"Die Welt, mit der wir es in politischer Hinsicht zu tun haben, liegt außer Reichweite"

In seinem Klassiker erkundet der Journalist und Medienkritiker das Konzept einer gelenkten Demokratie

Schon vor fast 100 Jahren stand für Walter Lippmann fest: Der gewöhnliche Zeitgenosse ist in einer Demokratie überfordert und nicht in der Lage, die komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge zu durchschauen. Also entwickelte Walter Lippmann, neben Friedrich von Hayek der vermutlich wirkungsmächtigste Wegbereiter des Neoliberalismus, in seinem 1922 erschienenen Buch "Die öffentliche Meinung" (Public Opinion) das Konzept einer gelenkten Demokratie, in der die Meinung der Massen mit manipulativen Techniken gesteuert wird. In unseren postfaktischen Zeiten sind Lippmanns Analysen und Strategien aktueller denn je.

Denn es ist völlig klar, dass Menschen unter gewissen Bedingungen auf Fiktionen ebenso stark reagieren wie auf Wirklichkeiten und dass sie in vielen Fällen erst die Fiktionen schaffen helfen, auf die sie eingehen. Es möge derjenige den ersten Stein werfen, der nicht an die russische Armee geglaubt hat, die im August 1914 angeblich England durchquerte, der nicht, ohne einen direkten Beweis zu haben, jede Geschichte von Scheußlichkeiten für wahr hielt und der noch nie eine Verschwörung, einen Verräter oder einen Spion gesehen hat, wo tatsächlich keiner war. Es möge auch derjenige einen Stein werfen, der niemals als echte innere Wahrheit weitergab, was er von irgendjemandem gehört hatte, der nicht mehr wusste als er selbst.

Bei all diesen Beispielen müssen wir ein gemeinsames Element besonders hervorheben: die Einfügung einer Pseudoumwelt zwischen Mensch und Umwelt. Sein Verhalten ist die Reaktion auf diese Pseudoumwelt. Gerade weil es sich um eine Verhaltensweise handelt, zeigen sich die Folgen, sofern es sich um Handlungen handelt, nicht in der Pseudoumwelt, von der das Verhalten angeregt wird, sondern die Handlung vollzieht sich in der realen Umwelt. Ist das Verhalten nicht eine konkrete Handlung, sondern das, was wir grob Gedanken und Empfindungen nennen, so kann es lange dauern, bis im Gewebe der Phantasiewelt ein Riss erkennbar wird. …

Denn die reale Umgebung ist insgesamt zu groß, zu komplex und auch zu fließend, um direkt erfasst zu werden. Wir sind nicht dafür ausgerüstet, es mit so viel Subtilität, mit so großer Vielfalt, mit so vielen Verwandlungen und Kombinationen aufnehmen zu können. Obgleich wir in dieser Umwelt handeln müssen, müssen wir sie erst in einem einfacheren Modell rekonstruieren, ehe wir damit umgehen können. Um die Welt zu durchwandern, müssen die Menschen Karten von dieser Welt haben. Ihre beständige Schwierigkeit besteht darin, dass sie sich Karten beschaffen müssen, die nicht bereits durch ihre eigenen Bedürfnisse oder die Bedürfnisse irgendeines anderen verfälscht worden sind.

Wer die öffentliche Meinung analysieren will, muss daher mit der Erkenntnis der Dreiecksbeziehung zwischen dem Schauplatz, dem Bild des Menschen von diesem Schauplatz und der Reaktion des Menschen auf dieses Bild, die sich wiederum selbst auf dem Schauplatz ereignet, beginnen. Es ist wie ein Theaterstück, zu dem die Schauspieler durch ihre eigene Erfahrung angeregt werden und in dem die Handlung nicht nur Auswirkungen auf deren Bühnenrollen, sondern auch auf das reale Leben der Schauspieler hat. Der Film stellt oft mit großem Geschick dieses doppelte Drama der inneren Motive und des äußeren Verhaltens heraus. Zwei Männer streiten sich, offensichtlich über Geld, aber ihre Leidenschaftlichkeit ist unerklärlich. Dann schwindet das Bild, und nun wird filmisch dargestellt, was der eine oder der andere der beiden Männer vor seinem inneren Auge erblickt. …

Die Welt, mit der wir es in politischer Hinsicht zu tun haben, liegt außer Reichweite, außer Sicht, außerhalb unseres Geistes. Man muss sie erst erforschen, schildern und sich vorstellen. …

Wir nennen diejenigen Merkmale der äußeren Welt, die mit dem Verhalten anderer menschlicher Wesen verknüpft sind, soweit ihr Verhalten das unsere überschneidet, von uns abhängt oder für uns von Interesse ist, grob öffentliche Angelegenheiten. Die Bilder in den Köpfen dieser menschlichen Wesen, die Bilder von sich selbst, von anderen, von ihren Bedürfnissen, Zielen und Beziehungen zueinander sind ihre. Diejenigen Bilder, nach denen ganze Gruppen von Menschen oder Individuen im Namen von Gruppen handeln, sind die Öffentliche Meinung, geschrieben in Großbuchstaben. In dieser Weise werden wir in den folgenden Kapiteln zunächst einige der Gründe untersuchen, aus denen die Menschen in ihrem Umgang mit der äußeren Welt ihr inneres Bild so oft in die Irre führt. …

Wesentlicher Gehalt dieser Darlegung ist die Feststellung, dass die Demokratie in ihrer ursprünglichen Gestalt sich niemals ernsthaft mit dem Problem auseinandergesetzt hat, das daraus entsteht, dass die inneren Bilder der Menschen nicht automatisch mit der äußeren Welt übereinstimmen.

Die Auszüge stammen aus dem 1922 zuerst veröffentlichten Buch "Die öffentliche Meinunng. Wie sie entsteht und manipuliert wird" von Walter Lippman, das gerade im Westend Verlag mit einer Einführung von Walter Ötsch und Silja Graupe erschienen ist.

Wir haben gelernt, das Propaganda zu nennen. Eine Gruppe von Menschen, die der Öffentlichkeit den ungehinderten Zugang zu den Ereignissen verwehren kann, arrangiert die Nachrichten, damit sie ihren Zwecken dienen. …

Ohne eine gewisse Form der Zensur ist Propaganda im strengen Sinne nicht möglich. Um Propaganda zu betreiben, muss eine gewisse Schranke zwischen Öffentlichkeit und Ereignis errichtet werden. Der Zugang zu der wirklichen Umwelt muss begrenzt werden, ehe jemand eine Pseudoumwelt errichten kann, die er für klug oder wünschenswert hält. Denn während Leute, die unmittelbaren Zugang haben, missverstehen können, was sie sehen, kann niemand sonst darüber bestimmen, wie sie es missverstehen sollen, es sei denn, jemand könnte bestimmen, wohin sie schauen und was sie sehen sollen. Die militärische Zensur ist die einfachste Form dieser Schranke, aber keinesfalls die wichtigste, weil man weiß, dass sie existiert und man ihr daher in gewisser Weise zustimmen oder sie ablehnen kann. …

Sofern man das Wort Propaganda nicht unbedingt in seinem negativen Sinn versteht, sind die alten Konstanten unseres Denkens unter ihrer Einwirkung zu veränderlichen Größen geworden. Es ist zum Beispiel nicht länger möglich, an das ursprüngliche Dogma der Demokratie zu glauben, nämlich dass die Kenntnisse, die man für die Bewältigung der menschlichen Angelegenheiten braucht, spontan aus dem Herzen des Menschen kommen. Wo wir aus dieser Theorie heraus handeln, überlassen wir uns der Selbsttäuschung und Formen der Meinungsbildung, die wir nicht dem Wahrheitsbeweis unterwerfen können. Wir haben gezeigt, dass wir uns nicht auf die Intuition, das Gewissen oder die Zufälligkeiten einer Meinung verlassen können, wenn wir es mit der Welt zu tun haben, die außerhalb unserer konkreten Wahrnehmung liegt.

Es gibt, sagt Aristoteles, Wesen, die von Natur aus Sklaven sind. "Er ist daher von der Natur zum Sklaven gebildet und geeignet, Leibeigener einer anderen Person zu werden, und ist es aus diesem Grund." All dies besagt aber in Wirklichkeit, dass, wer zufällig Sklave ist, von Natur auch dazu bestimmt ist, einer zu sein. Logisch ist die Feststellung wertlos, aber in Wahrheit ist sie überhaupt keine Behauptung, und die Logik hat damit überhaupt nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Stereotype oder eher den Teil einer Stereotype. …

Es ist ihr Merkmal, dass sie dem Gebrauch der Vernunft vorausgeht; sie ist eine Form der Wahrnehmung und drängt den Gegebenheiten, die unsere Sinne aufnehmen, gewisse Merkmale auf, bevor diese Gegebenheiten den Verstand erreichen. Die Stereotype gleicht den lavendelfarbenen Fensterscheiben in Beacon Street oder dem Türsteher bei einem Maskenball, der beurteilt, ob der Gast eine angemessene Verkleidung trägt. Nichts verhält sich der Erziehung oder der Kritik gegenüber so unnachgiebig wie die Stereotype. Sie bestimmt die Wertung eines Gegenstands bereits im Moment seiner Wahrnehmung.

Ich behaupte, dass ein repräsentatives Regime weder in dem, was gewöhnlich Politik genannt wird, noch in der Industrie erfolgreich funktionieren kann, gleichgültig, wie das Wahlsystem aussieht, wenn es nicht eine unabhängige, sachkundige Organisation gibt, welche die ungesehenen Tatsachen für diejenigen verständlich macht, die die Entscheidungen zu treffen haben. Ich versuche deshalb darzulegen, dass nur die ernst gemeinte Übernahme des Prinzips der Ergänzung persönlicher Repräsentation durch die Repräsentation der ungesehenen Tatsachen uns eine befriedigende Dezentralisation und gleichfalls ein Entrinnen aus der unerträglichen und undurchführbaren Fiktion gestattet, dass jeder von uns eine kompetente Meinung zu allen öffentlichen Angelegenheiten erlangen müsse. …

Diese Organisation sehe ich als Aufgabe vor allem einer politischen Wissenschaft, die vor einer realen Entscheidung ihren eigenen Standpunkt gewonnen hat und formuliert, statt die Entscheidung im Nachhinein zu verteidigen, zu kritisieren, oder Berichterstatter zu sein. …

Diese Einrichtung würde ziemlich bald ein Sammelpunkt für Nachrichten der ungewöhnlichsten Art werden. Den Mitarbeitern würde klar, wie die Probleme der Regierung wirklich aussehen. Sie würden sich mit Fragen der Definition, der Terminologie, der statistischen Technik und der Logik beschäftigen. Sie würden wahrlich die ganze Stufenleiter der Gesellschaftswissenschaften durchklettern. Es fällt schwer einzusehen, warum all dieses Material - mit Ausnahme weniger diplomatischer und militärischer Geheimnisse - nicht den Gelehrten des Landes offenstehen sollte. Hier nämlich würde der Gelehrte der Politischen Wissenschaften die wirklichen Nüsse zum Knacken finden und die wirklichen Forschungsaufgaben für seine Studenten. Die Arbeit muss nicht allein in Washington, könnte aber im Hinblick auf Washington getan werden. …

Wenn die Analyse der öffentlichen Meinung und der demokratischen Theorien in ihrem Verhältnis zur modernen Umwelt grundsätzlich vernünftig erscheint, dann sehe ich nicht ein, wie man der Tatsache aus- weichen kann, dass solche Informationsarbeit der Schlüssel zur Besserung ist.

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