"Die Truppe wächst wieder": Bundeswehr spricht optimistisch von "Meilenstein"

Werbung für die Bundeswehr. Bild: Bundeswehr

Angeblich ist die Bundeswehr bei Schülern nach Polizei und Adidas der drittbeliebteste Arbeitgeber

Erstmals seit langer Zeit kann die Bundeswehr einen Erfolg bei der Personalrekrutierung vermelden. Nachdem man 2 Jahre lang es nicht geschafft hatte, die angestrebte Marke von 170.000 Berufs- und Zeitsoldaten zu erreichen, habe man nun den "Meilenstein" im Juli geschafft und verkündet stolz: "Die Trendwende Personal entfaltet ihre Wirkung." Die hatte das Verteidigungsministerium von der Leyen im Mai 2016 verkündet (Bundeswehr soll bunter werden).

Zugegeben werden musste, dass noch im Juli die Schwelle wieder unterschritten wurde, um dann wieder "durchbrochen" zu werden: "Der Trend zeigt deutlich nach oben". Der Personalaufwuchs - man spricht nicht von Soldaten, sondern von "militärischem Fachpersonal" - sei "voll im selbstgesteckten Zielkorridor". Ein bisschen ungenau geht man allerdings in der Erfolgsmeldung vor. Zwar ist die Zahl der Berufs- und Zeitsoldaten um mehr als 1000 von 168.446 auf 169.856 im Juli angestiegen, gleichzeitig ging die Zahl der Freiwillig Wehrdienst Leistenden (FWDL) von 9.454 im Juni auf 8.967 zurück. So gab es zwar, wie die Bundeswehr, 178.823 aktive Soldaten und Soldatinnen, aber eben "nur" 169.856 Berufs- und Zeitsoldaten. Welcher Stand im August erreicht wurde, teilte die Bundeswehr auf von Thomas Wiegold nicht mit, wie dieser schreibt.

Da gewinnt man den Eindruck, dass die Trendwende herbeigeschrieben werden soll, schon Anfang 2017 war einmal eine Art Trendwende verkündet worden (Bundeswehr meldet größeres Interesse und mehr Einstellungen 2016). Und die Truppenstärke war zwar mal mit 170.000 anvisiert worden - das aber sollte bis Ende 2016 erreicht werden!

Mittlerweile will man nicht mehr nur wegen der wachsenden Auslandseinsätze eine Personalstärke von 177.000 anstreben, sondern von 198.000, so von der Leyen im Februar (Bundeswehr soll um 20.000 Soldaten vergrößert werden). Gut ist, dass die "Trendwende Personal" selbst flexibel ist. Man spricht von einem "atmenden Personalkörper". Es dürfte also auch mal mehr oder weniger sein. Maßstab wäre aber die sicherheitspolitische Situation. Und da weiß man nun auch nicht, wie viele Soldatinnen und Soldaten gerade gebraucht werden und woher nach dem "Ausatmen", wenn es mal weniger werden, schnell die Willigen beim "Einatmen" kommen sollen, sofern sich die Sicherheitslage plötzlich verändert. Zudem wurde bereits das Angebot, als Soldatin oder Soldat auf Zeit zu dienen, weiter geöffnet, ein Schulabschluss ist nicht mehr notwendig. Auch bei der körperlichen Fitness werden die Augen zugedrückt.

Wehrpflicht oder steigendes Interesse am Soldatenberuf

Deutschland geht es keineswegs alleine so. Auch in anderen Staaten ist der Soldatenberuf nicht mehr attraktiv. Schweden hat daher schon beschlossen, wieder eine Wehrpflicht einzuführen - und das genderneutral, auch in Litauen und der Ukraine wurde sie wieder eingeführt. In Deutschland hatte sich der Reservistenverband schon mal dafür ausgesprochen, der Bundeswehrband bedauerte letztes Jahr die Aufhebung. Vor kurzem sprach sich auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg dafür aus, allerdings mit einer originellen Begründung. Seit der Abschaffung der Wehrpflicht stelle die Bundeswehr keinen Querschnitt der Gesellschaft mehr da. Eingeführt werden könnte die Wehrpflicht schnell wieder durch ein Gesetz, im Grundgesetz ist ein Pflichtdienst weiter verankert. Bislang fordert nur die AfD die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

In Israel, wo es die Wehrpflicht gibt, stellt man einen "beunruhigenden" Trend vor. Weniger der Zwangseingezogenen wollen in einer Kampfeinheit dienen. Um 2 Prozent sei die Zahl der Willigen 2017 weniger geworden. Konstatiert wird eine "Erosion des Kriegerethos", die jungen Kadetten ziehen der Front Cyberwareinheiten oder IT-Jobs vor.

Wenn es nach dem trendence Schülerbarometer 2017 geht, für die 20.000 Schüler befragt wurden, scheint die Bundeswehr ein beliebter Arbeitgeber zu sein, zumindest so lange die Schule noch nicht zu Ende ist. Offenbar gibt es einen Trend zum öffentlichen Dienstag. Der beliebteste Arbeiter ist die Polizei, dann folgt Adidas und auf dritter Position vor BMW und Audi liegt die Bundeswehr, bei der sich 12 Prozent vorstellen können, sich zu bewerben. Selbst bei den Abiturientinnen und Abiturienten liegt die Bundeswehr erstmals auf dem zweiten Platz. Immerhin 10 Prozent sagen, dass sie nach Schulende einen Bundesfreiwilligendienst machen wollen, zum Freiwilligen Wehrdienst drängt es aber nur noch 3,6 Prozent.

Die Bundeswehr führt die gestiegene Beliebtheit u.a. auf die Webserie "Die Rekruten" zurück. Nun haben uns die Schülerinnen und Schüler zu einem der beliebtesten Arbeitgeber gewählt. Wir freuen uns sehr, dass das Interesse am Arbeitgeber Bundeswehr deutlich steigt: So haben wir im ersten Quartal 2017 21 Prozent mehr Bewerbungen für die Laufbahnen der Mannschaften und Unteroffiziere erhalten als im Vorjahreszeitraum", sagt Dirk Feldhaus, Beauftragter für die Kommunikation der Arbeitgebermarke der Bundeswehr.

Dass gerade vier Offizieranwärter bei einem Marsch einen Hitzschlag erlitten haben und einer daran gestorben ist, dürfte wohl keinen Rückschlag mit sich bringen, könnte aber ein Hinweis auch darauf sein, dass körperliche Fitness vielleicht bei der Rekrutierung eine zu geringe Rolle spielt. Der Zustand des Materials spricht allerdings wenig für eine gesicherte Karriere im öffentlichen Dienst, wenn Bundeswehrhubschrauber einfach so mal vom Himmel fallen, weil sie die Rotorblätter verlieren. (Florian Rötzer)