Die Utopie oder die Geschäftsidee von der Staatsgründung auf künstlichen Inseln

Kolonien im Weltall zu gründen, ist zu abseitig, warum aber nicht souveräne Staaten auf mobilen Strukturen jenseits der Hoheitsgewässer, in denen die Regeln des sozialen Spiels neu erfunden werden?

Peter Thiel, der Gründer von Pay Pal, der seitdem einen Hedge-Fonds verwaltet und früh in Facebook investiert hatte, setzt auf die libertäre Ideologie vom freien Markt und einem möglichst kleinen Staat mit weitgehenden Rechten der Bürger (Es klingt wie eine Mischung aus "liberal" und "pubertär"). Daher unterstützte er bei den letzten Präsidentschaftswahlen den eigenwilligen Republikaner Ron Paul, der auch mit den Libertären sympathisiert. Eigenwillig ist Thiel ebenfalls, der neben Jura auch Philosophie studierte, von der Demokratie trotz seiner libertären Ansichten wenig hält, dafür aber stark auf die Entwicklungen neuer Techniken setzt und beispielsweise Aubrey de Grey fördert, der daran forscht, wie sich das menschliche Leben verlängern ließe. Der umstrittene Altersforscher ist der Überzeugung, dass prinzipiell Altern abgeschaltet werden kann.

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Zuletzt fiel Thiel auf, als er eine Initiative gründete und aus seinem Privatvermögen junge Menschen fördert, die ihr Studium abbrechen, um entschlossen ihre Geschäftsideen zu verwirklichen (Der etwas andere Philanthrop). Thiels Hang zu den in libertären Kreisen herrschenden Utopien, neue Gemeinschaften oder Staaten zu gründen, ist ebenfalls bekannt. Facebooks Erfolg dürfte Thiel bestärkt haben, aber noch immer ist das soziale Netzwerk ökonomisch trotz allem Hype prinzipiell eine Luftnummer. Schon länger fördert er das 2008 gegründete Seasteading Institute, dem er nun noch einmal 1,25 Millionen USD spendete, um die Idee umzusetzen, auf künstlichen Inseln, die ähnlich wie Bohrinseln konstruiert werden, in den Meeren außerhalb der staatlichen Hoheitsgebiete neue libertäre Länder oder Gemeinschaften anzusiedeln. Und wenn man sich schon vom Land löst und auf das Meer geht, so sollen die insulären Stadtstaaten zwar nicht direkt Schiffe, aber doch wenigstens beweglich und auch veränderbar sein. Man will schließlich nicht immer an ein und derselben Stelle im Raum verharren und man will auch keine starre, sondern eine modulare Architektur, die sich den experimentell entwickelnden Gemeinschaften anpassen kann.

Das Institut wurde von Patri Friedman, einem Enkel des Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman und ein früherer Google-Mitarbeiter, gegründet, um die schon länger in den Köpfen mancher Libertärer umherschwebende Vision von neuen Inselstaaten auf der Erde umzusetzen (Stadtstaaten im Meer). Die bislang angedachten libertären Projekte, die nach Investoren gesucht haben, sind wie Freedom Ship oder der Inselstadtstaat New Utopia (Die soziale Utopie des Neoliberalismus) gescheitert. So richtig attraktiv scheint die Idee doch nicht zu sein, zumal die Menschen, die viel Geld haben, auch in der Lage sind, die miteinander konkurrierenden existierenden Staaten zu ihren Gunsten ausnutzen zu können. Und die gehegte anti-sozialistische Utopie oder Geschäftsidee, nur einen offenen Raum zur Verfügung zu stellen, damit eine Gemeinschaft von interessierten und zahlungsfähigen Pionieren politisch von Null an mit neuen Gesetzen und Institutionen beginnen kann, die es natürlich libertär nur sehr eingedampft geben soll, ist zwar attraktiv für eine Simulation und vielleicht für manche soziale Bastler, aber wohl eher nicht für Menschen, die für ein Experiment mit offenem Ausgang viel Geld und viel Zeit investieren müssen. Zudem sollen am besten gleich zahlreiche "souveräne Nationen mit Start-up-Regierungen" entstehen und miteinander konkurrieren, um die besten Gesellschaftsmodelle zu finden, was auch schon hieße, dass Scheitern inbegriffen ist.

Friedman ist natürlich der Meinung, dass sein Projekt realistischer ist. Selbst wenn er, gut libertär, nur einen Baukasten vorgeben will. Vor der Küste Kaliforniens will er einen Bereich gefunden haben, wo die Wellen relativ niedrig sind. Für 120 Millionen USD ließe sich hier nach seiner Vorstellung eine künstliche Insel für 200 Bewohner errichten.

Mittlerweile scheint er eher die Idee zu verfolgen, eine Büroinsel bauen zu wollen, um sein Projekt überhaupt voranzubringen, das ebenso wie die übrigen libertären Insel- oder Staatengründungsprojekte vor sich hindümpelt. Vielleicht ist die Geschäftsidee dabei einfach, eine neue Steueroase zu schaffen. Die künstliche Insel würde, sofern sie als souveräner Staat anerkannt werden sollte, wie sich das Friedman wünscht, dann wohl eher einer Briefkasteninsel gleichen. Aber das wäre dann doch zu profan für ein Projekt, das an die amerikanische Pionierzeit anknüpft und von der Neubesiedlung eines jungfräulichen Territoriums träumt, in dem unternehmerische und moralische Freiheit herrscht, aber nicht Brüderlichkeit, Solidarität und Gerechtigkeit.

Die imaginierte neue Gesellschaft, deren Zweck ebenso offen ist wie ihre wirtschaftliche Basis, ist von vorneherein eine Klassengesellschaft. Es gibt die Reichen und Flexiblen, die sich einkaufen und beispielsweise ihr Geld über Telearbeit verdienen können, oder die nur zeitweise oder als Besucher hier leben, und es gibt das Personal, das zum Betrieb der künstlichen Insel notwendig ist. Und es sollen zwar die Regeln des Gesellschaftsspiels erst gemeinsam geschaffen werden, es gibt allerdings keine Chancengleichheit, so dass auch aus diesem Grund sich entweder nur Menschen aus bestimmten sozio-ökonomischen Schichten zusammenfinden werden, die dann ihre Bediensteten oder Angestellten bezahlen, aber demokratisch nicht beteiligen, oder sich ähnliche Ungleichheiten ausbilden und verstärken werden, wie sie die Staaten auch in der nicht-libertären Welt kennzeichnen. Aber das ist auch gewollt und wohl nur für reiche Libertäre attraktiv, die sich nicht um ihre Mitmenschen kümmern, schließlich muss jeder selbst dafür sorgen, wie er zu seinem Glück kommt. Die anderen haben halt Pech gehabt, sie sind vor allem Loser - und die sollen am besten in der alten Welt bleiben.

Loser werden vermutlich aber auch Thiel und Friedman zumindest mit diesem Projekt werden. Kaum vorstellbar, dass jemand sich freiwillig in die Einöde einer winzigen treibenden Insel begibt, wenn dies für die Reichen nicht schick wird, Prestige verheißt und als Anlage vielversprechend ist. Das haben eine Zeitlang etwa die gigantischen Bauprojekte in Dubai realisiert, allerdings ohne jede politische Komponente. (Florian Rötzer)

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