Die Uhr läuft

Die NASA hat Probleme mit den Innovationszyklen in der IT-Industrie

8086 ist offenbar die derzeit heißeste Nummer für die NASA. Denn während Siebenjährige heute auf dem Pentium IV bestehen, meldet die US-amerikanische Raumfahrtbehörde steigenden Bedarf an Uraltchips.

Jedenfalls lässt sich das aus einer ihrer derzeitigen Verlautbarungen schließen: selbst Internet-Auktionäre wie E-Bay werden regelmäßig von NASA-Ingenieuren beehrt, die nach dem Elektroschrott von früher suchen, weil immer noch existierende wichtige Systeme sich darauf stützen und eben nicht auf die neueste Prozessor-Generation.

Der Spott fällt leicht, aber das Problem ist schwerwiegend. In zunehmendem Maße werden langfristige Technologieprogramme von den immer hektischeren Innovationszyklen überholt. Aus Bequemlichkeit, Kostengründen und dem allgemeinen Hang großer Bürokratien zum Konservatismus (der auch mit der Tatsache zu tun hat, dass Menschen nur in bestimmten Grenzen umlernen können),stockt der technologische Fortschritt manchmal genau dort, wo er angeblich zuhause ist.

Schon vor Jahren berichtete die Zeitschrift Chip (6/97): "Der bekannteste Fall von Datenverlust hat sich bei der US-Weltraumbehörde NASA abgespielt: Der Inhalt von 1,2 Millionen Magnetbändern, die drei Jahrzehnte amerikanische Raumfahrt dokumentieren, ist hinüber. Der Grund: mangelhafte Lagerung der Bänder selbst, in Kombination mit der höheren Laufgeschwindigkeit moderner Abspielgeräte. Beim Versuch, die Bänder auf modernen Anlagen zu lesen, löste sich die Magnetschicht, oder sie zersetzten sich gleich ganz." Die meisten der Daten blieben trotz großer Bemühungen der Nasa zur Wiederherstellung unwiederherstellbar.

Ironische Folge dieser "rückwärtigen Technologielücke": Uraltlösungen stehen hoch im Kurs. Aber wenn die Architektur der neuen Prozessorgenerationen sich einmal ganz von ihren Vorfahren verabschiedet hat, nützt auch alle Erfahrung eines Clint Eastwood nicht mehr, der als Space Cowboy mithilfe seines veralteten Technologiewissens im Kino mal schnell die Welt retten konnte (Man on the Moon).

Vorderhand ist die NASA also einmal auf der Suche nach alten Chips. Aber so erfolgreich sie dabei auch sein mag: Die Gefahr, dass unser Zeitalter das am schlechtesten dokumentierte seit Beginn der Schriftkultur werden könnte, ist damit noch nicht gebannt (Das Netz hat (noch) kein Gedächtnis, Monument und Zeitkapsel). (Marcus Hammerschmitt)

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