Die Verflüssigung des Raumes

...und unser Blick auf die Welt: Zur Renaissance der Geopolitik, Teil 2

"Kampf der Kulturen", "Empire", der gekerbte und der glatte Raum, Weltmarkt und Weltsystem - die Geopolitik (vgl. Im Reverse-Modus durch die Weltgeschichte) kehrt in den öffentlichen Diskurs zurück. Die Kulturwissenschaften fangen an, Raumkonstruktionen literarischer, visueller, politischer und ökonomischer Art zu untersuchen, die Politik tut Ähnliches, und setzt solche Konzepte, wo möglich, auch gleich in die Tat um.

"Jede Verfilmung vom "Krieg der Welten" hat geopolitische Implikationen. Der Roman war ja Wells' metaphorischer Versuch, den britischen Kolonialismus und Imperialismus zu verurteilen. Und Orson Welles' Hörspiel hat mittelfristig wie ein Appell an Amerika gewirkt, sich endlich zum Kampf gegen Hitler zu entschließen." so Steven Spielberg in einem Interview zu seinem neuesten Werk "Krieg der Welten." Fragt sich natürlich, was dieses selbst wohl für geopolitische Implikationen haben mag?

Noch interessanter ist aber vielleicht, dass dies überhaupt die Frage sein soll. Spielbergs beiläufige Bemerkung ist nur ein Symptom für eine generelle Entwicklung: Es gibt eine Renaissance des Raumes als Denkkategorie, der geopolitische Blick kehrt zurück in den breitenwirksamen Diskurs und wird auf neue, sehr alte Art wieder zum Thema in den Kulturwissenschaften. Kunst, insbesondere Literatur und Film, entwickeln Phantasien und mitunter auch Konzepte von politischen und ökonomischen Raumordnungen, von neuen Grenzverläufen und -ziehungen, von Mobilmachungen, Bewegungs- und Kommunikationslinien. Nicht überraschend, dass da vor allem die Globalisierung gedacht wird, eine Idee von Weltgesellschaft, Weltpolitik und Weltkultur die Basis solcher Überlegungen bildet. Die Politik tut Ähnliches, und setzt solche Konzepte, wo möglich, auch gleich in die Tat um. Und die Kulturwissenschaften fangen an, Raumkonstruktionen literarischer, visueller, politischer und ökonomischer Art zu untersuchen, analog zur Wiederkehr der Geopolitik in den öffentlichen Diskurs.

Von "Land und Meer" zur RAF

Noch einmal zur Erinnerung: Geopolitik meint das Denken über Politik in Raumkategorien. Im engeren Sinn bezeichnet Geopolitik, den Versuch, politische und geschichtliche Geschehnisse auf ihre geographische Bedingtheit zurückzuführen und mit Hilfe dieser Logik auch größere Räume analytisch in den Blick zu bekommen, die ganze Welt, zumindest ganze Kontinente in den Blick nehmen und verstehen zu können. Zugleich beruht Geopolitik auf der Annahme, aus bestimmten geographischen Tatsachen die essentiellen, weltbewegenden Ereignisse erklären zu können. Zu den geopolitischen Denkmustern gehört zum Beispiel die klassische geopolitische Differenz zwischen "Land und Meer". Sie hat der deutsche Staatsrechtler Carl Schmitt, Anhänger der radikalen Rechten und einer der originellsten, auch wichtigsten politischen Denker des 20.Jahrhunderts, in seinem ausgerechnet 1944 erstveröffentlichten, 1993 wieder aufgelegten gleichnamigen Buch entwickelt. Sie reicht aber viel weiter zurück und lässt sich sowohl in politisch-theoretischen wie historischen und militärgeographischen Texten, aber ebenso auch in Romanklassikern des 19. Jahrhunderts - etwa Herman Melvilles "Moby Dick" und Gustav Freytags "Soll und Haben", deren geopolitische Implikationen der Bochumer Literaturhistoriker Nils Werber in luziden Analysen freigelegt hat - aufspüren.

In der Gegenwart kehrt dieses, historisch betrachtet eher "rechte" Denkmuster vor allem in linken Deutungsansätzen wieder, etwa in der Differenz zwischen Nationalstaat vs. Globalisierung, Kulturrelativismus vs. Universalismus, von Imperium vs. Empire. Aber auch in der Feier des "Datenmeers" und des grenzenlosen virtuellen Raumes des Cyberspace, der nach wie vor als Ort einer anderen Demokratie, als Möglichkeit alternativer Politik, möglicherweise sogar Keimzelle für die Revolutionierung der Verhältnisse gefeiert wird - ungeachtet seiner realen Kolonialisierung durch "die Verhältnisse."

Auch postkoloniale Konzepte der Vermischung der Kulturen, ob als literarische oder filmische Phantasie, oder in politischen Konzeptionen des Multikulturalismus, die dem "Kampf der Kulturen" (Samuel Huntington), selbst natürlich ein geopolitisches Konzept, entgegengesetzt werden, gehören in diese Kategorie. Daneben beginnen zunehmend auch die Geschichtswissenschaften, ein neues Interesse für Globalisierung zu entwickeln. Man fängt an, soziologisch-ökonomische Globalisierung zu historisieren, und sie als Phänomen zu begreifen, das eine längerfristige Vorgeschichte hat.

In dieser Perspektive ist es schließlich mehr als nur eine Fußnote, dass "Moby Dick" bekanntlich in den 70er Jahren zum Selbstverständigungsmedium der RAF avancierte. Der Gegensatz zwischen Meer und Land, den "freien Walfängern" und dem Wal Leviathan (in der Bibel und bei Thomas Hobbes die Metapher für absolute, "totale" Herrschaft) wurde zum Spiegel des Antagonismus zwischen RAF und BKA, zwischen der partisanenhaften Stadtguerilla und der deutschen Polizei, die mit ihrer "Rasterfahndung" versuchte, den Raum zu "kerben", zu ordnen, mit Straßensperren klare Grenzziehungen zu unternehmen. Dieser Territorialisierung setzt die RAF im Untergrund das Überschreiten solcher Grenzen, das Verwischen von Kerbungen, die De-Territorialisierung entgegen.

Das Rivival der Geopolitik Anfang der 80er Jahre

In den letzten zwei Jahrzehnten, spätestens seit der Entgrenzung Europas durch den Fall des "Eisernen Vorhangs" 1989, seit dem zweiten Golfkrieg von 1991 und seit dem jugoslawischen Bürgerkrieg 1992ff. ist zu beobachten, dass Geopolitik im öffentlichen Diskurs wieder eine Rolle spielt, dass auch der Begriff wieder häufiger auftaucht. Themen werden in geopolitischen Denkmustern und Kategorien erörtert: die - soziale wie psychologische - Prägung von Menschen und Institutionen, Kulturen und Gesellschaften durch "die Lage", durch geographisch und geologisch bedingte Erfahrungen spielt eine Rolle. Politische Vorgänge werden mit "Balkanisierung", erklärt, mit der Tatsache, dass es sich bei den Akteuren um "Bergvölker" oder "Wüstenstämme" handle, Bodenschätze und Rohstoffpolitik werden - in der Interpretation, aber womöglich auch in der Praxis, zum entscheidenden Movens der Politik - "kein Blut für Öl!"

Vielleicht kann man den Beginn dieses Revivals der Geopolitik in Deutschland Anfang der 80er Jahre ansetzen. Dies begann rückgebunden an die Debatten um den Ausbruchs des Ersten Weltkriegs unter deutschen Historikern. Anfang der 80er-Jahre wurde die deutsche Erste-Weltkriegs-Historie mit Blick auf die deutsche Gegenwart revisionistisch umgekrempelt. Vorreiter dieser Entwicklung waren der Kölner Historiker Klaus Hildebrand und vor allem der Erlanger Historiker Michael Stürmer, der damals auch als "Berater" von Neukanzler Helmut Kohl und FAZ-Leitartikler über die "deutsche Mittellage" wie über eine gegebene Tatsache räsonierte. Stürmer wie Hildebrand waren auch 1986/87 Hauptvertreter der revisionistischen Richtung des Historikerstreits.

"Im Raume lesen wir die Zeit"

Nahtlos daran anknüpfte auch die "Mitteleuropa"-Debatte, die ab Mitte der 80er Jahre wieder besonders in Deutschland, aber auch in damaligen Ostblockstaaten, besonders unter Dissidenten, geführt wurde. Plötzlich entdeckte man Mitteleuropa als kulturellen und damit politischen Raum neu, zu dem "wir", die Deutschen, besondere Verbundenheiten haben. Tatsächlich stammen "Mitteleuropa"-Begriff und Konzept vom liberalen (gleichwohl nationalistischen) Kaisereich-Politiker Friedrich Naumann.

In den aufkommenden Europa-Ideen der 20er, 30er Jahre spielte diese Mitteleuropa-Debatte eine wichtige Rolle. Die Europa-Debatten der 20er-Jahre waren außer an Naumann auch an Oswald Spengler ("Der Untergang des Abendlandes") orientiert und stellten Europa ganz bewusst in ein globalpolitisches Kräftefeld. Es ging um den drohenden "Untergang Europas" und darum, dieses Krisengerede zugunsten einer europäischen Renaissance zu instrumentalisieren. Spengler sagte "gewaltige Aufstände der zornigen Völker" in den europäischen Kolonien voraus, und warnte, die weißen "Herrenvölker" seien im Begriff, ihre Stellung innerhalb Europas zu verlieren. Nur nebenbei sollte man hier darauf hinweisen, dass schon diese frühen modernen Europa-Debatten eine Folge bewusst wahrgenommener Schwäche sind, dass transnationale Einigung offenbar politische Verlustängste voraussetzt.

Es ging darum, den Alten Kontinent zu modernisieren, und zu überlegen, wie man mit Hilfe moderner Technik einerseits einen Großraum Europa gestalten und andererseits eine Schließung nach Ost und West erreichen, und eine Position der Macht erringen kann. Gemessen an diesen Konzepten der 20er Jahre war die neuere Mitteleuropa-Debatte sehr light und im Grunde provinziell. Ihre neueste Version entwickeln die Werke Karl Schlögels, eines Überlebenden der Mitteleuropa-Debatten der 80er-Jahre. In seinem 2003 erschienenen Buch "Im Raume lesen wir die Zeit" stellt er seine melancholische Trauer über das verschwundene Mitteleuropa in den Kontext einer Theorie über "Geopolitik und Zivilisationsgeschichte."

"Das Weltsystem als solches denken."

In diesem weiteren Sinn der Geopolitik, die sich von ihrer engeren Bedeutung unterscheidet, geht man vom Begriff der Globalisierung aus und meint eine Reihe von Fragestellungen, die unter der Vorstellung der Weltpolitik subsummierbar sind. Gefragt wird nach informellen Herrschaftsräumen, nach transnationalen Staatenbildungen, nach Interdependenzen, die als Vorformen für Konzepte der "Weltgesellschaft" begreifbar sind.

Moderne Versionen solcher geopolitischer Denkweisen findet man nicht nur bei dem einschlägig bekannten Samuel Huntington, der auf der Karte der geopolitischen Konzepte sozusagen die Partei des "Landes" vertritt, sondern auch bei Michael Hardt und Antonio Negri, die in ihrem Werk "Empire" vor allem zu Theoretikern des "Meeres" werden. Unter "Empire" verstehen Hardt/Negri bekanntlich eine neue Art der Weltordnung, die in bewussten Gegensatz zum klassischen Imperialismus gesetzt ist. Das Empire ist maritim, also kapitalistisch, bio-mächtig und post-national. Seine Bewohner sind gemischt. Das Imperium hingegen separiert und selektiert, es nimmt Unterscheidungen vor wie Bürger/Nichtbürger, Volk/Nichtvolk, Nation/Fremde, die in der "Multitude" des Weltempire verdampfen. Das Imperium ist Landmacht, die den Raum ordnet, und durch Grenzen "kerbt". Das Empire ist ein Netzwerk, das die klassischen Hierarchie-Konzepte übersteigt. Güter, Kapital und Informationen zirkulieren im Empire frei, während sie im Imperium verknappt werden. Der neue postnationale Souverän ist das Empire.

Der entscheidende Unterschied zwischen Empire und Imperium ist aber das "Zerfließen" der Grenzen. Zwar verschwindet die Unterscheidung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit nicht, doch verschwindet die Öffentlichkeit und mit ihm das Politische. Alles wird privat und privatisiert. Grenzziehungen, worunter die Autoren auch Politik, Institutionen und Bürgerrechte verstehen, verschwinden ebenfalls. Alles wird Meer, auch innergesellschaftlich.

Ein zweites, nicht weniger innovatives Denkmodell stammt vom amerikanischen Marxisten Frederic Jameson. Es richtet sich nicht auf Veränderungen des Politischen, sondern auf Veränderungen der Kategorien politischer Wahrnehmung. Auch Jameson bestreitet das marxsche Dogma des Primats des Ökonomischen und wertet die Politik gegenüber der Ökonomie auf: "Will man etwas Ökonomisches sagen, sollte man es mit politischem Material tun. Steht etwas Politisches an, helfen Rohdaten aus der Ökonomie." Unter "geopolitischer Ästhetik" versteht Jameson die Ästhetik der multimedialen Massenkultur, die Konstituierung einer Weltgesellschaft über einen globalen Blick.

"Geopolitische Ästhetik" impliziert also, "dass Denken heute, was immer es sonst noch sein mag, auch ein Versuch ist, das Weltsystem als solches zu denken." Jamesons 1992 veröffentlichtes, mittlerweile weltbekanntes, aber nicht ins Deutsche übersetztes Buch "The Geopolitical Aesthetic" ist der Schlüsseltext einer Filmtheorie, die wieder in der Nachfolge von Kracauer und Adorno auf politische Fragestellungen zurückgreift, und dabei die "cultural studies" nicht vergisst. Dort entwickelt Jameson ein Modell, um Filme als "kognitive Karten" des "geopolitisch Unbewussten" zu verstehen. Jedes kulturelle, politische und ökonomische Produkt müsse auf "jene geistige Landkarte der sozialen und globalen Totalität" bezogen und auf sie hin analysiert werden, "die wir alle in unseren Köpfen in unterschiedlich verzerrter Form herumtragen." Um einen Film korrekt zu entschlüsseln, müssen man ihn über lokale, nationale und kulturelle Zusammenhänge hinaus immer auch in seinem globalen Kontext analysieren. Der "Welt-Raum" und der "Hyper-Raum" des Cyberspace sind "Expansionen des Kapitalismus." Das "geopolitische Unbewusste" und das "New World System" werden zu entscheidenden, aufeinander bezogenen Kategorien.

Die Aporie der geopolitischen Ästhetik

In der Geopolitik wird die ganze Welt zu einer einzigen Gestaltungsoberfläche und Politik, auch politische Theorie, zu einem Computerspiel, in dem sich Realität und Virtualität ununterscheidbar vermischen. Wird der Begriff der Geopolitik jetzt wissenschaftlich wieder eingeführt, muss man gelinde gesagt, sehr vorsichtig sein. Denn "Geopolitik" ist klar politisch belegt, und nicht einfach als wissenschaftliche Kategorie reformulierbar. Geopolitik scheint zunächst einmal per se rechts zu stehen. Wenn es auf Raum ankommt, verliert die linke Leitdifferenz des Klassenkampfes an Wucht. Politische Grenzen werden nicht zwischen Klassen, nicht innerhalb der Gesellschaften, sondern zwischen Völkern gezogen. Andererseits ist das "Kommunistische Manifest" geradezu ein Klassiker der geopolitischen Literatur, freilich einer, der immer von homogenem, geschlossenen Weltwirtschaftsräumen ausgeht.

Genau das wird seit den 20er Jahren von rechter Seite bestritten. Gerade in Deutschland hat die Rechte früh die Veränderbarkeit von Raum und Welt für sich reklamiert, und den globalen Raum zum Existential deutscher Politik, zur Grundlage deutscher Zukunft stilisiert. Der Imperativ ist hier das Denken in großen Zusammenhängen. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Zukunft der Welt oder zumindest der westlichen Zivilisation.

Zu den impliziten Annahmen dieses Diskurses gehört die Auffassung der Politik als einerseits deterministisch - weil jeder Raum durch feste Koordinaten bestimmt ist. Zugleich gilt der Raum als gestaltbar, alle Grenzen werden flüssig. So ist Geopolitik zwar objektive Bestandsaufnahme von bestimmenden Faktoren, aber zugleich immer aufgeladen mit Projektionen in die Zukunft. Diese Aporie macht es für Fiktion und Popularisierung, für Ideologien jeder Art extrem interessant. (Rüdiger Suchsland)