Die Wahrheit hinter der "Neuen Bürgerlichkeit"

Beiläufig wachsen die Spannungen und die Verhältnisse implodieren: "Sommer 04"

Unterschichten hin oder her, es gibt aber auch immer noch die Mittelschicht. Um die kreist Stefan Krohmers zweiter Kinofilm "Sommer 04". Unter der Oberfläche eines stinknormalen Urlaubsszenarios entfaltet der Film in überaus subtiler Weise, trotzdem mit gnadenlosem Blick nicht nur ein privates Schicksal, sondern ein bürgerliches Trauerspiel, das nicht weniger repräsentativ ist für sein Milieu in dessen Gegenwartsgestalt als die Dramen Schnitzlers, Ibsens und Wedekinds für das Bürgertum der vorherigen Jahrhundertwende. Es kreist um Schuld und Sühne, Verführung und Verstrickung, Altern und Auflehnung. Aber seine darunter liegenden Themen sind die verschiedenen Gestalten des Konflikts der Generationen und moderne (Patchwork-)Familienverhältnisse.

Bilder: Alamode

"Scheißliberale" hätte man früher gesagt. Die Verhältnisse, die hier beschreiben werden sind erstickend in ihrer Toleranz und Offenheit, am erstickendsten ist aber der Moralismus und die Besserwisserei, die sich als "Fürsorglichkeit" und "Verantwortung" tarnen und im Konkreten eine seltsame Hysterie entfalten. Zudem zeigen sich die Menschen, die wir hier erleben, wenn es darauf ankommt, als grobe Egoisten.

Ein Sommerfilm, leicht, flirrend, erhitzt. Immer wieder wirbeln ganz plötzliche kurze Windböen die ruhige Stimmung durcheinander, und ihre kühle Brise korrespondiert mit dem Blick der Kamera, der neugierig ist, aber objektivierend, distanziert. Ein Ferienfilm, sonnendurchflutet und darum naturgemäß kleine Schatten werfend, in dem die Menschen ein bisschen desorientiert scheinen durch die freie Zeit, die sie da auf einmal haben, in der ihnen ihr Leben nicht von Außen durch Alltagsrhythmen und allerlei Verpflichtungen wie von selbst geordnet wird, sondern sie es selber ordnen müssen - und im Nu eine Menge Chaos schaffen.

Man denkt an Rohmer, überhaupt an die Franzosen bei dieser Geschichte über Menschen, denen es ganz gut geht, und die trotzdem, wenn sie einmal sich selbst ausgesetzt sind, erschüttert werden von einer Krise, die keine Ursache hat, weil diese Krise das Leben selber ist. Man kann auch an Goethes Wahlverwandschaften denken, ebenfalls eine Feriengeschichte, wenn man so will, eine Story vom unbeschwerten Leben, einem Gleichgewicht der Beziehungen, das dann durch ganz kleine Verlagerungen des Schwerpunkts in einer Weise durcheinandergebracht wird, dass die alte Harmonie für immer verloren ist.

Es sind, wie eben bei Rohmer und bei Goethe, ganz existentielle, metaphysische Fragen, die "Sommer 04", nach "Sie haben Knut" (2002) der zweite Kinofilm von Stefan Krohmer, in bewundernswert leichter, unakademischer, lakonischer und lange Zeit sogar heiterer Weise verhandelt.

Verstörung und Melancholie

Ein Sommer im Norden. Miriam und André, ein Paar um die 40, machen Ferien in einem Reetdachhaus. Sie werden besucht von Miriams 15-jährigem Sohn Nils und dessen Freundin Livia, noch nicht ganz 13 Jahre alt. "Ist sie nicht ein bisschen zu jung für ihn?" fragt André, doch sofort spürt man, dass diese Frage eigentlich nur eine Maske ist, für ein eigenes, kaum sich selbst eingestandenes Interesse.

Nils mag den Lebensgefährten seiner Mutter sowieso nicht, und so ist von Anfang eine Grundspannung vorhanden. Livia wirkt auf den ersten Blick wie eine etwas altkluge verführerische Lolita und bringt dementsprechend alle Männer in ihrer Umgebung durcheinander. Auch den Amerikaner Bill, den Nils und sie beim Segeln kennenlernen. Im Laufe des Zeit versteht man aber, dass Livia einfach reif und selbstbewusst ist für ihr Alter, und allen anderen immer mindestens drei Züge voraus - auch darin ein typischer Charakter, wie man ihn aus den Filmen Eric Rohmers kennt. Sie ist das Zentrum der Geschichte.

Das Zentrum des Films aber, seine eigentliche Hauptfigur ist Miriam. Denn "Sommer 04" ist unter der Oberfläche des sommerlichen Liebesreigens das Drama einer Frau auf der Schwelle zwischen noch vorhandener Jugendlichkeit und beginnendem Altern. Voller Selbstbewusstsein wird sie doch unsicher, findet ihre Rolle nicht zwischen dem Objekt des Begehrens verschiedener Männer, der Mutter, der Hüterin eines jungen Mädchens, das alles zugleich ist: Komplizin und Konkurrentin, in jeder Hinsicht außer Reichweite und emotional doch viel zu nahe. Martina Gedeck macht das einfach glänzend: Konzentriert, trotzdem ganz beiläufig und außerordentlich nuanciert spielt diese Figur. Gedeck zeigt in dieser Rolle unter der Maske des Pragmatismus viel Verletzlichkeit und weit mehr Intensität, als etwa in "Das Leben der Anderen", wo sie, wie dieser Film noch einmal beweist, weit unter Wert inszeniert wurde.

Es ist auch sonst ein komplexes Szenario, den Krohmer und sein Drehbuchautor Daniel Nocke präsentieren: Der Lebensgefährte, der mit Miriam eine Spur zu routiniert und desinteressiert zusammen ist; der Amerikaner, der lieber in Europa lebt, weil ihm seine Heimat zu borniert und geldgierig ist - vielleicht etwas zu sehr eine europäische Wunschvorstellung -, und dann doch zum trägen Don Juan des Films wird, der sich sowohl in Miriam wie in Livia verliebt; Nils, die fleischgewordene Pubertätskrise, hinter dessen rebellischer Geste, und ätzend abgeklärtem Gerede über Strategiefragen im Ersten Weltkrieg und "Frauen, die Schnitzler lesen", die tiefste Verzweiflung spürbar wird; Livia schließlich, einerseits selbstlos gute Seele und romantische Unschuld, dann aber doch zu cool in ihrer irritierenden Direktheit - die Jungen sind die Abgeklärten, Gleichgültigen in diesem Szenario, die Älteren die Zerrissenen. Jedenfalls an der Oberfläche. Darunter liegt bei allen Charakteren Verstörung und Melancholie.

Die Mittelschicht, die zu den Werten, die sie lebt, zu wenig steht

Gerade darin ist "Sommer 04" wohl das präziseste Gegenwartsportrait des Jahres. Mehr noch als die einzelnen Figuren ist das Milieu der Hauptstarsteller: Die Mittelschicht, die zu den Werten, die sie lebt, zu wenig steht, und das nicht lebt, was sie zur Schau trägt. Ein Film also über die Wahrheit der "Neuen Bürgerlichkeit" jenseits der Phrasen ihrer Propagandisten, ein Drama über die Realität der Werte unter dem Lebensklugkeits-Bücherstapel von "Manieren" bis "Machiavelli für Mütter".

Ohne falsche Gnade nimmt dieser Film seine Figuren auseinander. Darin ist dies, allem Ernst zum Trotz, auch eine Komödie der Irrungen, der unbewußten Lächerlichkeit. Schon in seinen vielfach preisgekrönten TV-Filmen "Ende der Saison" und "Familienkreise" interessiert sich Krohmer für eine Konfrontation der Generationen, die auf vorschnelle Bewertungen verzichtet, die die Beobachtung favorisiert. Hier zeigt er uns seine Figuren immer aus zwei Perspektiven zugleich: Wir sehen ihnen zu, und wir sehen anderen zu, wenn sie über sie reden und sich zu ihnen verhalten. Das Beobachten der Beobachter. So bleibt "Sommer 04" unparteiisch und angenehm undramatisch. Eher beiläufig wachsen die Spannungen.

Visuell ist dieses Aufladen der Verhältnisse und ihr langsames Implodieren von Kameramann Patrick Orth in beiläufige, fragmentarische, bestechend subtile Bilder gefasst, die mal vorsichtig, zögernd, mal voyeuristisch drängend sich der Stimmung der Figuren anschmiegen. Sofort, von der ersten Minute an sieht man ihnen nicht nur ihre Eigenheit an, spürt man im scheinbar Zufälligen das Notwendige, Durchdachte, die zweite Ebene.

Wem hier allerdings wieder nur das Schlagwort "Berliner Schule" einfällt, sollten sich eine Brille kaufen. Es ist eine andere Art des Erzählens, es ist eine Kamera, die nicht abwartet sondern aktiv sucht. Und lassen wir einmal die großen filmischen Unterschiede beiseite, ist der Vergleich mit Valeska Griesebachs "Sehnsucht" aufschlussreich. Dort hatten wir es tatsächlich mit Menschen zu tun, die ihre Gefühle verbalisieren können oder wollen, die nicht bedeutungslos schweigen oder unwillig zu sprechen und sich selbst und ihr Verhalten zu analysieren. Krohmer verweigert sich jeder Romantik, auch der von Grisebachs Film, die darin liegt, dass unter der proletarischen Post-Wende-Oberfläche große Gefühle hausen und mythische Archetypen, die von ihren Gefühlen sogar zum Selbstmordversuch getrieben werden.

Bei Krohmer sind die Menschen nicht konsequent, sondern inkonsequent, die Gefühle nicht groß, sondern klein, nicht absolut, sondern kompromißlerisch, nicht rein, sondern schmutzig - also realistisch. Das passt natürlich alles zum Milieu urbaner Akademiker, die ihren Hausmüll trennen und ihren Seelenmüll in Gesprächen "verarbeiten" oder im Schweigen entsorgen.

Auch hier also sind die Ferien, die einem auf der Leinwand so auffällig oft begegnen, Spiegel der bürgerlichen Gesellschaft, der sie entstammen. Sie bergen, wie das Kino selbst, ihre Utopien, Träume, heimlichen und verheimlichten Phantasien, ihre Hoffnungen und Ängste, Schuld und Unschuld. In den Ferien, ob im Kino oder im Leben, begegnen die Menschen also sich selbst, sodass die erste Erwartung, die in den Ferien zerstört wird, jene allernaivste ist: Die Erwartung, dass nun alles anders werden könnte.

Auszeit der Ferien

Zugleich ist "Sommer 04" darin ein typischer Ferienfilm, dass hier zuerst mal alles möglich ist und alles erlaubt: Der Versuchungen und Gelegenheiten sind viele, wie der moralischen Grenzen wenige - Ferienentspannung bedeutet auch das Alltäglichwerden der Anarchie, des Bewusstseins, dass die Ferien die Gelegenheit zu ultimativer Überschreitung bieten, dazu, Dinge zu tun, die man sonst nicht tut. Jedenfalls für vier Wochen im Jahr.

In den Filmen Eric Rohmers erlebt man eine andere, ernsthaftere und weitaus moralischere Variante dieser Anarchie. Für Arbeit interessiert er sich ebenso wenig, wie für soziale Verhältnisse. Darum zeigen sehr viele seiner Filme Menschen in den Ferien: zeit und statuslos, seltsam herausgehoben aus allen Zusammenhängen. Ob "Die Sammlerin", "Claires Knie", "Pauline am Strand" oder "Sommer" - immer wieder wirkt es, als ob hier die Ferien ewig dauern würden, immer wieder feiert Rohmers Kino der Blicke neben diversen, fast paradiesisch unschuldigen Versuchungen auch die utopische Entrücktheit und das Immergleiche der Tage der Ferien. Und wenn ihr Glück zerstört wird, ist es die eigene Schuld der Figuren.

Dass auch Freud ein Bewohner der bürgerlichen Gesellschaft ist, das belegt einer der allerbesten Ferienfilme des Kinos, der hier ebenfalls Pate stand: Otto Premingers "Bonjour Tristesse". Der Film, entstanden nach dem Roman von Francoise Sagan, angesiedelt in einem Ferienhaus an der französischen Riviera, stammt zwar formal betrachtet aus Hollywood, ist aber mehr französisch, als amerikanisch. Hier wird die Sommerhitze zum Katalysator ernster Spiele, aufgestauter Konflikte und zur Kulisse des Aufeinanderprallens von Oberflächlichkeit und Ernst.

Bei aller Melancholie, die diese traurig-hitzige Sommergeschichte grundiert, badet der Film doch zugleich lustvoll in den gleißend-bunten Farben seines Schauplatzes - die mit dem Schwarzweiß der Paris-Szenen kontrastiert werden. Doch alle Pracht und Herrlichkeit der Sonne, des blauen Himmels, des satten Grüns der Pflanzen, alle Schönheit der Menschen kann hier nie darüber hinwegtäuschen, dass man aus der Auszeit der Ferien und ihren Träumen irgendwann erwachen wird, darüber, dass jeder Mensch am Ende allein ist. "Bonjour Tristesse..."

Dies alles greift Krohmer auf. Nur ganz am Ende gleitet dieser Gefühlsthriller etwas ins Melodram ab, bekommt er die Kurve zum Leben nicht mehr, wird das französisch Federnde schwerblütig und sehr deutsch. Zuvor aber verknüpft "Sommer 04" virtuos seine Fragen nach Verantwortung, nach Ignoranz und nach Schuld mit Bildern der Unschuld, dem Rhythmus der Segeltouren und dem Geräusch des Windes. Nur die Sonne war schuld. (Rüdiger Suchsland)