Die Würde des Tieres ist unantastbar, oder?

Bild: Humane Society of the United States/CC-BY-SA-3.0

Skizze einer philosophischen Ethik der Tierrechte

"Heute gilt es als übertrieben, die stete Rücksichtnahme auf alles Lebendige bis zu seinen niedersten Erscheinungen herab als Forderung einer vernunftgemäßen Ethik auszugeben. Es kommt aber die Zeit, wo man staunen wird, dass die Menschheit so lange brauchte, um gedankenlose Schädigung von Leben als mit Ethik unvereinbar einzusehen. Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt." - Albert Schweitzer

Für den Vegetarier Schweitzer stand fest: Alle tierischen Lebewesen haben ein Recht auf Leben. Für alle Veganer steht darüber hinaus fest: Tiere dürfen niemals Mittel zum Zweck sein für menschliche Interessen. Denn Lebewesen haben ihre eigenen Interessen. Ja, vielleicht haben sie sogar eine Würde?

In der stets aufgeheitzten Diskussion um die Themen Tierrechte, Veggie-Day, vegetarische und erst recht vegane Lebensweise ist es vielleicht hilfreich, ein paar ethische Überlegungen ins Spiel zu bringen. Sie sind keineswegs in Stein gemeißelt, aber über sie lässt sich fundiert diskutieren. Wie also könnte eine philosophische Ethik aussehen, die die Würde der Tiere schützt?

Tiere streben bestimmte Ziele an. Tiere wollen fressen, um zu überleben. Tiere wollen Wärme, um nicht zu erfrieren. Diese elementaren Verhaltensweisen zeigen einen Drang zum Leben, eine Lebensbejahung, die zugleich eine ethische Dimension enthält, wie der Philosoph Hans Jonas in Das Prinzip Verantwortung (1979) festhält:

Handeln als solches – tierisches darunter – ist geleitet von Zwecken, auch vor aller Wahl, da elementare Zwecke […] uns durch die Bedürftigkeit unserer Natur eingepflanzt sind. Und durch die Begleitung der Lust werden sie auch subjektiv "wertvoll".

Da Tiere Zwecke anstreben, setzen sie auch Werte, denn das Nichterreichen eines (wünschenswerten) Zwecks stellt ein Übel dar. Indem Tiere überhaupt Zwecke verfolgen, bejahen sie das Sein, genauer: ihr Sein. Alles Leben strebt danach, sein Leben zu erhalten und zu entfalten. Es hat ein vitales Interesse am bloßen Überleben und darüber hinaus am lustvollen Leben. Dadurch setzt alles Lebendige das Leben und das Am-Leben-Bleiben als absoluten Wert seiner Existenz. Der Pein des Hungers steht das angenehme Gefühl der Sättigung gegenüber. Und weil dieses Gefühl lustvoll ist, wird es als ein wertvoller Zustand angestrebt.

Weil alle Tiere Zwecke verfolgen, haben alle Tiere eine Würde. Der Mensch hat die Macht und daher die Pflicht, diese Würde zu achten und zu schützen. Zumindest auf nationaler Ebene gibt es erste Schritte hin zu einer verpflichtenden Achtung der Würde des Lebendigen. Die "Würde der Kreatur" ist unter Artikel 120, Absatz 2 der Schweizer Bundesverfassung verankert; die Schweiz ist damit der bislang einzige Staat weltweit, der von einer Würde der Tiere spricht.

Ein Organismus hat eine Würde, d.h. er hat keinen Preis, der den Organismus zu einem beliebig austauschbaren Objekt machen würde, sondern ein gegen nichts abzuwägendes Recht, als Subjekt zu existieren. Organismen verfolgen Zwecke und sind damit schon ein Zweck an sich. Dementsprechend definiert die Schweizer Bundesverfassung den Begriff der Würde als "Eigenwert des Tieres". Die französische Version der Schweizer Bundesverfassung hingegen spricht einfach von der Würde "lebender Organismen" (organismes vivants), wodurch aber der Würdebegriff nicht verwässert wird. Die Formulierung "Würde der Kreatur" stammt aus der Feder des dänischen Philosophen und Theologen Lauritz Smith, der bereits 1789 erklärte:

Jedes lebendige Wesen, jedes Tier ist zunächst und unmittelbar seiner selbst wegen da, und um durch sein Dasein Glückseligkeit zu genießen.

Das 2005 verabschiedete Tierschutzgesetz der Schweizerischen Eidgenossenschaft knüpft an die "Würde der Kreatur" wie folgt an:

Niemand darf ungerechtfertigt einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten.

SR 455, Art. 4, Abs. 2

Das Schweizerische Tierschutzgesetz gilt für Wirbeltiere. Durch die verankerte Möglichkeit, das Gesetz auch auf wirbellose Tiere auszudehnen, wird auch deutlich, dass das bewusste Erleben der tragende Grund für das Tierschutzgesetz ist. Denn es "orientiert sich dabei an den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Empfindungsfähigkeit wirbelloser Tiere." Der juristische Schutz der Tiere ist zweifelsohne ein wichtiger Schritt, der die altertümliche Sicht von Tieren als mechanische Automaten (oder juristischen Gegenständen) hinfällig werden lässt.

Auch auf internationaler Ebene gibt es erste Versuche, das Lebendige zu schützen: Im Jahre 1997 verabschiedete das InterAction Council den "Entwurf einer Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten". Das Dokument wurde unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt von Jimmy Carter, Michail Gorbatschow, Valery Giscard d’Estaing und vielen anderen Politikern den Vereinten Nationen vorgelegt – und bedauerlicherweise nicht angenommen. In dem Entwurf heißt es unter Artikel 7:

Jede Person ist unendlich kostbar und muss unbedingt geschützt werden. Schutz verlangen auch die Tiere und die natürliche Umwelt. Alle Menschen haben die Pflicht, Luft, Wasser und Boden um der gegenwärtigen Bewohner und der zukünftigen Generationen willen zu schützen.

Gedruckte Worte auf Papier sind geduldig; die Realität ist noch weit davon entfernt, die Würde der Kreatur zu schützen. Und in der Praxis tauchen sicherlich ernste Probleme auf, wie diese Worte zu interpretieren sind. Problematisch ist zum Beispiel die Formulierung, dass niemand einem Tier "ungerechtfertigt" Schaden zufügen dürfe. Offensichtlich sind Tierversuche und Schlachthäuser auch in der Schweiz "gerechtfertigte" Dinge, bei denen unzählige Tiere ihr Leben lassen. Wer erklärt solche Dinge eigentlich für gerechtfertigt? Wer maßt sich an, über anderes Leben zu verfügen?

Dürfen wir allein in Deutschland jedes Jahr 50 Millionen männliche Küken töten, weil sie "wirtschaftlich nicht verwertbar" sind?

Dürfen wir überhaupt Tiere in ihrer Freiheit beschränken, indem wir beispielsweise Milchkühe gefangen halten und von ihren Kälbern trennen, um sie zu melken – und nach ein paar Jahren zu schlachten? Und ist die Bienen-Imkerei eine Form der Massentierhaltung?

Müssen wir den Weg vor uns mit einem kleinen Besen kehren, wann immer wir einen Schritt gehen, wie es zum Beispiel die indischen Jaina-Mönche machen, um auch die kleinsten Tiere nicht zu verletzen? Der entscheidende Punkt für die Beurteilung dieser Fragen scheint das Leiden zu sein: Bis zu welchem Grad dürfen wir andere Lebewesen leiden lassen?

Wenn es um unser nacktes Überleben geht, wird wohl kaum einer das Wohlergehen eines Tieres über das eines Menschen stellen: Einem Veganer, der seit Tagen Hunger leidet, wird es keiner krumm nehmen, wenn er ein Stück Fleisch isst – sofern es das einzig Essbare ist, das ihm zur Verfügung steht. Bevor uns ein Moskito sticht und Malaria überträgt, hauen wir lieber drauf. Und den Bienen scheint es – zumindest bei verantwortungsbewussten Imkern – ganz hervorragend zu gehen.

Wenn wir Menschen aber ein pralles Leben auf Kosten des Leids anderer Tiere führen, hört der Spaß auf: Kein Mensch braucht Nerz-Mäntel, kein Mensch braucht tagtäglich ein Schnitzel auf dem Teller und kein Mensch braucht Elfenbein-Trophäen. Das vorherrschende abendländische Paradigma, dass Tiere reine Gegenstände oder wertneutrale Objekte sind, gehört in den Mülleimer der bürgerlich-kirchlichen Ideengeschichte.

Tiere haben ein Recht auf Leben und ein Recht auf den Schutz ihrer Würde, die sie dadurch gewinnen, dass sie individuell und durch nichts in der Welt zu ersetzen sind. Kein Tier gleicht einem anderen. Kein Hundebesitzer würde es zulassen, dass man seinen Hund tötet und durch einen Artgenossen ersetzt. Ja, schon die Hundemutter, die nicht über die menschliche Ethik verfügt, würde sich einer Ersetzung ihrer Welpen massiv widersetzen.

Rein ethisch betrachtet ergibt es überhaupt keinen Sinn, dass wir zum Beispiel Millionen von Schweine töten (lassen), aber unserer Hauskatze niemals auch nur ein Haar krümmen würden – zumal Schweine deutlich intelligenter sind als Hauskatzen. Egal, ob Schwein oder Stubentiger: Jeder Organismus hat einen einmaligen Mix seiner Gene und einen individuellen und lebendigen Körper. Wird dieser Körper abgetötet, so ist er unwiderruflich seiner Existenz beraubt; er wird in dieser einmaligen Individualität nie wieder existieren können.

Diese Individualität und Zweckhaftigkeit eines jeden Tieres sind durch nichts in der Welt zu ersetzen, d.h. Tiere haben keinen Preis, sondern einen Wert, der sich nicht in ökonomischen Maßstäben ermitteln lässt, da sie sonst ein austauschbares Gut wären. Und dadurch, dass Tiere Zwecke anstreben und "Ja" zum Leben sagen, haben wir schlichtweg nicht das Recht, "Nein" zu ihrem Leben zu sagen.

Die Rede von einer "Würde der Tiere" führt bei vielen sicherlich zu Bluthochdruck. Nichtsdestotrotz fehlt bislang ein einziges ethisches Argument für die gerechtfertigte Tötung von Tieren. Warum sollte die sogenannte Krone der Schöpfung milliardenfach anderes Leben auslöschen dürfen?

Abgesehen von der obigen Argumentationslinie gibt es noch etliche weitere Punkte gegen den Fleischverzehr: Der schwerwiegendste dürfte wohl darin liegen, dass wir einem ökologischen Kollaps entgegensteuern, wenn jeder der sieben Milliarden Erdenbewohner tagtäglich ein Steak verputzen möchte.

Carnivore weisen häufig darauf hin, dass wir in der Evolutionsleiter schlichtweg höher stehen als die Tiere, die wir ja seit Urzeiten jagen, züchten und essen. Dazu ein kleines Gedankenexperiment: Eine uns weit überlegene Lebensform landet auf der Erde, jagt, züchtet und isst uns schließlich. Was sollen die Menschen – die in den Augen der anderen Lebensform höchst primitive Wesen sind, die ohnehin bloß ihren eigenen Planeten zerstören – dem entgegenhalten? Wir würden wohl damit argumentieren, dass wir ein Recht auf Leben haben, weil wir leben wollen und weil wir durch nichts in der Welt zu ersetzen sind. Gilt gleiches nicht für Tiere?

Patrick Spät lebt als freier Journalist und Autor in Berlin.

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