"Die Vermutung, der Giftanschlag auf Nawalny sei ohne Wissen Putins erfolgt, ist wenig plausibel"

Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom im ausführlichen Interview über seine Sicht des Falls Nawalny - und die Niederlagen und Erfolge der CIA, des FSB, des BND und des Mossad

Er kennt viele Seiten des Lebens, der Fronten und der militärischen, politischen und geheimdienstlichen Manöver: Der langjährige Bundeswehr-Offizier Erich Schmidt-Eenboom ist diplomierter Sozialpädagoge der Bundeswehr-Universität Hamburg und war in den 1980ern in der Friedensbewegung aktiv. 1985 wurde er Geschäftsführer des renommierten Starnberger Forschungsinstituts für Friedenspolitik von Alfred Mechtersheimer, fünf Jahre später folgte er ihm als Vorsitzender. Zum Kuratorium gehören heute auch Politiker von SPD und den Grünen sowie Otfried Nassauer, Direktor des Berliner Informationszentrums Transatlantische Sicherheitspolitik (BITS). Durch publizistische Aktivitäten und aufwändige Recherchen galt er seit den 1990ern als der Geheimdienst-Experte in Mitteleuropa und gilt bis heute als "Der Überwacher der Überwacher" (Die Zeit).

Einige seiner vielen Schwerpunkte waren immer die Aufdeckung der Kontinuitäten seit Nazi-Deutschland, der geheimdienstlichen Kollaboration mit faschistischen Gruppen (Operation Gladio/stay behind), der Wirtschafts-Spionage (Buchveröffentlichung mit investigativem Monitor-Redakteur und heutigem ARD-Korrespondenten in Moskau Jo Angerer sowie immer auch die Enttarnung der Beeinflussung von Journalisten (und auch die Bezahlung von linken Gruppen in der Bundesrepublik durch die CIA) mittels "Zufallskontakten" durch Geheim- und Nachrichtendienste, etwa in den vielbeachteten Büchern "Undercover. Wie der BND die deutschen Medien steuert" (1998), beruhend auf dem geheimen BND-Dokument "BND-Presse-Sonderverbindungen" über 230 Journalisten, und "Geheimdienst, Politik und Medien. Meinungsmache Undercover" (2004), auch basierend auf der Auswertung des Privatarchivs von BND-Vize Blötz.

Nach seinem Buch-Erfolg "Der BND" von 1993 wurde er fünf Jahre intensiv vom BND überwacht, Undercover-Agenten folgten ihm bis in die Sauna, wie der "Spiegel" berichtete. Medienberichte über "Meinungsmacher mit Schlapphut" führten 2005 zum so benannten "Journalisten-Skandal" des BND mit weitreichenden internen und externen Auswirkungen und Debatten. Daraufhin wurden Dokumente lanciert, Schmidt-Eenboom habe selber unter dem Decknamen "Gladiator" für den BND gearbeitet. Es stellte sich aber heraus, dass er nur historische Stasi-Akten zur Auswertung übergab. FAZ-Redakteur Michael Hanfeld konstatierte nach diesen öffentlichen Debatten über die Freiheit der Presse 2006 ernüchtert und desillusionierend, man könne wohl nie klären, "was einen richtigen Journalisten von Geheimdienstler unterscheidet".

Was Russland und Putin betrifft, scheint es für Schmidt-Eenboom erwiesen zu sein, dass der Anschlag auf Nawalny vom Kreml bzw. von Putin beauftragt wurde. Bislang gibt es dazu allerdings keine Fakten, sondern nur Vermutungen.

"Gezielte Tötungen auf Geheiß des Kreml haben eine lange Tradition"

Herr Schmidt-Eenboom, Sie sind der Spezialist für die Geschichte und Gegenwart der Geheimdienste. Der Kalte Krieg damals war ja nicht besonders aufregend, abgesehen von ein paar Drohszenarien mit Atomraketen. Nicht erst seit dem Fall Nawalny könnte man nun glauben, wir seien nun aber in einer Art heißem Kalten Krieg: Verdeckte Operationen, gezielte Tötungen, die nicht mal mehr wirklich verschleiert werden. Wie bewerten Sie das und die Unterschiede zu damals?
Erich Schmidt-Eenboom: Das Gleichgewicht des Schreckens war im Kalten Krieg bei weitem nicht stabil und hätte mehr als nur einmal fast zur atomaren Katastrophe führen können. An der europäischen Front war der Schattenkrieg der Geheimdienste wahrlich nicht besonders aufregend, nachrichtendienstliche Geplänkel eben mit deutlichem Vorteil Ost. Aber es sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass es vornehmlich im südlichen Afrika blutige Stellvertreterkriege gab. Insofern ist von einer Glorifizierung des unfriedlichen Miteinanders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu warnen.
Gezielte Tötungen auf Geheiß des Kreml haben eine lange Tradition: Leo Trotzki wurde im August 1940 in Mexiko mit einem Eispickel erschlagen, der ukrainische Nationalist Stepan Bandera im Oktober 1959 in München ermordet und der bulgarische Dissident Georgi Markow im September 1978 in London mit einem vom KGB präparierten Regenschirm vergiftet. Insofern sind die Mordanschläge auf Alexander Litwinenko 2006, auf Sergej Skripal und seine Tochter 2018 und der jüngste Mordversuch an Nawalny kein neues Phänomen, allerdings immer Indikatoren für eine Zuspitzung der Konfrontation.
Das Attribut "heißer" Kalter Krieg ist jedoch da berechtigt, wo es um die Renaissance militärischer Gewaltanwendung im westlichen Vorfeld der Russischen Föderation geht, namentlich mit der Annexion der Krim, der Unterstützung der Separatisten in der Ost-Ukraine oder soeben um die Bereitstellung von "Sicherheitskräften" zur Stabilisierung der weißrussischen Diktatur. Maßgeblich für diese Entwicklungen ist die Tatsache, dass 50 Prozent der Nomenklatura des Kreml aus dem Bereich des Nationalen Sicherheitsrats stammen. Selbst in den Ministerien sind etwa ein Drittel der Führungskräfte ehemalige Nachrichtendienstler. Putins Machtapparat ist geheimdienstdominiert und von den düsteren Bedrohungsvorstellungen geprägt, die diesem Berufsstand weltweit zu eigen sind.
Aber nimmt denn Russland den Westen überhaupt noch ernst? In den Medien in Russland macht man sich über Sanktionen nur lustig.
Erich Schmidt-Eenboom: In der Fragestellung schwingt eine interessante Implikation mit, die Implikation nämlich, dass Russland nicht zum "Westen" gehört. Anstelle der Rituale des Kalten Krieges - wechselseitige Ausweisung von Diplomaten und Nachrichtendienstlern, Einreiseverbote für Kremlpotentaten, die ohnehin keinen Urlaub im Schwarzwald im Sinn haben - läge hier eine Klaviatur von Sanktionsmöglichkeiten: Verbannung der Russischen Föderation aus allen europäischen Sportwettbewerben, kein European Song Contest, nicht der geringste Kulturaustausch. Damit könnten die europäischen Kulturnationen ohne schmerzlichen Eigenschaden zeigen, dass Staatsterrorismus nicht folgenlos bleibt.
Die gravierendste Sanktion wäre ein Einfrieren oder die Aufgabe des Pipeline-Projekts Nord Stream 2. Die deutschfeindlichen Regierungsspitzen in Warschau reiben sich wohl schon die Hände, weil auch starke Stimmen in der Union diese Forderung erheben. Angela Merkel wird jedoch kaum zu diesem Instrument greifen, weil sie neben wirtschaftspolitischen Erwägungen den Eindruck vermeiden will, von Donald Trump erpressbar zu sein.

"Chinas Offensive scheint mir auf mittlere Sicht erfolgversprechender zu sein"

Machen nicht längst China und Russland die Regeln der Neuen Welt?
Erich Schmidt-Eenboom: Jeder macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt, wusste schon Pipi Langstrumpf. Das ist so lange hinnehmbar, wie es um die eigene Welt, d.h. den Boden des Nationalstaats, geht, aber brandgefährlich, wenn damit der Anspruch verbunden wird, die Regeln für die ganze oder wenigstens die halbe Welt zu diktieren. Dies versuchen in neuer Bipolitarität die USA und China. Zu Putins Leidwesen spielt die Russische Föderation dabei nur die zweite Geige, die Europäische Union den Zuschauer.
Im Kalten Krieg gab es neben Ost- und Westblock die Bewegung der Blockfreien. Meine schönste Utopie: Die Kernländer der EU ergreifen die Initiative, um mit Staaten wie Schweden, Kanada, Indien und anderen interessierten eine neue Bewegung der Blockfreien aus der Taufe zu heben, die sich zwischen Washington und Peking behaupten kann.
Metaökonomisch gedacht wollen ja China und Russland nur das Stück vom Kuchen der kapitalistischen Globalisierung, das ihnen zustünde. In diesem Kampf um Rohstoffe, Marktzugänge, Lieferwege, Patente sind auch die Geheimdienste aktiv. "Im Dunken lässt sich gut munkeln. Das gilt ganz sicher für alle Geheimdienste", ist ja auch der Leitsatz Ihres Kuratoriumsmitgliedes Otfried Nassauer …
Erich Schmidt-Eenboom: … Aber bei Lichte betrachtet geht es genau um diese Verteilungskämpfe, die das Regime Donald Trumps mit dem Ausstieg aus internationalen Institutionen und Rechtssystemen zu gewinnen glaubt. Chinas Offensive der Neuen Seidenstraße oder der sanfte Kolonialismus Pekings in Afrika scheint mir auf mittlere Sicht erfolgversprechender zu sein, weil eine Diktatur von Technokraten handlungsfähiger ist, als die gelähmte und gespaltene Demokratie der Vereinigten Staaten. Wie sich die Entwicklung einer breiten Mittelschicht im Reich der Mitte politisch auswirken wird, ob Besitzbürgertum ein chinesisches 1848 zeitigen wird, steht noch in den Sternen.

"Die Organisation von Zufällen gehört zu den Meisterleistungen geheimdienstlicher Methodik"

Zumindest in der Nach-Stalin-Ära galt die Sowjetunion und galt Russland vielen im Westen, nicht nur der dogmatischen Linken, als nicht mehr nur böse. In der Popkultur schlug sich der widerspenstige Charme eines vermeintlich lebenslustigeren Russlands nieder - in sehr vielen Filmen, in der Literatur, in Pop-Songs wie "Moskau" und "Nikita". Was ist davon übriggeblieben? Ist Russland das neue Böse? Wenn man sich mit Russland und Russen auskennt, sind sie doch eigentlich dem Leben und der Welt sehr zugewandt ...
Erich Schmidt-Eenboom: So wenig, wie die Glanzleistungen deutscher Dichter und Denken einen Adolf Hitler und die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts verhindert haben - die deutsche Gemütlichkeit übrigens auch nicht -, so wenig haben die herausragenden Leistungen russischer Intellektueller einen Josef Stalin oder Wladimir Putin verhindert, die unbestreitbare Lebenslust der Russinnen und Russen ebenfalls nicht. Dogmatische und halbdogmatische Linke waren und sind so blauäugig anzunehmen, dass die Nischenkultur irgendeinen Einfluss auf die Machtprojektion hatte und hat, obwohl die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn, das Ersticken des Prager Frühlings oder die Annexion der Krim sie eines besseren hätte belehren müssen.
"Zufälle lassen sich organisieren", sagte Markus Wolf gerne. Er war der vorletzte Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes "Hauptverwaltung Aufklärung" (HV A) und genoss auch beim Mossad größte Anerkennung für seine vielfältigen Talente, nicht nur aufgrund seiner jüdischen Herkunft. Wie viele Zufälle gibt es denn nach Ihrer wissenden Einschätzung heute bei solchen politischen Manövern? Wieviel erfährt die Öffentlichkeit wirklich?
Erich Schmidt-Eenboom: Meines Wissens war die freundliche Aufnahme von Markus Wolf und seiner Frau in Israel nicht nur seiner jüdischen Herkunft geschuldet, sondern gemeinsamen Aktivitäten von HV A und Mossad in den 1980er Jahren. Die Organisation von Zufällen gehört zu den Meisterleistungen geheimdienstlicher Methodik, beispielsweise dort, wo es sich bei einer "Zufallsbekanntschaft" in Wahrheit um das gezielte Heranspielen eines Quellenwerbers handelt. Beim Ansatz von Romeo-Agenten der HV A auf die Sekretärinnen im Bonner Regierungsapparat erfuhr diese Methode ihre höchste Blüte.
… die Geheimdienste Italiens, Südamerikas und Israels haben heute noch Agentinnen als Venusfallen im Einsatz. Die gezielte Tötung eines Georgiers im Berliner Tiergarten an einem sehr heißen und schönen Sommertag im letzten Jahr durch einen vermeintlichen "Auftragskiller" aus dem russischen Milieu in Berlin wurde offiziell vom Westen verurteilt. Waren viele nicht inoffiziell froh darüber, dass eine terroristische Gefahr beseitigt wurde?
Erich Schmidt-Eenboom: Ich kann nicht erkennen, dass von dem Opfer Selimchan Changoschwili eine terroristische Gefahr ausging. Vielmehr ging es um bloße Rache Putins und auch inoffiziell war wohl kein deutscher Verantwortungsträger bereit, einen Freibrief für solche Aktionen auszustellen.

"Die Rache für München 1972 hat Israel außenpolitisch einen gewissen Abschreckungseffekt gezeitigt"

Ist nicht auch unabhängig von Russland, dem FSB und dem SWR immer viel Doppelmoral im Spiel. Als ein über zwanzigköpfiges Hit Team des Mossad, ausgestattet auch mit nicht(!) gefälschten deutschen Personalausweisen, doch leicht veränderten Identitäten, vor einigen Jahren im Dubaier Luxushotel den aktivsten Waffenhändler der Hamas, Mahmoud Al Mabhouh, durch eine "gezielte Tötung" aus dem Spiel nahm, war die mediale und politische Aufregung global groß. Organisiert wurde die Kommando-Operation in Deutschland, die beteiligten Agent/innen des Teams leben heute unentdeckt irgendwo auf der Welt. Insgeheim erfuhr man, man sei froh, dass die Israelis die Drecksarbeit übernehmen und ein Waffenlieferant für islamistischen Terror neutralisiert wurde. Profitieren nicht alle Geheimdienste wechselseitig voneinander … auch die, die angeblich miteinander verfeindet sind?
Erich Schmidt-Eenboom: Nachrichtendienste kennen weder Freund noch Feind, sondern nur Zweckbündnisse auf Zeit. Eine Reihe von Geheimdiensten wird von der Regierung mit der Lizenz zum Töten ausgestattet, unabhängig davon, ob es sich um Demokratien oder Diktaturen handelt. Allein Barack Obama hat der CIA mehr als 500 bewaffnete Drohneneinsätze zur Ausschaltung von Talibankämpfern in Afghanistan genehmigt. Der Mossad blickt auf eine lange Tradition politischer Morde zurück. Er hat seit den 1950er Jahren regelmäßig Waffenhändler ausgeschaltet, die feindliche Regierungen belieferten und selbst wissenschaftliches Forschungspersonal, das an der Entwicklung islamischer Nuklearwaffen arbeitete, ermorden lassen.
Die gelegentlich gestreute Vermutung, der Giftanschlag auf Nawalny sei ohne Wissen Putins erfolgt, ist wenig plausibel. Einen solchen Kontrollverlust des Kremlchefs über seine Nachrichtendienste in einer Angelegenheit von weltpolitischer Tragweite gibt es schlicht nicht.
Die Olympia-Anschläge von München 1972 jähren sich in diesen Wochen wieder ... Wie bewerten Sie aus historischer Distanz die danach ausgeführten Operationen des Staates Israel? Hat es Israel genützt? Oder der Gegenseite?
Trotz der Ermordung eines unschuldigen Kellners in Norwegen hat die Rache für München Israel innenpolitisch gestärkt und außenpolitisch einen gewissen Abschreckungseffekt gezeitigt. Natürlich war die Ermordung palästinensischer Nachrichtendienstler auch Wasser auf die Mühlen für Gruppierungen wie der Hamas, aber deren Hass konnte ohnehin nicht mehr gesteigert werden.

"Der Mossad ist eine stille Hausmacht in Europa"

In Israel kursiert der Witz, dass es ein Vorurteil ist, dass in Europa jede Jüdin und jeder Jude oder jede/r mit historisch jüdischem Namen für das "Institut", das Mossad, arbeitet … in Wirklichkeit sei es nur jede/r Zweite/r. Was macht das Mossad in Ihren Augen so effektiv und gefürchtet? Vielleicht auch die eher intellektuelle Tradition, aus dem es entstand - gegründet von vielen Akademikern aus dem jüdischem Untergrund in Europa, die etwa in den Nakam-Einheiten dienten, in Israel auch bekannt als "lange Kerls"?
: Der Nimbus des Mossad resultiert aus der verschworenen Gemeinschaft der Männer und Frauen, die seit der Unabhängigkeit Israels im verdeckten oder offenen Kampf gegen feindselige arabische Nachbarn standen. Ob es nun in Europa jeder zweite oder gar nur jeder zweihundertste Mensch jüdischen Glaubens ist, der zu den unbezahlten Unterstützern des "Instituts" zählt, ist eine müßige Zahlenspielerei. Fakt ist, dass es diese stille Hausmacht gibt und zwar schon vor dem Fall der Mauer auch in Osteuropa, namentlich in Polen, wo sich Geheimdienstler jüdischen Glaubens angesichts des grassierenden Antisemitismus zum Überlaufen bewegen ließen. In den letzten Jahren hat der Mossad allerdings an Qualität verloren, wie sich an einer Reihe gescheiteter Operationen ablesen lässt. Ursächlich dafür ist vor allem die Politisierung des Dienstes durch Benjamin Netanjahu.
Was zeichnet in Ihren Augen die Effektivqualität der russischen Geheimdienste aus? Kann die CIA da nicht mehr mithalten? In den Fällen Assange und Snowden sieht die CIA ja bis heute alt aus …
Erich Schmidt-Eenboom: Auch der russische Inlandsnachrichtendienst FSB und der Auslandsnachrichtendienst SWR kochen nur mit Wasser, allerdings nach einem ausgesprochen viel längeren Kochkurs als die westlichen Kollegen, mehr im Kollektiv und mit deutlich längerem Atem bei nachrichtendienstlichen Operationen. Ihr gegenwärtiger Hauptvorteil liegt jedoch darin, dass sie im geheimdienstorientierten Kreml auf eine ähnliche Denkungsart und offene Ohren stoßen.
Und die US-Dienste?
Nach dem nachrichtendienstlichen Versagen von CIA und NSA bei der Vorwarnung der Terroranschläge von 9/11 sind die US-Dienste massiv gestärkt worden. Sie verfügen über die größten Finanzmittel weltweit, den mit Abstand größten Personalbestand und die allermodernste Technik. Das Problem, das dadurch verschärft wurde, war das Informationsmanagement für das gigantische geheimdienstliche Informationsaufkommen. Die Bedarfsträger im Weißen Haus und den Ministerien rechtzeitig und zielgenau zu unterrichten, überstieg häufig die Kompetenz der Dienste.
Mit Donald Trump als Präsidenten trat eine Lähmung der Apparate ein. Er wollte die CIA wieder auf die Schulbank verweisen, weil ihre Analysen allzu oft im Widerspruch zu seinem Tunnelblick stehen.
Die Leaks durch Assange und Snowden hat die CIA nicht zu verantworten, vielmehr gehen die Whistleblower zu Lasten des Militärs und der NSA. In Mitleidenschaft gezogen wurde die Agency dennoch.
Glauben Sie, Snowden war schon auf Hawaii ein russischer Agent … wie etwa Ex-BfV-Chef Maaßen annimmt?
Erich Schmidt-Eenboom: Glaubensfragen sind mir fremd und ich fremdele auch mit Geheimdienstchefs, die ohne jeden Beweis "Annahmen" in die Welt setzen.
Klare Fronten gibt es nicht in der Welt der Geheimdienste und der Nachrichtendienste … zusammengearbeitet wird mit jeder und jedem, der Informationen hat. Gelten in dieser Parallelwelt noch zivilisatorische Mindeststandards?
Erich Schmidt-Eenboom: Diese These ist mir zu pauschal. Die Intensität der Zusammenarbeit mit fragwürdigen Partnerdiensten variiert stark. Sie wird allerdings kaum von moralischen Standards bestimmt, sondern von den nationalen Interessen und von der Nützlichkeit für die eigene geheime Beschaffung. Darüber hinaus gehört zum Selbstverständnis von Nachrichtendiensten die Aufgabe, selbst dort Gesprächskanäle und Kontaktmöglichkeiten offen zu halten, wo für eine Regierung offizielle Beziehungen wegen der Verwerflichkeit des Gegenübers nicht in Betracht kommen.

"Es herrscht eine Kultur des absoluten Misstrauens"

In der Welt der Spionage und der dazugehörigen Operationen ist man kurioserweise vor allem von Vertrauen abhängig - in einer Welt, in der es kein Vertrauen gibt. Ist das nicht ein absurdes Paradoxon?
Erich Schmidt-Eenboom: Falsch! Es gibt kein Vertrauen, nicht einmal unter politisch befreundeten Staaten, vielmehr eine Kultur des absoluten Misstrauens.
Der NSU-Skandal, 9/11, IS - all das waren mörderische Blamagen für In- und Auslandsgeheimdienste. Sind Geheimdienste lernfähig oder einfach zu behördlich. Letztlich muss ja dort auch alles genauso beantragt, geprüft, beschieden werden wie bei einem Hartz-IV-Antrag?
Erich Schmidt-Eenboom: Jeder Geheimdienst hat seine spezifischen Stärken und Schwächen. Für den Bundesnachrichtendienst gilt trotz der höheren Risikobereitschaft unter dem geschassten Präsidenten Gerhard Schindler immer noch, dass die bürokratische Übernormierung durch die Verwaltung und das übersteigerte Sicherheitsdenken einer von Ostagenten so häufig unterwanderten Behörde riskante Aktivitäten zugunsten von offener Aufklärung und technischer Spionage in den Hintergrund treten lassen. Die Verantwortung für das Anwerben und Führen menschlicher Quellen wird systematisch nach unten durchgeschoben, so dass karrieregefährdende Operationen beim Nachwuchs auf wenig Begeisterung stoßen.
Sehen Sie Geheimdienste gut gerüstet für die Bedrohungen der Zukunft? Welche werden diese sein? Nur noch im digitalen Raum?
Erich Schmidt-Eenboom: Die Bedrohungen im digitalen Raum - z.B. Cyberattacken, die überlebenswichtige Infrastrukturen außer Kraft setzen - nehmen zu. So lange in der Bundesrepublik das Tabu besteht, nicht mit Gegenangriffen darauf zu antworten, fällt die Abschreckung möglicher Angreifer allzu gering aus.
Der Terrorismus im Inland, von rechten, linken und islamistisch motivierten Tätern wird zunehmen. Dass die föderale Sicherheitsarchitektur mit einem Bundes- und 16 Landesämtern für Verfassungsschutz dessen Herr wird, möchte ich bezweifeln.
Der Bundesnachrichtendienst muss durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Rechtswidrigkeit seiner bisherigen Praxis der fernmeldeelektronischen Aufklärung eine herbe Beschränkung seines geheimen Beschaffungsaufkommens hinnehmen. Das schwächt nicht nur das Eigenaufkommen, sondern auch das Tauschmaterial in einem auf Do-ut-des ausgerichteten System von Partnerdienstbeziehungen. Selbst die Force Protection, die Unterstützung der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen, dürfte darunter leiden. Diesen Rückschlag hat sich der Dienst durch die ausgeuferte Überwachung befreundeter Staaten, internationaler Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO und von Journalisten sowie durch allzu große Willfährigkeit gegenüber der NSA allerdings selbst eingebrockt.

"Die Dienste der USA nehmen ungebrochen massiven Einfluss auf Südamerika"

Und wie bewerten Sie die Vorkommnisse in Süd- und Mittelamerika in den letzten Jahren - in Bolivien, auf Cuba, in Venezuela? Wer hat noch wirklich das Sagen?
Erich Schmidt-Eenboom: Sorry, aber was die jüngsten Entwicklungen in Lateinamerika betrifft, bin ich mit meinem Latein schnell am Ende. Im Rechercheteam #cryptoleaks, das im Auftrag des ZDF die gemeinsamen Abhöroperationen von BND und CIA von 1970 bis 1993 durch die Manipulation der Chiffriertechnik des Schweizer Herstellers CRYPTO AG untersuchte, habe ich für den gesamten lateinamerikanischen Hinterhof der USA zur Aufklärung der Frage beitragen können, wie BND und CIA die Militärdiktaturen durch die Lieferung betrügerischer Hard- und Software ausspionierten, um sie zugleich bei der mörderischen Unterdrückung der Opposition zu unterstützen.
Dass die Nachrichtendienste der USA ungebrochen massiven Einfluss auf die südamerikanischen Staaten nehmen, ist evident, aber das liegt aus Gründen der Beschränkung auf andere Kontinente außerhalb meines Radars.
Welche Bedeutung nimmt denn jetzt die arabische Welt und die islamische, persische heute im großen Konflikt USA/Russland/China ein?
Erich Schmidt-Eenboom: Wir haben es mit einer massiven Verschiebung des politischen Koordinatensystems zu tun. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrein vollziehen mit einer gegen das schiitische Netz gerichteten Allianz mit Israel einen historischen Kurswechsel, der sogar die Zusammenarbeit des saudi-arabischen mit dem israelischen Nachrichtendienst zur Folge hat und die Palästinenser ins schiitische Lager treiben wird.
Dem gegenüber stehen die Klienten der russischen Föderation: Iran, Syrien, die Hisbollah im Libanon, die schiitische Mehrheit im Irak und eine der Kriegsparteien in Libyen. China unterstützt den Iran, zeigt jedoch im übrigen arabischen Raum größere Zurückhaltung als Russland oder die USA.
Es zählt zu den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, dafür Sorge zu tragen, dass der Krisenbogen von Libyen bis Afghanistan nicht Schauplatz neuer Stellvertreterkriege wird, wie es sich in Syrien und in Libyen bereits abgezeichnet hat.

"Das Entlarven von politischem Blendwerk hat seinen eigenen Wert"

Was ist im Nachhinein für Sie die Quintessenz Ihrer Tätigkeit und der intensiven Beschäftigung mit allen diesen Bereichen?
Erich Schmidt-Eenboom: 30 Jahre der Beschäftigung mit geheimen Nachrichtendiensten bringen Höhen und Tiefen mit sich. In der Quintessenz habe ich vor allem das Bild des BND mit Büchern, Aufsätzen, in Filmen und Interviews über drei Jahrzehnte hinweg mitgeprägt und konnte dabei einen spannenden Beruf ausüben. Dabei gebe ich mich nicht der Illusion hin, größere Veränderungen bewirkt zu haben. Aber das Entlarven von politischem Blendwerk oder das Aufdecken politischer Verbrechen hat seinen eigenen Wert.
Sie sind sehr gut vernetzt in der Welt der klandestin und konspirativ arbeitenden Nachrichtendienste. Ist aber das Leben von Spionen, verdeckt arbeitenden Ermittlern oder auch Undercover-Journalisten und Whistleblowern nicht darauf angelegt, irgendwann zu verzweifeln, in tiefen Depressionen zu versinken und nicht mehr arbeiten zu wollen und zu können aufgrund des Kreislaufs der Sinnlosigkeit von Rache und Vergeltung?
Erich Schmidt-Eenboom: Die tägliche Befassung mit der Schlechtigkeit der politischen Welten hat bei mir nie Depressionen ausgelöst, nicht einmal Ernüchterung, da ich von vornherein nüchtern an die Arbeit gegangen bin. Eine gewisse soziale Grundgelassenheit, die freundschaftliche Verbundenheit mit vielen Kolleginnen und Kollegen in aller Welt und die Unabhängigkeit, die ich durch das von vielen Kleinspendern getragene Forschungsinstitut für Friedenspolitik e.V. genieße, haben mich vor solchen negativen Auswirkungen auf mein Leben bewahrt.