Die Verkitschung des Sozialen

Aktion vor Brandenburger Tor. Bild: Stefan Selke

Mein Reich komme. Fiktive Autobiografie eines moralischen Unternehmens - Teil 2

25 Jahre Jahre Tafeln in Deutschland, ein Grund zum Feiern? Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie "Mein Reich komme" - eine alternative Erzählung (Mein Reich komme - Teil 1).

Um meinem Reich zur Vollendung zu verhelfen, fällt mir immer wieder Neues ein. Rund tausend Tafeln gibt es mittlerweile im Land. Aber richtig Spaß macht erst das ganze Drumherum. Ich kann mir wunderbare Dinge ausdenken, wenn man mich lässt und nicht mit Kritik behelligt. Nur ein erstes Beispiel: Es wird immer leichter, Politiker dazu zu animieren, sich mit öffentlichen Lebensmittelwetten zu profilieren. Unterstützt werde ich dabei von bekannten Transport- und Logistikunternehmen, die sich darum streiten, wer die meisten Paletten transportieren darf.

Erstmals machte ich dieses Experiment mit dem damaligen Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit anlässlich des Bundestafeltreffens 2010. Es war eine Art "Wetten dass...?"-Aktion, nur dass ich sie für meine Belange umgestaltete. Das Gottschalk-Prinzip wurde wunderbar angenommen.

Mit allen Mittel trage ich seitdem dazu bei, dass die soziokulturelle Existenzsicherung regelmäßig und öffentlichkeitswirksam zum Gegenstand spektakulärer Aktionen wird. Ich gleiche schlechte Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik durch Wohltätigkeitswettbewerbe und Kampagnenideen aus. Ich lanciere Werbekampagnen wie die der Frankfurter Tafel, die sich "Ritter der Tafelrunde" nennt. Hierbei werden "ganz normale" Bürgerinnen und Bürger (eine Köchin, ein Pilot, ein Automechaniker) vorgestellt, die sich als "Ritter" und zugleich "Retter" für die Armen stilisieren. So trage ich dazu bei, ernsthafte Politik in der Ära der Postdemokratie durch oberflächliche Spektakel zu ersetzen.

Institutionalisierter Kitsch hilft, notwendige Entscheidungen für nachhaltiges Handeln zu vermeiden. Immer wieder gelingt es mir, Sympathie für symbolische Armutslinderungsmaßnahmen zu erzeugen und damit die verlässliche Legitimation für politische Strategien der Armutsbekämpfung zu untergraben.

Die Verkitschung des Sozialen und die Popularisierung der Daseinsvorsorgen durch plakative Almosen- und Ritterkampagnen kommt immer wieder gut an. Das erstaunt selbst mich. Die Leute sind aber auch naiv. Jeder noch so kühl kalkulierte Marketing-Gag wird zur Projektionsfläche für die gute Tat.

In der Bankermetropole Frankfurt lasse ich 2009 in Mülltonnen leere Flaschen mit der Aufschrift 'Tafelwasser‘ verstecken. Die Idee war, dass diese - früher oder später - von "Pfandpiraten" eingesammelt würden. Die Flaschen sahen aus, wie ganz normale Wasserflaschen. Aber neben dem Logo der "Tafeln" zeigten sie statt der Tabelle mit Nährstoffangaben eine Liste lokaler Tafeln. Auf der Flasche stand als Aufschrift: "Gegen Abgabe dieser Flasche erhalten Sie eine Tüte mit Lebensmitteln" - eine Art dreidimensionaler Gutschein für Almosen.

Wunderbare Idee, nicht wahr? Erdacht hatte diese Aktion die Werbeagentur Leo Burnett. Ich arbeite gerne mit Werbeagenturen zusammen, denn dort weiß man, wie man mit den Massen umgeht. Edith Kleber, die Vize-Vorsitzende der Frankfurter Tafel, war ebenfalls begeistert. Sie freute sich, dass man mit der Kampagne Menschen erreicht, die sonst keine Hilfe annehmen würden. Die Werbekampagne gewann übrigens zahlreiche Preise, unter anderem den bronzenen Löwen in Cannes. Für die kreative Erschließung neuer Zielgruppen.

Ach, wie diese guten Menschen, die mitdenken und die so wunderbare Ideen produzieren, mein Herz wärmen. Jede Tafelwette ist spektakulärer als die vorherige. Kultusminister Christoph Matschie wettete 2012, dass die Einwohner Thüringens bis zum Bundestafeltreffen in Suhl mehr als 32 Tonnen Lebensmittel von besonders langer Haltbarkeit spenden würden - eine Tonne für jede der Thüringer Tafeln.

Die Sammlung wird zu einem Event, der sich verselbstständigt, so charmant scheint die Idee zu sein. Viele Grundschulen beteiligen sich daran. Rewe ist auch dabei. In Deutsch-, Sach- und Heimatkunde wird die Tafelarbeit behandelt. Sogar im Mathematikunterricht sind die Tafeln ein Thema: Wie berechnet man Maße, Massen und Gewichte? Alle sind stolz auf ihren Einfallsreichtum. Am Ende rollen die Lieferwagen an.

Das Phänomen Tafeln hält Einzug in Schulbücher

Da wundert es am Ende wenig, wenn man über mich auch in Schulbüchern schreibt, damit auch die nächste Generation gleich von Anfang an das passende Bild bekommt. Das Schulbuch "Mensch & Politik" (Fach "Sozialkunde") in Thüringen widmet sich tatsächlich dem Phänomen der Tafeln. Die Autorin Cathrin Schreier fragt im Modul "Der neue Sozialstaat?!", ob der Boom der Lebensmitteltafeln ein Hinweis darauf sei, dass der deutsche Sozialstaat an seine Grenzen gekommen ist. Aber ich bin mir sicher, dass das nur Koketterie ist, denn eigentlich schreibt sie ganz in meinem Sinne. Sie zitiert mich mit der Aussage, dass die Tafelidee "bestechend einfach" sei und in der Weitergabe des Konsumüberflusses an Bedürftige bestehe. Das wollen einfach alle hören.

Und sie unterstützt meine politisch erwünschte Argumentation: "Die Tafeln helfen so wirtschaftlich benachteiligten Menschen, eine schwierige Zeit zu überbrücken, und geben ihnen dadurch Motivation für die Zukunft - und verhindern gleichzeitig, dass wertvolle Lebensmittel im Müll landen."

Was macht es schon aus, wenn das Schulbuch nicht von einer unabhängigen Autorin geschrieben wurde und wenn alle inhaltlichen Aussagen von meinen Kritikern inzwischen widerlegt wurden? Woher soll die Autorin das auch wissen? Ihre einzige zitierte Quelle ist die offizielle Webseite der Lobbyvertretung der Tafeln, also meine Seite. Dort liste ich zehn gut klingende Behauptungen auf, die nicht nur nach PR-Lyrik aussehen, sondern PR-Lyrik sind. Und flugs landen diese - wie von mir gewünscht - in einem Schulbuch.

Das passt gut zum Trend, Schulbücher nicht von Sachbuchautoren sondern von Lobbyvertretern schreiben zu lassen. Eine Art Outsourcing von Objektivität. So können sich die Schülerinnen und Schüler in Thüringen mit gesellschaftlicher Realität auseinandersetzen, ohne beim Nachdenken durcheinanderzukommen, von abweichenden Meinungen belästigt zu werden, oder von zu viel Komplexität in die Knie gezwungen werden. Es ist doch wunderbar, wenn linientreue Schreiberlinge helfen, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Ganz in meinem Sinne.

Mythen und Tabus

Auch meine Existenz ist mit einigen Geheimnissen verbunden, schließlich hat jeder ein paar Leichen im Keller, wie man so sagt. Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt. So ist es auch ganz in meinem Sinne, dass einige Mythen im Umlauf sind, die - ich sage es mal so - nicht ganz der Realität entsprechen.

Mit großem Nachdruck sorge ich immer wieder dafür, dass die Tafeln als rein ehrenamtliche Bewegung wahrgenommen werden. Auch wenn es inzwischen einen gewissen Druck zur Professionalisierung und viele hauptamtlich eingestellte Tafel-LeiterInnen gibt, die Vollzeit für mich arbeiten. Vom Büro des Bundesverbandes mit seinen Festangestellten ganz zu schweigen. Es ist doch praktisch, wenn alle denken, dass es meinem Reich alles umsonst und freiwillig gibt.

Ich achte auch strikt darauf, dass der Mythos der Ursprungsidee unverfälscht erhalten bleibt, auch wenn er so gut wie nichts mehr mit meiner Praxis zu tun hat. Damals ging es um die Umverteilung des Überflüssigen. Das war doch meine geniale Idee vor 25 Jahren: Überflüssige Lebensmittel abholen und an die Überflüssigen der Gesellschaft verteilen.

Ich unterschlage gerne, dass Tafeln inzwischen massiv Spendengelder einwerben und von diesen Spendengeldern Waren aller Art zukaufen. In meinem Reich wird inzwischen das Fehlende ersetzt und nicht nur das Überflüssige umverteilt. Das ist doch eine tolle Strategie, auf die ich sehr stolz bin. Denn das Überflüssige ist endlich, während das Fehlende immer wieder neu definiert werden kann. So schaffe ich mir meinen zukünftigen Bedarf selbst. Ich will gebraucht werden, mein Reich soll wachsen.

Unterstützer im Lande,
geheiligt werde mein Name.
Mein Reich komme.
Mein Wille geschehe,
wie im Charity-Himmel so auch in der Praxis.
Ihr Brot gebe ich ihnen täglich,
auch wenn ich sie damit zu Ausgeschlossenen erkläre,
auch wenn Kritiker mir meine Schuld nicht vergeben.
Ich führe die Armen immer wieder in die Versuchung,
aber ich erlöse sie niemals von der Abhängigkeit.
Denn mein ist das Reich
und die Moral der guten Tat
und die Herrlichkeit der öffentlichen Anerkennung
für meine Ewigkeit.
Gerne auch gegen Spendenquittung.

Stromlinienförmige Gedanken

Ich muss natürlich ein wenig aufpassen. Neid und Missgunst lauern überall. Von Kritik will ich erst gar nicht sprechen. Wieder kommt die Hilfe aus Richtung der Politik. Was mich wirklich weitergebracht hat, war das "Jahr der Freiwilligentätigkeit" (2011), das von der Europäischen Kommission ins Leben gerufen wurde.

Ich muss ein wenig ausholen, damit das verständlich wird: Die Planungen für dieses Jahr begannen bereits 2007 in Brüssel. Das zentrale Dokument stammt aus einem Ausschuss für regionale Entwicklung und nennt sich "Arbeitsdokument über Freiwilligentätigkeit als Beitrag zum wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt". So wurde das Themenjahr richtig strategisch vorbereitet. Die Logik von der Instrumentalisierung des Ehrenamts wird hier bereits professionell vorausgedacht. Da ist zu meiner großen Freude die Rede vom "unschätzbaren Beitrag" der Freiwilligentätigkeiten. Gleichzeitig wird auch der wirtschaftliche Stellenwert freiwilliger Arbeit beziffert.

Das Sozialkapital, also als die Neigung der Bürger, den Staat freiwillig und vorauseilend finanziell zu entlasten, wird damit zu einem harten Standortfaktor, zu einer Ehrenamts-Schattenökonomie. Freiwilligenarbeit wird als unverzichtbar für die "volkswirtschaftliche Gesamtrechnung" dargestellt. Der Nutzen wird mit quasi-religiösen Heilserwartung geradezu überfrachtet.

Kurz: Freiwillige sind die Lösung für so gut wie jedes Problem: Sie sollen europäische Werte in die Praxis umsetzen, die Beschäftigungsfähigkeit sichern, Jugendarbeitslosigkeit verringern, Solidarität zwischen den Generationen und den Dialog zwischen den Kulturen fördern, Regionen attraktiver und Nachbarschaften sicherer machen sowie ein Gefühl örtlicher Verbundenheit entstehen lassen. Freiwillige werden als die "wertvollste Form erneuerbarer Energie" deklariert. Das hat weitreichende Folgen und ich bin mittendrin: Staatskrisen sind in Zukunft nur noch Aktivierungskrisen. Wer genügend Freiwillige aktivieren kann, hat gewonnen.

Was soll ich sagen? Das alles freut mich sehr, denn diese Ideologie ging direkt in die Planung des EU-Themenjahrs ein, nachzulesen übrigens in einem Amtsblatt der Europäischen Union. Ganz zentral für mich war aber noch etwas anderes: Im Anhang dieses Dokuments wird definiert, wie sich eine positive Stimmung im ganzen Land erzeugen lässt. Dabei wird eine umfassende Serie von "Informations- und Kommunikationskampagnen" vorgeschlagen: Preisverleihungen, Wettbewerbe sowie die "Entwicklung von EU-weit verfügbaren Materialien und Instrumenten für die Medien". Die Schulbücher kamen wohl quasi im Sinne eines vorauseilenden Gehorsams noch dazu.

Freiwillige sollten mit Ehrenamtspässen, von Ministerien vorgedruckten Zeugnissen oder gleich mit Bundes- oder Landesverdienstkreuzen angelockt werden. Meine Anhänger wurden in den letzten 25 Jahren von Bundesverdienstkreuzen geradezu zugehagelt. Wenn das nicht reichen, dann helfen vielleicht Versprechungen, dass Ehrenamtliche glücklicher sind und länger leben. Respekt: So lässt sich Loyalität gegenüber der Idee Engagements erzeugen.

Wie lächerlich wirkt da die Frage, ob auch die Armen eine Ehre haben. 1,5 Millionen Menschen, die "Tafeln" nutzen müssen, und 15 Prozent der Bevölkerung, die als arm oder armutsgefährdet gelten - sie alle bekommen keine Ehrung dafür, dass sie es täglich schaffen, aufzustehen und sich dem Monster des Bodenlosen entgegenzustellen. Das Monster des Bodenlosen treibt verängstigte Menschen vor sich her. Es treibt sie zu den Tafeln.

Am Besten ist aber dies: Während des EU-Themenjahrs ging auch darum, für eine "gleichlautende und positive Presseberichterstattung" zu sorgen. Diese Schlagzeilengleichförmigkeit lässt sich inzwischen tausendfach nachweisen. Über mein Reich wird fast nur noch im Modus hypnotischer Redundanz berichtet.

Schlagzeile:
"Einen Salatkopf gibt es schon für 40 Cent. Jeden Donnerstag verkauf die Tafeln eineinhalb Tonnen Lebensmittel"

Schlagzeile:
"400 Osternester für die Tafeln der Region"

Schlagzeile:
"Festessen für jede Familie an Weihnachten. Spenden an Tafeln erbeten"

Zum meinem großen Glück gibt es noch immer viel Unwissen über mich im ganzen Land. Auf dieses Unwissen lässt sich aufbauen. Journalisten vergessen die Kritik, weil bereits so viel Zeit seit meiner Gründung vergangen ist, dass die Redaktionen mehrmals ausgetauscht wurden. Ich manage meine Statements, Wissensmanagement in den Medien gibt es nicht.

Der äußeren Form nach kommt es vor diesem Hintergrund schon seit geraumer Zeit in der Bundesrepublik zu einer Expansion vormodern anmutender Hilfeformen.

Eckhard Reidegel und Beatrice Reubelt, 1995
Straßenaktion. Bild: Stefan Selke

Etabliert sich ein solches (...) System, wird die (...) Mitwirkung bei der Aushöhlung des Bedarfsdeckungsprinzips dramatisch verschärft: Arme werden dann auch hinsichtlich der Qualität der Ware als unterhalb des Marktniveaus versorgbar dargestellt.

Der Jurist Prof. Dr. Falk Roscher im Artikel 'Gefährdung von Rechtsansprüchen durch private Wohltätigkeit?', 1996

Fast niemand weiß, dass es "Tafeln" auch in der Trägerschaft der großen Wohlfahrtskonzerne Caritas, Diakonie und AWO gibt - und welche Paradoxien damit verbunden sind. Ganz neue Märkte entstehen, wir, die Anbieter profitieren vom niedrigschwelligen Zugang, den die "Tafeln" zu diesen Märkten bieten.

Fast niemand weiß, dass es unterschiedliche Tafelsysteme in Deutschland gibt - und welche Folgen damit verbunden sind. Noch weniger wissen wir über die Soziodemographie der "Kunden". So wundert es kaum, wenn selbst die Bundesregierung immer wieder auf meine selbstgemachten, nicht-repräsentativen Statistiken zurückgreift. In Deutschland wissen wir mehr über die Verteilung von Schmetterlingsarten als über die Motive von Armutsbetroffenen, die Tafeln nutzen (Minderheit) oder eben nicht nutzen (Mehrheit).

Expansion trotz kleiner Störungen

Im Schatten dieses Unwissen konnte mein Reich weiter wachsen und gedeihen. Auch wenn es immer wieder Störungen meines harmonischen Daseins gibt. Zum Beispiel diese linken Kritiker. 2015 stellen tatsächlich Abgeordnete um Sabine Zimmermann und die Fraktion DIE LINKE eine Kleine Anfrage an den Bundestag, betreffend "Tafeln - Entwicklung, Praxis und Stellung im System sozialer Hilfen in Deutschland" (Bundestagsdrucksache 18/5812).

Die Tafeln übernehmen als private Akteure faktisch einen Teil der Existenzsicherung. Die unzureichende öffentliche Leistungsgewährung erscheint angesichts der Existenz von Tafeln eher hinnehmbar. Die Zuständigkeit wird damit tendenziell vom Sozialstaat zur privaten Fürsorge verschoben. Gleichzeitig sind die Leistungen der Tafeln volatil, d.h. nicht flächendeckend, nicht bedarfsdeckend und nicht einmal berechenbar, da der Umfang der Leistungen von Spenden abhängig und damit systematisch nicht kontrollierbar ist.

Die Bundesregierung wird in der Anfrage aufgefordert, "umfassend" Auskunft über ihre Einschätzung der Tafeln zu geben. Ich zitiere den für mich wichtigsten Satz aus der Antwort der Bundesregierung:

Die Tafeln in Deutschland, in all ihrer Vielfältigkeit und damit auch in der Pluralität ihrer Trägerschaft, ihrer sich selbst gesetzten Aufgabenstellungen und Vorgehensweisen, sind ein herausragendes Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement. Durch dieses Engagement können Menschen über die staatliche Sozialpolitik hinaus unterstützt werden. Die Bundesregierung sieht deshalb in den Tafeln eine wichtige Ergänzung der vorhandenen staatlichen Sozialleistungen und begrüßt es, dass die Tafeln eine sinnvolle Verwendung von qualitativ einwandfreien Produkten, insbesondere von überschüssigen Lebensmitteln, ermöglichen. Die Bundesregierung sieht die Tafeln jedoch nicht als Ersatz staatlicher Sozialpolitik.

Eingangsfoyer Ministerium. Bild: Stefan Selke

Diese Anfrage und die Antwort wird hier und da kommentiert, auch von einem sogenannten "Tafelkritiker", dem Soziologen Stefan Selke, der schreibt:

Insbesondere lässt die Antwort (und die dabei zum Ausdruck gebrachte Argumentationslinie) keine Orientierung an übergeordneten Prinzipien erkennen. Der Staat verabschiedet sich damit von seinen eigenen Leitbildern, insbesondere dem Leitbild für nachhaltige Entwicklung. Dieses wurde erstmals im 13. Deutschen Bundestag (1994-1998) im Kontext einer Enquête-Kommission formuliert - damals bemühte man sich noch um eine Definition sozialer Nachhaltigkeit: Die von der Bundesregierung berufenen Experten wiesen darauf hin, dass die Umsetzung soziale Nachhaltigkeit, primär eine gesellschaftliche Schutz- und Stabilisierungsfunktion habe und Gerechtigkeitsvorstellungen auf der Basis sozialen Ausgleichs umgesetzt werden sollten. Diese Aufgabe ist nicht - auch nicht punktuell - an zivilgesellschaftliche Akteure delegierbar. Gerechtigkeit als verfassungsrechtlich geschütztes 'Gut' (Bürgerrecht) dient der Möglichkeit des Erhalts menschenwürdiger Lebensbedingungen. Explizit weist die Kommission darauf hin, dass hierzu 'Schutzräume durch soziale Sicherung' notwendig sind. Weiterhin weist der Bericht der Enquête-Kommission ausdrücklich darauf hin, das 'barmherzigen Almosensysteme' (gleich welcher Form) diese Rolle nicht übernehmen können. Die Umsetzung sozialer Nachhaltigkeit ist Gesellschaftspolitik und nicht durch zivilgesellschaftliches Engagement zu ersetzen.

Die Linksfraktion scheint hoch erfreut und twittert: #Tafel-Experte @StefanSelke attestiert BReg "kein tiefergehendes Verständnis" für die Tafeln in Deutschland.

Der Ausschuss fordert den Vertragsstaat auf, ein umfassendes Armutsbekämpfungsprogramm aufzunehmen und durchzuführen (sowie) die Menschenrechte in die Durchführung des Armutsbekämpfungsprogramms einzubeziehen.

UN-Sozialausschuss, Mai 2011

Der Staat delegiert die Grundversorgung immer weiter an die Zivilgesellschaft. Das Menschenrecht auf Nahrung wird in Deutschland nicht ausreichend umgesetzt, sondern zunehmend gefährdet, weil der Staat seinen Verpflichtungen nicht angemessen nachkommt.

Grundlagenpapier "Ernährungsarmut und das Menschenrecht auf Nahrung in Deutschland", Menschenrechtsorganisation FIAN, 2012

'Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht', sagt man. Seit Jahren nimmt die Armut in Deutschland stetig zu, immer häufiger sieht man selbst Senioren in Mülleimern wühlen. Tafeln schießen wie Pilze aus dem Boden. Das bedeutet, man akzeptiert Armut, kultiviert und verwaltet sie. Die Armutsindustrie schafft viel gut dotierte Jobs - nur nicht für die Betroffenen selbst. Wohl aus diesem Grund wird nicht hinterfragt, warum man diese Energie nicht umlenkt in Bekämpfung der Armutsursachen. Sämtliche Tafelorganisatoren entlassen die Politik aus ihrer Verantwortung. Noch weniger hinterfragt man, wie die betroffenen Menschen sich an den Ab-Speisungen fühlen. Sie werden beschämt und zahlen mit ihrer Würde. Weiterhin werden sie wütend-passiv und darüber hinaus in eine Parallelgesellschaft gedrängt. Man wundert sich nun, dass gerade die armen Menschen verbittert und wütend den rechten Parteien zustimmen, sehen sie doch in Hinblick auf die Fluchtproblematik, dass viel Geld für Integration in die Gesellschaft da ist, aber wiederum nicht für ihre eigene. Sie selbst sehen sich einem abermals verschärften Verteilungskampf, auch um bezahlbaren Wohnraum. Bevor Politik und Gesellschaft den moralischen Zeigefinger erheben, sollten sie sich vielmehr fragen, warum sie diese Menschen, die ihnen nicht (mehr) nützlich erscheinen, seit Jahren konsequent im Stich lassen. Warum sie es nicht stört, dass in einem der reichsten Länder von Armut betroffene Menschen eine um durchschnittlich 10 Jahre geringere Lebenserwartung haben. Eine Demokratie muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht

Regina Rämisch. Aus einem Brief an Brigitte Lischka vom Bayerischen Roten Kreuz zu deren Engagement bei der Nürnberger Tafel

20 Jahre Tafeln

So geht es weiter, immer weiter. Bevor ich auch nur einmal innehalten konnte, um über all das nachzudenken, waren bereits 20 Jahre um. Dafür hatten andere nachgedacht, die mir immer lästiger wurden. Sie waren das Salz in meiner Suppe.

2013, also zum Anlass meines 20jährigen Bestehens, bildete sich das "Kritische Aktionsbündnis", ein Sammelsurium tafelkritischer Personen und Organisationen. Sabine Werth, die "Mutter aller Tafeln" wollte anfangs sogar mitmachen, trat dann aber aus, weil sie von einigen Vertretern des Aktionsbündnisses zu sehr angefeindet wurde. Im Aktionsbündnis versammelten sich Armutsbetroffene, Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und kritische Wohlfahrtsverbände. Hinzu kamen zahlreiche Einzelpersonen als UnterstützerInnen und Sponsoren. Einfach ekelhaft: Unter dem Motto "20 Jahre Tafeln sind genug!" wurden sogar kritische Filme produziert, die mich verunglimpften, Tafelkritik!

Ziel des Aktionsbündnisses war - das stelle man sich nur einmal vor - das gemeinsame Eintreten für eine armutsfeste Mindestsicherung, die "Tafeln und ähnliche Angebote wirklich "überflüssig macht". Man konnte diese Forderungen sogar aus dem Internet herunterladen.

Plakat Aktionstage. Bild: Stefan Selke

Das Aktionsbündnis organisierte eine dreitägige Diskussions- und Protestveranstaltung in Berlin, führte kritische Stadtrundfahrten zu den Orten der Armutsproduktion durch. Man stelle sich vor: Sie kamen sogar zu mir! Auf allen Kanälen forderten sie diese bedarfsgerechte Mindestsicherung. Höhepunkt war eine Demonstration vor dem Brandenburger Tor mitten in Berlin, die internationale Medienresonanz erzielte.

Das ärgerte mich dann schon, dass David mal erfolgreich gegen Goliath war. Diese Unverschämten bauten eine große festliche "Tafel" vor dem Brandenburger Tor auf und ließen Arme dort in Reih und Glied antreten, um sich Almosen abzuholen. Sie trugen ein T-Shirt mit der Aufschrift "Armgespeist. 20 Jahre Tafeln sind genug."

Noch mehr ärgerte mich allerdings dieser Soziologe mit seinem Buch "Schamland", das kritische Sozialreportagen enthielt. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie er unbehelligt drei Jahre durch mein Reich gereist und mit meinen "Kunden" gesprochen hatte. Dieses Land nannte er - völlig unverständlich für mich - Schamland.

Wir leben im Schamland. Dieses Land existiert bereits seit 20 Jahren. In dieser Zeit haben wir Erfahrungen gemacht, die denen, die Tafeln als Erfolgsmodell feiern, fremd sind. Wir werden nun sprechen, alle zusammen. Mit einer Stimme, die wir lange gesucht haben. Wir, das sind alle Menschen, die bei einer der vielen Lebensmittelausgaben, Tafeln oder Suppenküchen anzutreffen sind. Wir sind die, die seit Jahren Almosen in Empfang nehmen. Wir sind die Stimme und das schlechte Gewissen der neuen sozialen Frage in Deutschland. Wir sind viele. Auch wir leben mitten in diesem Wohlstandsland. Aber vom Wohlstand haben wir nur etwas als Empfänger von Almosen. Deswegen ist Scham der Preis für unsere Existenz. Im Schamland machen wir alle, jeder für sich, ähnliche Erfahrungen. Still und verschwiegen, dankbar und demütig zugleich. So wie man es von uns erwartet. Damit ist jetzt Schluss. Hier und jetzt erzählen wir von unseren Erlebnissen. Unser Ziel ist es, dieses schiefe Bild geradezurücken. Gerade wir sind in der Lage, von der Abwärtsspirale der Menschlichkeit zu berichten, denn wir sind deren Kronzeugen. Um diese Rolle haben wir uns nicht bemüht, aber nun machen wir das Beste daraus. Das Beste ist, darüber zu sprechen, damit wir endlich gehört werden. Denn wir haben ein Recht auf unsere Sicht der Dinge.

Stefan Selke: Schamland

Der Autor war sogar so unverschämt, Freiexemplare an meine Tafeln zu senden und um Kommentare zu bitten. Zum Glück reagierte so gut wie niemand darauf. Darin habe ich allerdings einige Übung. Schon 2011 hatte ich erfolgreich interveniert und alle Tafeln in Baden-Württemberg angewiesen, bei Forschungsprojekten dieser Person nicht teilzunehmen. Bis auf zwei Abtrünnige hielten sich auch alle brav an meine Order. So auch bei der Versandaktion für das Buch. Einer der wenigen, der antwortete, war Josef Kersting, der Vorsitzende der Lüdinghauser Tafel:

Schilderungen über persönliche Armutsfälle scheinen mir zum Teil nicht reflektiert und kritisch hinterfragt zu sein. Erschreckend sind für mich (...) die Bilder, die Sie von Tafeln zeichnen. Ich wünschte mir, Sie hätten die Lüdinghauser Tafel kennengelernt. Wir pflegen die 'Augenhöhe'. Unsere Kunden empfinden die Ware nicht als 'zweite Wahl', sondern als echte Hilfe. Die von uns angebotene Ware ist keine Resterampe, sondern durchaus qualitätsvoll, aber wegen Überproduktion nicht verkauft. (...) Die Existenz einer Tafel bedeutet für unsere Kommune: Sie ist ein Ort für soziales Engagement und für Hilfe für Menschen, die zurzeit nicht auf der Sonnenseite stehen; in der 'Innensicht' des Betriebs ist sie für viele Ehrenamtliche auch so etwas wie eine Familie. Sie ist natürlich auch eine Herausforderung an die Politik, Tafeln einmal überflüssig werden zu lassen. Deshalb bleiben wir in Lüdinghausen auch in unserer engen Halle und haben keine 'Expansionsgelüste'.

Versandaktion Bücher. Bild: Stefan Selke

Auch Jutta Holtmann, die Vorsitzende der Langenhagener Tafel e.V. schreibt zurück:

Wir haben uns mit Ihrem Buch und Ihren Fragen auseinandergesetzt und möchten Sie hiermit gerne einladen, uns in unserer Tafel zu besuchen. Es gibt so viele Aspekte, die man eigentlich ausschließlich durch Mitarbeit kennen lernen und beurteilen kann (z. B. auch den Umgang mit extrem unfreundlichen und fordernden Kunden). Wir finden es sehr schade, dass Sie in Ihrem Buch die Tafeln und Ihre Arbeit so negativ beschreiben, denn für das gesellschaftliche Problem bzw. den Umgang mit "Arbeitslosigkeit" und 'Hartz IV' können wir ja gar nichts!!! Wir sind lediglich der Mittler zwischen Lebensmittel-Überfluss und Mangel an Lebensmitteln bei den Menschen, denen es nicht so gut geht.

Mit sehr großem Interesse haben wir gerade Ihr Buch 'Schamland' gelesen. Wir möchten uns bei Ihnen für die klaren Positionen und ausgezeichneten Denkanstöße, auf die wir in dieser Form noch nie gestoßen sind, sie aber ebenfalls seit einigen Jahren - trotz Anfeindungen - vertreten, bedanken. Besonders der 'Chor der Tafelnutzer' ist eine Dokumentation, die Gänsehaut hervorgerufen hat. Wir wünschen Ihrem Engagement weiter wachsende Aufmerksamkeit und vor allem durchschlagende Wirkung, damit die jahrzehntelange Heuchelei demaskiert wird und der 'Chor' endlich seine gestohlene Würde zurück erhält.

Aus einem Brief an den Autor

Seit 20 Jahren bin ich arbeitslos und inzwischen Harz-IV-Empfänger. Meine zahlreichen Aktivitäten, mittlerweile weit über 1.000 schriftliche Bewerbungen, brachten leider nicht den gewünschten Erfolg, so dass ich mich mit meinen 59 Jahren auf ein anderes Leben einzustellen habe. Wie ich über das Internet erfahren habe, sind Sie der Meinung, dass die 'Tafeln' abgeschafft gehören. Das ist auch meine Meinung und eine gewollte Schande für unser Land und unsere Bevölkerung. Die Argumente für eine Abschaffung sind hinreichend bekannt, und wenn man ehrlich ist, substantiell auch nicht zu widerlegen. Es sei denn, dass unsere Politik und die Wirtschaft dieses 'moderne Sklaventum' haben möchten. Würde der zu zahlende Regelsatz, auskömmlich sein, was leider heutzutage bei weitem nicht der Fall ist, könnten sich alle Betroffenen in jedem Supermarkt mit den gewünschten Nahrungsmitteln eindecken. Ich wünsche Ihnen noch die Kraft und viele Mitstreiter, die in Ihrem und im Sinne vieler Anderer die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben!

Aus einem Brief an den Autor

Es ist doch wohl selbstverständlich, dass ich derartige Kritiker bekämpfe, so gut es geht. Da helfen ein paar geschickt im beruflichen Umfeld platzierte Verleumdungen erstaunlich gut. Oder ich lasse gleich mal etwas deftiger drohen. Gut, dass einer meiner Leute gleich eine Morddrohung gegen den Wissenschaftler ausspricht, war so nicht gewollt. Aber vielleicht dann doch am Ende hilfreich.

Noch wirkungsvoller ist es allerdings, einen kleinen Trick anzuwenden. Ich baue die Kritik in einfach in meine eigenen Aussagen ein. Das sieht dann so aus, als ob ich tatsächlich selbstkritisch wäre, gleichzeitig kann ich so weitermachen, wie bisher. Selbstkritik in homöopathischer Dosierung. Toll, diese PR-Leute, auf die kann ich mich wirklich verlassen!

Demnächst Teil 3: "Tafeln und die Kunst"