Die Verkitschung des Sozialen

Aktion vor Brandenburger Tor. Bild: Stefan Selke

Mein Reich komme. Fiktive Autobiografie eines moralischen Unternehmens - Teil 2

25 Jahre Jahre Tafeln in Deutschland, ein Grund zum Feiern? Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie "Mein Reich komme" - eine alternative Erzählung (Mein Reich komme - Teil 1).

Um meinem Reich zur Vollendung zu verhelfen, fällt mir immer wieder Neues ein. Rund tausend Tafeln gibt es mittlerweile im Land. Aber richtig Spaß macht erst das ganze Drumherum. Ich kann mir wunderbare Dinge ausdenken, wenn man mich lässt und nicht mit Kritik behelligt. Nur ein erstes Beispiel: Es wird immer leichter, Politiker dazu zu animieren, sich mit öffentlichen Lebensmittelwetten zu profilieren. Unterstützt werde ich dabei von bekannten Transport- und Logistikunternehmen, die sich darum streiten, wer die meisten Paletten transportieren darf.

Erstmals machte ich dieses Experiment mit dem damaligen Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit anlässlich des Bundestafeltreffens 2010. Es war eine Art "Wetten dass...?"-Aktion, nur dass ich sie für meine Belange umgestaltete. Das Gottschalk-Prinzip wurde wunderbar angenommen.

Mit allen Mittel trage ich seitdem dazu bei, dass die soziokulturelle Existenzsicherung regelmäßig und öffentlichkeitswirksam zum Gegenstand spektakulärer Aktionen wird. Ich gleiche schlechte Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik durch Wohltätigkeitswettbewerbe und Kampagnenideen aus. Ich lanciere Werbekampagnen wie die der Frankfurter Tafel, die sich "Ritter der Tafelrunde" nennt. Hierbei werden "ganz normale" Bürgerinnen und Bürger (eine Köchin, ein Pilot, ein Automechaniker) vorgestellt, die sich als "Ritter" und zugleich "Retter" für die Armen stilisieren. So trage ich dazu bei, ernsthafte Politik in der Ära der Postdemokratie durch oberflächliche Spektakel zu ersetzen.

Institutionalisierter Kitsch hilft, notwendige Entscheidungen für nachhaltiges Handeln zu vermeiden. Immer wieder gelingt es mir, Sympathie für symbolische Armutslinderungsmaßnahmen zu erzeugen und damit die verlässliche Legitimation für politische Strategien der Armutsbekämpfung zu untergraben.

Die Verkitschung des Sozialen und die Popularisierung der Daseinsvorsorgen durch plakative Almosen- und Ritterkampagnen kommt immer wieder gut an. Das erstaunt selbst mich. Die Leute sind aber auch naiv. Jeder noch so kühl kalkulierte Marketing-Gag wird zur Projektionsfläche für die gute Tat.

In der Bankermetropole Frankfurt lasse ich 2009 in Mülltonnen leere Flaschen mit der Aufschrift 'Tafelwasser‘ verstecken. Die Idee war, dass diese - früher oder später - von "Pfandpiraten" eingesammelt würden. Die Flaschen sahen aus, wie ganz normale Wasserflaschen. Aber neben dem Logo der "Tafeln" zeigten sie statt der Tabelle mit Nährstoffangaben eine Liste lokaler Tafeln. Auf der Flasche stand als Aufschrift: "Gegen Abgabe dieser Flasche erhalten Sie eine Tüte mit Lebensmitteln" - eine Art dreidimensionaler Gutschein für Almosen.

Wunderbare Idee, nicht wahr? Erdacht hatte diese Aktion die Werbeagentur Leo Burnett. Ich arbeite gerne mit Werbeagenturen zusammen, denn dort weiß man, wie man mit den Massen umgeht. Edith Kleber, die Vize-Vorsitzende der Frankfurter Tafel, war ebenfalls begeistert. Sie freute sich, dass man mit der Kampagne Menschen erreicht, die sonst keine Hilfe annehmen würden. Die Werbekampagne gewann übrigens zahlreiche Preise, unter anderem den bronzenen Löwen in Cannes. Für die kreative Erschließung neuer Zielgruppen.

Ach, wie diese guten Menschen, die mitdenken und die so wunderbare Ideen produzieren, mein Herz wärmen. Jede Tafelwette ist spektakulärer als die vorherige. Kultusminister Christoph Matschie wettete 2012, dass die Einwohner Thüringens bis zum Bundestafeltreffen in Suhl mehr als 32 Tonnen Lebensmittel von besonders langer Haltbarkeit spenden würden - eine Tonne für jede der Thüringer Tafeln.

Die Sammlung wird zu einem Event, der sich verselbstständigt, so charmant scheint die Idee zu sein. Viele Grundschulen beteiligen sich daran. Rewe ist auch dabei. In Deutsch-, Sach- und Heimatkunde wird die Tafelarbeit behandelt. Sogar im Mathematikunterricht sind die Tafeln ein Thema: Wie berechnet man Maße, Massen und Gewichte? Alle sind stolz auf ihren Einfallsreichtum. Am Ende rollen die Lieferwagen an.

Da wundert es am Ende wenig, wenn man über mich auch in Schulbüchern schreibt, damit auch die nächste Generation gleich von Anfang an das passende Bild bekommt. Das Schulbuch "Mensch & Politik" (Fach "Sozialkunde") in Thüringen widmet sich tatsächlich dem Phänomen der Tafeln. Die Autorin Cathrin Schreier fragt im Modul "Der neue Sozialstaat?!", ob der Boom der Lebensmitteltafeln ein Hinweis darauf sei, dass der deutsche Sozialstaat an seine Grenzen gekommen ist. Aber ich bin mir sicher, dass das nur Koketterie ist, denn eigentlich schreibt sie ganz in meinem Sinne. Sie zitiert mich mit der Aussage, dass die Tafelidee "bestechend einfach" sei und in der Weitergabe des Konsumüberflusses an Bedürftige bestehe. Das wollen einfach alle hören.

Und sie unterstützt meine politisch erwünschte Argumentation: "Die Tafeln helfen so wirtschaftlich benachteiligten Menschen, eine schwierige Zeit zu überbrücken, und geben ihnen dadurch Motivation für die Zukunft - und verhindern gleichzeitig, dass wertvolle Lebensmittel im Müll landen."

Was macht es schon aus, wenn das Schulbuch nicht von einer unabhängigen Autorin geschrieben wurde und wenn alle inhaltlichen Aussagen von meinen Kritikern inzwischen widerlegt wurden? Woher soll die Autorin das auch wissen? Ihre einzige zitierte Quelle ist die offizielle Webseite der Lobbyvertretung der Tafeln, also meine Seite. Dort liste ich zehn gut klingende Behauptungen auf, die nicht nur nach PR-Lyrik aussehen, sondern PR-Lyrik sind. Und flugs landen diese - wie von mir gewünscht - in einem Schulbuch.

Das passt gut zum Trend, Schulbücher nicht von Sachbuchautoren sondern von Lobbyvertretern schreiben zu lassen. Eine Art Outsourcing von Objektivität. So können sich die Schülerinnen und Schüler in Thüringen mit gesellschaftlicher Realität auseinandersetzen, ohne beim Nachdenken durcheinanderzukommen, von abweichenden Meinungen belästigt zu werden, oder von zu viel Komplexität in die Knie gezwungen werden. Es ist doch wunderbar, wenn linientreue Schreiberlinge helfen, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Ganz in meinem Sinne.

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