Die Umverteilung von Arm nach Reich durch Zinsen

Bild: Zentralbank (EZB) im Hintergrund, Geschäftsbank (Commerzbank) im Vordergrund. Foto: Jörg Gastmann

"Enteignung durch Niedrigzinsen!" meinen die Einen. "Enteignung durch die bloße Existenz von Zinsen!" meinen die Anderen. Wer hat Recht?

Zinsen sind ein Dauerbrenner mit vielen Meinungen und Thesen. Die meisten basieren auf Informationsdefiziten, der eigenen Perspektive und verengten Betrachtungen. Ein Sparer kritisiert zu niedrige, ein Kreditnehmer zu hohe Zinsen. Dass Banken an der Zinsspanne Geld verdienen, ist vielen "Zinskritikern" ein Dorn im Auge.

Alle haben teilweise Recht - aber eben nur teilweise, weil man sich der relevanten Fragen bewusst werden muss. Um einige herauszugreifen: Wenn Sparer Zinsen erhalten wollen: Wer soll sie zahlen? Was genau sind eigentlich Zinsen? Welche Arten von Zinsen gibt es? Welche Konsequenzen hätte es, wenn man sie abschaffen oder zu niedrig ansetzen würde?

Kein Recht auf Zinsen

Viele meinen, Sparer würden durch Niedrigzinsen "enteignet". Das ist insofern unzutreffend, als es lediglich Sparer beträfe, die Negativzinsen zahlen - also niemanden. Zwar erheben manche Banken einen Negativzins von 0,4 Prozent oberhalb von 100.000 Euro Guthaben (Fidor Bank München), andere ab 250.000 Euro (Stadtsparkasse München) oder 1 Million Euro (Sparkasse Nürnberg).

Allerdings besitzen nur sehr wenige Menschen so viel Geld, und die oben genannten Grenzen gelten nicht pro Person oder Unternehmen, sondern pro Bank/Konto. Das heißt: Wer in Liquidität schwimmt, kann Negativzinsen vermeiden, indem man das Geld entweder in bar abhebt oder auf beliebig viele Banken verteilt. Eine Enteignung wäre nur möglich, wenn man nicht mehr ausweichen kann. Grundvoraussetzung dafür wäre die Abschaffung des Bargelds oder die Einführung der Freiwirtschaft.

Wie kommen Niedrigzins-Kritiker darauf, dass es ein Recht auf Zinsen gäbe? Was glauben sie, wo "ihre" Zinsen eigentlich herkommen? Worauf hat ein Mensch ein Recht? Die UN-Menschenrechtserklärung von 1948 definiert 27 Menschenrechte plus 3 allgemeine Artikel. Dies reicht vom Recht auf Leben über gleiche Rechte für alle vor dem Gesetz, Freiheit, freie Ehegattenwahl, Eigentum und Asyl bis zum Recht auf eine soziale Ordnung. Ein Recht auf Zinsen ist nicht dabei. Aus gutem Grund steht nirgends, dass Menschen ein Recht darauf haben, dass andere ihnen Zinsen zahlen. Das wirft die Frage auf, welche Arten von Zinsen es gibt, und wer sie auf welchem Weg an wen zahlt.

Die vier wichtigsten Zins-Arten

Gablers Wirtschaftslexikon definiert Zinsen als "Entgelt für die Überlassung von Kapital". Die bei ökonomischen und politischen Inhalten umstrittene Wikipedia definiert Zinsen fast identisch, und zwar als "Entgelt, das der Schuldner dem Gläubiger für vorübergehend überlassenes Kapital zahlt". Karl Marx schrieb in "Das Kapital", Band 3: "Da der Profit hier rein die Form des Zinses annimmt … wird dieser Totalprofit nur noch bezogen in der Form des Zinses, d.h. als bloße Vergütung des Kapitaleigentums."

Daraus leitet sich zwangsläufig ab, dass es für jede Art von Kapital eine eigene Art von Zins gibt. Wer Zinsen nur als Kreditzinsen auf die Kapitalform "Geld" verengt, übersieht viel wichtigere Zinsarten.

Betrachten wir kurz die vier wichtigsten Zins-Arten. Kreditzinsen sind einfach zu verstehen. Ein Kreditnehmer leiht sich Geld und muss zusätzlich Zinsen zurückzahlen. Anders ausgedrückt: Jemand, der zu wenig besitzt, leiht sich Geld von jemandem, der es im Überfluss hat (oder der als Bank Giralgeld schöpfen kann) und muss mehr zurückzahlen. Hier fließt Geld meist offensichtlich von Arm nach Reich. Dieser oft als ungerecht empfundene Vorgang macht Kreditzinsen zum idealen Objekt für politische Kampagnen, die Zinsen abschaffen wollen.

Die zweite wichtige Zinsart ist der Mietzins. Auch hier wird ein Zins für die Überlassung von Kapital gezahlt, vor allem für die Überlassung von Immobilienkapital. In jeder Mietzahlung steckt immer neben dem Amortisationsanteil (Refinanzierung des Kaufpreises) und dem Instandhaltungsanteil ein Profitanteil. Der Mietzins beschränkt sich nicht auf Immobilien, sondern umfasst alles, was man mieten kann, von Hotelzimmern über Mietwagen und Mietwerkzeug bis zu mobilen Miettoiletten.

Die dritte wichtige Zinsart ist der Spekulationszins. Kapitaleigentümer investieren in Wertpapiere, Immobilien, unbebaute Grundstücke, etc., um allein aus der Differenz von Einkaufs- und Verkaufspreis Profit zu schlagen, ohne produktiv zur Wertschöpfung beizutragen. Diese Art von Zins ist durch Verteuerungen, Renditedruck und das Auseinanderreißen der Schere zwischen Arm und Reich pures Gift für Gesellschaft und Wirtschaft.

Entgegen des Narrativs seiner Lobbyisten erfüllt die Spekulation nicht den Zweck "Schwachstellen aufzuzeigen und auszugleichen". Mit der Schwachstellen-Argumentation könnte man auch Fußgängern mit Baseballschlägern den Schädel zertrümmern, um auf einen fehlenden Helm hinzuweisen. Durch Regulierungen und Steuern könnten Regierungen das Problem lösen, wenn sie wollten. Die Deregulierung in diesem Bereich zeigt, wer wessen Interessen vertritt. Spekulationsprofite zahlen die Spekulationsopfer, wie zum Beispiel Mieter, kapitalschwächere Käufer, Kleinanleger oder entlassene Angestellte von übernommenen Unternehmen.

Die wichtigste Zinsart ist die Eigenkapitalverzinsung. Ein anderes Wort dafür ist Profit. Ein Unternehmer investiert Eigenkapital in sein Unternehmen, oder ein Anteilseigner investiert in Aktien oder GmbH-, OHG-, KG- Anteile, etc. Das Eigenkapital wird in jeder Unternehmensbilanz als Kredit der Gründer / Einleger an das Unternehmen und (ebenso wie Fremdkapital) als Verbindlichkeit auf der Passivseite verbucht. Alle Anteilseigner erwarten, dass ihre Beteiligung an eigenen oder fremden Unternehmen Dividenden abwirft. Dividenden sind ausgeschüttete Profite.

Jede Art von Zinsen muss erwirtschaftet werden, und jedes Erwirtschaften basiert letztendlich auf der Verwertung von Arbeit. Wer meint, Geld würde sich durch Zinsen vermehren, muss nur dem Weg des Geldes folgen, um als Quelle letztendlich bei Erwerbsarbeit zu landen.

Die Umverteilung von Arm nach Reich durch Profite

Die große Umverteilung von Arm nach Reich findet vor allem durch Konsum statt. Die reichsten Menschen der Welt sind keine Kreditgeber, sondern Händler und Industrielle. Nach der Devise "If you want to join the classes, you have to sell to the masses" (Wenn Du zur Oberschicht gehören willst, musst Du an die Massen verkaufen) sind es gigantische Mengen jeweils kleiner Umsätze, mit denen Milliarden von Konsumenten die Vermögen der Milliardäre mehren.

Jeff Bezos wurde der reichste Mensch der Welt, weil 310 Millionen Kunden bei Amazon kaufen. Wer Microsoft-Produkte kauft, lässt Profite an Bill Gates fließen. Mit jeder Flasche Coca Cola und jedem iPhone, das Sie kaufen, machen Sie Warren Buffett reicher. Jede Facebook-Werbung macht Mark Zuckerberg reicher. Mit jedem Klick auf eine Google-Werbung lassen Sie Geld an Larry Page und Sergej Brin fließen. Jeder Kauf von Textilien aus Lycra mehrt das Milliardenvermögen der Koch-Brüder, die die US-Republikaner massiv finanzieren. Jeder Kauf bei Lidl macht Herrn Schwarz reicher, jeder Kauf bei Aldi die Albrecht-Erben (eine Erbin ließ sich kürzlich mal eben 100 Mio. Euro aus dem Stiftungsvermögen auszahlen). Bei stabilen BMW-Umsätzen werden die Kinder von Herbert Quandt erneut 1 Milliarde Euro aus den BMW-Profiten erhalten, und so weiter.

Die permanente Umverteilung von unten nach oben ist im Kapitalismus systemimmanent: Alle großen Vermögen stammen aus Profiten am Massenmarkt und sind weiterhin dort investiert. Die Devise des Kapitalismus ist buchstäblich: "Wer hat, dem wird gegeben." Die Schere zwischen Arm und Reich muss also systembedingt zwangsläufig immer weiter auseinanderreißen - es sei denn, man würde große Vermögen extrem besteuern.

Zwei Gruppen von Menschen

In Hinsicht auf Zinsen gibt es zwei Gruppen von Menschen. Zur ersten Gruppe gehören diejenigen, die weniger Zinsen einnehmen, als sie zahlen. Ihr geringes Vermögen (Immobilien, Lebensversicherungen, Unternehmensbeteiligungen) bringt weniger Zinsen als sie im Laufe ihres Lebens insgesamt zahlen. Zu dieser Kategorie gehören in Deutschland schätzungsweise 95 Prozent aller Menschen. Weltweit dürften 98-99 Prozent aller Menschen mehr Zinsen zahlen, als sie erhalten.

Der 2017 verstorbene Helmut Creutz berechnete für Deutschland bereits in den 1990er-Jahren einen Anteil von 90 Prozent der Bürger, die mehr Zinsen zahlen, als sie einnehmen (siehe Präsentation ganz unten auf dieser Seite, Folie 25). Durch den oben beschriebenen Mechanismus der Umverteilung von unten nach oben steigt der Prozentsatz der Zins-Verlierer immer weiter. Zu dieser Gruppe gehören auch Lebensversicherungssparer und Kleinaktionäre, weil ihre Zinseinkünfte unter dem Zinsanteil ihrer Ausgaben für Konsum, Miete und Kreditzinsen liegen.

Die zweite Gruppe sind Eigentümer großer Vermögen, die in ihrem Leben mehr Zinsen einnehmen, als sie ausgeben. Das ist eine Minderheit von geschätzt 5 Prozent der Haushalte in Deutschland und 1-2 Prozent weltweit. Dazu gehören vor allem Großaktionäre und sonstige Eigentümer von Unternehmensbeteiligungen, Immobilienvermieter und erfolgreiche Großspekulanten.

Da es, wie gesagt, seit der Abschaffung der Vermögensteuer keine belastbaren Daten hierzu gibt, möchte ich alle interessierten Leser einladen, im Kommentarbereich dieses Artikels selbst zu schätzen: Wie viel Prozent der Haushalte in Deutschland besitzen Ihrer Meinung nach so hohe Vermögen, dass sie im Laufe ihres Lebens mehr Zinsen erhalten, als sie zahlen?

Lebensversicherungen und Enteignung der Sparer?

Die meisten Menschen in Deutschland und weltweit besitzen keine nennenswerten Ersparnisse auf ihren Girokonten und Sparbüchern. Sie leben meist von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck. Die einzige nennenswerte Sparform ist die Lebensversicherung.

Laut Bundesbank haben deutsche Lebensversicherungskunden Ansprüche in Höhe von 1020 Milliarden Euro angespart. Das sind bei 90 Mio. Verträgen 11.333 Euro pro Vertrag. Wie Holger Balodis im Interview mit Reinhard Jellen erklärte, lösen die Sparer vor dem Renteneintritt 75 - 80 Prozent der Verträge vorzeitig auf. Wirklich enteignet würden Lebensversicherungs-Sparer nur, wenn Lebensversicherungen die Verträge an Abwickler verkaufen, beim "Run-Off" ihren Verpflichtungen nicht nachkommen und Bafin und Bundesregierung lediglich zuschauen.

Die 6,8 Millionen Empfänger von Betriebsrenten haben mit durchschnittlich rund 30.200 Euro auch keine sonderlich hohen Vermögen aufgebaut: Die durchschnittlich ausbezahlte Betriebsrente liegt bei etwa 85 Euro monatlich.

Auch Sparer von Kapital-Lebensversicherungen und Betriebsrenten haben kein Recht auf Zinsen. Auch sie werden durch Niedrigzinsen nicht enteignet. Sie erhalten lediglich weniger Zins. Am relevantesten ist auch hier die Frage: Wer finanziert eigentlich diese Zinsen? Die Antwort findet man, indem man den Weg des Geldes verfolgt: Lebensversicherungen investieren in Pfandbriefe, Hypotheken, Anleihen, Rentenfonds, Immobilien, etc. Das heißt: Konsumenten, Mieter und Steuerzahler zahlen diese Zinsen. Anders ausgedrückt: Die meisten Empfänger von Zinsen zahlen "ihre" Zinsen letztendlich selbst.

Niedrigzinsen werden bleiben und nutzen fast allen

Sparer, die auf Mario Draghi und die Niedrigzinsen der EZB schimpfen, sollten sich zunächst einmal bewusst machen, dass sie selbst in ihrem Leben höchstwahrscheinlich mehr Zinsen zahlen, als sie erhalten (siehe oben). Daraus folgt: Je niedriger der Zinssatz ist, desto mehr Menschen profitieren davon, weil sie mehr sparen als sie einnehmen würden.

Würde die EZB zu hohen Zinsen zurückkehren, müssten nicht nur Deutschlands Steuerzahler wieder jährlich rund 40 Milliarden Euro für die Zinsen der Staatsverschuldung bezahlen. Viel teurer würde der zu erwartende Kollaps hoch verschuldeter Länder von Griechenland über Italien bis Frankreich. Auch Hypothekenzinsen und Verbraucherkredite würden teurer.

Die einzige Gruppe, die nicht von Niedrigzinsen profitiert, sind Immobilienkäufer, weil zu viele Kapitalanleger von Anleihen auf Immobilie ausweichen. Dieses Problem wäre allerdings politisch lösbar. Darauf komme ich in einem späteren Artikel zurück.

"Geldsystemkritiker" sehen je nach Geschmacksrichtung verschiedene Optionen. Eine davon ist "Vollgeld", das nur von Zentralbanken emittiert werden darf, andere fordern die Freiheit, selbst Geld zu drucken. Letzteres ist übrigens schon seit der Antike möglich und nennt sich Schuldschein oder Wechsel. Einen solchen kann Jedermann ausstellen. Der Haken: Niemand muss ihn annehmen. Auch auf das "zinsbasierte" Geldsystem komme ich in einem späteren Artikel zurück, weil es hier den Rahmen sprengen würde.

Die Konsequenz der Abschaffung von Zinsen

"Das Problem ist nicht der Zins. Das Problem ist der Zinseszins." (Margrit Kennedy)

Was würde passieren, wenn man dem Wunsch der Zinskritiker nachkäme, Zinsen abzuschaffen? Spekulationszinsen sind überflüssig, aber die drei anderen Zinsarten sind unverzichtbar.

Gäbe es keine Zinsen auf Kredite mehr, würde keine Privatperson und keine Bank mehr Geld verleihen. Ohne Kredite für Häuser und Eigentumswohnungen könnten nur noch reiche Erben in den eigenen vier Wänden leben oder ein Auto erwerben. Der Mittelstand erhielte keine Kredite für Investitionen. Konsumentenkredite müssten zinslos von Händlern und Herstellern vorfinanziert werden, die in den seltensten Fällen das Kapital dazu besitzen.

Kurzum: Die Wirtschaft kollabiert. Tatsächlich ist das in der Renaissance entstandene Konzept der Kredite die Grundlage des (relativen) Wohlstands unserer Gesellschaft: Kredite werden für Investitionen genutzt, erzielen Umsatz und Gewinn und ermöglichen die Tilgung samt Zinsen. Würde man als staatliche Institution zinslose Kredite vergeben, ist die Frage, wer den Kreditausfall (heute sind es im Euroraum rund 3 Prozent pro Jahr) trägt oder ob überhaupt jemand die Ausfälle trägt. Die Alternative ist staatliches Gelddrucken. Das wäre sogar denkbar, sofern man die zu erwartende Inflation in den Griff bekommt (dieses Thema vertiefe ich in einem weiteren Artikel).

Gäbe es für Vermietungen (Überlassung von Sachkapital) keinen Profit (gleich Zins), würde niemand Wohnungen, Gewerbeflächen, Autos oder Toiletten vermieten. Mietwohnungen gäbe es nur, wenn die öffentliche Hand sie baute. Dazu fehlen im heutigen System die Mittel.

Gäbe es keine Eigenkapitalverzinsung mehr - also keine Profite - würde niemand mehr eigenes Kapital einsetzen und unternehmerisch tätig sein. Damit bliebe nur ein kommunistisches System. Bisher ist jeder Versuch des Kommunismus an der menschlichen Natur gescheitert. Es ist jenseits von Clans, Stämmen und Kibbuzim bisher niemandem gelungen, in einer volkswirtschaftlichen Größenordnung einen ausreichend hohen Anteil der Menschen zur selbstlosen Arbeit in einer anonymen Gesellschaft zu motivieren und eine funktionierende Planwirtschaft umzusetzen.

Fazit: Zu hohe Zinsen zerstören die Welt. Zu niedrige Zinsen würden unser Wirtschaftssystem kollabieren lassen. Folglich muss ein sowohl funktionierendes als auch unschädliches Zins-Niveau ausbalanciert werden.

Im ersten Teil dieses 3-Teilers zum Thema Vermögen - Warum keine Vermögensstatistik stimmt - geht es um die Fehler der Vermögensstatistiken. Teil 3 stellt eine Lösungsmöglichkeit des Problems zu ungleicher Vermögensverteilung vor.

Über den Autor: Jörg Gastmann ist Buchautor und Sprecher der NGO economy4mankind.org, die das alternative Wirtschaftssystem Economic Balance System vertritt.

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