Mächtigen war er bei Atombombenversuchen zugelassen.

Die einfachste Methode, um den Brand in Tschernobyl zu löschen, wäre gewesen, gar nichts zu tun. Am 19., 20. Mai wäre der Reaktor ganz von selbst ausgebrannt, der ganze Graphit, das ganze Uran wären in die Atmosphäre gestiegen. Es hätte sich über ganz Europa verteilt; ungefähr vom Ural bis zum Atlantik. Es hätte alles gleichmäßig bedeckt. Das Strahlenniveau wäre auf das 10- bis 20fache angestiegen. Aber es hätte von selbst aufgehört. Darin lag das Widersprüchliche der Entscheidung, den Reaktor zu löschen und damit das ganze Plutonium, das ganze Cäsium an diesem Ort zu belassen und sich damit selbst gigantische Probleme für die Zukunft zu schaffen. Das begriffen alle. Aber das Wichtigste war, bloß nicht ganz Europa zu verseuchen. Das war die vordringlichste Aufgabe, die noch im Mai gelöst wurde.

Wladimir Gubarew

Filmemacher Christof Boekel hat seine spätere Frau Marina und den Tonmeister Mischa Gapejew 1987 bei einem Film über seinen Vater kennen gelernt. Gapejew arbeitete 1986 wenige Wochen nach der Explosion des Atomreaktors an einem Film über die Eindämmung der Katastrophe mit. Er ist einer der wenigen Überlebenden des damaligen Filmteams.

Arte TVThemenschwerpunkt „Die Todeswolke“

Tschernobyl und Europa, Dokumentation, Regie: Dominique Gros, Frankreich 2006, 57 Minuten. Erstausstrahlung Arte TV, Dienstag, den 18. April 2006, 20.40 Uhr, Wiederholung: Mittwoch 19. April 2006, 14.40 Uhr

Die Atomfalle, Dokumentation, Regie: Wladimir Tchertkoff, Schweiz 1998, 47 Minuten. Arte TV, Dienstag, den 18. April 2006, 21.40 Uhr

Live-Diskussionsrunde, Moderation: Jürgen Biehle, Arte France, 15 Minuten. Arte TV, Dienstag, den 18. April 2006, 22.25 Uhr

Verstrahlt und vergessen, Tschernobyl und die Folgen, Dokumentation, Regie: Christoph Boekel, Deutschland 2006, 52 Minuten. Erstausstrahlung Arte TV, Donnerstag, den 20. April 2006, 22.25 Uhr

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