Die Wahrheit der Nacktheit ist eine Illusion

Zum Tode des Fotografen Helmut Newton

Helmut Newton ist tot. Der weltberühmte VIP-, Mode- und Akt-Fotograf stand immer noch mitten im Business, als er am 23. 1. 2004 im Alter von 83 Jahren bei einem Autounfall in Los Angeles unter noch nicht völlig geklärten Umständen starb. Laut Aussage einer Polizeisprecherin verlor Newton die Kontrolle über sein Auto, als er aus der Ausfahrt des Hotels Chateau Marmont am Sunset Boulevard fuhr.

Der Fotograf und seine Künstlergattin June, ehemals Modell, nun längst ebenfalls Fotografin, mit der er 55 Jahre lang kinderlos und überaus harmonisch verheiratet war, hatten das südkalifornische Los Angeles in den letzten 25 Jahren und so auch in diesem Jahr zu ihrem "Winterquartier" gemacht. Hauptwohnsitz des Paares war ein "langweiliges" (O-Ton Newton) Appartement in Monte Carlo. Wo sich Newtons Frau zur Zeit des Unfalls aufhielt, war zunächst nicht bekannt.

Der Wagen beschleunigte vom Hotel aus über die zweispurige Verkehrstraße hinweg und raste gegen die gegenüberliegende Wand. Ein Szenario wie aus einem Billy-Wilder-Film. Das Unfallszenario veranlasste enge Freunde zu der Vermutung, Newton könnte auch einen Herz- oder Schwächeanfall am Steuer erlitten haben, der dann zur eigentlichen Kollision führte. Der 83jährige Newton, der bestbezahlte Fotograf der Welt (mit Tagesgagen von bis zu 50.000 Dollar), ein bekennender Liebhaber luxuriöser Wagen, wurde in das Cedars-Sinai Medical Center gebracht, wo er wenig später seinen schweren Verletzungen erlag.

Glamouröse Aufmerksamkeit im Vorfeld von Cyberwoman

Mit Helmut Newton verliert die schillernde Medienwelt der letzten drei Jahrzehnte den großen Inszenator und Mitpräger der glamourösen Aufmerksamkeit - im erotomanischen Niemandsland zwischen Kunst-, Akt- und Modefotografie, Showbiz und Promispektakel. Der eigenwillige Foto-Regisseur der Nackten, Schönen und Reichen schuf sich - mitten durch eine schier endlose Folge von Aufträgen hindurch - sein eigenes Reich der visuellen Lüste und optischen Perversionen, eine Mischform der ausgehenden erotischen Welt der 70er und in der zynisch-materialistischen Erfolgsbastionen der 80er Jahre.

In seinen Werken, besonders gekonnt in seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, schuf Newtons ungewöhnlich edle Porträts, delikate Körperstudien und eckig fragmentierte Gruppenaufnahmen oder asoziale Soziogramme einer Traumsprache der phantasmatischen Begierden zwischen aktueller Mode und zeitloser Klassizität, Fragilität und Panzerung, Macht und Subversion. Seine Bildsprache eroberte und durchdrang rasch die Medien, die großen Modezeitschriften, das Feuilleton und die Werbe- und die Kunstwelt.

Seine großformatigen erotischen Frauenbilder - wie die "Big Nudes" - werden von Museen in aller Welt gezeigt. Seine Aufnahmen erschienen in Magazinen wie Vogue, Elle und Playboy. Der Himmel der Haute Couture, das Fegefeuer der Halbangezogenen und die Hölle der Entblätterten wuchsen zu einem Newtonschen-Universum zusammen, und alle spielten sie darin als Modelle oder porträtierte Auftraggeber mit: Vielleicht ist es nicht übertrieben, dass Helmut Newton und andere Modephotographen wie der bereits zuvor verstorbene Herb Ritts (der für Madonna arbeitete) und Peter Lindbergh den Begriff des Akt- und Modemodells auf die Porträtkunst übertrugen und damit im noch-elektronischen und sodann heraufdämmernden digitalen Zeitalter einen Vorschein jener Virtualität schufen, die einen entblätterten Glamour, die warenförmige Aura der Stars mit bestimmten Accessoires und Glanzlichtern beschwor und zugleich eiskalt zur Vorform der Cyberwoman 2000 zerlegte.

Wenn Newton sogenannte oder echte Persönlichkeiten ablichtete: wie Bundkanzler Kohl vor einer klischeehaften deutschen Eiche, den Newtonfan und endlichen Nachfolgekanzler Gerhard Schröder, obwohl der Fotograf auch schon mal einen Termin im neuen Kanzleramt versäumte, Claudia Schiffer und Pierre Cardin, Caroline von Monaco, Gloria von Thurn und Taxis, Sigourney Weaver, Kim Basinger, Charlotte Rampling, Daryll Hannah, die Schygulla u.v.a., dann ließ er sie wie Objekte in einem späten Hitchcock-Film auftreten, wie Requisiten einer surrealen Handlung, die sich im Inneren der Bilder speicherte und die sie immun machte gegen den schnellen Verschleiß.

Eine andere Art von Feminismus oder die Subversion des sexuellen Müßiggangs

Feministinnen, allen voran Alice Schwarzer in ihrer POR-NO-Kampagne, griffen Newton an. Sie warfen ihm, wegen seiner zwiespältigen Art und Weise der Mode- und Aktfotografie, Frauenfeindlichkeit und Erniedrigung des weiblichen Körpers vor, mitten im bereits eingesetzten Körperkult, von Aerobic und Athletik, noch lange vor dem jugendtrendigen Piercing und Bauchfrei. Dabei war das öffentliche Bild der Frau längst im einschneidenden Umbruch befunden. Und Newtons Vexierbild der sexuell gemeinten Entsublimierung und Entidealisierung zwischen Reichsdomina, Lustsklavin, Filmschauspielerin, Aristokratin, Millionärin, Mädchen-Model und sportiver Karrierefrau bot keine eindeutige Navigationshilfe an, bis die Amerikanerinnen das Modell der "Bitch" ausmachten. Dem arbeitete Newton vor.

Was man gegen Newton vorbrachte, bezog sich z.B. auf die Rolle der ätherischen Mannequins, die auf den Strich der Macht und des Kapitals zu gehen schienen. Aber ebenso suspekt war die Fleisch- und Schamhaarbeschau der starken, langbeinigen und langmähnigen Bodybuilding-Frauen zwischen L.A. und Berlin vor und nach der Vereinigung, die einen arischen Leni-Riefenstahl-Körperkult zu re-inszenieren schienen, während sie Riesen-Waschmaschinen, Cadillacs, Stihlmotorsägen anwarfen oder Pistolen und Tranchiermesser bereithielten, um die Welt ohne Männer vorzubereiten.

Von befreiten Körpern zu sprechen, war auch angesichts solcher sadomasochistischen Drohkulissen zu viel verlangt. In den 90ern nahm die Nacktheit dann eine bisweilen Requisiten-freie Note an, die einen öffentlichen Raum für postfeministische und nicht mehr perfekte Inszenierungen des Verschleißes von blass ausgeleuchteten Posen à la Vanessa Beecroft bereitete. Die exponierte Entblößung der noch vollkommen schwellenden Leiber bei Newton, die erektile Exposition von Schenkeln, Nippeln, Titten und Arsch, festgebannt in immer neuen dezenten und indezenten Bildwinkeln, die heute ein Terry Richardson in unanständige Possen zerfleddert, hatte bei Newton immer auch etwas mit der Distanz der skulpturalen Fesselung in Licht und Schatten, einer dämonisch aufgehaltenen Hinfälligkeit, einer teuflisch verlangsamten Decadence und eines verzögerten Verfalls zu tun. Aber auch mit der Ankettung des männlichen Blicks und seiner schändenden Begierde an das absolute Objekt, mit der Angst des umherstreifenden Blicks vor der fixierenden erotischen Berührung, die wie eine Rache auf den wahllos gaffenden Betrachter wartete, auf den Moment, wo das Standbild den Priester mitten in seiner Erregung erschlug.

Körper und Kleidung, Nähe und Distanz befanden sich bei Newton im permanenten Kriegszustand des Deshabiller, sie zeigten Flagge im Dauerclinch der Geschlechter. Dabei enthielt sich Newton der späteren inzestuös-skelettartigen Calvin-Klein-Jugend-Askese ebenso wie er die "sportive Züchtigkeit" und "rassische Reinheit" der älteren Sport- und Aktfotografie, noch vor der NS-Zeit, subversiv in sexuelle Lümmelei umbaute. Er zeichnete und malte, wenn überhaupt, das obskure Objekt der Begierde und der Verführung, die Masken des Begehrens aus, und er scheute auch nicht davor zurück, den Visconti-Darsteller Helmut Berger nackt vor dem Kamin zu zeigen oder in Paris ein Mannequin einen männlichen Darsteller im Gegenlicht die Lippen schminken zu lassen, als ob die 20er Jahre noch nicht vorbei seien.

Die Nacktheit und die immer stärker eingeholte Sexualität wurden bei Newton zu einem völlig artifiziellen Gegenstand einer Un-Anständigkeit, die vor allem in der Pose der nicht weiter funktionalisierbaren Lust, des lasterhaften Müßigganges und des vor sich hin schwelgenden Luxus sich ausbreiteten, und sie blieben keineswegs ein Stück abfotografierte Natur, wie es die eine oder andere farbige Freiluftaufnahme vom Piscine an der Pariser Seine zwischen Badeanzug, barem Busen und Schottencape anzudeuten schien. Die Blöße hatte immer mit der neofeudalen Fetischisierung des Körpers im öffentlichen Raum, in Palästen, Prachtstraßen und Lustgärten, mit der Ausübung eines rituellen Amtes zu tun, mit der Zelebrierung von Symbolen, dem Vollzug einer von weither geholten Macht, dem Anbau und Ausbau seltener Pflanzen der Verstellung und Verkleidung zu tun.

Körper können sich verstellen und lügen. Die Wahrheit der Nacktheit ist eine Illusion. Das hat Newton jeder primitiven Pornographie voraus. Und darin konvergiert er mit dem Altmeister des erotischen Sexfilms Andrew Blake ebenso wie mit Kubricks letzter, fast zu züchtiger Orgie in "Eyes Wide Shut". Die artifizielle Objekthaftigkeit des Körpers, seine komplizierte und komplizenhafte Regentschaft der Begierde wurde nicht nur durch die Mode und die Corsage unterstützt, sondern auch durch die Bandagen, die Schienen und Gipsverbände, die vor allem den endlos-wohlgeformten Beinen der Modelle ihre Perfektion raubten und die Inszenierung in ein klinisches Experiment überführten: in eine Studie der Anatomie, in der Leben, Sex und Tod einen surrealen Verbund eingingen, ein Vorgang der gleichzeitigen Inthronisation und Hinrichtung, wie in J.G. Science-Fiction "Verkehrs"-Scenario "Crash" (verfilmt von David Cronenberg) oder David Lynchs Amour Fous "Lost Highway" oder "Mulholland Drive".

Scheitelpunkt des anhaltenden Erfolges im prunksüchtigen Kanzler-Berlin

Der Tod in L.A. hat den Fotografen auf dem Scheitelpunkt eines anhaltenden Erfolgs getroffen, der durch ein prunk- und putzsüchtiges neues Berlin verlängert wird, das sich aus allen Epochen und Jahrzehnten seine Erfolgsikonen zusammensucht, um der deutschen Hauptstadt die noch fehlende Bedeutungsschwere zu verpassen.

Zum 80. Geburtstag gab es eine Newton-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Noch bis zum 16. Februar 2004 sind in Klaus und Gabriele Honnefs-Harlings Ausstellung "Von Körpern und anderen Dingen. Deutsche Fotografie im 20. Jahrhundert" im Deutschen Historischen Museum Berlin auch Newtons Akte zu besichtigen. Und eben in dieser Ausstellung wird auch historisch nachvollziehbar, dass Newton aus der Schule von Else Neuländer-Simon (bekannt als Yva) stammt und in ihrem Atelier modische Körperinszenierungen gelernt hatte, mit denen eine noch heute aktuelle Bildkörpersprache begründet wurde.

Ob man Newton als "Herold des befreiten Körpergefühls" (wie der einstige Bonner Förderer Honnef) bezeichnen kann oder eher als Inszenator von Männerphantasien abgründig fetischisierter Haute-Couture-Modelle im Dämmerlicht eines dämonischen Narzissmus, mag dahingestellt sein, die handwerkliche Qualität seiner Arbeiten überbietet die kunstlose Leichtigkeit "unkompliziert schriller Akte" wie eines "Nachfolgers" vom Schlage eines Olaf Martens und die gegenwärtige Fleischbeschau um ein Vielfaches.

Erst im Oktober 2003, hatte der 82jährige Newton, ein gebürtiger Schöneberger, Berlin einen Großteil seiner Fotosammlung für das "Deutsche Centrum für Photographie" in dem ehemaligen Landser-Casino bzw. der ehemaligen Kunstbibliothek am Bahnhof Zoo der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gestiftet. Dieser Vorgang war zur neuen Kanzler-Chefsache auf der Ebene des Kulturstaatsministeriums erklärt worden. Zum Verbleib der Negative sagte Newton in seinem typischen Schnodder, der ihn auch im Fernsehen zu einem beliebten Berliner machte:

"Solange wir beide (Newton und June, seine Frau Alice Springs) leben, bleiben die Negative bei uns, wir brauchen sie zum Arbeiten. Wenn wir abgekratzt sind, geht alles nach Berlin."

Die Fama will es, dass Helmut Newton - 1920 als Helmut Neustaedter, Sohn eines profanen jüdischen Knopf-Fabrikanten in Berlin geboren - 1938 am Bahnhof Zoo noch einmal einen letzten Blick auf das alte Casino-Gebäude warf, bevor er die Emigration ins Exil antrat, eine Reise, die ihn zunächst nach Singapur, dann nach Australien führte, wo er die Staatsbürgerschaft erhielt. Ab Juni 2004 soll die Sammlung dort zu besichtigen sein.

Einen Vorgeschmack des neuen Berlins im Zeichen von Helmut Newton gibt schon einmal die "Newton-Bar" am historischen Gendarmenmarkt. Die schweren roten Clubsessel werden von den lebensgroßen Aktfotografien mit den BIG NUDES des Künstlers an den Wänden umrahmt. Und ganz "strange" wird es, wenn des Kanzlers Lieblingsunternehmen in Wolfsburg und sein Lieblingsfotograf im Netz autoerotisch verschmelzen.

Auch Buchhandlungen suchen sich den Einkommensverhältnissen des Fotografen anzupassen. So heißt es bei einer Helmut Newton gewidmeten Website der Münchener Hans Goltz Buchhandlung, die das aber insgesamt zum Prinzip gemacht hat:

"Wir freuen uns, wenn unsere Seiten auch kommerziellen Anbietern von SUMO gefallen, weisen jedoch auf das auf dieser Seite eingetragene (c) hin und berechnen für jeden von uns nicht genehmigten Link auf unsere Seite pro angefangene 100 Klicks von allen kommerziellen Anbietern DM 1500.00 zuzüglich 16% Mehrwertsteuer."

(Peter V. Brinkemper)

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