Die USA und der Rest der Welt: Prioritäten deutscher Medien

Mal ehrlich, wie viele Deutsche kennen die Hintergründe der UN-Mission Minusma, an der in Mali auch die Bundeswehr beteiligt ist? Foto: Ministry of Defence, Netherlands / CC0 1.0

Was wissen wir über andere Länder – und über welche? Studie der Otto-Brenner-Stiftung macht viele weiße Flecken in der Berichterstattung aus

Die Welt verblasst in der Wahrnehmung. Was die Menschen über andere Länder wissen, wurde in den letzten Jahren oberflächlich – und über manche Länder ist schlicht nichts bekannt, weil über sie nicht berichtet wird. Die Auslandsberichterstattung der deutschen Medien ist in der Krise, zeigt eine aktuelle Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Marc Engelhardt, langjähriger Auslandskorrespondent und Autor der Studie, benennt darin die Gründe für diese Entwicklung.

Als die Taliban wieder in Kabul einmarschierten, war die Öffentlichkeit überrascht und fragte sich, wieso es dazu kommen konnte. Die Bundeswehr ist seit Jahren in Mali im Einsatz, doch was wissen die Deutschen über das afrikanische Land und seine Konflikte? Ist es Deutschen wirklich möglich, das Phänomen Donald Trump und seinen Erfolg in den USA zu verstehen? Die Antwort lautet in der Regel: Nein.

Die Konjunktur der Ukraine-Krise

Hinter diesen drei Beispielen verbirgt sich dasselbe Problem: Manchen Ländern wird von den Medien überhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt – und manchen nur selektiv. Auch um den bewaffneten Konflikt in der Ukraine war es nach 2014 still geworden, bis vermehrt russische Truppen in Grenznähe verlegt wurden.

Nur selten wird das Problem von den Medien selbst erkannt. Kai Gniffke, damals Chefredakteur von "ARD-aktuell", räumte im Herbst 2014 ein, man hätte anders über den Bürgerkrieg in der Ukraine berichten sollen. Aber man sei möglicherweise "zu leicht dem Nachrichten-Mainstream gefolgt". Auf unsere Wahrnehmung von den Konflikten in der Welt hat das allerdings erhebliche Auswirkungen.

Eine Langzeitauswertung von 23 überregionalen und regionalen Zeitungen in Deutschland mit den höchsten Auflagen hat ergeben: Über kein anderes Land in der Welt wird so viel berichtet wie über die USA. Untersucht wurde dabei der Zeitraum von Anfang 2010 bis Ende 2019. Auf Platz zwei folgte Großbritannien, kommt aber nicht einmal auf die Hälfte der Berichte über die USA. Für andere Länder, in denen erhebliche Konflikte herrschten, sah das Verhältnis noch schlimmer aus.

Für jeden Artikel, der im untersuchten Zeitraum über die Ukraine erschien – immerhin ein Staat an den Außengrenzen Europas, in dem zunächst die Euromaidan-Proteste 2013 für Aufsehen sorgten und wo seit der Annexion der Krim durch Russland im März 2014 ein Bürgerkrieg herrscht – wurden 14 Berichte über die USA verfasst. Im Falle Syriens, wo 2011 der bis heute tobende Krieg begann und in dessen Artikelanzahl viele Berichte über Flüchtlinge aus Syrien (in Europa) enthalten sind, beträgt das Verhältnis zu den Artikeln über die USA 1:10.

Arm und unbeachtet: Republik Moldau und Sahelzone

Andere Länder wurden von den Medien in diesem Zeitraum vollkommen ignoriert: die umkämpfte Westsahara zum Beispiel oder die Republik Moldau, eines der ärmsten Länder Europas. Weniger als 50 Mal wurde über die Länder der Sahel-Region berichtet.

Dabei handele es sich hier um Länder, so Engelhardt, die nicht nur mit einer kulturell und politisch reichhaltigen Geschichte aufwarten können, sondern auch aus geostrategischen Gründen für die deutsche Außenpolitik von großem Interesse sein sollten. Oftmals würden diese Berichte zudem von Redakteuren verfasst, die auf Pressereisen – etwa mit Ministern – vor allem bestätigen, was sie vorher anderswo gelesen haben. "Eine kritische Beleuchtung der Geschehnisse im Land und auch des Bundeswehreinsatzes ist so unmöglich", betonte Engelhardt.

Stadt-Land-Gefälle in der USA-Berichterstattung

In der Studie werden die Konsequenzen der Berichterstattung an mehreren Beispielen dargestellt. Eines davon möchte ich an dieser Stelle herausgreifen: Donald Trump. Dass bei seinem Wahlsieg 2016 fast alle Korrespondenten aus allen Wolken fielen, ist bezeichnend.

Damals erklärte der US-amerikanische Autor Eric T. Hansen in einer Talkrunde mit Sandra Maischberger so: Der Hauptgrund, weshalb kein Korrespondent Trumps Sieg kommen sah, sei das Desinteresse der Medien an breiten Schichten der Bevölkerung. Ganze Regionen der USA würden in der Berichterstattung ausgeblendet.

Das liegt vor allem daran, dass die meisten Korrespondenten in Washington D.C. sitzen, in New York und Los Angeles. Von dort berichten sie über die Regierung, die UNO und die "Schönen und Reichen". Die ländlichen Gebiete, in denen Trump vor allem gewählt wurde, stehen nicht im Fokus der Journalisten. "Reisen in ländlichere Bundesstaaten wie Missouri, Michigan oder Mayne", schreibt Engelhardt, "sind teuer, kosten Zeit und gehen immer auf Kosten des Outputs, der im gleichen Zeitraum am Schreibtisch produziert werden könnte".

Russland gehört dagegen zu den Ländern, über die am häufigsten berichtet wird; doch das Land zählt ebenso zu den großen Unbekannten. Politische Berichte aus Moskau erzeugten weniger Kosten als zum Beispiel eine aufwendige Reise durch den Altai, schreibt Engelhardt. Medien, die nicht so betucht seien wie die ARD, würden deshalb Geschichten aus den Weiten des Landes weitgehend ausblenden.

Als Ursache für die Entwicklung machte Engelhardt in der Konsequenz die Konkurrenz unter den Medien und den Kostendruck aus. Die Zahl der Auslandskorrespondenten ging zurück, die Redaktionen wurden kleiner und die Budgets wurden zusammengestrichen. Außerdem würden Repression und Propaganda die Arbeit der Journalisten in vielen Ländern erschweren.

Einen anderen Punkt klammerte Engelhardt in seiner Studie allerdings aus: den Konformitätsdruck unter Journalisten, der seit Jahren von vereinzelten Journalisten angesprochen wird. Charlotte Wiedemann hatte zum Beispiel vor fast zehn Jahren in ihrem Buch "Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben" auf Verzerrungen durch Herdenverhalten, redaktionellen Vorgaben und die Sicht durch die eigene kulturelle Brille hingewiesen. Sie schrieb:

Bei jenen Print- und Fernsehmagazinen, die heute überhaupt noch Auslandsaufträge vergeben, ist das Entstehen neuer, überraschender Erkenntnis schon im Ablauf kaum mehr vorgesehen. Für eine Arte-Dokumentation muss ein freier Filmemacher ein detailliertes Drehbuch vorlegen, um den Auftrag zu bekommen.

Später besteht die Kunst darin, die Realität so zu filmen, dass sie das Drehbuch erfüllt. Bei Print-Magazinen wird ein Thema manchmal auf so vielen Konferenzen vordiskutiert, dass nachher der Eindruck aufkommen kann, die Recherche vor Ort solle nur die Farbe liefern: für das kindliche Buntschraffieren der vorgegebenen Umrisse.

Charlotte Wiedemann

Um grobe Einseitigkeit in der Kriegsberichterstattung zu vermeiden, hat vor wenigen Tagen der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) vorgeschlagen, den Pressekodex um entsprechende Grundregeln zu erweitern: Er solle in Zukunft auch dazu verpflichten, auf unzureichende Recherchemöglichkeiten hinzuweisen. "Wenn nur eine von zwei Konfliktparteien die Quelle von Informationen ist, müssen die Leserinnen und Leser das erfahren", erklärte DJV-Chef Frank Überall am Dienstag.

Ob im russisch-ukrainischen Grenzgebiet oder anderswo auf der Welt: Wir dürfen uns nicht zu Propagandagehilfen einer Konfliktpartei machen lassen.

Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV)

Als Beispiel nannte er den Irak-Krieg, in dem US-Truppen mit "Embedded Journalism" versucht hätten, die Berichterstattung in ihrem Sinn zu beeinflussen. "Im Krieg gilt: Die Wahrheit stirbt zuerst", so der DJV-Chef.
Laut einem Bericht des Branchenportals Meedia sah der Deutsche Presserat aber zunächst keinen Handlungsbedarf, da weder Beschwerden noch andere Hinweise vorlägen, "dass Zeitungen und Zeitschriften im aktuellen russisch-ukrainischen Konflikt ihre Quellen nicht sauber benennen". (Bernd Müller)