"Die Ukrainer leiden unter dem Fleischwolf der Interessen"

"Widerliche Mutation unter blau-gelber Flagge"

Uliana meint, der schöne Traum von der unabhängigen, demokratischen Ukraine habe sich nicht erfüllt. Die Unabhängigkeit von 1991 sei nur formal gewesen. In ihrem Vortrag, den sie in deutschen Städten hielt, sagte die Frau des Kriegsdienst-Gegners: "In Wirklichkeit waren das staatliche System und die Arbeitsmethoden der Sowjetunion unter dem Deckmantel patriotischer Losungen, der blau-gelben Fahne und des Dreizacks nicht nur lebendig - sie waren zu etwas Widerwärtigem mutiert, das den jungen Staat von innen auffraß."

Am Abend in der "Hofperle" wird sie noch deutlicher. "Als der unabhängige Staat 1991 entstand, wussten unsere Dissidenten leider nicht, was sie mit diesem Staat, den sie erhalten hatten, machen sollten. Es war wie ein Geschenk für ein Kind, das sich darüber freute. Und das Kind wusste nicht, was es mit diesem Geschenk machen soll. Deshalb haben sie sich beschränkt auf die Schaffung einer neuen Nationalhymne und einer neuen Flagge."

An der Macht seien praktisch die Leute geblieben, die schon in der Sowjetunion Macht hatten. Die Leute, die während des Zusammenbruchs der UdSSR Kommunisten waren, "das waren nicht die Kommunisten, die es bei der Gründung der Sowjetunion gab", sagt Uliana. "Das war schon nicht mehr die Ideologie und auch nicht mehr die kommunistische Partei, welche die Revolution gemacht hat."

Bevor Ruslan Ende der 2000er Jahre Journalist wurde, war er Angestellter im Umweltbereich. 1992 hatte er im westukrainischen Lviv eine Ausbildung am forsttechnischen Institut mit der Spezialisierung Jagdwesen abgeschlossen. Er wurde Leiter der Jagdaufsicht von Iwano-Frankiwsk und später Leiter der Gebiets-Fischerei-Inspektion. "Er führte seine Arbeit so, dass er viele gegen sich aufbrachte. Er wohnte praktisch auf der Arbeit, führte selbst Kontrollfahrten durch und fing Gesetzesbrecher, unter denen sehr oft Vertreter von Machtstrukturen waren - der Miliz und sogar des SBU. Es gab einige aufsehenerregende Gerichtsverfahren, an deren Ende die "Wilderer in Uniform" schuldig gesprochen und Strafen verhängt wurden.

2005, nach dem Sieg der orangenen Revolution, wurde Ruslan dann aus dem Staatsdienst entlassen. Man warf ihm vor, er unterstütze die alte Macht unter Leonid Kutschma. "Dabei hatte er die gesamte orangene Revolution unterstützt." Wofür er sich auf dem Maidan eingesetzt habe? "Er setzte sich dafür ein, dass Wahlen nach den Gesetzen durchgeführt werden."

"Das ist die schwerste Frage, die man mir im Leben stellte"

Schließlich sprechen wir über Ulianas Kinder. Was sie sich für ihre Kinder wünsche? "Ich will, dass meine Kinder in einem normalen Land leben, wo sie eine Perspektive und eine normale Ausbildung bekommen und ein normales Leben führen können. Dass sie nicht darüber nachdenken müssen, wie sie morgen ihre Kinder ernähren können. Das sie wenigstens einmal im Jahr in den Urlaub fahren können. Dass sie nicht darüber nachdenken müssen, ob ihr Land morgen noch existiert.

Ob es nicht schwer sei, die Kinder alleine aufzuziehen? "Es gibt viele einsame Mütter, aber ich fühle mich nicht als einsame Mutter. Ich glaube, dass mein Mann sich in dieser Situation genauso verhalten würde. Ich hoffe es zumindest. Wir haben uns gegenseitig geschworen, dass wir uns unterstützen."

Sie hoffe, dass die Kindheit ihrer Töchter erhalten bleibt. "Deshalb beziehe ich sie nicht so sehr in die Sache mit Ruslan ein. Die ältere Tochter versteht leider schon ziemlich viel, worum es geht. Doch noch reagieren die Kinder ruhig, wenn ich ihnen sage, ich gehe heute ins Gericht. Es fällt mir schwer, auf die Frage zu antworten, wann wird Papa bei uns sein? Das ist wahrscheinlich die schwierigste Frage, die man mir im Leben gestellt hat."

Uljana ist den Tränen nahe. Ihr fehlen die Worte. Wie soll sie einem Mann erklären, zu was Frauen in der Lage sind? Zur Erklärung zitiert sie den russischen Dichter Nikolai Nekrasow. "Frauen können ein Pferd in vollem Galopp anhalten und eine brennende Hütte betreten." Ja, es sei ein Gedicht aus Russland. Und damit ich Bescheid wisse: "Die Kraft der ukrainischen Frauen ist nochmal doppelt so groß." Vor ein paar Sekunden wollte sie noch weinen, aber jetzt lacht sie.

Anmerkung: Ende Mai/Anfang Juni 2016 trat Uliana Kotsaba im Rahmen einer Rundreise in Mainz, Rostock, Berlin, Köln und Leipzig auf. Organisiert wurde die Reise von der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner und dem Verein Connection e.V., Vertreter dieser Organisationen waren auch zu dem Prozess von Ruslan in Iwano-Frankiwsk gefahren.

(Ulrich Heyden)