Die Virtualisierung und Erweiterung des Körpers.

Auf dem Weg zu einem posthumanen Zeitalter

Der Körper ist immer weniger eine biologische Gegebenheit, mit der man leben muß. Die technischen Möglichkeiten, bislang auf die Science Fiction beschränkt, ihn zu verändern, zu erweitern und neu zu gestalten, nehmen zu. Wird der Wunschkörper zu einer Luxusware für die Reichen? Hat der biologische Körper abgewirtschaftet?

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Philip Sampson

Die in der Gegenwart kursierenden Vorstellungen vom Körper suggerieren die Möglichkeit, dessen moderne Beschreibung als einen komplexen, aber wesentlich unproblematischen natürlichen Organismus mit einer geschlossenen Haut, die ihn von der Außenwelt trennt, ad acta zu können. Die festen Grenzen des modernen Körpers haben sich aufgelöst und werden zu sich verändernden und flüssigen Erscheinungen. Der menschliche Körper besitzt nicht mehr die einzigartige, von Gott, der Natur oder der wissenschaftlichen Taxinomie verliehene Identität.

Unterschiede hinsichtlich des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung gelten als konstruiert und sind keine Gegebenheiten mehr. Der Unterschied zwischen dem Menschlichen und Tierischen erscheint jetzt als Ergebnis der Arroganz, eines Gattungszentrismus. Prothetische technische Erweiterungen des Körpers haben auch die Grenze zwischen dem Menschen und der Maschine verschwimmen lassen.

Warum sollte unser Körper an der Haut aufhören oder bestenfalls nur das enthalten, was von unserer Haut eingeschlossen ist?

Donna Haraway

Diese Erfahrungen des Verlustes werden im Film reflektiert, besonders in denen des Kultregisseurs David Cronenberg. In The Fly geht es um den Verlust der Grenze zwischen dem Menschen und einem Insekt; in Videodrome wird die Grenze zwischen dem Fleisch und der Technologie durchlässig und entsteht ein neues Fleisch. In der bekannten Szene von Ridley Scotts Alien wächst ein Lebewesen aus dem Bauch des unglücklichen Astronauten und verbindet so den Verlust der Körpergrenze, wodurch das Innen zum Außen wird, mit dem Bild einer verschwundenen Geschlechtergrenze - der Mann als Gebärender.

Vor dreißig Jahren noch fand fast die gesamte menschliche Kommunikation Face-to-face statt. Beginnend mit der Kindheit lernten wir die Nuancen der Stimme, den Gesichtsausdruck und die Körperhaltung zu bewerten. Der Körper war uns in solchen Alltagserfahrungen offenbar. Neue Technologien haben das verändert, vor allem durch prothetische Erweiterungen der körperlichen Fähigkeiten. Wir telefonieren, empfangen Faxe und Email, fernsehen und holen uns Informationen aus dem Computer. Das Internet läßt Gemeinschaften entstehen, deren Mitglieder sich nie getroffen haben. Kinder spielen, angefangen von Nintendo über Schachcomputer bis hin zur neuen interaktiven Technologie, mit Computern genauso selbstverständlich wie mit dem Fußball. Einkaufen übers Telefon und Fernsehen beginnt gerade. Und wir alle verwenden täglich Plastikkarten.

In einer solchen Kommunikation beziehen wir uns in geringerem oder größeren Ausmaß auf andere Menschen - aber mittels Software und entfernte Kameras, nicht direkt auf deren Körper, die in der Distanz bleiben. Der Körper und die persönliche Erfahrung bilden keine Einheit mehr. Mit medizinischen Techniken können wir durch Endoskope, Comuptertomographen und Ultraschall in unsere Körper und in die anderer hineinschauen. Die Künstler Stelarc und Mona Hatoum haben solche Bilder als Reisen durch den Magentrakt gemacht.

Wir sollten die Neuheit oder den Einfluß solcher Verletzungen und Erweiterungen unserer Körpergrenzen nicht unterschätzen. Doch wenn wir uns einmal an die alltägliche Wahrnehmung des körperlichen Austausches durch Technik gewöhnt haben werden, eröffnen sich noch weit radikalere Möglichkeiten.