Die Wirklichkeit ist ein Konstrukt des Bewußtseins

Simulation - Bewußtsein - Existenz

Der Roboterforscher Hans Moravec hat bereits eine postbiologische Zukunft verkündet, wenn unsere mit einem anderen Körper ausgestatten Mind Children bald, wie er glaubt, uns mit ihrer Intelligenz überholen. In seinem für Telepolis verfaßten Aufsatz versucht er mit philosophischen und physikalischen Argumenten zu begründen, daß es nicht eine Wirklichkeit gibt, sondern unendlich viele Welten, die vom Bewußtsein abhängen. Roboter und virtuelles Leben existiert möglicherweise in ganz anderen Welten, die uns verschlossen sind. Science Fiction oder tatsächlich wissenschaftliche Spekulation?

Hans Moravec ist Direktor des Mobile Robot Laboratory und Principal Research Scientis im Robotics Institute an der Carnegie Mellon University. Insbesondere seine Vision, den Geist auf eine andere Hardware herunterzuladen, hat Aufsehen erregt und Diskussionen ausgelöst. In einem weiteren Aufsatz schildert die Evolution der postbiologischen Evolution und spekuliert darüber, welche Konsequenzen dies für die Menschen haben könnte - ein eebenso futuristisches wie beängstigendes Szenario.

Der Chaosforscher Otto E.Rössler verfolgt mit seiner endophysikalischen Theorie einen ähnlichen Ansatz wie Moravec. Siehe hierzu das Gespräch mit Rössler über Endophysik

Karikatur eines Roboters der ersten Generation

Während der letzten Jahrhunderte hat die Physik erfolgreich viele Fragen über das Wesen der Dinge beantwortet und unsere Möglichkeiten so enorm erweitert, daß manche sie als den einzig legitimen Anwärter auf den Titel einer wahren Erkenntnis betrachten. Andere Glaubenssysteme können für Gruppen eine gesellschaftliche Nützlichkeit besitzen, um nach ihnen zu handeln, aber letztlich sind sie nur erfundene Geschichten. Ich habe selbst eine Schwäche für einen derartigen physikalischen Fundamentalismus.

Physikalische Fundamentalisten müssen jedoch René Descartes darin zustimmen, daß die Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, ein perfekter Schwindel sein könnte. Im 17. Jahrhundert mußte Descartes einen unwahrscheinlichen bösen Dämon postulieren, der diese Illusion erzeugt, indem er all das, was wir sehen und hören (und empfinden, schmecken und berühren) manipuliert. Im 21. Jahrhundert wird uns die Physik selbst mit der Technologie der Virtuellen Realität die Mittel dafür zur Verfügung stellen.

Enthusiastische Cybernauten ziehen sich bereits VR-Helme und Datenanzüge für kurze Besuche in erfundene Welten an, deren fundamentale Mechanismen sich gänzlich von den Quantenfeldern unterscheiden, die unserem Wissen nach unserer Welt zugrundeliegen.

Die virtuellen Abenteurer von heute aber bleiben in Kontakt mit der wirklichen Welt: sie stoßen an wirkliche Gegenstände und empfinden wirklichen Schmerz. Dieser Zusammenhang wird schwächer werden, wenn direkte Verbindungen mit dem Nervensystem hergestellt werden können, was vielleicht zu der alten Science-Fiction-Idee von einem lebendigen Gehirn in einem Tank führen könnte. Das Gehirn würde körperlich durch eine Maschine am Leben erhalten und mental durch Verbindungen aller peripheren Nerven mit einer perfekten Simulation nicht nur einer umgebenden Welt versorgt werden, sondern auch mit einem Körper, in dem es ist. Gehirntanks könnten Zwischenlager für Unfallverletzte mit unheilbar geschädigten Körpern bis zum Erwerb, zur Aufzucht oder zur Herstellung eines neuen Körpers sein.

Das virtuelle Leben eines Gehirns in einem Tank kann noch immer auf geringfügige Weise durch äußere physikalische, chemische oder elektrische Effekte gestört werden, wenn sie auf den Tank einwirken. Sogar diese geringen Verbindungen mit der materiellen Welt würden sich bei verbesserten Methoden auflösen, die die Körpersimulation noch auf das Gehirn erweitern. Wenn sich beschädigte oder gefährdete Gehirnteile wie der Körper durch funktionell gleichwertige Simulationen ersetzen ließen, könnten einige Individuen eine vollständige körperliche Zerstörung überstehen und als reine Computersimulationen in virtuellen Welten leben.

Eine simulierte Welt, die von einer simulierten Person bewohnt wird, kann eine abgeschlossene Entität sein. Sie könnte als Programm in einem Computer existieren, der Daten still in einer dunklen Ecke verarbeitet und keinen äußerlichen Hinweis auf die Freuden und Schmerzen, Erfolge und Frustrationen der Person in ihm gibt. Innerhalb der Simulation finden andererseits Ereignisse nach der strengen Logik des Programms statt, das die physikalischen Gesetze der Simulation definiert. Der Insasse könnte durch geduldiges Experimentieren und durch Induktion eine Repräsentation der Simulationsgesetze, aber nicht der Natur oder sogar der Existenz des simulierenden Computers ableiten. Die inneren Verhältnisse der Simulation würden die gleichen bleiben, wenn das Programm auf einem der unendlich verschiedenen Computer installiert wäre, wenn es langsam, schnell, mit Unterbrechungen oder sogar in der Zeit vor und zurück liefe, wenn die Daten als Ladungen auf einem Chip, als Markierungen auf einem Band oder als Impulse auf einer Verzögerungsleitung gespeichert wären, wenn die Zahlen der Simulation binär, dezimal oder in römischen Ziffern dargestellt würden, wenn sie zusammen oder weit über die Maschine verstreut wären.

Heutige Simulationen wie die einer Fahrt mit einem Flugzeug oder die des Wetters läßt man ablaufen, um Reaktionen oder Bilder durch zusätzliche Programme zu prüfen, welche die internen Repräsentationen in Formen übersetzt, die für die externen menschlichen Beobachtern geeignet sind. Es gibt das Bedürfnis, Grenzen dafür anzugeben, wie radikal die Hardware- und Software-Repräsentation einer Simulation sein darf. Wird sie zu verschieden von der Form der Reaktionen, dann kann die Übersetzung auf nicht mehr praktikable Weise langsam und teuer werden. Dieses praktische Grenze kann für Simulationen ohne Bedeutung sein, die wie die oben erwähnte imaginierte medizinische Rettung ihre eigenen Beobachter enthält. Bewußte Bewohner von Simulationen empfinden ihr virtuelles Leben, ganz gleich, ob Außenstehende sie sehen können oder nicht. Auch diese können auf irgendeine Weise letztlich eingebaut werden.

Welche Bedeutung hat es für einen Prozeß, eine Simulation zu enthalten oder zu kodieren? Offensichtlich ist etwas dann eine Codierung, wenn es eine Möglichkeit gibt, sie in irgendeiner erkennbaren Form der Simulation zu decodieren oder zu übersetzen. Die Programme, die man zur Veranschaulichung existierender Simulationen verwendet, sind Beispiele solcher Decodierungen, aber sie definieren nicht die Grenzen. Eine heute praktisch nicht durchführbare Übersetzung kann morgen mit leistungsfähigeren Computern, noch unentdeckten mathematischen Ansätzen oder vielleicht einer andersartigen Übersetzung möglich werden. Ähnlich wie Menschen, die sprachlichen Äußerungen oder Zeichen bei ihnen unbekannten Fremdsprachen keine Aufmerksamkeit schenken, weil sie als bedeutungsloses Geschwafel erscheinen, würden wir ziemlich erstaunt sein, wenn uns mögliche Deutungen einfach deswegen entgehen, weil wir sie im Augenblick nicht wahrnehmen können. Andererseits könnten wir fragen, welche mathematische Dekodierungen, unabhängig von ihrer gegenwärtigen oder künftigen Ausführbarkeit, möglich sind. Das scheint ein sicherer und offener Ansatz zu sein, wie ich glaube, aber er führt in ein seltsames Territorium.

Die Interpretation einer Simulation ist nur eine mathematische Umsetzung der Zustände eines Simulationsprozesses in Veranschaulichungen der Simulation, die für einen bestimmten Beobachter eine Bedeutung besitzen. Um diese Interpretation anwendbar zu machen, könnte ein kleines schnelles Programm erforderlich sein, aber mathematisch ließe sich dies auch durch eine riesige Tabelle machen, die für jeden Zustand eine Sichtweise des Beobachters enthält. Das Problem ist lediglich, daß es stets eine Tabelle gibt, die jede Situation, beispielsweise den leeren Zeitfluß, in eine gewünschte Simulation umsetzt. Nicht nur ein hart arbeitender Computer, sondern überhaupt alles läßt sich theoretisch als eine Simulation einer möglichen Welt betrachten! Es ist unwahrscheinlich, daß wir mehr als einen winzigen Teil der Unermeßlichkeit möglicher Welten erkennen, aber je größer die Kapazitäten der Datenverarbeitung werden, desto mehr werden diese potentiell erkennbar. Unabhängig davon, mit welchen wir in Kontakt treten, sind alle diese möglichen Welten für ihre bewußten Bewohner genauso physikalisch wirklich wie für uns unsere Welt.

Diese Argumentationskette, die aus den Prämissen und Techniken der Physik entsteht, führt zur unerwarteten Folge, der körperlichen Existenz nur eine abgeleitete Rolle zuzuweisen. Eine mögliche Welt ist nur so wirklich, wie bewußte Bewohner innerhalb oder außerhalb der Welt denken, daß sie ist!

Aber was ist Bewußtsein? Der vorwissenschaftliche Glaube, daß Menschen die Erfahrung ihrer Existenz geistigen Mechanismen jenseits der materiellen Welt verdanken, hatte zwar beträchtliche soziale Folgen, aber ist als wissenschaftliche Hypothese gescheitert. Die Physik hat erst seit kurzem begonnen, sich dieser Frage mit ihrer Begrifflichkeit unter Berücksichtigung von Forschungsergebnissen der Evolutionsbiologie, Anthropologie, Psychologie und Neurobiologie sowie mit der Hilfe von vielen Computertechniken zuzuwenden.

Das menschliche Bewußtsein ist vielleicht das Nebenprodukt eines Gehirns, dessen Evolution sich im Kontext des sozialen Lebens vollzogen hat. Gedächtniskapazitäten, Fähigkeiten der Vorhersage und Kommunikationsmechanismen, die ähnlich, aber dennoch verschieden von jenen sind, die man zur Erkenntnis materieller Objekte benötigt, entwickelten sich, um die Stimmungen von und die Beziehungen zu Stammesmitgliedern zu klassifizieren und zu kommunizieren. Aggressive und unterwürfige Verhaltensweisen wurden beispielsweise ebenso wie gute und schlechte Gerüche in Kategorien klassifiziert, die nicht nur mit Verhaltensreaktionen, sondern auch mit Kommunikationssymbolen verbunden sind. Als die Sprache sich entwickelte, wurde es möglich, Geschichten über körperliche und psychologische Ereignisse zu erzählen. Ab einem gewissen Punkt, vielleicht schon früh in der Evolution, wendete sich der Mechanismus des Erzählens zurück auf den Erzähler und die Geschichte begann, einen Kommentar über den Geisteszustand des Erzählers und den von anderen einzuschließen.

Unser Bewußtsein kann primär die kontinuierliche Geschichte sein, die wir uns selbst von Augenblick zu Augenblick über das erzählen, was wir gemacht haben und warum wir es gemacht haben. Das ist eine dünne, oft ungenaue und verschleiernde Rationalisierung dessen, was größtenteils unbewußt vor sich geht. Unsere Bewußtseinsgeschichte ist nicht nur eine schwache Widerspiegelung der Wirklichkeit des Körpers und des Gehirns, sondern sie verdankt ihre eigene Existenz einzig einer subjektiven Zuschreibung. Aus einer äußeren, körperlichen Perspektive gesehen, ist die Geschichte nur ein Muster elektrochemischer Ereignisse, die wahrscheinlich in unserem Kortex stattfinden. Eine komplexe psychologische Interpretation ist für die Übersetzung dieser Ereignisse in eine bedeutungsvolle Geschichte notwendig. Aus der inneren, psychologischen Perspektive gesehen, ist die Geschichte zwingend, weil die psychologische Interpretation ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte selbst ist, deren Bezugnahme auf anderes (unbewußt) durch die Querverbindungen der neuronalen Maschinerie des Geschichtenerzählens unterstützt werden.

Einerseits mag unser Bewußtsein also aus einem evolutionären Zufall entstanden sein und erzählt mittels der weit hergeholten Interpretation eines Musters, bestehend aus dünnen, salzigen Flüssigkeitsspritzern, eine unglaubwürdige Geschichte. Andererseits ist unser Bewußtsein der einzige Grund, warum wir denken, daß wir existieren (oder daß wir denken). Ohne es gäbe es keine Überzeugungen, keine Empfindungen, kein Existenzwahrnehmung, kein Universum.

Und was ist Wirklichkeit? Die Vorstellung einer simulierten Existenz ist der erste Schritt in einer verwirrenden Gedankenkette. Genauso wie die literarische Beschreibung eines Ortes in verschiedenen Sprachen, Ausdrucksformen, Druckformaten und materiellen Medien existieren kann, kann die Simulation einer Welt in radikal unterschiedlichen Datenstrukturen, Verarbeitungsschritten und Typen von Hardware implementiert sein. Wenn man eine Simulation unterbricht, die auf einer Maschine läuft, und ihre Daten und ihr Programm so übersetzt, daß sie auf einem völlig unterschiedlichen Computer läuft, dann folgen die internen Eigenschaften der Simulation mitsamt der mentalen Aktivität ihrer Bewohner weiterhin getreu den simulierten physikalischen Gesetzen. Nur Beobachter, die sich außerhalb der Simulation befinden, können bemerken, daß die neue Maschine schneller läuft, ihre Schritte ruckartig erfolgen oder eine ausgefeiltere Interpretation nötig wird, um seine Verarbeitungsweisen sinnvoll zu machen.

Eine Simulation beispielsweise des Wetters kann man als eine Reihe von Zahlen betrachten, die Schritt für Schritt in andere Zahlen transformiert werden. Die meisten Computersimulationen besitzen unabhängige Visualisierungsprogramme, die die internen Zahlen in eine extern bedeutungsvolle Form übersetzen, beispielsweise in Bilder von sich entwickelnden Wolkenmustern. Die Simulation aber läuft mit oder ohne einer solchen ihr äußerlichen Interpretation. Wenn die Datenrepräsentation einer Simulation transformiert wird, durchläuft sie eine völlige unterschiedliche Zahlenfolge, obgleich ein entsprechend verändertes Visualisierungsprogramm dieselben Bilder erzeugen wird.

Es gibt keine objektive Grenze dafür, wie groß eine solche Veränderung sein darf. Jede Simulation kann fast durch jede Sequenz repräsentiert werden und mittels der richtigen Interpretation noch immer erkennbar sein. Eine einfache Uhr simuliert die Evolution einer komplexen Welt, wenn man sie durch ein weltbeschreibendes Drehbuch oder eine Filmsequenz interpretiert, die gemäß dem Ticken einer Uhr aufgebaut sind. Selbst die Uhr ist überflüssig, da ein äußerer Beobachter mit Muße das Buch lesen oder den Film sehen kann. Wenn die Interpretation einer Simulation etwas Äußerliches ist, das man entbehren kann, während sich ihre zentrale Implementation bis in jedes Detail hinein verändern läßt, in welcher Hinsicht kann man dann überhaupt noch davon sprechen, daß eine simulierte Welt existiert?

Der mathematische Realismus, eine von Platon eingenommene philosophische Position, löst dieses Problem durch die Einführung des Unkörperlichen. Genauso wie materielle Objekte von den Sinnen wahrgenommen werden, können mathematische Objekte wie Zahlen oder Formen vom abstrakten Denken erfaßt werden, so daß sich objektiv verifizierbare Merkmale erkennen lassen. Für Platon waren mathematische Begriffe genauso wirklich wie materielle Objekte. Sie sind für die äußeren Sinne nur ebenso unerkennbar, wie Töne von den Augen nicht wahrgenommen werden können.

Computersimulationen geben dem mathematischen Realismus seinen vollen Umfang. Platons Geist konnte ohne Hilfsmittel nur mit einfachen mathematischen Objekten umgehen, was zu solchen Dichotomien führte wie der zwischen einer perfekten Kugel und einer gesprenkelten, zerkratzten Kugel aus Marmor, die man in der Hand hält. Computersimulationen erweitern wie ein Fernrohr für das Auge des Geistes die Wahrnehmung über den nahen Bereich von einfachen Objekten bis hin zu den Einzelheiten weit entfernter Welten, die so komplex wie die materielle Wirklichkeit und potentiell erfüllt von Lebewesen, Intelligenzen oder Ähnlichem sind. Unsere eigene Welt ist aus dieser Perspektive nur eine unter diesen erkennbaren Welten, die durch abstrakte, von uns physikalische Gesetze genannte Relationen bestimmt sind, ebenso wie jede Simulation durch ihre internen Regeln definiert wird. Der Unterschied zwischen der materiellen und der mathematischen Wirklichkeit ist die Illusion eines bestimmten Standpunktes: die materielle Welt ist nur diejenige abstrakte Welt, die uns zufälligerweise enthält.

Die platonische Position hinsichtlich von Simulationen läßt das beschworene Unkörperliche begreifbar werden, ohne das eine Interpretation nur sinnvoll im Kontext einer anderen Interpretation ist. Sie bringt einige der Probleme mit einer intelligenten Maschinerie zum Verschwinden. Einige Kritiker behaupten, daß eine Maschine keinen Geist enthalten könne, da die Funktion einer Maschine gänzlich von der Interpretation von außen abhänge, während der menschliche Geist seine eigene Bedeutung enthalte. Aus der platonischen Position lautet die Antwort darauf, daß die den Geist und seine eigene Selbstinterpretation konstituierenden Relationen unabhängig von ihm existieren, und daß ein Roboter, ein Simulator oder ein Buch, das die Vorgänge beschreibt, genauso wie ein menschliches Gehirn eine Weise darstellen, diese zu erkennen. Andere Kritiker meinen, daß künftige Roboter wie intelligente, empfindsame Lebewesen handeln könnten, ohne eine innere Wahrnehmung ihrer Existenz zu besitzen, daß sie unbewußte, geistlose Zombies sein würden. Ein Platonist wird darauf Folgendes antworten: Obgleich es tatsächlich Interpretationen von jedem Mechanismus (auch vom menschlichen Gehirn) gibt, die ihn als geistlos erscheinen lassen, gibt es doch auch andere, durch die dieser einen wirklichen, sich selbst erkennenden Geist besitzt. Wenn ein Roboter (oder eine Person) sich so verhält, als habe er bzw. sie Überzeugungen und Gefühle, dann wird unser Verhältnis zu ihm bzw. zu ihr normalerweise durch die Entscheidung für eine Interpretation besitzt einen Geist erleichtert. Natürlich kann es für einen Robotikingenieur (oder einen Gehirnchirurgen) besser sein, wenn er mit den inneren Strukturen zu tun hat, vorübergehend zur Interpretation geistloser Mechanismus überzugehen.

Für den Platonismus stehen mechanische Simulationen, die jedes Detail genau nachahmen, auf denselben Grundlagen wie grobe Annäherungen, kinematische Rekonstruktionen, literarische Beschreibungen, leere Spekulationen, Träume oder sogar zufälliges Stammeln: Alles kann als ein Bild von Wirklichkeiten interpretiert werden. Die genaueren Darstellungen haben nur einen schärferen Brennpunkt und verschmelzen weniger alternative Welten. Doch gibt es nicht einen riesigen Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Live-Simulation einer Welt und einer Simulation, die vollständig verändert wurde und ein Buch oder einen Film als Zeugen benötigt, um sich auf die sich entfaltenden Ereignisse zu beziehen?

Eine sinnvolle Interaktion ist in beiden Fällen nur durch eine Interpretation möglich, welche die simulierte Welt mit dem Außen verbindet. In einer interaktiven Simulation ist der Visualisierungsmechanismus nicht mehr passiv und überflüssig, sondern ein bidirektionaler Kanal, der Informationen zur und von der Simulation leitet. Einen solchen Kanal kann es auch bei Büchern oder Filmen geben, die alternative Szenarien für mögliche Inputs enthalten. Texte zum programmierten Lernen, wie sie in früheren Jahrzehnten populär waren, hatten eine solche Form durch Anweisungen wie: "Wenn Sie A geantwortet haben, gehen Sie zur Seite 56, wenn Sie B geantwortet haben, gehen Sie zur Seite 79 ...". Einige Laserdisk-Videospiele erzielen den Eindruck einer interaktiven Simulation, indem sie Videoclips abhängig von den Handlungen des Spielers ablaufen lassen. Mathematisch kann jeder interaktive Mechanismus, sei es ein Roboter oder ein Mensch, als eine kompakte Kodierung eines Scripts mit Reaktionen auf alle möglichen eingespielten Geschichten verstanden werden. Der Platonismus behauptet, daß die Seele nicht in der Mechanik der Codierung, sondern in den abstrakten Relationen repräsentiert wird.

Karikatur eines sehr fortgeschrittenen Roboters

Diese Position scheint schreckliche moralische Implikationen zu enthalten. Wenn die Simulation einfach nur Fenster in platonische Wirklichkeiten eröffnet und Roboter und Menschen, genauso wie Bücher, Filme oder Computermodelle, nur Bilder dieser Wesenheiten sind, dann sollte es nicht schlimmer sein, einen Menschen, ein Tier oder einen fühlenden Roboter zu mißhandeln, als sich für eine grausame Tat in einem Videospiel oder interaktiven Buch zu entscheiden - immer sieht man nur bereits zuvor existierende Wirklichkeiten. Doch Entscheidungen bringen dank der seltsamen Verknüpfung des physikalischen Gesetzes und der psychologischen Interpretation, die einzelne Bewußtseinsstränge mit unvorhergesehenen Zukünften und unabänderlichen Vergangenheiten erzeugt, Konsequenzen für denjenigen mit sich, der sie trifft. Durch unsere Entscheidungen finden wir unseren Weg durch die Unmenge an möglichen Welten, gehen wir an gleichermaßen wirklichen Welten mit gleich wirklichen Versionen unserer selbst und anderer vorbei und entscheiden uns für die Welt, in der wir leben müssen. Gibt es also keinen Unterschied zwischen der Grausamkeit gegenüber Personen in interaktiven Büchern oder Videospielen und Menschen, denen man auf der Straße begegnet?

Bücher und Spiele wirken auf die Zukunft des Lesers oder Spielers nur durch den Geist ein, und Handlungen in ihnen werden meist rückläufig gemacht, wenn das Erlebnis vergessen wird. Körperliche Handlungen haben im Gegensatz dazu eine größere Bedeutung, weil ihre Folgen sich irreversibel entfalten. Wenn vergangene materielle Ereignisse sich so leicht verändern ließen wie in einigen Erzählungen über Zeitreisen, dann würde das wirkliche Leben die moralische Bedeutung eines Videospiels erhalten. Verwirrender jedoch ist, daß jede abgeschlossene Handlung, deren Auswirkungen sich vernachlässigen lassen, unter die Kategorie eines Videospiels fallen kann.

Die Schöpfer von hyperrealistischen Simulationen - oder sogar von sicheren materiellen Gefängnissen -, die sich vor Schmerzen krümmende Individuen enthalten, sind nicht böser als die Autoren einer fiktiven Geschichte über gepeinigte Personen oder als ich, wenn ich diesen Satz schreibe, der sich in aller Unbestimmtheit auf diese bezieht. Das Leiden existiert bereits vorher in den allem zugrundeliegenden platonischen Welten und die Autoren betrachten es nur. Die Bedeutung, solche Simulationen auszuführen, ist beschränkt auf die Wirkung auf die Leser, die durch dieses Erlebnis möglicherweise beeinflußt werden, und durch die Möglichkeit von "Ausbrechenden" - von gequälten geistigen Wesen, die im Prinzip entwischen könnten, um die Welt in Datennetzen oder materiellen Körpern heimzusuchen. Mögliche Quälgeister und ärgerliche Dämonen müssen sicherlich als moralische Folge gelten. So gesehen besitzt die Mißhandlung von Menschen, intelligenten Robotern oder Individuen in Simulationen mit großer Auflösung eine größere moralische Bedeutung, als wenn man dasselbe bei Simulationen mit geringer Auflösung oder in fiktionalen Werken macht - nicht, weil die leidenden Individuen wirklicher sind (das sind sie nicht), sondern weil die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Folgen in unserer eigenen künftigen Welt größer ist.

Die seltsamste Implikation dieser Gedankenkette ist, daß alles so interpretiert werden kann, als würde es eine abstrakte Eigenschaft besitzen. Unter der Voraussetzung des richtigen Drehbuchs kann man das thermische Aufeinanderstoßen der Atome in einem Stein als Handlung eines komplexen selbstbewußten Geistes betrachten. Das ist ziemlich eigenartig. Wir nehmen uns so wahr, als hätten wir einen Geist, aber wir glauben nicht, daß Steine einen besitzen. Doch Interpretationen sind oft mehrdeutig. Die unverständlichen Töne und Geräusche an einem Tag können an einem anderen sinnvolle Gedanken werden, wenn man sich in der Zwischenzeit eine fremde Sprache aneignet. Ist das Mount Rushmore Monument eine Felsenformation oder stellt es die Gesichter von vier Präsidenten dar? Ist die Figur eines Bauchredners ein Stück Holz, ein menschliches Simulakrum oder eine Persönlichkeit, die am Körper und Geist des Bauchredners teil hat? Ist ein Videospiel eine Schachtel aus Silikonteilen, ein elektronischer Schaltkreis, der seine eigenen Flips betätigt, ein Computer, der einer langen Liste von Befehlen folgt, oder eine große zweidimensionale Welt, die von den Mario-Brüdern und ihren Pilzgegnern bewohnt wird?

Manchmal beuten wir fernliegende Interpretationen aus: Eine verschlüsselte Botschaft ist bedeutungsloses Gestammel, es sei denn, sie kann durch eine bewußt unverständliche Dekodierung decodiert werden. Menschen haben stets eine bescheidene Anzahl von Interpretationen benutzt, doch Computer erweitern den Horizont. Der erste elektronische Computer wurde von Alan Turing gebaut, um interessante Interpretationen von Kriegsbotschaften zu finden, die von Deutschland aus zu seinen U-Booten gesendet wurden. Wenn unsere Gedanken mächtiger werden, vergrößert sich auch unser Repertoire an verwendbaren Interpretationen. Wir können Hebel und Gelenke in den tierischen Gliedmaßen und Schönheit in der Morgenröte entdecken: Unsere Mind Children sind vielleicht in der Lage, bestens funktionierende intelligente Mechanismen in den komplexen chemischen Vorgängen von Pflanzen, interstellaren Wolken oder den Erschütterungen der kosmischen Strahlung zu erkennen. Keine bestimme Interpretation wird ausgeschlossen, aber der Raum aller Interpretationen ist exponentiell größer als der Umfang von individuellen Interpretationen- und wir können vielleicht niemals mehr als einen unendlich großen Bruchteil davon erfassen.

Der Geist der Steine mag für uns immer im riesigen Meer chaotischer Steininterpretationen verloren sein. Dennoch ist der Geist der Steine für sie selbst ganz offenbar und sind wir für sie im bedeutungslosen Chaos verloren. Daher ist für unsere Existenz wahrscheinlich nur ein Bruchteil aller möglichen Interpretationen entscheidend.

Ohne Selektion gibt es keinen Inhalt und keine Bedeutung. Der Bereich aller möglichen Welten ist aus einer Perspektive unendlich groß und aus einer anderen leer. Stellen Sie sich ein Buch vor, in dem die detaillierte Geschichte einer Welt enthalten ist, die der unseren ähnelt. Das Buch ist so dicht wie möglich geschrieben: die Ausführung der Einzelheiten wird den Lesern als Hausarbeit überlassen. Aber auch mit einer maximalen Kompression würde es ein astronomisch großer Band sein, gefüllt mit Neuheit und spannenden Inhalten - die ganze Bibliothek wäre durch den kurzen und langweiligen Satz in Kursivschrift angemessen definiert. Die Bibliothek als ein Ganzes enthält so wenig Inhalt, daß der Aufwand, ein Buch aus ihr herauszuholen, derselbe ist, wie eines zu schreiben. In der Bücherei könnten sich Bücherstapel befinden, deren Beschriftung von A bis Z reicht, und einige weitere für eine genauere Unterteilung, die sich in ähnlich beschriftete Unterstapel verzweigen, die sich wiederum in Unterstapel verzweigen und so endlos weiter. An jedem Verzweigungspunkt befindet sich ein Buch, dessen Inhalt die Sequenz der Buchstaben der Stapel ist, die man ausgewählt hat, um zu ihm zu gelangen. Jedes Buch kann in der Bibliothek gefunden werden, aber dazu muß der Leser zunächst einen ersten Buchstaben auswählen, dann einen zweiten, dann einen dritten, ebenso wie jemand ein Buch schreibt, indem er jede Taste mit einem Zeichen versieht. Der Inhalt des Buches hängt gänzlich von den Entscheidungen des Lesers ab. Die Bibliothek enthält keine zusätzliche Information.

Obwohl der Inhalt überall frei ist, enthält die Bibliothek eine unendliche Zahl von einzelnen Büchern mit wahnsinnig interessanten Geschichten. Personen in einigen diesen Büchern, die von dem großen Gestammel isoliert sind, das die Bibliothek aus einer äußeren Perspektive wertlos erscheinen läßt, können sehr wohl Gefallen an ihrer eigenen Existenz finden, indem sie ihre eigene Geschichte in einer konsistenten Weise so wahrnehmen und interpretieren, daß sie ihre eigene Bedeutsamkeit zu erkennen gibt - ein Rezept, das wahrscheinlich das Geheimnis des Lebens und der Existenz ist, und der Grund dafür, uns selbst in einem großen und geordneten Universum mit konsistenten physikalischen Gesetzen vorzufinden, das eine Zeitrichtung und eine lange Evolutionsgeschichte besitzt.

Wenn sich unsere Welt selbst von der riesigen (und unerforschbaren) Mehrzahl möglicher Welten durch den Akt der Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis abhebt, wer ist dann der Wahrnehmende und Erkennende? Der menschliche Geist mag dazu in der Lage sein, sein eigenes Tun als bewußt zu interpretieren und sich so vor einem bedeutungslosen Dasein als Zombie zu bewahren, doch sind wir wenigen Menschen und andere Lebewesen - festgenagelt auf einem Fleckchen in einer dunklen Ecke und nur gelegentlich und dunkel der markantesten Eigenschaften unserer unmittelbaren Umgebung und direkten Vergangenheit bewußt - nicht in der Lage, dem gesamten sichtbaren Universum Bedeutung zu verleihen, das voller unvorstellbarer Überraschungen, 10 hoch 40 mal größer und 10 hoch 70 mal umfangreicher ist und 10 hoch 10 mal länger existiert hat als wir selbst. Unsere gegenwärtige Erkenntnis scheint eher einem Cartoon in der Wochendausgabe einer Zeitung zu gleichen.

Im Buch Das antropische kosmologische Prinzip der Physiker John Barrow und Frank Tipler und in Tiplers neuester Veröffentlichung Die Physik der Unsterblichkeit wird die Behauptung aufgestellt, daß die entscheidenden Abschnitte der Geschichte erst in unserer Zukunft liegen, wenn das Universum stärker durch die willkürlichen Leistungen der Intelligenz als durch die einfachen und blinden Gesetze der Physik gestaltet sein wird. In ihrer Kosmologie der Zukunft werden, wie in der meinen, von Menschen hervorgebrachte intelligente Wesen sich im Weltraum ausbreiten, bis das ganze erreichbare Universum von einem zusammenhängenden Geist bewohnt wird, der die Ereignisse von der mikroskopischen Dimension der Quanten bis zur makroskopischen des Universums beeinflußt und einen Teil seiner Energie auch dafür einsetzt, die Vergangenheit zurückzurufen.

Tipler und Barrow sagen vorher, daß das Universum geschlossen ist. Es ist groß genug, um seine gegenwärtige Ausdehnung in einem künftigen Urknall wieder umzukehren, vielleicht indem es sich selbst in die kosmische Hintergrundstrahlung einschreibt. In der Folge des Urknall steigt die Temperatur der Strahlung und daher auch deren Frequenz sowie die Geschwindigkeit des Geistes, und es gibt immer mehr hochfrequente Wellenformen um Information zu speichern. Durch eine vorsichtige Steuerung, die Ereignishorizonte vermeidet, aufgrund derer seine Bestandteile sich voneinander lösen, und durch den Einsatz der Gravitationschubkraft aus den Asymmetrien des Urknalls, so meinen Tipler und Barrow, kann der kosmische Geist eine größere Rechenleistung und größere Gedächtniskapazitäten während jeder verbleibenden Zeithälfte bis zur endgültigen Singularität gewinnen, als er dies in der vorangehenden Hälfte tat und so eine niemals zum Ende kommende Unendlichkeit der Zeit und des Denkens erleben.

Wenn er nachdenkt, verbinden sich in ihm Auswirkungen aus der Vergangenheit des Universums. Es gibt genügend Informationen, Zeit und Denkkapazitäten, um jedes Detail jeden Augenblicks wieder zu erschaffen, zu genießen, zu beurteilen und zu vervolkommnen. Tipler und Barrow behaupten, daß dieser endgültige, subjektiv ewige Akt einer unendlichen Selbstinterpretation in Wirklichkeit unser Universum erzeugt und es von den anderen abgrenzt, die in der Bibliothek aller Möglichkeiten verloren sind. Wir existieren wirklich, weil unsere Handlungen schließlich in diesen Omega Punkt (ein Begriff, der vom Jesuiten Teilhard de Jardin, einem Paläontologen und radikalen Philosophen, stammt) münden.

Tiplers neues Buch stellt die Zukunftskosmologie des Omegapunkts ausführlich dar und verbindet die transzendenten Schlußfolgerungen aus diesen strikt physikalischen Überlegungen mit den zentralen Glaubensvorstellungen der großen Weltreligionen. Es weist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das beginnende Ende des jahrhudertelangen Schismas zwischen denen hin, die die Natur der Dinge erforschen, und jenen, die nach Bedeutung suchen.

Obgleich unsere Augen und Arme ohne Anstrengungen vorhersehen lassen, daß Felsen sich emporheben lassen, wie ein Hebel funktioniert oder ein Pfeil fliegt, war die Mechanik für unsere allzu gedankenschweren Vorfahren ein tiefes Geheimnis, die darüber grübelten, wie Steine fallen, Rauch aufsteigt oder der Mond ruhig seine Bahnen zieht. Die Mechanik Newtons revolutionierte durch die genaue Formalisierung der Augen- und Muskelintelligenz die Wissenschaft und erschloß dem viktorianischen Zeitalter einen körperlich zufriedenstellenden geistigen Zugriff auf die materielle Welt. Im 20. Jahrhundert wurde dieser Ansatz des Common Sense schrittweise auf die Biologie und Psychologie erweitert. Die Physik jedoch ging inzwischen über den Common Sense hinaus. Sie mußte, wie sich herausstellte, überarbeitet werden, weil sich das Licht nicht in den Rahmen der Newtonschen Physik einfügte.

Mit einem schnellen Schlag wurde das intuitive Verständnis von Raum, Zeit und Wirklichkeit zerstört - zuerst durch die Relativitätstheorie, bei der Zeit und Raum sich je nach Perspektive verändern, und schließlich noch schwerwiegender durch die Quantenmechanik, in der Ereignisse ihre objektive Existenz verlieren. Obwohl die neuen Theorien korrekt die Alltagsmechanik und die wichtigen Eigenschaften der Welt wie die Stabilität der Atome und die Endlichkeit der Wärmestrahlung beschrieben, attackierten sie auf der Ebene der Konzepte und der Schlußfolgerungen den Common Sense so stark, daß sie bis heute immer wieder Mißverständnisse und unerbittliche Abwehrversuche hervorrufen. Doch die Attacke wird noch heftiger werden. Die Allgemeine Relativitätstheorie, die bei großen Maßstäben und Massen überaus genau ist, wurde noch nicht mit der Quantenmechanik in Übereinstimmung gebracht, die überaus genau bei kleinen Maßstäben und riesigen Energiekonzentrationen ist. Noch nicht abgeschlossene Versuche, sie in einer einzigen Theorie zu vereinigen, weisen auf Möglichkeiten hin, die sogar ihre individuellen, seltsam anmutenden Eigenschaften übersteigen.

Die Fremdartigkeit beginnt bereits hinter den Rändern der Alltagswelt. Wenn Gegenstände sich von einem Ort zu einem anderen bewegen, dann glaubt der Common Sense, daß dies aufgrund einer einzigen bestimmten Trajektorie geschieht. Aber das ist nicht so, sagt die Quantenmechanik. Ein Teilchen nimmt in einem nicht beobachteten Flug solange jeden möglichen Weg gleichzeitig, bis es wieder beobachtet wird. Die Unbestimmtheit der Trajektorie zeigt sich in dem Interferenzmuster, das durch Wellen erzeugt wird, die sich ausbreiten und wieder verbinden, die sich dort übereinander lagern, wo sie aufeinander treffen, und dort aufheben, wo sie außer Tritt geraten. Ein Photon, ein Neutron oder sogar ein ganzes Atom, das zu einer Reihe von Detektoren durch einen Schirm mit zwei Schlitzen geschickt wird, verfehlt stets eine bestimmte Zahl von Detektoren, weil die Welle seiner möglichen Positionen, nachdem es durch die beiden Schlitze geflogen ist, sich dort aufhebt.

Experimentelle Ergebnisse zwangen die Weltsicht der Quantenmechanik Schritt für Schritt den widerstrebenden Physikern während des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts auf. Noch immer ist diese Sicht unvollständig. Die Theorie kann genau das Unbeobachtete beschreiben, wenn sich ein Teilchen beispielsweise wie eine Welle ausbreitet. Aber sie scheitert an der Definition oder an der Festlegung des Beobachtungsaktes, wenn die Wellenfunktion zusammenbricht und das Teilchen an genau einem seiner möglichen Orte mit einer Wahrscheinlichkeit erscheint, die von der Intensität seiner Welle dort abhängt. Das kann geschehen , wenn der Detektor antwortet, wenn die mit dem Detektor verbundenen Meßinstrumente dies registrieren, wenn der Experimentator die Angaben der Meßinstrumente bemerkt oder sogar wenn die Welt in den Physikzeitschriften über das Ergebnis benachrichtigt wird!

Im Prinzip, wenn nicht sogar in der Praxis, kann der Moment des Zusammenbruches bestimmt werden: vor dem Kollaps interferieren Möglichkeiten wie Wellen und erzeugen Interferenzmuster, nach dem Kollaps addieren sich Möglichkeiten einfach auf gewöhnliche Weise. Sehr kleine Gegenstände wie Neutronen, die sich durch Schlitze bewegen, erzeugen sichtbare Interferenzmuster. Doch unglücklicherweise würden große und schwere Gegenstände wie Teilchendetektoren oder beobachtende Physiker sehr viel kleinere Interferenzmuster als Atome erzeugen, die von der Wahrscheinlichkeitsverteilung des Common Sense ununterscheidbar wären, weil sie so leicht durch thermische Schwankungen verwischt werden.

Da den Menschen der Common Sense leichter fällt als die Quantentheorie, glauben normale Physiker, daß der Zusammenbruch sobald wie möglich geschieht, beispielsweise wenn ein Teilchen zuerst auf den Detektor trifft. Doch diese Sicht eines frühen Zusammenbruchs kann eigenartige Implikationen besitzen. Sie setzt voraus, daß die Wellenfunktion in gut durchgeführten Experimenten, die Messungen durch eine willkürliche Aufhebung nach den Launen des Experimentators rückgängig machen lassen, wiederholt kollabiert und nicht kollabiert ist.

Dieses Yo-Yo der Wellenfunktion wird ausgeschaltet, wenn man annimmt , daß der Zusammenbruch weiter flußaufwärts geschieht, wo es unmöglich ist, die Messung rückgängig zu machen, beispielsweise wenn sich das Ergebnis in das Bewußtsein eines Experimentators eingeprägt hat. Dieser Gedanke hat einige philosophisch orientierte Physiker zu der Behauptung motiviert, daß das Bewußtsein selbst der geheimnisvolle Prozeß des Wellenzusammenbruchs ist, den die Quantentheorie nicht identifizieren kann.

Zusammenbruch durch Bewußtsein besagt, daß die Welt sich solange nach der Quantenmechanik verhält, bis ein Mensch sie beobachtet. In diesem Augenblick wird sie allgemein wahrnehmbar. Diese Theorie schafft philosophische Probleme für Experimentalphysiker beiseite, aber sie führt für Kosmologen zu Problemen, deren Arbeitsgebiet das gesamte Universum ist, denn sie setzt voraus, daß die Welt um individuelle und bewußte Beobachter herum mit kollabierten Wellenfunktionen durchsetzt ist. Diese Zusammenbrüche sind der Theorie nicht zugänglich und können experimentell nicht quantifiziert werden, weswegen es unmöglich wäre, Gleichungen für das gesamte Universum zu bilden. Doch wie kann eine universelle Wellenfunktion, in der sich jedes Teilchen für alle Zeiten wie eine Welle ausbreitet, mit individuellen Erfahrungen in Übereinstimmung gebracht werden, für die sich Teilchen in bestimmten Positionen befinden?

Hugh Everett hat sich dieser Frage in seiner Promotionsarbeit zugewandt. Wenn man, so hat er gezeigt, von einer sich universell entwickelnden Wellenfunktion ausgeht, bei der sich die Konfiguration eines Meßgeräts genauso wie die eines Teilchens wie eine Welle durch seinen Möglichkeitsraum ausbreitet, dann hat die überall vorhandene Wellenfunktion, falls zwei Instrumente dasselbe Ereignis gemessen haben, ihre maximale Größe in Situationen, bei denen die Aufzeichnungen sich überlagern, und ist sie dort aufgehoben, wo sie nicht miteinander übereinstimmen. Eine Höhe in der kombinierten Welle stellt folglich eine Möglichkeit dar, bei der beispielsweise ein Instrument, das Gedächtnis eines Experimentators und die Eintragungen in einem Notizbuch darin übereinstimmen, daß sich ein Teilchen aufhalten könnte - ein herausragender Common Sense. Doch die ganze Wellenfunktion weist viele solcher Höhen auf, die jeweils einen Konsens hinsichtlich eines unterschiedlichen Ergebnisses darstellen.

Everett hat gezeigt, daß die Quantenmechanik, wenn man sie befreit von problematischen kollabierenden Wellenfunktionen, noch immer Voraussagen über Common-Sense-Welten ermöglicht - nur macht sie dies über sehr viele Welten, die alle leicht verschieden sind. Die keinen Kollaps-Sicht wurde als die viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik bekannt. Ihre Implikation, daß jede Beobachtung die Welt in etwa 10 hoch 100 unterschiedliche Erfahrungen verzweigen läßt, schien den Common Sense so außerordentlich zu verletzen, daß sie von vielen leidenschaftlich abgewiesen wurde. Obgleich Kosmologen mit der universellen Wellenfunktion arbeiteten, wurde ihr Zusammenhang mit der Alltagswelt weitere 20 Jahre lang übersehen.

Kürzlich durchgeführte raffinierte Experimente, die die meisten, vom Verstand schwer verarbeitbaren Voraussagen der Quantenmechanik bestätigten, erhöhten den Wert der viele-Welten-Theorie gegenüber anderen Deutungen, die andere Einflüsse für das Überspringen von Zeit und Raum erfordern, um die beobachteten Korrelationen zu erklären. Der theoretische, von Everett zuerst beschrittene Weg wird befahren und weiter ausgebaut. Seit den späten 80er Jahren haben James Hartle und Murray Gell-Mann ihre grundlegenden Kozepte der Messung und der Wahrscheinlichkeit untersucht.

Everett hatte gezeigt, daß die herkömmlichen Regeln für das Kollabieren der Wellenfunktion in Bezug auf die aus einer Messung entstehenden Wahrscheinlichkeiten von außerhalb eines Systems konsistent mit dem sein würden, was ein innerer Beobachter in jeder Version berichten würde. Dadurch war die Notwendigkeit eines Außen oder eines Kollapses nicht mehr gegeben und wurde unser Bewußtsein zur Existenzgrundlage von vielen Welten. Er hat niemals versucht zu zeigen, wie diese besonderen Meßregeln zuerst entstanden sind. Gell-Mann und Hartle stellen diese schwierige Frage. Sie sind noch weit von einer endgültigen Lösung entfernt, aber ihre Arbeit zeigt, wie speziell - oder illusorisch - die Welt des Common Sense wirklich ist.

Hartle und Gell-Mann sagen, daß dann, wenn wir Ereignisse in ihrem kleinstmöglichen Detail, also in der Dimension von 10 hoch 30 Zentimetern - was weitaus kleiner als das bislang Erreichbare ist - zu beobachten und erinnern versuchen, die Interferenz aller möglichen Welten ein brodelndes Chaos ohne dauerhafte Strukturen, ohne ruhigen Ort, um Gedächtnisinhalte zu speichern, und ohne konsistente Zeit entstehen ließe. Auf einer groben Sichtskala von 10 hoch 15 Zentimetern, was der submikroskopischen Welt entspricht, die heute von der Hochenergiephysik erreicht wird, bleibt ein Großteil des Chaos unbeobachtet und verschmelzen viele Welten. Dadurch heben sich die wildesten Möglichkeiten auf und bleiben jene übrig, in denen die Teilchen eine konsistente Existenz und Bewegung besitzen, auch wenn sie in einem Vakuum weiterhin unvorhersagbar bleiben, das mit einer flüchtigen virtuellen Energie vor sich hinwallt.

Alltägliche Objekte weisen die sauberen und vorhersagbaren Trajektorien des Common Sense nur deswegen auf, weil unsere schwachen Sinne noch grober sind und nichts wahrnehmen, was kleiner als 10 hoch 5 Zentimeter ist. Bei Größenordnungen, die das Alltägliche (oder die Auflösung Gell-Manns) überschreiten, werden die uns interessierenden Ereignisse so verschmolzen, daß sie unsichtbar werden. Das Universum ist dann langweilig und vorhersagbar. In der größtmöglichen Dimension hebt sich die Materie des Universums durch die negative Energie in seinen Gravitationsfeldern (die sich, wenn die Materie zusammenfällt, verstärken, während sie Energie freigeben) auf und es gibt als Summe überhaupt nichts.

Keine vollständige Theorie kann bislang unsere Existenz und unsere Erfahrungen erklären, aber es gibt Hinweise, wie dies geschehen könnte. Die winzigen, in unseren Computern simulierten Welten werden oft durch verstellbare Regeln gekennzeichnet, die die Interaktion zwischen benachbarten Regionen steuern. Wenn die Interaktionen ziemlich schwach gemacht werden, frieren die Simulationen schnell in einer Einförmigkeit ein, wenn sie sehr stark sind, kann der simulierte Raum intensiv in einem chaotischen Wallen köcheln. Zwischen den Extremen gibt es einen schmalen Rand des Chaos mit hinreichend Spielraum, um interessante Strukturen zu erzeugen, und hinreichend Ruhe, um sie bestehen und miteinander interagieren zu lassen.

Solche Borderline-Universen können Strukturen enthalten, die gespeicherte Informationen zur Erzeugung von anderen Dingen benutzen. Darunter können sich auch perfekte oder unvollständige Kopien dieser Strukturen befinden, wodurch eine darwinistische Evolution der Komplexität ermöglicht wird. Wenn die Physik selbst ein Spektrum an Interaktionsgraden zeigt, dann ist es keine Überraschung, daß wir selbst an der flüssigen Grenze des Chaos leben, da wir weder im erstarrten Eis noch in formlosem Feuer leben oder uns hätten in der Evolution entwickeln können.

Seltsam am Spektrum von Gell-Mann und Hartle ist, daß es sich dabei nicht um einen externen Knopf handelt, mit dem der Grad an Interaktion gesteuert wird, sondern um wechselnde Interpretationen einer einzigen grundlegenden, von Beobachtern erzeugten Wirklichkeit, die Teil der Interpretation sind. Das ist dieselbe Schleife der Selbstinterpretation, der wir schon begegnet sind, als wir Beobachter innerhalb von Simulationen betrachtet haben. Wir sind in der Welt, die wir wahrnehmen, wer wir sind, weil wir uns so sehen. Es gibt fast ganz sicher andere Beobachter in exakt denselben Bereichen der Wellenfunktion, die alles völlig verschieden sehen und für die wir einfach bedeutungsloses Rauschen sind.

Die Ähnlichkeit zwischen den vielen Welten Everetts und den philosophischen möglichen Welten wird aber vielleicht noch größer werden. In der Quantenmechanik der vielen Welten besitzen physikalische Konstanten unter anderem bestimmte Werte. Gravitation bei Objekten wie Schwarzen Löchern verletzt die Regeln, und eine vollständige Quantentheorie der Gravitation kann vielleicht mögliche Welten voraussagen, die Everetts Skala weit überschreiten. Und wer weiß, welche möglichen Raffinessen noch auf uns warten?

Es könnte sich herausstellen, daß die Physik, wenn wir durch immer weitere Schichten der Interpretation stoßen, immer weniger Zwänge auf die Natur der Dinge ausübt. Die von uns beobachteten Regelhaftigkeiten sind möglicherweise nur eine Folge der Selbstreflexion: Wir müssen die Welt als kompatibel mit unserer Existenz sehen - mit einem starken Pfeil der Zeit, verläßlichen Wahrscheinlichkeiten, wodurch Komplexität sich entwickeln und bestehen kann, Erfahrung sich in verläßlichen Speichern ansammelt und die Folgen des Verhaltens vorhersehbar werden. Unsere Mind Children, die ihre eigene Substanz und Struktur bis in die kleinsten Einzelheiten hinein beeinflussen können, werden vermutlich unser enges Verständnis von dem, was ist, weit transzendieren.

Wie Organismen, die sich in ruhigen Gezeitenpfützen entwickelt haben und dann in eiskalte Meere oder dampfende Dschungel ausgewandert sind, indem sie für diese härteren und größeren Umwelten geeignete Metabolismen, Mechanismen und Verhaltensweisen erfunden haben, werden unsere Nachkömmlinge vielleicht Mittel finden, um sich weit aus den komfortablen Bereichen, die wir Wirklichkeit nennen, hinauszuwagen und willkürlich in die fremdartigen Bände der Bibliothek vorzudringen, in denen alles möglich ist. Ihre Techniken werden für uns so bedeutungslos sein, wie es Fahrräder für Fische sind, doch vielleicht können wir unsere an den Common Sense gebundene und dadurch gefesselte Imagination weit genug entwickeln, um ein klein wenig in dieses seltsame Land zu schauen.

Physkalische Quantitatäen wie die Lichtgeschwindigkeit, die Anziehungskraft elektrischer Ladungen und die Gravitationsstärke sind für uns die unwandelbare Grundlage, auf der alles aufgebaut ist. Doch wenn wir das Ergebnis einer Selbstinterpretation sind, dann könnte diese Stabilität nur die Besonderheit unserer eigenen Konstruktion widerspiegeln - unsere Biochemie würde nicht richtig funktionieren, wenn sich die physikalischen Konstanten veränderten, und wir müßten sterben. Aus demselben Grund mußten die Regeln über eine lange Zeit hinweg stabil gehalten werden, so daß die Evolution unsere vielen komplizierten, ineinandergreifenden internen Mechanismen aufbauen konnte.

Unsere technisch gestalteten Nachfahren sind vielleicht flexibler. Möglicherweise wird es Körper geben, die einen Geist beherbergen und die sich kleinen Veränderungen beispielsweise in der Konstante der elektrischen Anziehungskraft anpassen können. Ein Individuum, das seinen Körper auf eine leicht höhere Konstante einstellt, müßte sich dann in einem entsprechend veränderten Universum befinden. Das würde eine Hinfahrt ohne Rückkehr sein. Kenntnisse in den vorher gestalteten Körpern würde man inmitten von überall aufleuchtenden Feuerwerken so absterben sehen, wie zuvor stabile Atome und Verbindungen zerfallen sind. Würde man den Schalter zurückdrehen, so würde das nicht die verlorene Kontinuität des Lebens und der Substanz wiederherstellen. Zurückgekehrt ins alte Universum, würde alles normal sein, nur das Erkennen würde einen seltsamen "Selbstmord durch Betätigen des Schalters" bezeugen. Derartige irreversible Scheidungen ereignen sich auch sonst in der Physik. Die viele-Welten-Interpretation erfordert sie auf feine Weise bei jeder aufgezeichneten Beobachtung. Die Allgemeine Relativitätstheorie eröffnet dramatische Ereignishorizonte: ein Beobachter, der in ein schwarzes Loch fällt, sieht in dem Augenblick ein zuvor unzugängliches Universum vor sich, in dem er die Möglichkeit verliert, außerhalb verbliebenen Freunden etwas mitzuteilen.

Der Besuch von Universen, in denen die verläßliche Vorhersagbarkeit des Common Sense nicht mehr greift, ist wahrscheinlich mit groben Techniken wie denen des vorhergehenden Kapitels zu schwierig. Viel wahrscheinlicher ist, daß eher mechanische Fluktuationen oder andere Effekte die Versuche andauernd stören, einen Körper neu einzustellen, als daß sich physikalische Konstanten wirklich verändern. Aber sobald unsere Nachfahren eine bis in Einzelheiten hinunterreichende Beherrschung von ausgedehnten Bereichen des Universums realisieren, wird es ihnen möglich sein, die feinen Anpassungen zu leisten, die man benötigt, um willkürlich zwischen Möglichkeiten zu navigieren - vielleicht bis hin zu schwierigen, aber mächtigen Bereichen, die durch umfassendere Wechselwirkungen als die zwischen Materie, Raum und Zeit geprägt sind. Die Zeitreise, eine Technologie, die noch weit von uns entfernt liegt, aber schon schwach am Horizont sichtbar ist, kann Spuren zu einigen von diesen Themen entdecken.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

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