Die Wiederentdeckung der Farbe im Bauhaus

Vor 80 Jahren wurde das von Walter Gropius geplante Bauhaus in Dessau eröffnet

Lange Zeit war die "Ikone der Moderne" eines der umstrittensten Gebäude der Welt. Nach Abschluss der Sanierung ist jetzt auch Schluss mit dem Mythos einer weißen und nüchternen Architektur - das Bauhaus war und ist jetzt wieder ein farbenfroher Bau.

Im Kontrast zu den grauen Einfamilienhäusern mit den roten Giebeln, inmitten derer die weißen Querriegel stehen, wirkt das 1926 eröffnete Bauhaus noch heute revolutionär. Das Haus ist aus einfachen geometrischen Grundformen zusammengesetzt. Ein Hochschulbau, der wie eine Fabrik aussieht, mit lichtdurchfluteten Räumen, befreit von aller Schwere der Repräsentationsarchitektur um 1900, verkörpert das Gebäude wie kaum ein zweites Leichtigkeit und Transparenz moderner Entwürfe.

(Die "Ikone der Moderne" im Jahr 2005, Blick auf den Nordflügel (hinten), Werkstatttrakt, Mensa und Atelierhaus Foto: Martin Brück 2005, Stiftung Bauhaus Dessau

Ausgehend von einer quadratischen Grundform verbindet Walter Gropius, der als Architekt das Bauhaus plante und als sein erster Direktor leitete, mehre schmucklose weiß gestrichene Kuben mit Flachdach zu einem Komplex. Die Fassade des Werkstattflügels löst Gropius in einer Glasfront auf, zerlegt die Fläche mit Stahlstreben in viele kleine liegende Rechtecke auf, die ganz ohne eine Stütze um eine Ecke biegen. Innen- und Außenraum treten durch zahlreiche weitere Fenster im gesamten Gebäude in eine Wechselbeziehung. Ein funktionaler Bau, weiß und schlicht, karg und trotzdem schön. Doch 80 Jahre nach der Einweihung des Bauhauses muss nun die Geschichte dieser "Ikone der Moderne" neu geschrieben werden. Denn der Gropius-Bau war alles andere als ein sachlich und nüchtern gestaltetes Haus. Ganz im Gegensatz zu dem Bild von einer "Weißen Moderne" einer Vorstellung, die sich jahrzehntelang nicht zuletzt wegen der Schwarz-Weiß-Fotografien fortschrieb war die einstige Hochschule für Gestaltung in großen Teilen ein ausgesprochen bunt gestaltetes Haus.

Die "Ikone der Moderne", Blick auf Haupteingang und transparente Ecke des Werkstattflügels Foto: Kirsten Baumann 2005, Stiftung Bauhaus Dessau

2006 ist fast nichts mehr von der spartanischen und bisweilen ernüchternden Atmosphäre auf den Fluren und in den Räumen zu spüren, wie sie noch vor einem Jahr im Nordflügel herrschte. Ein knalliges Orange signalisiert entlang des Treppengeländers seit kurzem den Auf- und Abgang, bis man auf weitere blaue, zitronengelb oder zinnoberrot gestrichene Wände und Elemente trifft, die Etagen und Abteilungen des Hauses markieren.

Sehschule der Modernität

Schon bei den ersten Planungen von Gropius war die Farbigkeit ein wichtiger Bestandteil der Gesamtkonzeption des Gebäudes. Die Kolorierungen unterstreichen einerseits die Architektur und überwinden sie zugleich durch die Schaffung neuer Farbräume. Zugleich dienen sie der Orientierung. Mit der Wiederentdeckung der Farbe muss auch der Mythos vom radikalen neuen Entwurf von Gropius, der die Tradition hinter sich gelassen habe, korrigiert werden. Heute zeige das Bauhaus wieder jene historische Heterogenität einer Architektur-Moderne, sagt sein heutiger Direktor Omar Akbar, die die Kontinuitäten und Brüche mit der Kultur des 19. Jahrhunderts nicht verberge mit roten Türen, grauweißen Fenstern und ornamental-farbigen Wandflächen.

Innenansicht der "Ikone der Moderne" Foto: Doreen Ritzau 2006, Stiftung Bauhaus Dessau

das grundziel für den aufbau des bauhauses war die synthese alles künstlerischen schaffens zur einheit, die vereinigung aller werkkünstlerischen und technischen disziplinen zu einer neuen baukunst als deren unablösliche bestandteile, zu einer baukunst also, die dem lebendigen leben dient.

Walter Gropius 1930

In der die Neueröffnung begleitenden Ausstellung veranschaulichen so gegensätzliche Modelle wie die Dresdner Kunstakademie ( um 1900 entstanden) und die gut 50 Jahre zuvor von Karl-Friedrich Schinkel entworfene Berliner Bauakademie, wie Gropius mit der Tradition einerseits bricht (mit dem Historismus wie dem in Dresden zum Beispiel) und gleichzeitig an sie gebunden bleibt. Vom preußischen Baumeister Schinkel griff der Dessauer Architekt zum Beispiel die serielle Gestaltung der Fassade und der Fenster auf. Und beim Entwurf des Grundrisses griff er auf das Prinzip des Goldenen Schnitts zurück und brachte so die Räume in ein harmonisches Verhältnis. Dabei entwickelte er eine neue Erlebnisqualität von Architektur, wie sie erst beim Gang durchs Gebäude oder seiner Umrundung erfahrbar wird. Überall durchschreitet man offene Räume, die ungewohnte Blicke zwischen Außen und Innen ermöglichen. Vom Gehweg vor dem Haus gewinnt man den Eindruck, als stünde man in den Werkstätten, in die aufgrund der kristallklaren Glasfront die Bäume draußen hineinzuwachsen scheinen.

Was für heutige Betrachter zumindest keine ungewöhnliche Erfahrung mehr sein mag, löste doch seit 1926 zahlreiche Kontroversen aus. Und schon der Neubau des 1919 in Weimar gegründeten Bauhauses war die Folge der von der nationalkonservativen Regierung Thüringens erzwungenen Schließung am Gründungsort. Die fortdauernde konservative Kritik an den fortschrittlichen Ideen der Hochschule und an dem Gebäude als zu technokratisch und undeutsch führte schließlich zur abermaligen Schließung.

Glasfassade des Werkstattflügels Foto: Hans-Wulf Kunze 2005, Stiftung Bauhaus Dessau

Sowohl Kritiker wie auch Anhänger der Moderne vereinnahmten Gropius Entwurf für ihre Argumentation aus ganz unterschiedlichen ideologischen Haltungen heraus. Ausführlich dokumentiert die Ausstellung diesen Streit, ergänzt um zwei Bände der Bauhaus-Edition, die weitere neue Aspekte des Gründungsbaus der Moderne aufzeigen.

Während das Bauhaus 1932 in Dessau abermals schließen muss, jubelte eine Ausstellung des Museums of Modern Art den Gropius-Bau als herausragendes Beispiel für den neu ausgerufenen "Internationalen Stil" hoch, ganz entgegen der Haltung des Architekten zu solchen Kategorisierungen. Schon zwei Jahre zuvor hatte sich Gropius gegen eine Verallgemeinerung und, wie man heute sagen würde gegen ein "Branding" der Dessauer Architektur und Kunst als einer verbindlichen Darstellungsform ausgesprochen: "Das Ziel des Bauhauses ist eben kein Stil, kein System, Dogma oder Kanon, kein Rezept und keine Mode! Es wird lebendig sein, solange es nicht an der Form hängt, sondern hinter der wandelbaren Form das Fluidum des Lebens selbst sucht!"

Die Kritik an der modernen Architektur reißt bis heute nicht ab. Manche Metaphern des Missfallens gegenüber ihren Bauprinzipien aus den 50er Jahren scheinen sich bis heute hartnäckig zu halten und werden immer dann laut, wenn es um das Bauen mit Beton, Stahl und Glas geht. Kalt, abweisend und hässlich sowieso, lauteten die Vorwürfe während der in der Nachkriegszeit der BRD geführten "Bauhausdebatte" die die vermeintlich bloß zweckorientierte Moderne an den Pranger stellte.

Saniertes Treppenhaus des Nordflügels Foto: Martin Brück 2006, Stiftung Bauhaus Dessau

Dabei scheint sich das Gebäude heute mehr denn je einer einfachen Klassifizierung zu entziehen, hat es sich doch nach mehreren Umbauten und Sanierungen verwandelt. Und nicht erst mit der neuen Farbgebung löst sich der Eindruck einer strengen Einheitlichkeit eines ausschließlich nach funktionalen Erfordernissen entworfenen Gebäudes auf, wie es wohl die meisten als Bild eines modernen Hauses vor Augen haben. Bisweilen gewinnt man sogar den Eindruck eines "postmodernen Patchworks, nachdem mehrere Generationen von Restauratoren an und in den weißen Kuben werkelten.

Bei der jetzt abgeschlossenen Sanierung entschied man sich dafür, diese verschiedenen Bauschichten in Teilen zu konservieren, an anderer Stelle aber zu rekonstruieren. So sollte der Zustand von 1976, als die Nachkriegsschäden beseitigt wurden und die DDR das Bauhaus nach der Brandmarkung als formalistischer Bau in den 50er Jahren als Denkmal neu entdeckte, pflegte und hoch achtete, neben der Rekonstruktion des Entwurfs aus dem Jahr 1926 sichtbar bleiben. Auch wenn eine solche Praxis umstritten ist:

Im Falle des Bauhausgebäudes haben wir uns bewusst für ein Sowohl-als-auch entschieden - einerseits galt es, das ästhetische Erlebnisbild der Bauzeit wiederherzustellen, anderseits sollen partiell Dokumente der historischen Dialektik von Zerstörung und Wideraufbau im 20. Jahrhundert gezeigt werden.

Omar Akbar

Inzwischen ist die "Ikone der Moderne", 1996 in die Liste des Welterbes der UNESCO aufgenommen, sogar zu noch größerer Popularität gekommen und zieht Touristen auch nach Dessau an, die die ansonsten ausgesprochen hässliche Stadt meiden und allenfalls wegen des nahe gelegenen weitläufigen Wörlitzer Gartenreichs auf der Durchreise besuchen würden. Und mit der Jubiläumsausstellung ist nun die Musealisierung des Bauhauses mit Kapiteln über die Sanierungsarbeiten, die Architektur und ihre Wirkung und der Dokumentation der schon angesprochenen Kontroversen um das Bauhaus in vollem Gang.

Um das Gebäude als sein eigenes Exponat in sich selbst ausstellen zu können, haben die Ausstellungsmacher sich einen besonderen Kniff überlegt, den Besuchern die Prinzipien der modernen Architektur zu vermitteln. Sie verdoppeln das Haus imaginär und drehen das Duplikat um fünf Grad zum Grundriss des Originals. Teile dieser Kopie markieren als bauliche Intervention originelle Aspekte des Bauhauses, auf die Besucher bei ihrem Rundgang überall im Haus stoßen.

Modell für das zeitgenössische Bauen

Und was geht uns das Bauhaus über seinen Status als Ikone der Moderne, als millionenfach reproduziertes Bild heute noch an? In Dessau werden schon seit langem keine Architekten und Designer mehr ausgebildet. Die Stiftung Bauhaus als Nachfolgeinstitution beschäftigt sich neben der Pflege und Erforschung des Bauhauserbes mit der Zukunft städtischen Lebens weltweit. Regional vor Ort selbst mit der Internationalen Bauausstellung 2010, die Lösungen für den Stadtumbau Ost finden soll (dazu der Eichen statt Plattenbauten).

Wie Klarheit, Sachlichkeit und Zweckmäßigkeit der "Ikone der Moderne" das zeitgenössische Bauen beeinflussen, darüber berichtet die Dessauer Schau über die Geschichte der Kontroversen um das Bauhaus hinaus nichts. Dabei variieren Architekten Kuben, aus denen auch das Bauhaus zusammengesetzt ist, mittlerweile nicht nur mit weißen, sondern auch mit bunten Außenfassaden und den verschiedensten Variationen. Wie sich Farbe mit Sachlichkeit und Funktionalität verbinden lässt, dafür ist Friedrich Tuczeks und Gunnar Tauschs Anbau der Bremer Jugendherberge ein Beispiel. Statt eines weißen oder grauen Würfels oder viel Glas und Stahl zu verbauen, die zum Repertoire der Moderne gehören, konstruierten sie einen farbigen Quader. Die leuchtenden Gelbtöne verbreiten eine fröhliche Stimmung, was auf die jungen Gäste sicherlich einladend wirkt.

Und nach wie vor gibt die "Weiße Moderne" ein Modell ab für zeitgenössisches Bauen. Ein Beispiel dafür sind die Arbeiten von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, Gründer des japanischen Büros Sanaa (das in Deutschland mit seinem Bau der Zollverein School in Essen Furore machte, dessen Fenster die Außenwände wie die Löcher bei einem Schweizerkäse auflockern). Sie stellen sich sogar der Herausforderung, mit dem Berliner Bauhausarchiv einen Gropius-Bau zu erweitern und um einen Neubau zu ergänzen. Die Japaner empfinden ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen ihren Arbeiten und denen der Bauhausarchitekten. "Beide versuchen, mit einfachen Mitteln ihren Zweck zu erfüllen", sagen sie.

Saniertes Treppenhaus des Nordflügels Foto: Doreen Ritzau 2006, Stiftung Bauhaus Dessau

Ähnlich wie die Meister der Moderne bestechen Sanaas Bauten durch die Klarheit ihrer Formen und öffnen ihre Häuser durch die Verwendung von transparenten Materialien von innen nach außen und umgekehrt. Und nicht nur im Museumsbau lebt das Bauhaus-Modell fort. Auch die Pläne für Eigenheime der Firma Kantweg sprechen für eine gewisse Popularität. Deren Kuben sehen aus wie perfekte Kopien der Dessauer Meisterhäuser, in denen die Dessauer Hochschullehrer wohnten. Und Olaf Bahner, Sprecher des Bundes der Deutscher Architekten, erklärte im Hamburger Abendblatt sogar, es gebe eine Rückkehr der Bauhauskultur. "Man baut zwar nicht mehr wie 1920, aber Stil und Philosophie werden wieder belebt durch Kubenformen und großflächige Fenster." Damit verbunden sei der Wunsch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Für Mathias Sauerbruch sind die Unterschiede zwischen dem Bauhaus und der heutigen Architektengeneration zum größten Teil auf Veränderungen im generellen Kontext der Zeit, nicht aber auf eine grundsätzlich andere Herangehensweise zurückzuführen. Zu Fortschritt und Technik nehme man heute eine weitaus kritischere Haltung ein, als es in den 1920er Jahren noch der Fall war. Im Begleitbuch zur Ausstellung weist der Architekt darauf hin, dass sein Büro Sauerbruch Hutton bewusst in der Tradition der Moderne arbeitet, für das die Verbindung von Rationalität und Sinnlichkeit ebenso wie die Integration des gesamten Spektrums ästhetischer Ausdrucksmittel, wie sie heute noch am Bauhaus zu sehen seien, beispielhaft sei.

Bald schon wird das Bauhaus mit der Wiederentdeckung der Farbigkeit des Gebäudes ein weiteres Mal an Popularität gewinnen, dieses Mal als bunte Ikone der Moderne, die gar nicht so spartanisch gestaltet ist, sondern sinnenfroh.

Ausstellung bis zum 11.3.2007, täglich 10-18 Uhr. Ein Lesebuch "Ikone der Moderne - Das Bauhausgebäude in Dessau" ergänzt die Ausstellung. Es behandelt in drei Kapiteln - "Architektur", "Bild" und "Denkmal"- Aspekte der Ausstellung und kostet 24,80 Euro. Eindrucksvoll und reich bebildert dokumentiert und diskutiert ein zweiter Band, "Archäologie der Moderne. Sanierung Bauhaus Dessau" die Rekonstruktion (29,80 Euro). Beide Bände sind in der Edition Bauhaus im Jovis-Verlag erschienen.

(Jörg Brause)