Die Unterhaltungsindustrie als Rüstungssektor

Der film- und medienwissenschaftliche Diskurs

Die 1990er Jahre waren geprägt vom Heilsversprechen einer nie da gewesenen „Demokratisierung der Medienkultur“. Kritik an der Kulturindustrie galt nicht mehr als angesagt, obwohl die Machtkonzentration im Medienbereich jetzt erst so richtig losging. Die fehlende Nachhaltigkeit medienkritischer Ansätze der 70er und 80er Jahre könnte auch darin wurzeln, dass zusammengehörige Fragestellungen sich auf getrennte Wissenschaftsbereiche (Kommunikationswissenschaft / Medien- und Filmwissenschaft) verteilten statt integral erforscht zu werden. Ekkehard Jürgens bringt dies auf die Formel: „Hier Medienstrukturkritik, dort die Medienproduktkritik.“5

Auf diese Weise konnte der Zusammenhang zwischen der „Macht der Medien“ (kritische Medienökonomie, politische Strukturkritik) und der „Macht der Bilder“ (konkrete Produktsichtung, ästhetische Kritik etc.) nicht wirklich erhellt werden. Ähnliche Schieflagen lassen sich z.B. im Bereich der Friedensforschung aufzeigen. Dort hat sich inzwischen ein ausgeprägtes Problembewusstsein bezogen auf die Informationsmedien herausgebildet, wobei man in der Kritik ja auch unmittelbar auf eigene Fachkompetenzen zurückgreifen kann. Wer jedoch z.B. innerhalb der Friedensbewegung auf die zentrale Bedeutsamkeit der massenkulturellen Unterhaltungsprodukte (Filme, PC-Spiele) oder der militarisierten Alltagskultur aufmerksam machen möchte, kommt sich manchmal noch immer vor wie ein Rufer in der Wüste. Auf dem speziellen Sektor der Filmanalysen sind Beispiele für eine gelungene Verbindung von politischer und ästhetischer Kritik eher selten. Aus verständlichen Gründen beschränken sich viele Autoren auf eine überschaubare Produktauswahl oder ein einzelnes Genre. Es fehlen Versuche, das Ganze in den Blick zu bekommen.

Es liegt auf der Hand, dass das Auseinanderdividieren quantitativer und qualitativer, politisch-ökonomischer und ästhetischer Dimensionen in der Medienkritik der Anbieterseite sehr entgegenkommt. In welchem Konzern- und Finanzierungszusammenhang und unter welchen künstlerischen Produktionsbedingungen entsteht ein bestimmtes Angebot? Welche Akteure und Kooperationspartner sind an seinem Zustandekommen beteiligt? Im Rahmen welcher Produktsortimente, Vermarktungsstrategien und „Timings“ gelangt es zum Verbraucher? Welche Marktanteile erzielt es? Welche Inhalte, Geschichtsauffassungen, politischen Gegenwartsbezüge und ästhetischen Strategien zeichnen ein Produkt oder eine ganze Produktlinie aus?

Die Beantwortung solcher Fragen wird erst wirklich aussagekräftig, wenn sie in einer Gesamtschau erfolgt. Das aber ist anders als interdisziplinär gar nicht zu meistern. Die endlose Liste der massenkulturellen Produkte – z.B. auf TV-Kanälen, im Kino oder in Videotheken – kann ohnehin nur in systematischen Gemeinschaftsarbeiten gesichtet werden. Für wirklich kritische Forschungsprojekte ist eine privatwirtschaftliche oder auch öffentliche Finanzierung aber eher unwahrscheinlich. Ohne Vernetzung – auch international – und ohne Publikumsbeteiligung ist eine nicht-kommerzielle Kritik der real existierenden Kriegskultur kaum zu leisten.

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