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Die Wespe kenne ich persönlich

Deutsche Wespe. Bild: SecretDisc/CC BY-2,5

Unterschiede im scheinbar Gleichen: Wie verändert es unser Denken und Handeln, wenn wir lernen, dass eine vermeintliche anonyme Masse aus Individuen besteht? Ein kleiner Selbstversuch

Der Hochsommer ist die Zeit von Mord und Totschlag: Zehntausendfaches Ertränken und Erschlagen unter freiem Himmel. Wenn sich die Völker von Deutschen und Gemeinen Wespen auflösen und die noch lebenden Arbeiterinnen marodierend durch die Gärten und Cafés ziehen, fühlen wir keine Gewissensbisse dabei, sie auf die eine oder andere Weise vom Leben zum Tode zu befördern. Nicht mehr, als wenn wir Mücken und Bremsen erschlagen, Zecken zerquetschen oder Fliegenfänger aufhängen.

Das fühlt sich schon anders an, wenn es beispielsweise um Mäuse geht. Da nehmen wir doch lieber Lebendfallen, oder lebende Fallen mit Fell und Krallen. Trotzdem ist wohl jeder experimentell arbeitende Zoologe - mich eingeschlossen - froh, wenn er seine Versuche an Mäusen durchführen kann, und nicht mit Katzen arbeiten muss. Von Affen, Primaten gar, ganz zu schweigen.

Obgleich es rational betrachtet in allen Fällen um das Töten von Lebewesen geht, macht unser moralisches Empfinden offensichtlich deutliche Unterschiede zwischen solchen Tieren, über deren Tod wir keinen Gedanken verschwenden, und solchen, deren Tötung Überwindung verlangt. Auf den ersten Blick scheint es, dass uns Tiere umso berücksichtigenswerter erscheinen, je ähnlicher sie uns Menschen sind.

Das klingt nachvollziehbar. Aber es erklärt eigentlich nichts: Worin besteht die Ähnlichkeit? Vielleicht ist die anatomische, taxonomische Nähe nur ein Proxy, nur ein täuschendes Korrelat dessen, worum es eigentlich geht. Denn, als extremes Gegenbeispiel: Nichts ist uns Menschen ähnlicher als andere Menschen. Trotzdem: Auschwitz, trotzdem: Hiroshima und Nagasaki, trotzdem: Ruanda.

Welches ist also der für die Moral maßgebliche Aspekt, unter dem mir meine Katze ähnlich ist, eine Ameise hingegen nicht? Ich glaube, dass er in Folgendem besteht: Nehmen wir ein Lebewesen als Individuum wahr?

Individuell, nicht einmalig

Individuum und Individualität sind komplexe Begriffe und hier nicht annähernd auszuloten. Sucht man in der wissenschaftlichen Literatur danach, stößt man zuvorderst auf einen Aspekt, der m.E. unbedeutend ist: genetische Verschiedenheit. Dass, mit Ausnahme von Klonen und eineiigen Mehrlingen jedes Lebewesen genetisch einzigartig ist, ist bedeutsam für Evolution und Selektion. Immer wieder aber wird es auch als Ursache personaler Individualität gehandelt: Ich wäre demnach einzigartig, weil meine DNA es ist. Mag das auch auf der molekularen Ebene völlig korrekt sein, so ist es doch systemisch völlig irrelevant. Eineiige Zwillinge sind selbstverständlich Individuen, Indiana Jones' Thug-Gegner im Tempel des Todes sind es nicht.

Denn Individualität ist etwas anderes als Einmaligkeit oder Verschiedenheit. Um für unser moralisches Fühlen bedeutsam zu sein, bedarf es der personalen Einzigartigkeit: Ein Individuum ist jemand mit einem eigenartigen Innenleben, jemand, der besondere Antriebe und Wünsche hat. Ein Individuum ist eine Persönlichkeit in einem sozialen Netz.

Zecken haben keine Persönlichkeit. Ihr Sozialleben besteht aus einer kurzen Kopulation am Rinderbein. Ihr Verhaltensrepertoire, wie es schon Jakob von Uexküll exemplarisch beschrieben hat, erschöpft sich darin, mit ausgebreiteten Vorderbeinen auf einem Grashalm zu lauern, bis die Sensoren an den Füßen Kohlendioxid wahrnehmen, sich fallenzulassen, zu krabbeln, bis Wärme und Geruch stimmen, zu stechen, zu saugen, sich fallen zu lassen und Eier zu legen. Alle Zecken machen das gleich. Sie lernen dabei nichts. Sie ändern sich nicht. Jede Zecke ist alle Zecken.

Individualität setzt folglich Plastizität im Verhalten und mithin im Gehirn voraus. Als Individuum nehmen wir denjenigen wahr, der durch eine einzigartige Umwelt eine einzigartige Lebensgeschichte hat und sich daran auf einzigartige Weise anpassen kann.

Ob wir einem Lebewesen Individualität und damit moralische Relevanz zuschreiben, hängt von unserem Kenntnisstand und unserer Bereitschaft ab. Das kann sich also ändern, wenn wir lernen. Bisweilen ergeben sich dabei Überraschungen.

Hummeln - gemütliche Intellektuelle

Wespen, Bienen, Hummeln, zum Beispiel. Was würden Sie sagen: Individuen - ja / nein / vielleicht / weiß nicht?

Wie sie da um den Pflaumenkuchen schwirren, alle in identischer gelb-schwarzer Rüstung, dann die eine um die Gabel kreist, die andere vor dem Gesicht der Gattin, die dritte am Limonadenglas, und jetzt wieder alle beim Kuchen, und welche war jetzt welche? - da sind Wespen ununterscheidbar. Und es spricht nichts gegen einen wohlgezielten Schlag mit der Zeitung.

Aber Wespen sind Hymenopteren - Hautflügler - und gehören mithin zu der Insektengruppe, die auch Bienen und Hummeln umfasst. Tiere also, die a) Sympathieträger und b) ziemlich schlau sind.

Hummeln etwa sind zu kreuzmodaler Übertragung fähig [1], erkennen also mit den Augen etwas, das sie zuvor nur gefühlt haben, und umgekehrt. Sie lösen Probleme durch Herumprobieren: Plättchen mit einer süßen Belohnung, die unerreichbar unter einer Glasscheibe liegen, ziehen sie an einem Faden zu sich heran [2], und, wichtiger noch: Sie erlernen diesen Trick von ihren Nestgenossinnen, so dass man hier von kultureller Übertragung sprechen kann - bei Insekten!

Hummeln verwenden auch Werkzeuge, lernen ihren Gebrauch durch Beobachtung und verbessern ihn dabei noch spontan - alles Fähigkeiten, die man eher mit Primaten assoziieren würde: In einer Studie [3] konnten sie eine Zuckerwasserbelohnung erhalten, wenn sie einen kleinen Ball in die Mitte einer Plattform rollten. Einigen Hummeln - den Demonstratoren - wurde das mittels einer Hummelpuppe beigebracht. Drei Bälle lagen auf der Plattform, aber für die Demonstratoren waren die Bälle, die der Mitte am nächsten lagen, festgeklebt. Dann durften Beobachterhummeln zuschauen, wie eine Demonstratorin den am weitesten entfernten Ball zur Mitte rollte. Sobald die Beobachterinnen selbst an der Reihe waren, imitierten sie das Verhalten nicht nur sofort - sie benutzten dafür auch überwiegend den nächstliegenden Ball (den die Experimentatoren mittlerweile vom Boden gelöst hatten).

Gesichtserkennung mit 1 Kubikmillimeter Hirn

Dass Honigbienen zu allerhand erstaunlichen Denkleistungen fähig sind, ist schon länger bekannt. Bei ihren Orientierungsflügen in der Umgebung des Stocks bilden sie eine mentale Karte der Landschaft und finden darin den direkten Nachhauseweg; sie unterscheiden Konzepte wie "gleich" und "verschieden", und sie lösen vorausschauend Probleme beim Wabenbau.

Interessant im Zusammenhang mit Individualität ist, dass sie auch Menschen am Gesicht unterscheiden können [4]. Für die Gesichtserkennung haben wir Menschen eine ganze Hirnwindung auf der Unterseite der Schläfenlappen abgestellt. Honigbienen aber lernen die Aufgabe mit hoher Sicherheit, und werden dabei, ähnlich wie wir Menschen, verwirrt, wenn die Gesichter auf dem Kopf stehen.

Und all das und noch viel mehr spielt sich, bei Hummeln wie bei Honigbienen, ab in einem Gehirn, das kaum so groß ist wie ein Stecknadelkopf. Zwar sind die Nervenzellkörper etwas kleiner und deutlich dichter gepackt als bei Säugetieren. Sie kommen damit auf knapp eine Million Neuronen [5] in dem Kubikmillimeter Hirn. Eine Maus hat 70 mal so viele, ein Mensch rund 100.000 mal (schöne Übersicht). Wie Insekten und Spinnen [6] mit dieser neuronalen Sparversion so komplexe Leistungen vollbringen können, ist immer wieder faszinierend.

Geschminkte Boxerinnen

Und Wespen? Nun, nahe Verwandte der Echten Wespen, die am Kaffeetisch nerven, verfügen über ungeahnte Fähigkeiten. Auch die Feldwespen (Polistes) bilden Staaten. Bei der nordamerikanischen Feldwespe Polistes fuscatus gründen mehrere Königinnen zusammen ein Nest. Durch Kämpfe etablieren sie eine Dominanzhierarchie, in der schließlich nur die Ranghöchste Eier legen darf und die anderen ihr dienen. Daraus folgt: Die Königinnen kennen einander und wissen, wer wo in der Hierarchie steht.

Wie machen sie das? Geruch? Aussehen? Elizabeth Tibbetts, die mittlerweile an der Universität von Michigan forscht, hat am Beginn ihrer Karriere Hunderte von Feldwespen portraitiert und Dutzende geschminkt. Auf den Portraits ist zu erkennen, dass sich die Gesichter der Tiere deutlich unterscheiden [7]. Auf dem schwärzlichen Grund tragen die Damen gelbe Streifen mal über den Antennen ("Brauen"), mal seitlich an den Wangen, mal unterm Kinn, und das alles in allen denkbaren Kombinationen. Wenn Tibbetts einzelne Wespen umschminkte, dann erlitten diese Tiere in der nächsten halben Stunde erhöhte Aggression, bis sich die Rangfolge wieder geklärt hatte. Offensichtlich erkennen Nordamerikanische Feldwespen einander am Gesicht.

Sie haben daher auch eine besondere Fähigkeit dafür, Wespengesichter zu unterscheiden [8], und lernen das schneller, als etwa Raupen oder irgendwelche Muster zu differenzieren. Und es handelt sich dabei um eine angeborene Fähigkeit, denn sie fehlt einer anderen Feldwespenart, deren Königinnen den Job allein machen. Auch Wespen stellen also wahrscheinlich einen kleinen Bereich ihres Gehirnchens eigens für die Gesichtserkennung ab.

Das Erstaunlichste ist aber: Die Nordamerikanischen Feldwespen passen nicht nur ihr eigenes Verhalten an die Identität ihrer Mitwespe an, der sie gerade begegnen. Sondern sie können die Beziehung zwischen anderen Wespen intern repräsentieren und ihr Verhalten danach richten. In ihrer neuesten Studie [9] ließ Tibbetts Feldwespen Duelle beobachten zwischen zwei Artgenossinnen, die ihnen noch unbekannt waren. Anschließend standen sie einer der beiden Kämpferinnen selbst gegenüber. War die neue Gegnerin im beobachteten Duell zurückhaltend gewesen oder als Verliererin vom Platz gegangen, dann musste sie nun auch von der Beobachterin mehr einstecken, als wenn sie sich als gute Kämpferin gezeigt hatte.

Man sieht, was man weiß

Einige Insekten können einander demnach individuell unterscheiden und sozial einschätzen. Für sie ist Königin 1 so verschieden von Königin 2, wie für uns Wladimir Putin von Donald Trump. Und das Hinzukommen oder Verschwinden eines Gruppenmitglieds ändert etwas im Gefüge der Gruppe, anders als bei einem anonymen Verband wie etwa einem Bienenstock oder einem Fischschwarm.

Nicht alles, was für uns Menschen gleich aussieht, ist also auch völlig gleich. Wer weiß, vielleicht sind auch andere soziale Insekten einander nicht so ähnlich, wie es scheint. Ja, vielleicht habe ich sogar den einleitend erwähnten Zecken (die übrigens keine Insekten sind) Unrecht getan. Auch wenn ich das für sehr unwahrscheinlich halte.

Etwas für unterscheidbar, für individualisierbar zu halten, ist der erste Schritt zu moralischer Berücksichtigung. Im Erkenntnisprozess folgt darauf die tatsächliche Unterscheidung, aber für moralisches Verhalten braucht es diese nicht einmal. Der bloße Gedanke, dass in dem generisch aussehenden Vieh, das unserer Gnade ausgeliefert ist, ein einzigartiges Subjekt wohnt, vermag bereits unsere Wahrnehmung und damit unser Handeln zu ändern. So verändert Wissen unsere Welt.

Falls Sie also lesend am Gartentisch sitzen: Sabine knabbert gerade am Kuchen, Jolanda umschwirrt den Grillteller, Amelie krabbelt am Bierglas, und in der Limonade ertrinkt Simone. Sie mögen das nicht unterscheiden können, aber Sabine, Jolanda, Amelie und (noch) Simone können das.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4914227

Links in diesem Artikel:
[1] https://science.sciencemag.org/content/367/6480/910.long
[2] https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.1002564
[3] https://science.sciencemag.org/content/355/6327/833
[4] https://jeb.biologists.org/content/208/24/4709.long
[5] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1364661300016016
[6] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_animals_by_number_of_neurons
[7] https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rspb.2002.2031
[8] https://science.sciencemag.org/content/334/6060/1272/tab-pdf
[9] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0960982220307405?via%3Dihub