"Die Ukrainer leiden unter dem Fleischwolf der Interessen"

"Alle haben verstanden, dass der Krieg Blut und für viele Tod und eine Tragödie bedeutet"

Am 2. Juni 2014 - Ruslan berichtete für den Fernsehkanal 112 gerade aus Lugansk - gab es für ihn ein Schlüsselereignis. Seine Frau erzählt: "Im Fernsehen erzählten sie den Menschen, dass an der Außenwand der Gebietsverwaltung von Lugansk eine Klimaanlage explodiert sei. Die Splitter der Explosion hätten vier Menschen getötet. Aber Ruslan war vor Ort. Er hat alles mit seinen Augen gesehen und die Menschen interviewt."

Später wurde bekannt, dass ein ukrainisches Flugzeug die Gebietsverwaltung mit einer Rakete beschossen hatte (Raketenangriff auf Sitz der Separatisten im ostukrainischen Lugansk). Ob Ruslan das im Kiewer Fernsehkanal berichtet hat, frage ich Uliana. "Er hat in seinen Filmen selbst wenig gesprochen. Er hat die Menschen selbst sprechen lassen. Die Menschen beschuldigten die ukrainische Armee wegen der Beschießung."

Nachdem Ruslan seinen Aufruf zur Kriegsdienstverweigerung veröffentlicht hatte, wurde er von der Leitung des Fernsehkanals 112 zu Kündigung gedrängt. Der Kanal, der gelegentlich kritisch berichtet hatte, war von den Aufsichtsorganen in Kiew schon einmal verwarnt worden. Bei einer zweiten Warnung drohe die Schließung des Kanals. "Wenn wir jetzt eingestehen, dass du unser Journalist bist, werden 400 Leute arbeitslos", habe ihm sein damaliger Arbeitgeber gesagt. Er sei dann rückwirkend entlassen worden.

Und die Kollegen, ob es von denen Unterstützung gab? Nein, meint Uliana. Nur auf privater Ebene habe es Unterstützung gegeben. "Alle hatten Angst gehabt, das Schicksal von Ruslan zu erleiden." Erst als Ruslan verurteilt worden war, gab es etwas mutigere Reaktionen. Denn der Prozess hatte deutlich gemacht, dass es keinerlei Beweise für die vorgeworfene "Schädigung der Armee" gab.

Das Verhältnis von Ruslan zum Krieg in der Ost-Ukraine sei "von Anfang an negativ gewesen", sagt Uliana. Und auch in der Bevölkerung sei die Stimmung gegen den Krieg gewesen. "Alle haben verstanden. Dass das nicht so ist, dass alle Guten die Schlechten besiegen. Und die Schlechten kommen mit erhobenen Händen. Und dann gibt es nur Frieden, Freundschaft und Kaugummi. Alle haben verstanden, dass der Krieg Blut und für viele Tod und eine Tragödie bedeutet, und dass er Jahrzehnte dauern kann. Und niemand will so einen Zustand für sein Land."

Uliana Kotsaba (rechts) mit ihrer Übersetzerin beim Auftritt in der Berliner Galerie Olga Benario. Bild: U. Heyden

Schlangen vor den Visa-Zentren

Auf einer Veranstaltung im Peter-Weiss-Haus in Rostock, erklärte Uliana auf eine Publikumsfrage, Poroschenko habe bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 2015 beachtliche 64 Prozent der Stimmen bekommen, weil er versprochen hatte, dass die "Anti-Terror-Aktion" in der Ost-Ukraine innerhalb von wenigen Tagen beendet sein werde. "Niemand bei uns wollte kämpfen. Und ich habe den Eindruck, dass die Menschen auch jetzt nicht kämpfen wollen. Viele verlassen die Ukraine, um sich der Wehrpflicht zu entziehen. Es gibt bei uns keine Schlangen vor den Kreiswehrersatzämtern. Bei uns gibt es Schlangen vor den Visa-Zentren."

Was Ruslan von Russland wolle, frage ich Uliana "Er will gar nichts von Russland. Es geht nicht um Russland. Ruslan versteht, dass Russland, die EU und Amerika ihre eigenen Interessen haben. Doch an diesem Fleischwolf der Interessen leiden vor allem die Menschen, die in der Ukraine leben."

Was muss man machen müsse, um den Krieg zu beenden? "Man muss einen Waffenstillsand vereinbaren und Gespräche führen. Natürlich muss die ganze Konfliktzone demilitarisiert werden. Dafür gibt es auf der Welt schon erprobte Methoden."

Ob es möglich sei, dass Lugansk und Donezk nach ihren eigenen Regeln leben? "Ich bin kein Politiker. Wahrscheinlich braucht die Ukraine nicht die Bevölkerung, sondern das Territorium. Man zwingt den Menschen eine Position auf. Und im Fernsehen sagt man, dass die Menschen in Donezk und Lugansk selbst schuld sind. Sie hätten ja Putin gerufen, dass er Truppen schicken soll. Man brauche kein Mitleid mit den Menschen dort zu haben. Es sei normal, dass man ihnen keine Rente zahlt." Uliana holt Luft und sagt dann: "Wir müssen verstehen, dass diese Herangehensweise eine Sackgasse ist."

Karriere als Tortenbäckerin

Eigentlich ist Uliana Sprachwissenschaftlerin. Doch ihr Geld verdient sie seit vielen Jahren mit Designer-Torten. Die verziert sie mit essbaren bunten Blumen in zarten Formen. Sie hat inzwischen eine solche Fertigkeit entwickelt, dass sie als Spezialistin durch die Ukraine reist und Seminare zum Thema Designer-Torten gibt. Eines ihrer Videos zur Torten-Herstellung wurde 552.000 Mal angeklickt.

Immer wieder betont Uliana, dass sie keine Politikerin sei und keine Vorschläge machen könne, wie es in der Ukraine weiter gehen soll. Doch um eine Einschätzung der Stimmung in der Ukraine ist sie nicht verlegen. Eigentlich verständen sich die Leute in der Ost-Ukraine und der West-Ukraine sehr gut und sie wüssten auch, "dass sie einen gemeinsamen Feind haben". Aber es könne noch Jahrzehnte dauern, bis der Konflikt gelöst wird, "denn die Erregung in der Gesellschaft ist sehr hoch". Die Menschen haben ihre Verwandten und Söhne im Krieg verloren. Es sei sehr schwer "einen Punkt zu finden, an dem man sich verständigen kann". Das Beste wäre, "wenn die Menschen ihre Toten beerdigen, sie beweinen und weiterleben. Aber das ist sehr kompliziert."

Wenn Uliana über ihren Mann erzählt, spürt man ihren Stolz. Aber man spürt auch, dass sie inständig hofft, dass dieser Alptraum möglichst bald ein Ende hat. Ruslan auf die Knie zu zwingen, das sei nicht möglich. Schon seit Ende der 1980er Jahre sei er politisch aktiv, damals noch in einer Studentengruppe. "Sie kämpften mit Hungerstreiks für die Unabhängigkeit der Ukraine." Ruslan habe zu dem engsten Kreis um den ukrainischen Dissidenten Wjatscheslaw Tschornowil gehört. Der war eine Führungsfigur des Narodny Ruch und Präsidentschaftskandidat. Die meisten Mitglieder der Studenten-Gruppe hätten dann Karriere gemacht und seien in der ukrainischen Gesellschaft bekannt.