Die USA haben eine neue "abgemessene Strategie" für Afghanistan

Das Land der dauernden militärischen Neuanfänge: Zeremonieller Missionswechsel von Isaf auf Resolute Support im Dezember 2014. Foto: ISAF/gemeinfrei

Es gehe nicht bloß um Töten, sondern darum, dass man die politische Umgebung formt

Die USA versuchen es - wieder einmal - mit einer neuen Strategie in Afghanistan. Dafür operiert der Kommandostab Medien gegenüber mit einem Schlüsselbegriff, der aus Erfahrung Gelerntes und eine darauf abgestimmte Überlegung suggeriert: "kalibrierter militärischer Druck" (i.O. calibrated military pressure).

Die Hoffnung auf einen rein militärischen Sieg hätten die amerikanischen Befehlshaber in diesem, seit 17 Jahren währenden, Konflikt schon länger aufgegeben, erklärt dazu das Wall Street Journal. Stattdessen stelle man nun auf einen Ansatz ab, der die eingesetzte Gewalt genau bemisst ("metering the violence"), um die amerikanische und afghanische Position in Friedensverhandlungen zu stärken.

Der Eindruck ist, dass damit nur Altes wiederaufgekocht wird. Gegen den Erfolg steht eine Fundamental-Aussage der Taliban. Diese stehen zwar Verhandlungen gegenüber offen, wie sie auch schon durch die Teilnahme an Unterredungen gezeigt haben, aber sie haben dafür ein unbedingtes Ziel festgelegt: Dass die US-Truppen samt ihren Verbündeten vollständig abziehen.

Alle Relativierungen dieser Forderung lehnen die Taliban ab, an der Absolutheit ihres Ziels sei nicht zu rütteln, wie der Sprecher des "Islamischen Emirats" am Sonntag erneut betonte (mit drei Ausrufezeichen). Man dürfe da nichts durcheinanderbringen. Zwar gebe es politische Bemühungen zu einem Abzug, aber das sollte nicht missverstanden werden. US-Truppe werden weiter angegriffen und beim Abzug gehe es "nicht um Optionen nach der Wahl amerikanische Generäle !!!"

Dem gegenüber steht eine Auffassung, die Nato-Generalsekretär Stoltenberg kürzlich bei seinem Afghanistan-Besuch verkündete und die wohl auch im US-Generalstab gilt: Die Taliban können militärisch nicht gewinnen. Stellt man dem ein "auch" voran, so markiert das die beiden Pole, in denen sich der Zermürbungskrieg seit langer Zeit abspielt.

Im US-Kommando vertritt man die Überzeugung, dass mit einer höheren Intensität von Einsätzen politische Gestaltungsmöglichkeiten zu erzielen sind. "Man muss aufdrehen", wird der US-Kommandeur der verbündeten Streitkräfte in Afghanistan, General Scott Miller, vom Wall Street Journal wiedergegeben:

Der Zweck ist nicht bloß zu töten. Er besteht vielmehr darin, die politische Umgebung zu formen.

General Scott Miller

Worauf die US-Strategie damit letztendlich als Verhandlungsergebnis zielt - ob man etwa auf einen teilweisen Abzug aus ist, der den USA ein paar Militärbasen im Land erlaubt, um offiziell gegen al-Qaida oder den IS vorzugehen -, darüber wird nicht offen geredet.

Dagegen bewilligt man dem WSJ-Reporter, Michael M. Phillips, bei einem der nun intensiver durchgeführten Einsätze dabei zu sein, bei dem US-Elitesoldaten Seite an Seite mit afghanischen Elitesoldaten (allerdings deutlich unter der Federführung der Green Berets) gegen in einem Tunnel verschanzte Talibankämpfer vorzugehen.

Eingerahmt wird die Kriegsreportage von ungefähren Angaben im Konjunktiv, wie die von US-Offizieren, wonach in jeder beliebigen Nacht Dutzende von Insurgenten getötet werden könnten, und Zahlen samt Balkengrafik, die zeigen, dass die US-Luftwaffe in den ersten neun Monaten dieses Jahres mehr "Waffen", also wahrscheinlich hauptsächlich Bomben und Raketen, aus dem Himmel über Afghanistan abgeworfen oder abgefeuert hat als in jedem ganzen Jahr zuvor seit 2011, nämlich "5. 213 munitions".

Dazu fällt einem ein, dass dies schon mit der neuen Bomben-Strategie angesagt worden war, die Präsident Trump vor vielen Monate verkündet hatte. Auch die damit verbundenen Sprüche sind nicht wirklich neu: "Es wäre besser für Afghanistan, wenn die Taliban einfach mit dem Kampf aufhören würden. Aber wir werden es für sie in der Zwischenzeit außerordentlich schmerzhaft machen", so der Sprecher der alliierten Streitkräfte, David Bulter.

Es gab auch ein Erfolgserlebnis. Am vergangenen Sonntag wurde der Chef der Taliban-Schattenregierung in Helmand, Mullah Abdul Manan Akhund (Manan), bei einem US-Luftangriff getötet und Bulter wies die Operation als Bestandteil des neuen militärischen Einsatz-Designs aus, das den Druck die Taliban erhöht.

Dass solche gezielten Tötungen von Anführern dschihadistischer Milizen meist wenig Wirkung zeigen, müsste eigentlich auch zum alten "Erfahrungsschatz" der US-Militärs gehören. Aber in Afghanistan gibt es eben wenig Erfolgserlebnisse.

Geht es nach den international verbreiteten Nachrichten der letzten Wochen, so verbuchten die Taliban einen militärischen Erfolg nach dem anderen. Zwar wird auch die Skepsis geäußert, dass dies optisch auf Imagegewinn zielende, aber lediglich kurzzeitige militärische Erfolge seien. Gleichzeitig aber muss die US-Regierung fortlaufend ihr Bild von der Lage in Afghanistan zum Schlechteren korrigieren.

In diesen Kontext gehört, dass die Taliban über sehr viel mehr Kämpfer verfügen, als es die offiziellen Zahlen vermuten ließen, die bisher nach Außen gegeben wurden. So sprach Marine Lt. Gen. Kenneth F. McKenzie vor einem Senatsausschuss kürzlich von 60.000, statt der zuvor genannten 20.000 Talibankämpfer. Bill Roggio, Experte für Afghanistan bei dem hier häufiger erwähnten Long War Journal (gehört zu einem neokonservativen Think Tank, liefert aber, bis auf Ausnahmen, immer wenn es irgendwie um Iran geht, solide Lageberichte), setzt die Zahl weitaus höher an, nämlich bei 100.000.

Zum Vergleich: Derzeit sind etwa 14.000 US-Soldaten im Einsatz in Afghanistan, dazu rund 8.200 Soldaten aus anderen Ländern und etwa 310.000 afghanische Sicherheitskräfte (Armee und Polizei).

Das erwähnte Long War Journal konterkariert seit längerer Zeit die offiziellen US-Lageberichte zu Afghanistan. Immer wieder schickt die Publikation mit eigenen Recherchen unterlegte Analysen in die Öffentlichkeit, die zeigen, dass weitaus weniger Distrikte unter der Kontrolle der Zentralregierung in Kabul stehen, als dies die offiziellen, geschönten US-Angaben zugeben. Grob gesagt, ist ungefähr die Hälfte der Distrikte zumindest umkämpft.

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