Die Wut wächst

Droht in der Rezession ein "heißer Sommer"? Manager werden als Geiseln genommen oder mit Eiern beworfen, Häuser von Bankern beschädigt

In Island und in Lettland mussten die Regierungen, die für die Finanzkrise verantwortlich gemacht wurden, aufgrund wütender Proteste der Menschen bereits zurücktreten. In anderen Ländern wie Griechenland wurde der Aufstand geprobt. Die Sicherheitskräfte sind aufgeschreckt. So wird in Großbritannien, beginnend mit dem G20-Gipfel ("Reclaim the Money"), von der Polizei ein "heißer Sommer" befürchtet, auch in anderen europäischen Ländern bereitet man sich vor (Rezession und Repression).

Nun richtet sich die Wut auch zunehmend direkt gegen Menschen aus der Wirtschaft und der Finanzbranche. In Frankreich wurde zum zweiten Mal ein Manager als Geisel genommen. Am Dienstagnachmittag hatten Angestellte des Pharma-Unternehmens M3 Santé den Direktor Luc Roussele in seinem Büro festgehalten und erst am Mittwoch um Mitternacht aufgrund von Interventionen von Politikern wieder freigelassen, um Verhandlungen zu erzwingen. Die zu M3 gehörende Firma hatte angekündigt, 110 der insgesamt 235 Angestellten zu entlassen. Der Grund sei eine Überkapazität.

Erst eine Woche zuvor hatten Angestellte eines Sony-Werks bei Bordeaux den Frankreich-Chef von Sony und den Personalchef für eine Nacht als Geisel gehalten. Sony droht, das Werk zu schließen. Erst nachdem neue Verhandlungen zugesichert wurden, kamen die beiden wieder frei. Mit Eiern und Schuhen wurden Manager des deutschen Reifenherstellers Continental von Angestellten des Werks in Clairoix traktiert, das nächstes Jahr geschlossen werden soll.

Der nächste Aufreger, der die Gier der Managerklasse belegt, ist Thierry Morin, der scheidende Chef des Autozulieferers Valeo. Während Tausende von Jobs gestrichen werden sollen und ein Verlust von über 300 Millionen Euro eingefahren wurde, kassiert Morin als Abfindung 3,2 Millionen Euro. An Valeo ist der Staat beteiligt, der kürzlich erst 19 Millionen Euro in den Konzern gepumpt hat. Die Regierung verlangt, dass die Abfindung nicht gezahlt wird.

In Großbritannien haben Militante das 3-Millionen-Pfund-Haus von Fred Goodwin in Edinburgh angegriffen, der zu dieser Zeit sich nicht dort aufgehalten hatte. Einige Fenster am Haus und zwei der Fenster seines Mercedes S600 wurden eingeschlagen. Der ehemalige Chef der Royal Bank of Scotland hatte einen Rekordverlust von 28 Milliarden Pfund erwirtschaftet, der Staat musste mit einer Geldhilfe von 20 Milliarden einspringen und ist damit weitgehend verstaatlicht. Dann haben sich die Banker Boni in Höhe von einer Milliarde Pfund auszahlen lassen, was die Volksseele zum Kochen brachte. Goodwin zog besonders Wut auf sich, weil er für seinen "Erfolg" jährliche Pensionszahlungen in Höhe von 700.000 Pfund für sich beansprucht und davon nicht lassen will. Wie auch im Fall von deutschen Bankern, am prominentesten ist Ex-HRE-Chef Funke, besteht Goodwin auf seinen Zahlungen und will, obgleich aufgefordert von der britischen Regierung, nichts davon zurückzahlen. Die Verweigerung einer symbolischen Geste schürt die Wut weiter an.

Bekannt zu dem Anschlag hat sich die Gruppe "Bank Bosses are Criminals", die ankündigte, die Aktion sei erst der Beginn. In einer Email hieß es zur Begründung: "Fred Goodwin's house in Edinburgh was attacked this morning. We are angry that rich people, like him, are paying themselves a huge amount of money and living in luxury, while ordinary people are made unemployed, destitute and homeless. Bank bosses should be jailed. This is just the beginning."

Selbst in den USA kocht die Wut gegenüber den Bankern. Hier stehen vor allem die Manager des Versicherungskonzerns AIG in der Schusslinie, den nur über 170 Milliarden Dollar Steuergelder und Teilverstaatlichung vor dem Bankrott bewahren konnten. Gleichwohl wurden auch hier noch dieses Jahr Boni ausgerechnet an die Mitarbeiter der Abteilung für "Finanzprodukte" ausgezahlt – womit man die neue Obama-Regierung in Schwierigkeiten brachte. Inzwischen lassen sich die reichen Banker, die auch Todesdrohungen erhalten haben sollen, vor der Wut des Volkes mit Sicherheitsdiensten bewachen, ein Rundschreiben der Bank warnte zur Vorsicht. Generalstaatsanwälte verschiedener Bundesstaaten haben bereits Ermittlungen wegen der Boni-Zahlungen aufgenommen. Einige der Banker, die Boni in Milionenhöhe erhalten haben, wollen nun einen Teil zurückzahlen, andere sind noch unentschlossen. Noch hält die Generalstaatsanwaltschaft von New York die Namen der Bonusempfänger aus Sorge vor Angriffen zurück. Nach einem Memo, das in der Bank zirkuliert, geht man dort davon aus, dass die Namen unter Verschluss bleiben, wenn genügend Mitarbeiter ihre Boni weitgehend zurückzahlen. Einsicht wäre das nicht, nur Angst.

In Deutschland ist es noch weitgehend ruhig, die Auswirkungen der Krise sind noch kaum merkbar. Ein Bündnis ruft am Samstag anlässlich des Aktionstags zum Welt-Finanz-Gipfel (G20) zu zwei Großdemonstrationen in Frankfurt und Berlin auf. Motto der Demonstrationen: Wir zahlen nicht für Eure Krise. Mit dem Protest wird für "eine solidarische Gesellschaft und grundlegende Veränderungen der Wirtschaft" gewordebn: "Wir wollen eine demokratische Kontrolle der Wirtschaft und deren Ausrichtung an den Bedürfnissen der Menschen statt an Profiten. Sofortige Enteignung und Vergesellschaftung der Banken statt Verstaatlichung der Verluste! Soziale Sicherheit für alle weltweit statt Sicherung der Profite!"

Kommentare lesen (361 Beiträge)
Anzeige