Die Weisheit der Cherokee

Screenshot Video "Bedingungsloses Grundeinkommen bei den Cherokee (Einfach gut leben 1/6 | USA)" / Bayerischer Rundfunk

"Ohne Pro-Kopf-Prämie wäre ich auf Gedeih und Verderb auf meinen Job angewiesen gewesen. Es gibt kein traurigeres Schicksal"

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind häufig des negative Beispiel par excellence, wenn es um soziale Einrichtungen, Versicherungen und medizinische Versorgung geht. Krankenversicherungen sind teuer, und wer keine hat, muss für seine Behandlungen selbst zahlen. Wer seine Arbeit verliert, muss sich darauf vorbereiten, auch bald sein Zuhause zu verlieren. Es gibt kaum staatliche Fürsorge oder Unterstützung.

Ein Zyniker möchte sagen, dass das Beste, was jemals aus dem amerikanischen Sozialsystem hervorgegangen ist, die Serie "Breaking Bad" war, in der der Chemielehrer Walther White Drogen produziert und verkauft, um seine Chemotherapie zu bezahlen, und schließlich zu einem der meistgesuchten Drogenbarone Amerikas wird. In Deutschland hätte die gesetzliche Krankenversicherung gegriffen und den Großteil der Kosten übernommen, einschließlich einer Fortzahlung eines Teils seines letzten Gehaltes. Und im Anschluss an die Chemotherapie wäre ihm vielleicht noch, falls notwendig, eine Physiotherapie bezahlt worden, zusammen mit seinem Schwager, der im Polizeidienst verwundet wurde.

In "Breaking Bad" wurde die Physiotherapie des Schwagers mit demselben Drogengeld bezahlt. Doch mitten in diesem Land, dessen Sozialsystem Stoff für Horrorgeschichten und Mafiaserien liefert, wird vereinzelt praktiziert, erfolgreich praktiziert, was in Europa nur diskutiert wird. Und das beste Beispiel ist die Eastern Band of Cherokee.

Erzählungen des Stammes

Die BR-Dokumentation "Bedingungsloses Grundeinkommen bei den Cherokee stellt einige Stammesmitglieder vor, lässt sie von ihren Erfahrungen berichten und erzählen, wie sie die Praxis ihres Stammes betrachten - die Praxis, jedem Stammesmitglied halbjährlich Geld aus den Casinogewinnen auszuschütten. Die Per Capita Payments, wie die offizielle Bezeichnung lautet, der Cherokee sind deshalb so interessant, weil es das am längsten andauernde und am besten untersuchte Beispiel für ein bedingungsloses Grundeinkommen ist. Dafür, ein Cherokee zu sein, erhält jeder den gleichen Anteil an den Gewinnen des Casinos, unabhängig von Arbeit, Einkommen, familiären Status oder sonstigen Faktoren.

Screenshot Video "Bedingungsloses Grundeinkommen bei den Cherokee (Einfach gut leben 1/6 | USA)" / Bayerischer Rundfunk

Lori Sanders und eine Kundin - die in der Dokumentation leider namenlos bleibt - sind die ersten Stammesmitglieder, die uns davon berichten, wie sie vor über zwanzig Jahren ihren ersten Scheck über 595 US-Dollar vom Stamm erhielten. Die Kundin nutzte das Geld, um schlicht zu überleben, um die Miete und Lebensmittel zu bezahlen.

Selbst wenn man nun einwenden möchte, dass in einem Sozialsystem wie dem unseren der Staat in einem solchen Fall einspringen würde, darf man nicht unerwähnt lassen, wie unbürokratisch dieses Geld ausbezahlt wurde, wie sehr es geholfen hat, Stolz und Würde zu erhalten, und zugleich die Bindung der Kundin, damals gerade Mutter geworden, zum Stamm zu stärken. Lori selbst berichtet, wie reich sie sich durch diese kleine Summe vorkam. Und dass sie durch das Geld ihre Raten für ihren Wagen begleichen konnte, als der Gerichtsvollzieher vor ihrer Tür stand. Der Stamm hat sie also davor bewahrt, ihren Wagen, dieses Statussymbol und wichtigste Fortbewegungsmittel in ländlichen Gebieten, zu verlieren.

Lori Sanders macht im Verlaufe der Dokumentation eine noch viel interessantere, kontroverse Aussage: "Ohne Pro-Kopf-Prämie wäre ich auf Gedeih und Verderb auf meinen Job angewiesen gewesen. Es gibt kein traurigeres Schicksal."

Arbeit, die Abhängigkeit von der Arbeit allein, als trauriges Schicksal, das es zu vermeiden gilt. Daraus lässt sich ableiten, dass die Arbeit nur dem Überleben gilt, während die Prämie, dieses Grundeinkommen durch den Stamm, dem Leben dient.

Das Grundeinkommen - Fluch oder Segen?

Aber es werden auch die Gefahren eines Grundeinkommens angesprochen. Minderjährige erhalten ihr Geld erst mit der Volljährigkeit, bis dahin wird es vom Minor's Trust Fond einbehalten und verwaltet. Doch ein Jugendlicher, der gerade erst die Schule verlassen hat, kann leicht mit einer sechsstelligen Summe überfordert sein. Statt es sinnvoll anzulegen, sein Studium oder die Eröffnung eines eigenen Geschäftes damit zu bezahlen, wird das Geld vielleicht verschwendet für ein teures Auto, Schmuck oder andere Luxusgegenstände, wie es dem Sohn des Häuptlings Richard Sneed ergangen ist.

Diesem Problem hat sich der Stamm vor einigen Jahren gewidmet und beschlossen, das Geld gestaffelt auszubezahlen Dadurch kann sich der Empfänger besser auf das Geld einstellen und es besser einteilen, und außerdem werden dadurch mehrere zehntausend Dollar an Steuern gespart. Diese neue Regelung wurde sogar von den Jugendlichen des Stammes selbst unterstützt.

Häuptling Sneed spricht sogar die Gefahr an, dass Drogenabhängige und Spielsüchtige noch tiefer in ihre Sucht abgleiten, da sie nun über die notwendigen Geldmittel verfügten, doch er wischt diese Befürchtungen beiseite in dem Glauben an die Vernunft der meisten Stammesmitglieder. Und dieser Glaube ist auch gerechtfertigt, wenn man der Studie Duke University folgt.

Screenshot Video "Bedingungsloses Grundeinkommen bei den Cherokee (Einfach gut leben 1/6 | USA)" / Bayerischer Rundfunk

Laut dieser über zwanzig Jahre gehenden Studie, die hier nicht im Detail zusammengefasst und wiedergegeben werden kann, waren die Auswirkungen überwiegend positiv. Besonders die Ärmsten der Armen haben profitiert, vor allem, wenn das Geld des Stammes sie über die Armutsgrenze gehoben hat. Jugendkriminalität ist gefallen, Drogenprobleme sind gesunken.

Statt zu versuchen, sich etwas "Wohlstand", oder zumindest bessere Schuhe, zu stehlen, kann nun das Stammesgeld genutzt werden. Und wer durch das Stammesgeld weniger Sorgen um die Zukunft hat, ist auch allgemein glücklicher und weniger anfällig für Fluchtverhalten wie Drogenkonsum und Glücksspiel. Die Erziehung der Kinder verbessert sich, weil die Eltern schlicht mehr Zeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern, statt einer zweiten Arbeit nachzugehen.

Ein weiterer positiver Nebeneffekt war, dass sich der Zusammenhalt des Stammes gestärkt hat. Das Vertrauen in den Stamm ist gestiegen, und der Auszahlungstag wurde zu einer Art inoffiziellem Feiertag, bei dem die Mitglieder vor der Bank zu einem Stammestreffen zusammenkommen.

Und diesseits des Atlantiks?

Das Beispiel der Cherokee zeigt, dass ein Grundeinkommen zumindest auf lokaler Ebene funktioniert. Rund 15.000 Cherokee erhalten halbjährlich einen Scheck über genug Geld, um außerordentliche Kosten wie Reparaturen oder notwendige Neuanschaffungen zu bezahlen und zusätzlich ihren Lebensstandard anzuheben - ein Scheck wird außerdem im Dezember ausbezahlt, genau rechtzeitig für Weihnachtsgeschenke. Doch zugleich ist es nicht genug, um davon alleine zu leben, es ist mehr ein Sicherheitsnetz.

Könnte es unsere Sicherheitsnetze ersetzen? Nun, zumindest teilweise. Dank seiner unbürokratischen Natur werden nicht hunderttausende Beamter benötigt, um es auszubezahlen. Es kümmert sich nicht um die Lebensverhältnisse des Empfängers und bedarf keiner genauen Berechnungen, sondern hängt einzig am Erfolg des Casinos, in dem ohnehin zahlreiche Stammesmitglieder arbeiten. Sie haben also ein persönliches Interesse am Erfolg des Casinos, da sie, ihre Familien und selbst ihre Freunde, die nicht im Casino arbeiten, davon profitieren. Ob sich dies auf ganz Deutschland übertragen ließe, bleibt fraglich.

Bislang hat kein Land es gewagt, ein flächendeckendes Grundeinkommen einzuführen, statt sich auf lokale Experimente zu beschränken. Es besteht Unklarheit über die Finanzierbarkeit und die Höhe. Viele Zahlen sind einfach willkürlich aus der Luft gegriffen. Doch ist es weiterhin eine Überlegung wert.

Könnte man das Grundeinkommen wie die Cherokee an bestimmte Einnahmen koppeln? Das Bruttoinlandsprodukt? Oder regional aufgebrochene Bruttoinlandsprodukte, so dass die Unterschiede in den regionalen Lebenshaltungskosten sich auch im regionalen Grundeinkommen widerspiegeln? Welche Auswirkungen hätte dies auf die deutsche Wirtschaft? Und welche auf den deutschen Arbeiter? Wenn wir nach Ost und West blicken, zu den Cherokee und ihrem Casino, und zu den Japanern und ihrem Karoshi, so ist klar zu erkennen, dass wir uns in der Mitte befinden, mit aufgeblähter, ineffizienter Bürokratie, und sich langsam, aber sicher überarbeitenden Bürgern. Bevor wir weiter gen Osten abrutschen, sollten wir uns nach Westen aufmachen, um, und sei es zum letzten Male, etwas aus den USA zu lernen.

Zur sechsteiligen Doku-Webserie "Einfach gut leben" in der BR Mediethek über unsere Beziehung zu Arbeit und Geld und die großen Fragen zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen.

Teil 1: Karoshi - Tod durch Arbeit
Teil 2: Staat im Staate - Die Bitnation Pangea

(Fenris Reschke)

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