"Die Vermutung, der Giftanschlag auf Nawalny sei ohne Wissen Putins erfolgt, ist wenig plausibel"

"Chinas Offensive scheint mir auf mittlere Sicht erfolgversprechender zu sein"

Machen nicht längst China und Russland die Regeln der Neuen Welt?

Erich Schmidt-Eenboom: Jeder macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt, wusste schon Pipi Langstrumpf. Das ist so lange hinnehmbar, wie es um die eigene Welt, d.h. den Boden des Nationalstaats, geht, aber brandgefährlich, wenn damit der Anspruch verbunden wird, die Regeln für die ganze oder wenigstens die halbe Welt zu diktieren. Dies versuchen in neuer Bipolitarität die USA und China. Zu Putins Leidwesen spielt die Russische Föderation dabei nur die zweite Geige, die Europäische Union den Zuschauer.

Im Kalten Krieg gab es neben Ost- und Westblock die Bewegung der Blockfreien. Meine schönste Utopie: Die Kernländer der EU ergreifen die Initiative, um mit Staaten wie Schweden, Kanada, Indien und anderen interessierten eine neue Bewegung der Blockfreien aus der Taufe zu heben, die sich zwischen Washington und Peking behaupten kann.

Metaökonomisch gedacht wollen ja China und Russland nur das Stück vom Kuchen der kapitalistischen Globalisierung, das ihnen zustünde. In diesem Kampf um Rohstoffe, Marktzugänge, Lieferwege, Patente sind auch die Geheimdienste aktiv. "Im Dunken lässt sich gut munkeln. Das gilt ganz sicher für alle Geheimdienste", ist ja auch der Leitsatz Ihres Kuratoriumsmitgliedes Otfried Nassauer …

Erich Schmidt-Eenboom: … Aber bei Lichte betrachtet geht es genau um diese Verteilungskämpfe, die das Regime Donald Trumps mit dem Ausstieg aus internationalen Institutionen und Rechtssystemen zu gewinnen glaubt. Chinas Offensive der Neuen Seidenstraße oder der sanfte Kolonialismus Pekings in Afrika scheint mir auf mittlere Sicht erfolgversprechender zu sein, weil eine Diktatur von Technokraten handlungsfähiger ist, als die gelähmte und gespaltene Demokratie der Vereinigten Staaten. Wie sich die Entwicklung einer breiten Mittelschicht im Reich der Mitte politisch auswirken wird, ob Besitzbürgertum ein chinesisches 1848 zeitigen wird, steht noch in den Sternen.

"Die Organisation von Zufällen gehört zu den Meisterleistungen geheimdienstlicher Methodik"

Zumindest in der Nach-Stalin-Ära galt die Sowjetunion und galt Russland vielen im Westen, nicht nur der dogmatischen Linken, als nicht mehr nur böse. In der Popkultur schlug sich der widerspenstige Charme eines vermeintlich lebenslustigeren Russlands nieder - in sehr vielen Filmen, in der Literatur, in Pop-Songs wie "Moskau" und "Nikita". Was ist davon übriggeblieben? Ist Russland das neue Böse? Wenn man sich mit Russland und Russen auskennt, sind sie doch eigentlich dem Leben und der Welt sehr zugewandt ...

Erich Schmidt-Eenboom: So wenig, wie die Glanzleistungen deutscher Dichter und Denken einen Adolf Hitler und die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts verhindert haben - die deutsche Gemütlichkeit übrigens auch nicht -, so wenig haben die herausragenden Leistungen russischer Intellektueller einen Josef Stalin oder Wladimir Putin verhindert, die unbestreitbare Lebenslust der Russinnen und Russen ebenfalls nicht. Dogmatische und halbdogmatische Linke waren und sind so blauäugig anzunehmen, dass die Nischenkultur irgendeinen Einfluss auf die Machtprojektion hatte und hat, obwohl die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn, das Ersticken des Prager Frühlings oder die Annexion der Krim sie eines besseren hätte belehren müssen.

"Zufälle lassen sich organisieren", sagte Markus Wolf gerne. Er war der vorletzte Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes "Hauptverwaltung Aufklärung" (HV A) und genoss auch beim Mossad größte Anerkennung für seine vielfältigen Talente, nicht nur aufgrund seiner jüdischen Herkunft. Wie viele Zufälle gibt es denn nach Ihrer wissenden Einschätzung heute bei solchen politischen Manövern? Wieviel erfährt die Öffentlichkeit wirklich?

Erich Schmidt-Eenboom: Meines Wissens war die freundliche Aufnahme von Markus Wolf und seiner Frau in Israel nicht nur seiner jüdischen Herkunft geschuldet, sondern gemeinsamen Aktivitäten von HV A und Mossad in den 1980er Jahren. Die Organisation von Zufällen gehört zu den Meisterleistungen geheimdienstlicher Methodik, beispielsweise dort, wo es sich bei einer "Zufallsbekanntschaft" in Wahrheit um das gezielte Heranspielen eines Quellenwerbers handelt. Beim Ansatz von Romeo-Agenten der HV A auf die Sekretärinnen im Bonner Regierungsapparat erfuhr diese Methode ihre höchste Blüte.

… die Geheimdienste Italiens, Südamerikas und Israels haben heute noch Agentinnen als Venusfallen im Einsatz. Die gezielte Tötung eines Georgiers im Berliner Tiergarten an einem sehr heißen und schönen Sommertag im letzten Jahr durch einen vermeintlichen "Auftragskiller" aus dem russischen Milieu in Berlin wurde offiziell vom Westen verurteilt. Waren viele nicht inoffiziell froh darüber, dass eine terroristische Gefahr beseitigt wurde?

Erich Schmidt-Eenboom: Ich kann nicht erkennen, dass von dem Opfer Selimchan Changoschwili eine terroristische Gefahr ausging. Vielmehr ging es um bloße Rache Putins und auch inoffiziell war wohl kein deutscher Verantwortungsträger bereit, einen Freibrief für solche Aktionen auszustellen.

"Die Rache für München 1972 hat Israel außenpolitisch einen gewissen Abschreckungseffekt gezeitigt"

Ist nicht auch unabhängig von Russland, dem FSB und dem SWR immer viel Doppelmoral im Spiel. Als ein über zwanzigköpfiges Hit Team des Mossad, ausgestattet auch mit nicht(!) gefälschten deutschen Personalausweisen, doch leicht veränderten Identitäten, vor einigen Jahren im Dubaier Luxushotel den aktivsten Waffenhändler der Hamas, Mahmoud Al Mabhouh, durch eine "gezielte Tötung" aus dem Spiel nahm, war die mediale und politische Aufregung global groß. Organisiert wurde die Kommando-Operation in Deutschland, die beteiligten Agent/innen des Teams leben heute unentdeckt irgendwo auf der Welt. Insgeheim erfuhr man, man sei froh, dass die Israelis die Drecksarbeit übernehmen und ein Waffenlieferant für islamistischen Terror neutralisiert wurde. Profitieren nicht alle Geheimdienste wechselseitig voneinander … auch die, die angeblich miteinander verfeindet sind?

Erich Schmidt-Eenboom: Nachrichtendienste kennen weder Freund noch Feind, sondern nur Zweckbündnisse auf Zeit. Eine Reihe von Geheimdiensten wird von der Regierung mit der Lizenz zum Töten ausgestattet, unabhängig davon, ob es sich um Demokratien oder Diktaturen handelt. Allein Barack Obama hat der CIA mehr als 500 bewaffnete Drohneneinsätze zur Ausschaltung von Talibankämpfern in Afghanistan genehmigt. Der Mossad blickt auf eine lange Tradition politischer Morde zurück. Er hat seit den 1950er Jahren regelmäßig Waffenhändler ausgeschaltet, die feindliche Regierungen belieferten und selbst wissenschaftliches Forschungspersonal, das an der Entwicklung islamischer Nuklearwaffen arbeitete, ermorden lassen.

Die gelegentlich gestreute Vermutung, der Giftanschlag auf Nawalny sei ohne Wissen Putins erfolgt, ist wenig plausibel. Einen solchen Kontrollverlust des Kremlchefs über seine Nachrichtendienste in einer Angelegenheit von weltpolitischer Tragweite gibt es schlicht nicht.

Die Olympia-Anschläge von München 1972 jähren sich in diesen Wochen wieder ... Wie bewerten Sie aus historischer Distanz die danach ausgeführten Operationen des Staates Israel? Hat es Israel genützt? Oder der Gegenseite?

Trotz der Ermordung eines unschuldigen Kellners in Norwegen hat die Rache für München Israel innenpolitisch gestärkt und außenpolitisch einen gewissen Abschreckungseffekt gezeitigt. Natürlich war die Ermordung palästinensischer Nachrichtendienstler auch Wasser auf die Mühlen für Gruppierungen wie der Hamas, aber deren Hass konnte ohnehin nicht mehr gesteigert werden.