Die Ursachen wachsender Ungleichheit

Über kaum ein Thema wird gegenwärtig mehr debattiert als über die wachsenden Einkommens- und Vermögensunterschiede. Erweisen sich dabei gängige Erklärungsansätze als Irrwege?

Ist es die Aneignung von Mehrwert durch den Kapitalisten oder sind es die Zinsforderungen der Geldelite, die Einkommensdivergenzen ursächlich bewirken? Beide Sichtweisen finden viel Zuspruch, ja es kommt zuweilen zu heißen Disputen.

Dennoch gibt es in beiden Konzepten Unzulänglichkeiten, die sie daran hindern, zu den zentralen Ursachen der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich vorzudringen. Die Aussagekraft der Marxschen Werttheorie wird dadurch relativiert, dass sie allein unter Bedingungen allgemeiner Konkurrenz gültig ist. Die Theorien von Silvio Gesell und John Maynard Keynes fußen auf der Annahme, dass Geld gezielt gehortet wird. Neben diesen Einschränkungen sticht die mangelnde Berücksichtigung politischer Faktoren hervor.

Positiv ist zu werten, dass ein Verständnis für die Existenz von Interessenkonstellationen und Mechanismen geweckt wird, die das Verhalten der Wirtschaftssubjekte lenken. So werden Erklärungsmodelle abgelehnt, die wachsende Einkommensunterschiede als ein Werk elitärer Zirkel betrachten, denen es um einen Erhalt und Ausbau von Macht zur Umsetzung der eigenen Agenda geht.

Einkommen nicht aus dem Kapitalverhältnis ableitbar

Nach der Werttheorie von Karl Marx bekommen Lohnarbeiter nur einen Teil ihrer Tätigkeit vergütet, während der Rest des Warenwerts in den Besitz des Produktionsmitteleigentümers übergeht. Diese Fremdaneignung von Mehrwert ermöglicht eine Bereicherung der Kapitalisten bei gleichzeitiger relativer Verelendung der Arbeiterklasse. Sie sei somit der Schlüssel für die wachsende Ungleichheit.

Die Höhe der Löhne wird durch den Kostenaufwand erklärt, der minimal für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendig ist. Der Profit des Kapitalisten ermittelt sich aus der Differenz von Verkaufserlös und Produktionskosten inklusive Abschreibungen. Zwar speist er sich aus dem Mehrwert, der dem Lohnarbeiter abgepresst wird. Dennoch lässt sich schwerlich eine kausale Beziehung zwischen der Stellung im Produktionsprozess und der Höhe der Einkommen herstellen. Tatsächlich finden sich empirische Belege für üppige Lohnzuwächse wie für spärliche Profitmargen, die zu bestimmten Zeiten und in manchen Bereichen aufgetreten sind.

Da die Arbeitskraft im Kapitalismus eine Ware ist, orientiert sich ihr Preis an der Relation von Angebot und Nachfrage. Auch wenn sich beide durch das Wirken des Wertgesetzes tendenziell angleichen, gibt es immer wieder Ausreißer, die Lohnabhängige begünstigen. Bessere Gehälter werden etwa in Wachstumsbranchen gezahlt, wenn ein Mangel an fachkundigem Personal herrscht. Ein hohes Lohnniveau hat meist für längere Zeit Bestand, sei es aus tarifrechtlichen Gründen, sei es aus Furcht vor einer Belastung der Arbeitsatmosphäre. Weil die Reproduktionskosten der Arbeitskraft eine absolute Untergrenze bilden, muss also der Durchschnittslohn merklich darüber liegen.

Die Arbeiterschaft der entwickelten kapitalistischen Länder konnte ihre materielle Lage durch gewerkschaftliches und politisches Engagement schrittweise verbessern. Bedeutende Lohnsteigerungen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt, als die europäische Wirtschaftselite geschwächt und ein Zustand relativer Vollbeschäftigung erreicht war. Durch die neue Konstellation am Arbeitsmarkt sah sich die Kapitalseite in den darauffolgenden Jahrzehnten veranlasst, die Interessen der Beschäftigten stärker zu berücksichtigen.

Für ein Unternehmen empfiehlt es sich, Spitzenkräfte besser zu entlohnen, damit sie nicht zur Konkurrenz abwandern. Daneben wird durch Zugeständnisse an die Belegschaft einer ungewollten Fluktuation vorgebeugt. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass Branchen durch ein höheres Lohnniveau unterschiedlich betroffen sind. Als Henry Ford die Gehälter seiner Beschäftigten verdoppelte und dadurch andere Arbeitgeber unter Zugzwang setzte, geschah dies mit dem Kalkül, von der neu geschaffenen Kaufkraft überproportional profitieren zu können. Die Anhebung des Wohlstandsniveaus nach dem Zweiten Weltkrieg diente wiederum dem Zweck, den Systemwettbewerb zugunsten der westlichen Gemeinschaft zu entscheiden.

Trotz Aneignung des Mehrwerts müssen Kapitalisten nicht unbedingt über hohe Geldeinkünfte verfügen. Wo Betriebe unter niedriger Produktivität und harter Konkurrenz leiden, werden nicht nur Investitionen erschwert, sondern verbleiben meist auch weniger Mittel für den persönlichen Bedarf. Darüber hinaus bestehen erhebliche Unterschiede zwischen Wirtschaftssektoren und Regionen. Ein Facharbeiter auf einer Ölplattform verdient vermutlich mehr als mancher Eigentümer eines mittelständischen Unternehmens. Und nur wenige griechische Restaurantbesitzer erreichen das Einkommensniveau schwedischer Techniker.

Gutverdienende Lohnempfänger sind in der Lage, einen Teil ihrer Einkommen gewinnbringend anzulegen und dadurch selbst Kapitaleigner zu werden. Eine Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand wird seit den 60er Jahren in Deutschland sogar staatlich gefördert. Dagegen sind nicht wenige Unternehmer fortwährend von Konkurs bedroht. Viele leben recht bescheiden, sei es aus Stolz, sei es aus Mangel an Verdienstalternativen. Zudem erscheint eine Teilung der Bürger in Lohnarbeiter und Kapitalisten angesichts der Vielfalt an Eigentumsstrukturen und Beschäftigungsformen wie auch der Streuung von Kapitalanlagen nicht mehr zeitgemäß.