Die Welt wäre eine bessere, wenn doch nur alle Arbeitnehmer Zeitarbeiter wären

Wie Zeitarbeit als eine wesentliche Grundlage wirtschaftlichen Wachstums dargestellt wird

Die Boston Consulting Group hat eine Studie veröffentlicht, in der die Zeitarbeit als das ultimative Mittel zur Schaffung neuer Arbeitsplätze dargestellt wird. Für die Arbeitgeber in der Branche ist diese Veröffentlichung die ideale Argumentation für die laufenden Tarifverhandlungen.

Die Zeitarbeitsbranche kämpft um ein besseres Image. Bei den kürzlich begonnenen Tarifverhandlungen zwischen der IG Metall und den beiden Vereinigungen der Arbeitgeber in der Zeitarbeit, dem Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister e.V. (BAP) und dem Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen e.V. (iGZ), wurde zwar das erste Treffen der Tarifparteien nach drei Stunden ergebnislos vertagt. Trotzdem zeigt sich der Zusammenschluss der Zeitarbeitgeberverbände (VGZ) grundsätzlich offen für eine Equal-Pay-Lösung. Der Druck von Gewerkschaften und Öffentlichkeit auf die Branche offenbart erste Wirkungen.

Nun allerdings versuchen die in die Schmuddelecke getriebenen Arbeitgeber die Richtung der öffentlichen Diskussion zu ihren Gunsten zu beeinflussen. In einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) wird die Zeitarbeit als eine wesentliche Grundlage wirtschaftlichen Wachstums dargestellt. Für die Arbeitgeber ein gefundenes Fressen.

In einem Brief vom Februar dieses Jahres an die Parlamentarier des Bundestages lobt der BAP die positiven Auswirkungen der Zeitarbeit auf die gesamte wirtschaftliche Entwicklung. So würden Personaldienstleister der Volkswirtschaft insgesamt einen Schub verleihen, sofern die Arbeitgeber nicht allzu übertriebener gesetzlicher Regulierung ausgesetzt würden. "Zeitarbeit ist eine zentrale Triebkraft für mehr Beschäftigung, denn sie ermöglicht eine besonders gute Anpassung an den Wandel", so der BAP.

Auch den Vorwurf, Zeitarbeit verdränge die klassischen Angestelltenverhältnisse, habe die Studie als Mythos entlarvt. Vielmehr sichere sie die Stammbelegschaften der Unternehmen. So sähen 74% der befragten Unternehmen keine Alternative zur Leiharbeit in einer Festanstellung ihrer Arbeitnehmer. 62% sagten sogar, sie hätten keine Stellen geschaffen, wenn sie nicht die Möglichkeit gehabt hätten, auf Zeitarbeit zurückzugreifen. Aus der Sicht der BAP ist dies jedoch nicht alles, was Zeitarbeit zu leisten vermag. Selbst illegale Beschäftigung könne damit bekämpft werden.

Unklar bleibt in dem Brief allerdings, wie die Zeitarbeit die Stammbelegschaften sichert und auf welche Weise sie Schwarzarbeit bekämpft. Denn eine wissenschaftliche Erklärung dieser beiden Behauptungen erscheint den Arbeitgebern nicht nötig. Für sie reicht es anscheinend aus, darauf einmal lautstark hinzuweisen. Die Stoßrichtung dieses Parlamentarierbriefes und der Studie der BCG ist offensichtlich. Die Leiharbeit ist eine "Eier legende Wollmilchsau", die nicht nur die Arbeitslosigkeit beseitigen, sondern darüber hinaus auch bei der Bekämpfung allerlei anderer Probleme in der modernen Arbeitswelt eingesetzt werden kann.

Der Kampf um faire Arbeitsbedingungen in der Zeitarbeit geht damit in eine weitere Runde. Seit langem kämpfen die Gewerkschaften gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen in der Branche. Die Verhandlungsführerin der IG Metall bei den laufenden Tarifverhandlungen, Helga Schwitzer, kritisierte in einer Presseerklärung, dass Leiharbeiter fast ausnahmslos erheblich schlechter bezahlt würden als die Stammbeschäftigten. Zudem sagte sie, dass Leiharbeit in immer größerem Umfang dazu missbraucht würde, Stammarbeitsplätze zu ersetzen:

Unser Ziel ist und bleibt das Prinzip: gleiche Arbeit - gleiches Geld. Tarifpolitisch können wir die Bezahlung der Leihbeschäftigten aber nur in unserem Organisationsbereich verbessern.

Um die in vielen Bereichen skandalösen Bedingungen für die Leiharbeiter grundlegend zu beseitigen, bleibe weiterhin der Gesetzgeber gefordert. Solange dieser allerdings nicht bereit ist zu handeln, versucht die Gewerkschaft, das Problem auf andere Weise in den Griff zu bekommen.

So lautet eine Forderung der Metaller, dass die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte auf Dauer, Einsatz und Umfang von Leiharbeit ausgeweitet werden sollen. "Das sind gleichwertige Forderungen für die IG Metall", sagt ihr Erster Vorsitzender, Berthold Huber, in Frankfurt. "Im Zweifel werden wir einen Konflikt um alle Themen führen."

In dem Parlamentarierbrief der Arbeitgeberverbände heißt es dagegen:

Zeitarbeit ermöglicht die Anpassung an sich wandelnde Arbeitsmärkte, reduziert die Arbeitslosigkeit und die Segmentierung der Arbeitsmärkte und trägt dazu bei, die richtigen Qualifikationen für den Arbeitsmarkt zu finden. Damit ist sie "decent work", wie es in der Studie formuliert wird. Übersetzt ins Deutsche ergibt dies genau das, was Gewerkschaften mit ihrem Begriff "gute Arbeit" fordern.

Für die Angestellten in der Zeitarbeit heißt es damit: Solange sich Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und der Gesetzgeber nicht auf verbesserte Rahmenbedingungen einigen können, werden sie weiterhin mit teilweise knapp über 7 € in der Stunde bezahlt und arbeiten auch in Zukunft ohne ausreichende Möglichkeiten zu ihrer Fortbildung. Ein Arbeitspapier der Universität Greifswald, erstellt unter Federführung von Manfred Bornewasser, kommt derweil zu dem Schluss, dass zahlreiche Befunde der Gesundheitspsychologie die Annahme bestätigten, dass es zu einer allgemeinen Beeinträchtigung der Gesundheit und einer erhöhten Morbidität bei Zeitarbeitern komme.

Verschiedene Untersuchungen stellten verstärkt depressive Verstimmungen fest. Der Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TKK) weise darüber hinausgehend noch darauf hin, dass Zeitarbeiter deutlich häufiger arbeitsunfähig seien als die Angestellten der Stammbelegschaften. Bleibt also immer noch nicht viel mehr als die Hoffnung, dass sich alle Beteiligten möglichst schnell auf bessere Arbeitsbedingungen für die Zeitarbeiter einigen.

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