Die Welt in Zahlen

Rankings gehören zu den wirkmächtigsten Mythen des neoliberalen Alltags

Seit urlanger Zeit ist das Geld das Maß aller Dinge. Als universelles Äquivalent ordnet es Objekten, Dienstleistungen und der menschlichen Arbeitskraft einen Preis zu und macht sie so vergleichbar. Den Ökonomen unserer Tage genügt jedoch die Reichweite dieses Konvergenzmittels nicht mehr. Zu vieles entzieht sich immer noch dessen Zugriff. Darum haben die neoliberalen Einpeitscher das Ranking erfunden, das alles und jedes in die sportive Form einer Hitparade zwingt - von Städten, Bundesländern und Nationen über Künstler und Intellektuelle bis hin zu Schulen und Universitäten.

Die „Financial Times Deutschland“ hat auf ihrer Website sogar eine eigene Ranking-Rubrik eingerichtet und vermeldet dort laufend die neuesten Tabellenstände: René Obermann an der Spitze des Financial-Times-Medienrankings, Roland Berger Absteiger in den Unternehmensberatungscharts, Ferrari auf der Pole Position bei den „100 best workplaces“ und so weiter und so fort.

Auf welche Weise aber bekommt man den Papst auf eine Liste mit Guido Knopp und Maxim Biller, wie es der Zeitschrift „Cicero“ auf der Suche nach dem Top-Intellektuellen gelang? Wie kann die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ bei der Ermittlung des wirtschaftskräftigsten Bundeslandes Hamburg über einen Leisten mit Mecklenburg-Vorpommern und Bayern schlagen? Und wie werden Universitäten wettbewerbsfähig?

Wer sich an die Vermessung der Welt macht, der muss sich an das Messbare halten. „Cicero“ nimmt bei seiner Intellektuellen-Kür die Häufigkeit der Erwähnung in den einschlägigen Presseorganen zum Maßstab. Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ bringt bei ihrer Bundesländer-Untersuchung unter anderem Indikatoren wie Arbeitslosenquote, Arbeitskosten, Schulden, Verbrechenshäufigkeit und Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst in Anschlag. Und die allseits beliebten Universitätsrankings orientieren sich meistens an den eingeworbenen Drittmitteln und der Anzahl der Promotionen und Patentanmeldungen. Was das im Einzelnen für Patente sind, interessiert dabei herzlich wenig. Es zählt nur die Quantität, nicht die Qualität. Auch erscheint es zumindest erklärungsbedürftig, weshalb die Höhe der akquirierten Drittmittel etwas über die Güte einer Hochschule aussagt, welchen Einfluss Straftaten auf die wirtschaftliche Potenz eines Bundeslandes haben sollen und was mediale Trefferquoten mit intellektuellem Einfluss zu tun haben.

Aber ist erst einmal alles in praktische Tabellenform gegossen, lässt die neue Übersichtlichkeit keine Fragen offen, nur die Beteiligten selbst beschäftigen sich bei ihrer Auswertung noch eingehender mit den Kriterien. Günter Oettinger als Ministerpräsident des von der „Stiftung Neue Soziale Marktwirtschaft“ im Bundesländer-Ranking an die Spitze gesetzten Baden-Württemberg will sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen und gibt dem Ländle noch Hausaufgaben auf:

Dieses herausragende Ergebnis ist aber auch ein Ansporn für weitere Schritte zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Baden-Württemberg, insbesondere in den Bereichen "Forschung", "Technologietransfer" und "Clusterbildung".

Günter Oettinger

Auch Ulrich von Alemann von der Universität Düsseldorf, der die Bertelsmann-Stiftung bei der Germanistik ein schlechtes Betreuungsverhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden bescheinigt hatte, signalisiert Handlungsbereitschaft: „Das Fach ist überlastet, die Seminare sind zu groß. Jetzt haben wir die Zulassungsbeschränkung wieder eingeführt, da sollte es künftig besser werden.“ Nur kleinlaut verweist er auf Mittelkürzungen als Grund für die Misere. Ausreden gelten nicht. Die liefen auch ins Leere, denn mildernde Umstände erkennt der gnadenlose Objektivismus der Zahl nicht an. Daher greift von Alemann eben zur einfachsten Lösung, um beim nächsten Mal besser abzuschneiden: Numerus Clausus.

Unter der Hand wandeln sich so mehr oder weniger zweifelhafte Prüfsteine zu sakrosankten Vorgaben. Die Untersuchungen „schaffen die Wirklichkeit, die zu messen sie vorgeben“, kritisiert deshalb der Wissenschaftler Alfred Kieser. Und der Pädagogik-Professor Lutz Koch spricht von „normativer Empirie“.

Was mit scheinbar harmlosen Lernstand-Erhebungen beginnt, endet nicht selten mit der Einführung des Zentralabiturs, denn nur das garantiert brutalstmögliche Transparenz und verschärft beim nächsten Mal die Wettbewerbsbedingungen. Solche Prozesse in Gang zu setzen, ist dann auch der eigentliche Sinn der Ranking-Übung. Der Kunstmarkt kam erst durch Sothebys Bestseller-Listen so richtig in Schwung. „Der Wahnsinn fing damit an, dass in den Sechziger Jahren die Sotheby's Art Indexes eingeführt wurden, bei denen man die Preisentwicklungen von bestimmten Segmenten auf den Auktionen verfolgen konnte“, meint etwa Piroschka Dossi, Autorin des Buches „Hype“. Auch der „Pisa-Schock“ kam alles andere als unverhofft.

Nicht umsonst zählen neoliberale Think Tanks wie die „Stiftung Neue Soziale Marktwirtschaft“ und die „Bertelsmann-Stiftung“ zu den eifrigsten Ranglisten-Erstellern. Fast unbehelligt können sie die Welt hinter Ziffernfolgen zum Verschwinden bringen und ihre Schocktherapien einleiten. Von der Zahl als dem „Fetisch der heutigen Zeit“ spricht deshalb der französische Philosoph Alain Badiou mit Blick auf Umfragen, Einschaltquoten und Aktien-Kurse. An Rankings hat er dabei noch nicht einmal gedacht.

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