Die Unwirtlichkeit der Vorstädte

Raus aus der Siedlung, rein in die Stadt.

Die räumliche Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit hat sich überlebt. Auch Familien entdecken wieder die Vorzüge städtischen Lebens.

In "Häuslebauer werden Stadtbürger" habe ich von der in den letzten Jahren beobachtete Trendumkehr berichtet: Nicht nur Singles und Studenten, auch Familien mit Kindern können sich heute wieder ein Leben in der Stadt vorstellen. Dies bestätigen Studien, wie sie in den letzten Jahren u.a. vom Deutschen Institut für Urbanistik (difu) durchgeführt wurden.

Noch vor 40 Jahren war diese Entwicklung undenkbar - wer konnte, floh aus der Stadt. Der Traum der westdeutschen Familie war das freistehende Eigenheim am Stadtrand, die Ostdeutschen träumten von einer standardisierten 3-Raum-Wohnung in einem der neuen, eilig hoch gezogenen Plattenbauviertel. Aber auch viele Westler schafften es nicht bis ins Eigenheim, sondern nur in eine der Großsiedlungen am Stadtrand. Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg wurden Stadt und Landschaft mit den Erzeugnissen des industriellen Wohnungsbaus überzogen - in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren wurden allein in Westdeutschland jährlich über eine halbe Million Wohneinheiten "produziert".

"Das Wort 'sozial' auf den subventionierten Wohnungsbau nach 1945 anzuwenden, kann nur der Heuchelei erlaubt sein. Er förderte die Ausgliederung des Bürgers aus den städtischen Traditionen, er macht asozial."

Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte, 1965

Schon früh gab es warnende Stimmen, die allerdings erst viele Jahre später zu einer langsamen Umorientierung im Wohnungsbau führten. So beklagte der Psychologe und Schriftsteller Alexander Mitscherlich in seinem 1965 erschienenen Pamphlet "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" die ausufernden Einfamilienhaussiedlungen zum einen und den phantasielosen, gleichförmigen Sozialwohnungsbau, die "geplanten Slums, die man gemeinhin sozialen Wohnungsbau nennt", zum anderen. Der Platzverschwendung der Einfamilienhausteppiche versuchte man mit einer extremen Verdichtung in Großsiedlungen entgegenzuwirken - sowohl die eine als auch die andere Strategie führte zu Ergebnissen, die heute für viele Städte eine Hypothek darstellen.

Verdichtung um jeden Preis: 600 m lange "Wohnmaschine" mit 1758 Wohneinheiten, errichtet 1976-80 in Berlin-Wilmersdorf. Foto: Autor

Natürlich sollen auch die Verdienste der Epoche des industriellen Wohnungsbaus nicht verschwiegen werden. Zweifellos war die Versorgung von Millionen Menschen mit bezahlbarem Wohnraum eine große Leistung - jedem ein Dach über dem Kopf zu verschaffen war das wichtigste Kriterium nach den Zerstörungen des Krieges. Die Kehrseite war die Standardisierung der Wohnungen, mit identischen Grundrissen vom Erdgeschoss bis unters Dach, die knapp bemessenen Wohnflächen, der niedrige Standard, die deprimierende Eintönigkeit der Gebäude und die lieblos hergerichteten öffentlichen Räume. Diese Mängel begann man aber erst mit der Zeit als solche zu empfinden, als der Wohnungsmangel Geschichte und das Innenklo eine Selbstverständlichkeit war. Zuvor war eine Wohnung in der der Großplatte Ost oder im Kachelwurm West eine feine Sache, und die Menschen verließen dafür nur zu gern ihre maroden Altbauten im Zentrum.

"Das Einfamilienhaus, ein Vorbote des Unheils, den man immer weiter draußen in der Landschaft antrifft, ist der Inbegriff städtischer Verantwortungslosigkeit und der Manifestation des privaten Egoismus."

Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte, 1965)

Heute sind nicht nur die Ansprüche gestiegen, auch die Lebensentwürfe haben sich verändert. Wer es sich aussuchen kann, würde sich kaum noch spontan für das Wohnen in einem Plattenbau-Hochhaus begeistern. Der Standard-Grundriss für die Standard-Familie - selbst ein Auslaufmodell - ist kaum mehr zu vermarkten. Und auch diejenigen, die sich ihren Wohntraum in Form eines alleinstehenden Einfamilienhauses oder wenigstens einer Doppelhaushälfte erfüllen konnten und somit über genügend persönlichen Freiraum verfügen, spüren zunehmend das Handicap der langen Wege zwischen Arbeit und Wohnort. Im Schnitt bleiben vier Wochen Lebenszeit pro Jahr buchstäblich auf der Strecke, von den Investitionen in Benzin und Zweitwagen ganz zu schweigen.

Auch das Problem der langen Wege wurde schon vor 40 Jahren gesehen, die mahnenden Worte von Mitscherlich und anderen verhallten jedoch im autoseeligen Zeitalter weitgehend ungehört: "Ist die Entmischung von Wohn- und Arbeitsgegend so notwendig wie uns dies suggeriert wird? Das mag für die 'schmutzigen' Industrien noch angehen, nicht aber für die zahllosen sauberen Fertigungs- oder die Verwaltungsbetriebe gelten."

In Zeiten, da in immer mehr Familien beide Partner berufstätig sind, hat dieses Problem noch an Brisanz gewonnen. Die verfügbare Zeit entscheidet häufig über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - kurze Wege zur Arbeit, zu Kinderbetreuungseinrichtungen und zu Freizeitangeboten sind deshalb gefragt. Und das alles gibt es nur in der Stadt. Auch viele der neuen Arbeitsplätze in den "Wissensindustrien" sind dort angesiedelt. Deshalb ist es durchaus wahrscheinlich, dass das jahrzehntelang unangefochtene Wohnideal der Deutschen, das freistehende Eigenheim im Grünen, die besten Zeiten hinter sich hat.

"Kennen Sie Friedrichshain, das In-Viertel in Berlin? Seine beliebten und über Berlin hinaus bekannten Kiezgegenden um das Simon-Dach- und Samariter-Viertel? Die bezaubernden und charismatischen Altbauten in bester und gesuchter Wohnlage, seine einzigartigen Baudenkmäler?"

Aus einer Immobilienwerbung, Mai 2006

Knarrende Dielen, dunkle, mülltonnenbestandene Hinterhöfe, kaltes Warmwasser, egal - Gründerzeitwohnungen erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Die Wiederentdeckung der "Mietskasernen" liegt nun schon rund 30 Jahre zurück: Was als Refugium für Hausbesetzer begann, ist schon lange auch bei Besserverdienern beliebt. Die bei den Architekten und Stadtplanern der Moderne verhassten Gründerzeitquartiere sind heute nicht nur rehabilitiert, sondern geradezu "Sehnsuchtsbilder europäischer Stadtkultur"(Werner Durth).

Doch liegt die Beliebtheit dieser Wohnform nicht nur am Stuck und am morbiden Charme. Vielmehr haben sich Gründerzeithäuser über einen Zeitraum von 100 Jahren und mehr als erstaunlich wandlungsfähig erwiesen. Zuerst wohnten dort die wohlhabenden Bürger, dann kamen die Arbeiter, dann die Studenten, schließlich die (1987 von den Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel entdeckten) "neuen Urbaniten". Altbauwohnungen bieten nämlich genau das, was den standardisierten Neubauwohnungen der Nachkriegszeit fehlt: große, flexibel nutzbare Zimmer und ein großzügiges Raumgefühl dank der hohen Geschossdecken und großen Fenster. Gratis dazu gibt es das städtische Lebensgefühl der meist zentral oder zumindest zentrumsnah gelegenen Gründerzeitquartiere. Viele zufriedene Bewohner verlassen ihre geräumigen Wohnungen deshalb erst dann, wenn sich Kinder ankündigen - notgedrungen ziehen sie an den Stadtrand, wenn sie in der Stadt keine kindgerechten und gleichzeitig bezahlbaren Angebote finden.

Mehr als schöner Stuck: Gründerzeitstraße in der beliebten Dresdner Neustadt. Foto: Autor

Die Umlandbewegung ist also auch finanziell bedingt und nicht (nur) auf Abneigung gegen das Stadtleben zurückzuführen - wobei sich viele Stadtrandwanderer allerdings verrechnen: Nach einer Untersuchung des Instituts für Stadtplanung und Sozialforschung Weeber und Partner werden die höheren Investitionen in städtische Mietwohnungen oder Grundstücke durch die eingesparten Mobilitätskosten in den meisten Fällen mehr als ausgeglichen. Der Entfall der Eigenheimzulage und die Reduktion der Pendlerpauschale - beides "Zersiedelungsprämien" par excellence - verschiebt die Rechnung weiter zugunsten der Stadt.

Hat sich als die flexiblere Wohnform erwiesen: Gründerzeithaus neben "Sozialpalast" in Berlin-Schöneberg. Foto: Autor

Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche und soziale Entwicklung die Wiederentstehung der traditionellen städtischen Mischung fördert: Wohnen und Arbeiten rücken im Dienstleistungszeitalter wieder näher zusammen, Familien und Alte wünschen sich eine Stadt der kurze Wege, in der informelle Hilfssysteme an die Stelle einer abnehmenden staatlichen Fürsorge treten können. Kurz gesagt: Verminderte öffentliche Dienstleistungen führen dazu, dass die Menschen ihre Aktivitäten nach Möglichkeit an einem Ort konzentrieren.

Auf der anderen Seite können es sich viele Städte schlicht nicht mehr leisten, die Infrastruktur ausgedehnter, dünn besiedelter Vororte zu unterhalten oder gar weiter auszubauen. Entsprechend einer Empfehlung des Rats für Nachhaltige Entwicklung soll der tägliche Zuwachs an Siedlungs- und Verkehrsflächen von über 100 Hektar in den letzten Jahren - dies entspricht pro Jahr etwa der Fläche von Köln - bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar gesenkt werden. Ressourcen für eine Flächen sparende Binnenentwicklung durch (Um-) Nutzung von Baulücken und Brachen von Industrie, Militär, Bahn oder Post stehen hierfür in vielen deutschen Städten ausreichend zur Verfügung. Die von Kriegszerstörungen und Entindustrialierung perforierten deutschen Städte böten viel Platz für die Wohnfantasien der neuen Stadtbürger - wenn die Stadtplaner sie gewähren lassen. (Reinhard Huschke)

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