Die Unruhen in den britischen Städten gingen von "antisozialen" Menschen aus

Psychologen liefern die Theorie für die Haltung der britischen Regierung, die die "wilde Unterschicht" unterwerfen will

Wenn es zu Unruhen und Aufständen kommt, dann könnten auch soziale Probleme eine Ursache sein. Großbritannien wurde im Sommer von riots erschüttert, die plötzlich aufbrachen, die Menschen ansteckten und sich verbreiteten, aber bald wieder erloschen. Die Regierung griff hart durch und sprach von den Folgen einer "zerbrochenen Gesellschaft", in der vielen die Disziplin fehlt, von "egoistischen Menschen ohne Moral und ohne Verantwortung" ().

Der britische Justizminister sah wie der Rest der Regierung die Heilung in Strenge und Unterwerfung der "wilden Unterschicht" (). Ausfindig gemacht wurden 120.000 Problemfamilien der Unterschicht, die besonders betreut oder vielmehr beobachtet werden müssten (). Präventiv sollen Kinder schon möglichst ab Geburt überwacht werden, um schnell eingreifen zu können (). Kein Wunder, dass in einer solchen Atmosphäre auch die Idee von Schulen propagiert wird, in der ehemalige Soldaten den Schülern mit dem Ansatz von Nulltoleranz die angeblich notwendige Disziplin beibringen sollen ().

Der britische Regierungschef Cameron hatte mit seinen Ministern die Schuld an den Aufständen vor allem den Gangs in den Städten zuschieben wollten, also organisierten und kriminellen Jugendbanden. Das aber haben Untersuchungen nicht bestätigen können. Von den festgenommenen Verdächtigen waren nur 13 Prozent als Gangmitglieder bekannt, allerdings kamen zwei Drittel aus den ärmsten Stadtteilen und war ein Drittel arbeitslos ().

Nachdem die Gangs ausfallen, haben sich Psychologen der University of Leicester und des University College London die Mühe gemacht, eine andere Kategorisierung zu finden, die allerdings auch nicht sonderlich aktuell ist. Die Unruhen in London seien vorwiegend von "antisozialen Personen" ausgegangen. Das ist nicht sonderlich originell, aber doch sehr britisch, denn schon seit der Blair-Regierung hatte man Probleme mit den Jugendlichen, die störten, und erfand 2000 die Wunderwaffe der ASBOs (Anti-Social Behaviour Order).

Diese Strafen für antisoziales Verhalten - der Begriff wurde von der in der Psychiatrie angewendeten, auch schon recht schwammigen Diagnose der "antisozialen" bzw. "dissozialen" Persönlichkeitsstörung übernommen - deckten ein breites Feld von unerwünschten Verhaltensweise ab, die von Pöbeleien, Bedrohungen, Ruhestörung, Bildung von Gruppen, Anbringen von Graffitis oder Wegschmeißen von Abfall auf Straßen bis hin zum Betteln, Fluchen, rassistischen oder beleidigenden Äußerungen, Spucken oder übermäßigen Alkoholgenuss reichen können. Verhängt werden können Geldstrafen, Verhaltensabmachungen, Ausgangs- und Aufenthaltsverbote. Bei Nichtbeachtung droht Jugendlichen Erziehungshaft, auch die Eltern können bei Kindern zur Verantwortung gezogen werden. Unter Blair gipfelte dies bereits in der kämpferischen Pose, nun den Respekt durchzusetzen ().

Die Psychologen gehen nun davon aus, dass antisoziale Jugendliche zwar nicht Gang-Mitglieder werden müssen, aber dass Gangs aus solchen Jugendlichen bestehen. Eine "extreme antisoziale Persönlichkeit" sei der Hauptgrund, warum sich Jugendliche kriminellen Gangs anschlössen. Wer mit anderen, gewissermaßen normalen Menschen nicht zurechtkommt, weil er aggressiv handelt und andere nichts mit ihm zu tun haben wollen, sucht sich also seine Freunde unter den Antisozialen, weil die ähnlich ticken.

Diese Folgerung ziehen die Psychologen in ihrer Studie, die in der Zeitschrift Personality and Individual Differences erschienen ist und für die sie 152 männliche Gefängnisinsassen - alle antisozial - befragt und psychologischen Tests unterzogen haben. Selbst bei verurteilten Kriminellen würde eine starke antisoziale Persönlichkeit ein guter Hinweis für eine Gang-Mitgliedschaft sein. Dabei definieren sie diese ähnlich wie Cameron, sie sei durch Impulsivität, geringe Selbstdisziplin und einen Mangel der Einfühlung in Andere gekennzeichnet.

Allerdings würde mehr Strenge und Disziplin offenbar die ungeselligen und wilden Antisozialen nicht wirklich integrieren. Wenn sie aufgrund des Fehlens anderer sozialer Kontakte und durch Isolation zu ihresgleichen getrieben werden, dann würde militärische Disziplin in Familien, Kindergärten und Schulen in die Leere laufen, da es um Integration ginge, die man mit Gewalt wohl kaum herstellen kann. Aber wenn man nun mal die "antisoziale Persönlichkeit" als eine Persönlichkeitsstörung begreift, die Menschen in Gangs und irgendwie zur Teilnahme an Unruhen treibt, dann hat man schon wieder ein Suchkriterium nach riskanten Menschen für die Prävention unter Ausblendung der sozialen Umstände bei der Hand. Gesellschaftlich muss sich nichts ändern, es werden nur einzelne Menschen therapiert, resozialisiert, diszipliniert oder weggesperrt. Die "wilde Unterschicht", alles gestörte Menschen.

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