Die Verkleidung des Geldes

Pruitt-Igoe (St. Louis), als Symbol des Sozialen Wohnungsbaus und der Nachkriegsmoderne gebraucht und missbraucht. Bild: United States Geological Survey. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die Wohnungsfrage, Friedrich Engels und das neue Finanzkapital

Das Unwort "Gentrifizierung" kann inzwischen jeder buchstabieren, zumindest, wer umziehen will oder muss. Was aber ist "Rental Gentrification"? Wer das erlernt, stößt auf ein Paradox der Gentrifizierung. Eine Aufwertung durch Investitionen in Modernisierung ist gar nicht mehr nötig. Der Bodenwert steigt so stark, dass Hauseigentümer auch ohne produktiven Aufwand auf künftige Ertragssteigerungen spekulieren. Es reicht, die angestammten Mieter zu verdrängen. In Berlin stiegen 2014 die Mieten für Neu-Einzügler um über 9%.

Nun greift ein neues Paradox: "Große Teile der Berliner Bevölkerung sind zu arm, um verdrängt zu werden", sagt Andrej Holm, der Experte für Gentrifizierungsfolgen an der Humboldt-Universität. Die Situation spitzt sich zu. Die Abwanderung in Randlagen können sich nur noch relativ Kaufkräftige leisten. Für die anderen nimmt die Kaufkraft nach Abzug der Miete ab. Berlin war und ist (noch) eine Mieterstadt. Beim großen Mietstreik von 1932 prangte groß an einer Hauswand: "Erst das Essen, dann die Miete." Kommen die Zeiten eingeschränkten Konsums wieder?

Werden zwischen U-Bahn- und Schloss-Neubau hin- und her geschubst: Karl Marx und Friedrich Engels in Berlin. Bild: Yves Tennevin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die Wohnungsversorgungsraten, das Verhältnis von Privathaushalten zu bestehenden Wohnungen, betrug 2014 in Berlin 92,7%, bei abnehmender Tendenz. Als nach 2.000 die Bevölkerung wieder stieg, ging der Wohnungsbau zurück. Der Soziale Wohnungsbau lief 2003 aus. Der Markt ist nicht in der Lage oder willens, preiswerte Wohnungen zu bauen. Die Marktlogik löst nicht die Wohnungsfrage. Die Kommunen und Ministerien reagieren mit einer Verzögerung, die den jeweiligen Zyklen hinterher hechelt. Verständlich sogar, denn alle Prognosen sind im Augenblick ihrer Veröffentlichung bereits Makulatur. Architekten könnten von den neuen Wohnungsbauprojekten profitieren, aber nun folgt das nächste Paradox: Die Baustandards müssen abgesenkt werden. Der zuständige Senator gibt die Parole aus: Tempo und Menge. Renaissance der Platte. Es geht auch ohne Architekten.

Die Wahrheit der Architektur als Ware

Auf einer Veranstaltung und Ausstellung im "Haus der Kulturen der Welt", über die Telepolis berichtete (Mieter und Künstler stellen die Wohnungsfrage), wurde "Zur Wohnungsfrage" (1872/73) von Friedrich Engels wieder ausgegraben, um Erklärungen für die international zunehmende Wohnungsspekulation, sei es in Brasilien, New York oder China, zu finden. Ansätze, wie sich das Finanzkapital mit dem Immobilienkapital verbindet, hatte schon Engels registriert. Architekten könnten sich darin bestätigt sehen, dass sie mehr und mehr einem System ausgeliefert sind, statt mit einzelnen Personen als Auftraggeber umzugehen.

Wie Engels die Vertreibung der Arbeiter aus den Kernstädten beschreibt, das liest sich wie ein Szenario der aktuellen Gentrifizierung. Und die Breschen, die Baron Haussmann durch Pariser Arbeiterviertel schlagen ließ, wirken wie ein Vorgriff auf die autogerechte Stadt. Das Wohnungselend entstand an anderer Stelle aufs Neue.

Aber entlastet die Engelssche Analyse die heutigen Architekten und Stadtplaner von ihren Zwängen? Engels kritisiert scharf den kleinbürgerlichen Sozialismus P.-J. Proudhons und seiner Adepten. Diese behaupten: "Was der Lohnarbeiter gegenüber dem Kapitalisten, das ist der Mieter gegenüber dem Hausbesitzer." Die Rechnung ist einfach: Wenn der Mieter selbst Eigentümer wird, ist auch das Ausbeutungsverhältnis der Lohnarbeit beseitigt, und der Arbeiter erhält endlich den gerechten Lohn. Die Eigentumsbildung kann durch Mietkauf, durch genossenschaftliche Wohnformen und durch gesetzliche Eingriffe in per se spekulative und willkürliche Profite erzielt werden, woraus den Proudhonisten zufolge die Grundrente besteht.

Gropiusstadt, 1962ff. in Westberlin im Sozialen Wohnungsbau errichtet. Bild: Clemensfranz. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Engels brandmarkt Mieten- und Bodenreformen als utopisch. Auch Genossenschaften müssen mit der Grundrente kalkulieren. Diese ist kein fiktiver Wert. Sie bildet sich in Ableitung vom Mehrwert, den allein die Arbeitskraft hervorbringe.

Und solange die kapitalistische Produktionsweise besteht, solange ist es Torheit, die Wohnungsfrage oder irgendeine andere das Geschick der Arbeiter betreffende gesellschaftliche Frage einzeln lösen zu wollen. Die Lösung liegt aber in der Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, in der Aneignung aller Lebens- und Arbeitsmittel durch die Arbeiterklasse selbst.

Nach Marx und Engels kann es im falschen System keine richtige Lösung der Wohnungsfrage geben. Damit ist die Diskussion, wie sie auf der Veranstaltung angestoßen wurde, in eine Sackgasse geraten. Aus der Wohnungsfrage ist die soziale Frage geworden, aber in einer verabsolutierten Fassung. Die Architekten sind moralisch heraus aus dem Monopoly-Spiel.

Das Bemühen der von allen Seiten Gescholtenen, endlich mit kritischem Bewusstsein an die Gesellschaft heranzutreten, endet mit einer Pauschalzuweisung: Der Kapitalismus ist an allem Schuld. Es hört sich an wie die Absolution für einen Berufsstand, der an dem Trauma leidet, sich für die Bausünden der Nachkriegsmoderne verantwortlich zu fühlen. Der Soziale Wohnungsbau ließ ästhetische Gesichtspunkte hinter der Funktion zurückfallen.

Marzahn, Berlin/Ost, bezugsfertig ab 1977. Aufnahme von 1987. Bild: Karl-Heinz Schindler, Deutsches Bundesarchiv (Bild 183-1987-0625-018). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die Architekten waren jedoch damals schon Opfer, weniger Täter, indem sie von der Bauwirtschaft entmachtet wurden. Diese scherte sich nicht um den sozialen Kontext des Bauens, der im "Bauhaus" in der Einheit von Form und Funktion seinen Ausdruck gefunden hatte. Deswegen war die Nachkriegsmoderne weniger nachhaltig. Das Stichdatum ist 1972, als erste Sprengungen den Abriss der Großwohnsiedlung Pruitt-Igoe (St. Louis/USA) einleiteten.

Wer jedoch das Scheitern solcher Satelliten-Projekte benutzt, um die Moderne insgesamt zu verteufeln, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Die Zerstörung Pruitt-Igoes war zugleich das Startsignal für den Neoliberalismus in der Wohnungspolitik. Der Einfamilienhausbau boomte, bis die nächste Krise kam.

Die Wahrheit kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse auszusprechen, hilft nicht weiter, wie schon Karl Marx wusste. Für die linken Soziologen, die nach dem Ersten Weltkrieg die (später so genannte) Frankfurter Schule gründeten, wurde die Frage noch drängender: Wenn auf der einen Seite die Entwicklung der Produktivkräfte, das heißt der gesellschaftliche Reichtum, und auf der anderen Seite die Verelendung des Proletariats so weit fortgeschritten sind, wieso kommt es dann zu keiner Revolution?

Marx selbst gibt Aufschluss zu diesem Paradox. Entscheidend ist, welche Erscheinungsformen das kapitalistische Ausbeutungsverhältnis annimmt. Jene Erscheinungen sind die schönen bunten Waren. Marx spricht sogar vom Fetisch, von der Maskierung der Verhältnisse. Die Maskierung behauptet sich gegen die bessere Einsicht.

Marzahn heute. Bild: Bernhard Wiens

An dieser Stelle kommt Architektur wieder ins Spiel. Die Architekturkritik sollte nicht bei irgendwelchen Wahrheiten anfangen, sondern bei den Oberflächenphänomenen, bei der Hülle. Ist den Geschäfts- und Wohnbauten in Gegenden erhitzter Grundstückspekulation anzusehen, dass sie eine Funktion und eine Form des Finanzkapitals darstellen? Die Rasterarchitektur, die sich endlos horizontal und vertikal reproduzieren lässt, die auf Reihung mit dem Zweck eines ständigen Mehr angelegt ist, spricht Bände.

Von der Fassade aus - von der Bekleidung, wie Gottfried Semper sagt - kann nun auf das Innere geschlossen werden. Ergebnis: Eine schlechte Oberfläche geht aus einer schlechten Konstruktion hervor. Das Strukturgerüst solcher Gebäude ist indifferent gegenüber Nutzungen, indem es sie egalisiert. Die Variante, dass dem stets gleichen Strukturgerüst jeweils dem Lokalgeschmack angepasste Fassaden vorgehängt werden, sprengt dann schon den Rahmen der hier beschriebenen phänomenologischen Architekturkritik.

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