Die Wahrheit im Fall Nawalny

Bild: Alexey Nawalny: Evgeny Feldman / CC-BY-SA-4.0

Agent in eigener Sache: Kreml-Gegner Alexej Nawalny klärt seinen eigenen Fall auf. Oder auch nicht

Wer ist er schon? Wenn das jemand gewollt hätte, dann hätte er das auch zu Ende geführt.

Vladimir Putin, russischer Präsident, am 17. 12. über Alexej Nawalny

I have a theory which I suspect is rather immoral...

John Le Carré "Tinker, Tailor, Soldier, Spy

Nichts ist klar, und alles ist möglich - das Russland der letzten 30 bis 40 Jahre ist ein derart surreales Land, dass man die Ereignisse tatsächlich genau so für möglich halten muss, wie sie der Öffentlichkeit von der breiten Mehrheit der nationalen und internationalen Medien des demokratischen Spektrums seit fünf Monaten erzählt werden: Der russische Staatspräsident gibt den Mord an seinem im Westen bekanntesten Oppositionspolitiker in Auftrag.

Zugleich ordnet er auch noch an, dass dieser Mord mit einem international geächteten Kampfstoff ausgeführt wird, der schon bei anderen Anschlägen "nicht das Ergebnis hatte, das bei einem Mordanschlag beabsichtigt ist" (Sahra Wagenknecht).

Ein Kampfstoff, der aber vor allem, wenn er je nachgewiesen werden könnte, eindeutige Spuren zum FSB, dem russischen Geheimdienst, legen und damit auch unmittelbar auf den Kreml hindeuten würde. Nachdem dies gescheitert ist, lässt der Präsident zu, dass dem Opfer dieses Anschlages zunächst in einem russischen Krankenhaus das Überleben gesichert wird, es gelingt ihm während dieser Zeit nicht, die begonnene Tat an dem hilflos im Koma liegenden Opfer zu vollenden.

Stattdessen erlaubt es der Präsident - oder weiß es jedenfalls nicht zu verhindern -, dass dieses Anschlagsopfer zwei Tage später nach Deutschland ausgeflogen wird, womit neben dem Überleben des Opfers auch geradezu sichergestellt ist, dass der von ihm zuvor eingesetzte Kampfstoff nachgewiesen werden kann.

All dies geschieht genau in der finalen Phase der Debatte um die umstrittene russisch-europäische Gaspipeline Nord Stream 2 kurz vor Fertigstellung dieses Projekts und gerade mal vierzehn Tage nach erneuten und verschärften Sanktionsdrohungen gegen am Bau beteiligte Firmen durch den US-Außenminister und in Lobbydiensten stehende US-Senatoren. Die Tat verschafft damit den Gegnern der Pipeline politischen Rückenwind.

Was ist die Wahrheit im Fall Nawalny?

"Wenn die Geschichte so ist, wie sie uns erzählt wird", sagte Nord-Stream 2-Befürworterin Sarah Wagenknecht bereits im September in ihrem Videocast "Bessere Zeiten - Wagenknechts Wochenschau", "dann muss man sich um die geistige Verfassung des russischen Präsidenten wirklich Sorgen machen".

Diese Geschichte geht aber noch weiter und erreichte gerade in den letzten Tagen neue Dimensionen des Absurden, die den Meistern des Genres, André Breton oder Luis Aragon, alle Ehre machen würden: Alexej Nawalny und seine Mitarbeiter rufen zeitgleich bei verschiedenen höherrangigen Offizieren und einigen Mordbuben des russischen Geheimdiensts FSB an, offenbar mit einer gefälschten offiziellen Diensttelefonnummer, geben sich dort als Assistenten und Beamte des Staatsapparates aus und lassen sich den misslungenen Mord-Anschlag in allen Einzelheiten darlegen.

Diese Gespräche nehmen sie auf Tonband auf und veröffentlichen sie. Keiner der FSB-Leute schöpft Verdacht, keiner tut das, was jeder Leser nach seinem ersten John-Le-Carré-Roman tun würde: Zurückrufen, um die Echtheit der Nummer zu klären.

Cui bono?

Beim Blick auf die neuesten Entwicklungen in Sachen Alexej Nawalny stellen sich daher eine Reihe von Fragen: Ist der russische Geheimdienst wirklich ein Verein von Stümpern? Ist Vladimir Putin ein Vollidiot auf dem Niveau eines Ortskommandanten der Ndrangheta? Wenn der russische Präsident Nawalny wirklich loswerden wollte, warum hat er dann nicht seinen Aufenthalt im Krankenhaus in Omsk genutzt, um ihn töten zu lassen? Warum hat niemand verhindert, dass er nach Deutschland verlegt wurde?

Hat der russische FSB, der Nachfolger des renommierten KGB, ein Service-Telefon mit Hotline, auf dem man seinen persönlichen Agenten anrufen kann, um sich dort über den Stand der Dinge zu informieren? Ist der FSB nicht in der Lage, seine Mitarbeiter zu kontrollieren? Und schafft er es nicht, Mordanschläge durchzuführen, deren Spuren nicht direkt auf ihn verweisen?

Wie kommt man eigentlich an die noch nicht benutzten Unterhosen von Alexander Nawalny, um dort Gift zu platzieren? Und wie schafft man es, Gift anstatt über eine Teetasse über eine Unterhose so in den Körper zu befördern, dass es seine Wirkung während eines Fluges entfaltet, nicht vor- oder nachher?

Schließlich und vor allem: Wer hat alles ein Interesse an einem geglückten Mordanschlag auf Alexej Nawalny? Gibt es auch irgendjemanden, der ein Interesse an einem missglückten Mordanschlag auf Alexej Nawalny hat? Anders formuliert: Cui bono?

Wer die Frage "Cui bono? Wem nutzt es?" stellt, der wird von den Verteidigern der orthodoxen Lehre - "Putin schickt Auftragsmörder, um seine Gegner aus dem Weg zu räumen" - bezichtigt, ein Parteigänger des russischen Staatspräsidenten zu sein. Oder zu denen zu gehören, die, wie es die exzellente Auslandschefin und Russland-Expertin des Deutschlandfunk, Sabine Adler, nun etwas zu schlicht formuliert, "nichts anderes glauben wollen".

Um es daher sehr unmissverständlich zu formulieren: Jeder vernünftige Mensch wird Vladimir Putin einen Mordanschlag auf politische oder sonstige Konkurrenten zutrauen. Jeder vernünftige Mensch wird auch dem FSB einen Mordanschlag dieser Art zutrauen. Andererseits kann man sich fragen, warum eine solche Tat nicht glückt, wenn sie denn unternommen wird? Man fragt sich, gerade wenn "Putins Regime" so diktatorisch und totalitär und allgegenwärtig ist, wie es ihm gerade seine Feinde gern unterstellen, wie es dann möglich ist, dass Nawalny noch am Leben ist?

Es ist alles ein bisschen zu einfach. Ein bisschen zu offensichtlich. Nun kann es allerdings manchmal so sein, dass das Offensichtliche auch wirklich zutrifft. Und dass die Anrufe beim Geheimdienst eine Fälschung waren, ist nicht ausgeschlossen, aber wenig wahrscheinlich. Es wäre ein politischer Selbstmord Nawalnys. Ob es Absicht war, ihn am Ende doch nicht umzubringen, oder eine Panne, beides erfüllt jedenfalls den einen Zweck: Andersdenkende und Oppositionelle massiv einzuschüchtern.

Schurken und Unterstützer

Ohne Frage spielt aber dieses neue Kapitel des russischen Schurkenromans den klassischen Atlantikern, die nach 30 Jahren von einer Wiederaufwärmung des Kalten Kriegs träumen, in die Hände. Der Fall Nawalny wird zum Framing für das Thema Nord-Stream-2. Nicht nur Nawalny wurde vergiftet, sondern auch die russisch-westlichen Beziehungen.

Für interessierte Kreise ist die Sache nun klar: Der womöglich kommende CDU-Chef und Nord-Stream-2-Gegner Norbert Röttgen teilt der Öffentlichkeit mit:

"Ich finde das Maß ist jetzt voll. Dieses Muster russischer Innen- und Außenpolitik kann nicht mehr akzeptiert werden, und darum braucht es hierauf eine europäische Antwort. Und zwar eine Antwort der Klarheit und der angemessenen Härte."

Und die grüne Pastorentochter Kathrin Göring-Eckardt sekundiert:

"Es ist ganz klar, dass die mafiösen Strukturen Putins dahinterstecken, und deswegen braucht es hier eine sehr klare Antwort. Eine Antwort wäre jetzt zum Beispiel sehr deutlich zu machen: Nord Stream 2 ist nichts mehr, was wir gemeinsam mit Russland vorantreiben können."

Wer sind ansonsten Navalnys Helfer und Unterstützer? Der Krankentransport von Omsk nach Berlin von einer deutschen NGO, der Stiftung "Cinema for Peace", organisiert und finanziert. In wenigen Stunden schaffte man es, private Mittel zu mobilisieren, um ein medizinisches Flugzeug von Nürnberg nach Omsk zu chartern.

Gegründet und geleitet von Jaka Bizilj, einem in Slowenien geborenen Film-Produzenten, zählt diese NGO unter den Mitgliedern ihres internationalen Komitees Persönlichkeiten wie den Ex-Schachweltmeister und russischen Oppositionellen Gari Kasparov, die ukrainischen Box-Brüder Klitschko (von denen Vitali einer der Anführer des Euromaidan 2014 in Kiew war, je nach Lesart einer "Revolution der Würde" oder eines "oppositionellen Staatsstreichs") und den ehemaligen grünen Außenminister Joschka Fischer.

Verschwörungstheorien kann man daher in beide Richtungen entwickeln.

Man könnte auch daran erinnern, dass man Putin im Westen seit jeher schlecht behandelt, mit Verdächtigungen und Anschuldigungen überzieht. Was denkt man sich dabei? Russland und sein Präsident möchten mit dem Respekt behandelt werden, der einer Weltmacht gebührt, und nicht als Erfüllungsgehilfe westlicher Außenpolitik oder als bloße "Regionalmacht" (Barak Obama).

Die Wahrheit im Fall Nawalny ist, dass wir sie nicht kennen. (Rüdiger Suchsland)